Heute in den Feuilletons

Kann man sich vor Maschinen schämen?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.12.2013. In der FAZ fordert der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht einen digitalen New Deal, um die Macht des Silicon Valley zu brechen. Die taz mischt sich unter Cyborgs und Transhumanisten. In der Welt berichten ukrainische Schriftsteller vom Kampf um Europa in Kiew. Die NZZ zeichnet Aufstieg und Niedergang der Pressefotografie nach. Und die SZ erklärt das Jahr 2013 zum Cheeseburger unter den Jahren.

NZZ, 14.12.2013

In Literatur & Kunst zeichnet der Fotohistoriker Anton Holzer Aufstieg und Niedergang des Fotojournalismus nach: "Der Pressefotograf, dessen Berufsbild vor gut hundert Jahren entstand, ist dabei, eine rare Spezies zu werden. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte er den Pressezeichnern Konkurrenz gemacht und schließlich deren Metier, die Bebilderung der Welt, übernommen. Nun muss er selbst ums Überleben fürchten. Jüngst gab die Chicago Sun-Times bekannt, dass alle festangestellten Fotografen der Zeitung aus Kostengründen entlassen würden. Fotos, so hieß es, würden künftig nicht mehr Bildprofis liefern, sondern schreibende Reporter, die nebenbei fotografierten, freie Mitarbeiter, Leser und Agenturen."

Die Vorstellung von knipsenden Dilettanten wird Peter Herzog nicht schrecken. In einem Gastbeitrag erklärt der Jurist und Fotosammler die im Schweizer Urheberrecht praktizierte Unterscheidung zwischen professionellen Fotografien und Schnappschüssen von Amateuren für unzulässig, denn "Profi und Amateur agieren gleich: Beide wählen den ihnen richtig scheinenden Bildausschnitt und den sie einzig richtig dünkenden Moment des Abdrückens. 'Knipsen' bedeutet nichts anderes, als per Fingerdruck den Belichtungsvorgang auszulösen. Begleitet wird diese Tätigkeit von einem 'kurzen, hellen Laut', einem Klicken, worauf das Kameraauge sich für Sekundenbruchteile öffnet. In diesem Moment entsteht nichts anderes als ein urheberrechtlich geschütztes Werk."

Weiteres: Der Pritzkerpreisträger Rafael Moneo fordert im Gespräch mit Brigitte Kramer ein Umdenken in der spanischen Architektur: "Die Zeit der Üppigkeit muss einer anderen Zeit weichen, einer Zeit der intellektuellen Intensität." Am Beispiel von Mailand schildert Vittorio Magnago Lampugnani, Zürcher Professor für die Geschichte des Städtebaus, die desolate Lage der zeitgenössischen italienischen Architektur.

Wer das Verhältnis zwischen Prostituierten und Freiern auf eines von Opfern und Tätern reduziert, wie es die Prostitutionsgegner tun, wird dem komplexen Sachverhalt nicht gerecht, argumentiert Joachim Güntner im Feuilleton. Veronika Hartmann berichtet von einer türkischen Kampagne, die Hagia Sofia erneut als Moschee zu nutzen. Florian Coulmas informiert über "Japan und seine vielen Lavahaufen" und die daraus entstehenden Gebietskonflikte mit China, den beiden Korea und Russland. Besprochen werden eine große Schau von Thomas Schütte in der Fondation Beyeler in Riehen (die Maria Becker bestätigt, "dass dem Kunstdiskurs noch heute Kraft innewohnt"), die "Polizeiruf 110"-Folge "Wolfsland" und Bücher, darunter Khaled Hosseinis Roman "Traumsammler" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Welt, 14.12.2013

Die Literarische Welt hat Stimmen ukrainischer Schriftsteller eingeholt, die alle betonen, dass auf dem Kiewer Majdan Europa verteidigt wird. Zum Beispiel Katja Petrowskaja: "Wir sehen utopische Bilder, wie sich eine Stadt für die Demonstranten organisiert: mit Essen und warmer Kleidung. Hunderte von Ärzten sind unterwegs, Männer nehmen Urlaub, um auf dem Euro-Majdan für sich und für die eigenen Familien zu stehen, weil alles andere eine Schande wäre. Alle Kirchen Kiews haben die Türen geöffnet, dort kann man sich immer aufwärmen und sogar übernachten. Es ist ein unglaublich reifes, souveränes Volk, das ein besseres Schicksal verdient hätte."

