Heute in den Feuilletons

Vergangenheitsbewältigung im Zeitraffer

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.11.2013. Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" ist nicht aktueller denn je, wie es immer heißt, sondern reaktionäre Modernekritik, stellt die Welt zum fünfzigsten Todestag des Autors fest. Die FAZ sieht Google Books mit dem New Yorker Urteil als schützenswerte Errungenschaft anerkannt. Fritz Stern warnt davor, wegen der arroganten Dummheit der USA gleich in Antiamerikanismus zu verfallen. Der deutsche Kunstmarkt hat in der Aufarbeitung der NS-Verbrechen versagt, stellen SZ und taz fest. Und die NZZ feiert Albert Camus' hundertsten Geburtstag.

NZZ, 16.11.2013

In Literatur und Kunst geht es um den vor hundert Jahren geborenen Albert Camus. Aus den Erinnerungen von Camus' Freunden Albert Memmi, Mohammed Dib, François Fejtö, Jerzy Giedroyc und František Listopad setzt Marko Martin ein Mosaik des Autors zusammen: "Bezeichnenderweise erinnerten sich diese Freunde von Albert Camus nicht an zitierfähige Anekdoten oder an ein verblüffendes Bonmot, sondern an dessen unprätentiöse Art der Anwesenheit und eine selbstverständliche Empathie... Fast scheint es, als sei in all diesen Geschichten Albert Camus so etwas wie der schüchterne, doch konsequent handelnde Freund, der loyale Besucher, der angesichts der tragischen Biografie seiner Gegenüber davon absieht, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken."

Außerdem schreibt Marc Zitzmann ein Porträt auf der Basis einiger neuer Camus-Publikationen und Dan Diner bespricht Martin Meyers Camus-Biografie "Die Freiheit leben".

Im Feuilleton werden vor allem Ausstellungen besprochen: die 140 Bilder umfassende Barock-Schau "Caravaggio to Canaletto" im Kunstmuseum Budapest (in der sich Samuel Herzog der Triumph der Epoche vermittelt: "die malerische Eroberung der Welt war für die Zeitgenossen vielleicht nicht weniger aufregend als die Eroberung des Planeten mit Schiffen, Truppen und Handelskompanien, die damals in vollem Gange war", links: Caravaggios "Junge mit Obstkorb", circa 1593), ein Berliner Einblick in Jean Pauls "Dintenuniversum" (in dem sich der Schriftsteller als der möglicherweise "exzessivste Exzerpist der Literaturgeschichte" erweist, wie Sieglinde Geisel feststellt) und eine Ausstellung über zeitgenössische Aussichtstürme und Plattformen in Basel. Außerdem meldet Andrea Köhler, dass die Diskussion über Überwachung, für die Ilja Trojanow nun doch in die USA einreisen durfte, letztlich "eher unaufgeregt" verlief. Und Angelika Overath betrachtet Giovanni Segantinis Ölgemälde "A messa prima".

Besprochen werden der morgige "Tatort" von Andreas Herzog (in dem Marion Löhndorf "nicht viel Raum für Ambivalenzen" ausmacht) und Bücher, darunter Katharina Hartwells Debütroman "Das fremde Meer" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Welt, 16.11.2013

Bei einem Roman wie Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" ist nicht die Frage, wie gut er ist, sondern wie wahr, konstatiert Stephan Wackwitz zum fünfzigsten Todestag des Autors und meldet Zweifel an: Er erkennt bei Huxley eine sehr undemokratische Kritik an der Moderne: "Dieses 'reaktionäre Fazit des Romans', wie es Adorno nannte, verweist auf eine Tradition der Verachtung der Massen und ihres Glücksanspruchs, die von den avantgardistischen Milieus der britischen Oberschichten in den verschiedensten literarischen Formen an den Tag gelegt worden ist, von der Massenverdammung in T. S. Eliots 'The Waste Land' über die eugenischen Fantasien W. B. Yeats' bis zu den Attacken D. H. Lawrences gegen die allgemeine Schulbildung. Aber 'Hass auf die Massen' - so der Titel eines Buchs des Oxforder Literaturwissenschaftlers John Carey über das reaktionäre Syndrom der englischen Oberschicht 1880 bis 1939 - ist keine gute Tradition demokratischen Räsonnements."