Weiteres: Hannes Stein porträtiert den bosnisch-amerikanischen Schriftsteller Aleksandar Hemon, der selbst als Nationalität "Pessimist" angibt. Besprochen werden Helga M. Novaks Autobiografie "Im Schwanenhals", Devin O. Pendas' Buch "Der Auschwitz-Prozess" und Thomas Schlachters Band über "Wodehouse im Krieg".

In der Kultur geht Tilman Krause mit der Thomas-Mann-Spezialistin Inge Jens essen. Besprochen werden Beyoncés neues Album (das Frederic Schwilden "stellenweise sehr hörenswert" findet) und der für morgen anstehende "Polizeiruf" (dem Ekkehard Fuhr "solide Wolfsinformation" attestiert).


FR/Berliner, 14.12.2013

Die Proteste auf dem Maidan in Kiew sind keine freundlich-fröhlich Facebook-Revolution, erklärt Christian Esch in der FR (aber leider nicht online), sondern viel wilder, gröber und zum Teil auch etwas archaisch. Aber nichts im Vergleich zur Archaik von Präsident Janukowitsch, der sogar hinter das Oligarchen-Modell zurückfällt: "Viktor Janukowitsch hat nur drei Jahre und eine kalte Verfassungsänderung gebraucht, um dieses System zu ruinieren. Er hat die Macht der Oligarchen eingedämmt und stattdessen seine eigene Familie und ihr Umfeld bereichert. Sein Sohn ist aus dem Nichts zu einem Vermögen von 500 Millionen Dollar gekommen, so etwas ist auch für die Ukraine etwas Neues, Spektakuläres. Wie Frankensteins Kreatur versetzt der Präsident jetzt seine eigenen Gönner in Angst. Er ist längst nicht mehr die Marionette des Donezker Multimilliardärs Rinat Achmetow, als die er anfangs galt."
Anzeige

Weitere Medien, 14.12.2013

Ein Fundstück: Im Jahr 1993 machte Thomas Pynchon sich in der New York Times Gedanken über die Trägheit (sloth). Warum nur reihte sie Thomas von Aquin in seiner Summa Theologica unter die sieben Todsünden ein? "But come on, isn't that kind of extreme, death for something as lightweight as Sloth? Sitting there on some medieval death row, going, 'So, look, no offense, but what'd they pop you for anyway?'
'Ah, usual story, they came around at the wrong time of day, I end up taking out half of some sheriff's unit with my two-cubit crossbow, firing three-quarter-inch bolts on auto feed. Anger, I guess. ... How about you?'
'Um, well ... it wasn't anger. . . .'
'Ha! Another one of these Sloth cases, right?'
'... fact, it wasn't even me.'
'Never is, slugger -- say, look, it's almost time for lunch. You wouldn't happen to be a writer, by any chance?'"

TAZ, 14.12.2013

Johannes Gernert, Meike Laaf und Daniel Schulz haben sich unter die Cyborgs und Transhumanisten Berlins gemischt, unter Leute also, die ihre Körper mit Prothesen oder eingebauten Magneten und Chips freudig optimieren oder dessen Begrenzungen gleich völlig hinter sich lassen wollen. So recht enthusiastisch wollen die Autoren darauf nicht reagieren: Sie stoßen hier auf "Zukunftsvisionen, bei denen einem unwohl werden kann: Erst verschmelzen Mensch und Technik. Dann beginnt die Herrschaft der Prozessoren. ... Und ist nicht der Transhumanismus im Grunde nur der Traum des Silicon Valley? Die Technik als Krone der Schöpfung." Dabei wirkt Neil Harbisson, der seine komplette Farbenblindheit mit eingebauter Elektronik überwindet, doch wirklich nur auf sympathische Weise nerdig:



Taz-Redakteurin Fatma Aydemir berichtet, wie ihr trotz einer Einladung des Goethe-Institus die Einreise nach Ägypten unter der Begründung verweigert wurde, dass sich Erdogan in der Türkei vor kurzem kritisch zur Absetzung der Muslimbrüder in Kairo geäußert hatte: "Dass das direkte Konsequenzen für mich haben wird, damit hätte ich nicht gerechnet. Immerhin sollte man mir ansehen können, dass ich mit den Islamisten nicht unbedingt sympathisiere."