Außerdem: Felix Stephan erzählt die Geschichte der beiden Belgier Simon Gronowski und Koenraad Tibel, die - Jude der eine, Sohn eines Nazis der andere - im hohen Alter zusammenfanden und das empathische Buch "Ni victime ni coupable, enfin libérés" schrieben. Besprochen werden John le Carrés neuer Whistleblower-Thriller "Empfindliche Wahrheit", Monika Marons Roman "Zwischenspiel" sowie die Tagebücher von Edmond & Jules de Goncourt "Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben".

In der Kultur: Jenny Hoch begrüßt das neue DDR-Museum in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, das angenehm unostalgisch Artefakte des DDR-Alltags versammelt. Gerhard Gnauck trifft den ukrainischen Autor Andrej Kurkow. Besprochen werden eine Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" in Wien und Robbie Williams neues Album "Swing Both Ways".

TAZ, 16.11.2013

Hanns C. Löhr ist nach einer Durchsicht der historischen Hintergründe des Kunsthandels im Nationalsozialismus vom Auftauchen des Schwabinger Kunstschatzes alles andere als überrascht. Und es ärgert ihn, dass Restitutionen und Entschädigungen heute von der öffentlichen Hand finanziert werden, während sich die Verantwortlichen entziehen: "Die Tendenz des deutschen Kunstmarkts, Gewinne aus der NS-Zeit zu privatisieren und die Kosten zu sozialisieren, ist ungebrochen. Während die deutsche Industrie mit der Stiftung 'Erinnerung, Verantwortung, Zukunft' bereits gesellschaftliche Verantwortung für die Ereignisse im 'Dritten Reich' übernommen hat, steht dies für den Bereich des Kunstmarktes noch aus."

Außerdem: Svenja Bednarczyk bringt Hintergründe, wie der Verfassungsschutz Journalisten überwacht. Jürgen Gottschlich trifft sich in Istanbul mit dem türkischen Autor Emrah Serbes, der nach seinem Engagement bei den Protesten vom Taksimplatz auf seinen Drehbüchern sitzt. Christoph Zimmermann unterhält sich mit der tunesischen Theaterautorin Meriam Bousselmi, die sich weigert, unter den Islamisten in ihrer Heimat am Theater zu arbeiten. Kai Schächtele spricht mit Wafaa El Saddik vom Ägyptischen Museum in Kairo. Klaas-Wilhelm Brandenburg besucht das in Berlin-Neukölln nach Umzug neueröffnete SchwuZ. Daniel Bax spricht mit dem Kulturaktivisten Gió Di Sera über den Wandel Berlins. Frank Keil spricht mit der Literaturwissenschaftlerin Birgit Dankert über deren Astrid-Lindgren-Biografie. Philipp Brandstädter schläft vor lauter Arbeit einfach so gut wie gar nicht mehr.

Besprochen werden eine Ausstellung von Arbeiten von Alice Creischer und Andreas Siekmann im Zentrum für aktuelle Kunst in Bremen und Bücher, darunter John Cheevers nun auch auf Deutsch vorliegender Roman "Ach, dieses Paradies" aus den frühen 80ern (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.
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SZ, 16.11.2013

Auf Seite Drei bringt Andrian Kreye eine herbstlich melancholische Hintergrundreportage zum Fall Gurlitt. Dass man Cornelius Gurlitt wohl weder wegen Steuerhinterziehung, noch wegen seiner Sammlung juristisch beikommen kann, sieht er schon fast als ausgemacht. Und unschön ist, was er zur Geschichte der Restitution in Deutschland herausgefunden hat: Es "waren oft genug die einstigen Täter damit betraut, die Restitutionen zu organisieren. Gerade in München. Zum Beispiel Theodor Müller, Kurator am Bayerischen Nationalmuseum, der die Beschlagnahmung jüdischer Sammlungen in den Jahren 1938 und 1939 mit organisiert hatte. ... Und auch der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Ernst Buchner, wurde Anfang der Fünfzigerjahre wieder eingesetzt, obwohl er Mitglied des 'Kampfbundes für Deutsche Kultur' gewesen war."