Außerdem: Helmut Merker empfiehlt eine Retrospektive mit Filmen von Howard Hawks in Berlin: "Ihn muss man lieben, wenn man das Kino lieben will", zitiert er dazu Éric Rohmer. Katharina Borchardt trifft sich mit der auf japanische Literatur spezialisierten Verlegerin Katja Cassing. Susanne Memarnia spricht mit Claudia von Gélieu über Berliner Feministinnen. Katrin Bettina Müller meldet, dass Sasha Waltz Tänzer entlassen muss. Esther Göbel porträtiert Stephan Günther, der sich freiwillig für eine geplante bemannte Marsmission ohne Rückfahrtschein gemeldet hat. Jürn Kruse erklärt die große Samstagabendunterhaltung anlässlich der heutigen (wenn auch nur in diesem Jahr) letzten Sendung "Wetten dass" endgültig für beendet. Außerdem meldet die taz, dass sie ein kontinuierlich wachsendes Online-Archiv mit Texten des langjährigen taz-Redakteurs Christian Semler eingerichtet hat.

Besprochen werden der Berliner Theaterabend "Willy100 - Im Zweifel für die Freiheit", eine Ausstellung kolonialer Fotografien in Hamburg, Abdellatif Kechiches neuer Film "Blau ist eine warme Farbe", eine Aufführung von Tschechows "Kirschgarten" in Hamburg und Bücher, darunter Dennis Lehanes Krimi "In der Nacht" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 14.12.2013

Eher unsicher ist sich Gustav Seibt in seinem Essay über den überwachten Mensch im NSA-Zeitalter, ob Arno Widmann in der Berliner Zeitung die Sache wirklich trifft, wenn er Stasi und den Film "Das Leben der Anderen" zum Vergleich heranzieht. Zwar erklärt auch Seibt die Privatsphäre für unantastbar, doch hält er den Unterschied zwischen persönlichen und automatisierten Trackings für bedenkenswert. Zentral im Angesicht allgegenwärtigen Datensammelns ist für ihn das Kriterium der Scham. "Kann man sich vor Maschinen schämen? Ist es blamabel, eine Zahl in einer Kohorte zu sein, etwa von...? Das sind neue Fragen in einem technischen, globalisierten Umfeld ... Das Problem sind die Übergänge von Statistik, Abschöpfung und Auswertung. Das Leben der Anderen ist längst zum Leben von uns allen geworden. Die politischen und rechtlichen Antworten darauf müssen erst noch gefunden werden."

Joachim Hentschel findet Velvet Undergrounds jüngst neu aufgelegten Klassiker "White Light/White Heat" und darauf vor allem das ausufernde Stück "Sister Ray" noch immer völlig umwerfend: Danach "ist das menschliche Hirn derart platt gedrückt, dass sich beim besten Willen kein Bewusstsein mehr erweitern kann. Was spätestens nach dem ersten Drittel beginnt, wenn John Cale die Kreissägen-Orgel selbsttätig lauter dreht ... Wenn Lou Reed - der Verse rezitiert, die offenbar von einer Polizeirazzia in einer transsexuellen Fixerstube handeln - bei Minute sieben mit einem Gitarrensolo einsetzt, bei dem der Blues höchstens noch als besoffener Onkel in der Ecke sitzen darf."

Weitere Artikel: Kai Strittmatter erzählt die Geschichte des chinesischen Dichters Guo Jinniu, der noch vor zwei Monaten ein unbekannter Wanderarbeiter war, aber nun in Peking mit dem "Internationalen Preis für chinesische Poesie" ausgezeichnet wurde. Dorion Weickmann ärgert sich, dass Sasha Waltz mangels Etaterhöhung seitens der Stadt Berlin nun Tänzer entlassen muss. Willi Winkler besichtigt das in Wolfenbüttel ausgestellte Heinrichs-Evangeliar. Christine Dössel gratuliert der Schauspielerin Inge Keller zum 90. Geburtstag. Besprochen werden Bücher, darunter Klaus Theweleits "Buch der Königstöchter" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende erklärt Kurt Kister das Jahr 2013 zum Cheeseburger unter den Jahren. Ein Kompliment ist das offenkundig nicht: "Manchmal hat man Appetit und kauft sich so was. ... [Doch] Cheeseburger töten den Appetit, lassen einen rülpsen und wecken den Wunsch nach einem ordentlichen Grund für eine Magenverstimmung." Frank Nienhuysen iiefert historische Hintergründe zu den momentanen Auseinandersetzungen in der Ukraine. Hilmar Klute ist genervt von immer neuen gendersensiblen Toilettenbeschriftungen in der Gastronomie. Alexander Menden weiß unterdessen die Kunst der Restaurantdesignerin Claire Nelson sehr zu schätzen. Außerdem unterhält sich Annette Ramelsberger mit Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum über die Geschichte der RAF.

FAZ, 14.12.2013

Die Rufe nach einem Deutschland-Netz als Reaktion auf die NSA-Affäre sind "anachronistischer Unsinn", schreibt der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht in einem engagierten Gastbeitrag. Ein wirksamer erster Schritt ist für ihn die EU-Datenschutzverordnung, doch um die Macht des Silicon Valley zu brechen, "müsste Europa langfristig zu einem digitalen New Deal greifen, der den europäischen Internetunternehmen massive Investitionen anbietet und sie gleichzeitig an die europäischen Werte und Regeln bindet. Ein fairer Deal zwischen Bürgern, Staat und Internetwirtschaft, der Letzterer vor allem eines klarmachen muss: Wir investieren in euch, damit ihr als Gegenmodell zum Silicon Valley im Markt bestehen könnt und euch dort für Selbstbestimmung und Regulierung stark macht!"

Weiteres: In Leipzig eröffnet dieses Wochenende der City-Tunnel, ein Großprojekt, das zwar seinen Budget- und Zeitrahmen gesprengt hat, aber architektonisch weitgehend gelungen ist, wie Arnold Bartetzky findet. Jürg Altwegg berichtet von der heftigen Debatte, die die Entdeckung antisemitischer Passagen in Martin Heideggers "Schwarzen Heften" in Paris ausgelöst hat. Niklas Maak porträtiert den Informel-Maler Karl Otto Götz, dem die Neue Nationalgalerie derzeit eine große Retrospektive widmet. Dietmar Dath wirft einen Blick auf Science Fiction-Literatur im Zeitalter der Überwachung. Und in der Frankfurter Anthologie ist Marcel Reich-Ranickis Deutung von Heinrich Heines Gedicht "Leise zieht durch mein Gemüt" abgedruckt:

"Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite..."

Besprochen werden eine Theaterfassung von Sachar Prilepins Roman "Sankya" in Tübingen, die Düsseldorfer Ausstellung "Das Beste vom Besten" über Kommerz und Wettbewerb in der Kunst und Bücher, darunter "Königreich der Schatten", der neue Roman von Michael Stavarič (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

In Bilder & Zeiten bedauert Philip Kovce, dass auch bei der jüngsten Bundestagswahl das bedingungslose Grundeinkommen keine Rolle gespielt hat. Hans Ulrich Gumbrecht empfiehlt, sich in das Werk von Honoré de Balzac zu vertiefen. Das Generationengespräch bestreiten diese Woche der Filmemacher Rosa von Praunheim und Johanna Quester, die Tochter seiner Schülerin Julia von Heinz. Und auf der Medienseite macht sich Michael Hanfeld Gedanken, was die öffentlich-rechtlichen Sender mit den erwarteten Mehreinnahmen von 1,15 Milliarden Euro anstellen könnten.