Im Feuilleton reagiert Tim Renner, früher selbst bei einer großen Plattenfirma tätig, auf David Byrnes Kritik (hier im Original) an Streamingportalen wie Spotify. Dass Künstler dort mit Peanuts abgespeist werden, liegt seiner Ansicht nach auch daran, dass die Musik-Altbranche noch immer zwischen Musikern und Publikum abkassiert. Byrne stellt "dieses alte System der Musikwirtschaft aber nicht in Frage, sondern Spotify an den Pranger. Klar, seine frühere Band Talking Heads brauchte noch große Studios und hohe Vorschüsse ... Das ist aber über ein Vierteljahrhundert her. Neue, junge Künstler und erfolgreiche, alte Hasen ... nehmen weit günstiger, teilweise sogar zu Hause, ihre Musik auf." Mehr dazu auch in diesem Radiogespräch mit Renner.

Weitere Artikel: Joseph Hanimann blickt mit Sorge nach Frankreich, wo zornige rechtspopulistische Ressentiments gerade quer durch alle Schichten salonfähig werden, während die Intellektuellen dazu schweigen. Adriano Celentano hält wenig von der Idee, die einst von ihm besungene Mailänder Via Gluck unter Denkmalschutz zu stellen, berichtet Maike Albath. Gerhard Matzig gratuliert dem Architekt Axel Schultes zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Alltag in der DDR" in Berlin, ein Konzert von Martha Argerich und Gidon Kremer in München, Robert Thalheims neuer Film "Eltern" und Bücher, darunter Neil MacGregors "Shakespeares ruhelose Welt" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende bläst Joachim Hentschel popkulturelle Trübsal: "Lou Reed tot, Michael Jackson tot, Johnny Cash tot. Lemmy von Motörhead fühlt sich derzeit auch nicht so toll, und wie es um die Gesundheit von Stones-Gitarrist Keith Richards steht, kurz vor seinem 70.Geburtstag, weiß wohl nur eine Handvoll vereidigter Sachverständiger." Außerdem spricht Tobias Kniebe ausführlich mit Roman Polanski.

FAZ, 16.11.2013

In seiner Urteilsbegründung, in der der New Yorker Bezirksrichter Denny Chin Google Books für rechtmäßig erklärt, würdigt er es als eine schützenswerte Errungenschaft, meint Patrick Bahners: "Der 'fair use' im angelsächsischen Rechtsraum umfasst mehr als das Zitieren eines Verfassers durch einen Kollegen. Alles kommt darauf an, ob durch die Verwertung der Vorlage etwas Neues entsteht. Obwohl Google den zwanzig Millionen eingescannten Büchern kein einziges Wort hinzufügt, bejaht Richter Chin die Frage entschieden. Der jederzeitige Gesamtzugriff einer digitalen Weltbibliothek schafft Forschungsmöglichkeiten, die durch serielles Lesen gedruckter Bücher nicht zu ersetzen sind."

Der Historiker Fritz Stern schimpft im Gespräch mit Patrick Bahners über die "arrogante Dummheit" der amerikanischen Totalüberwachung, hofft aber dennoch auf eine gemäßigte Reaktion von deren Opfern: "Es ist kaum zu glauben, dass man beim Bau der amerikanischen Botschaft in Berlin, die sowieso schon wie eine Festung aussieht, die Abhöranlagen auf dem Dach angebracht hat. Die Symbolik ist entsetzlich. Und doch würde ich immer wieder plädieren, vom Herzen und vom Kopf aus: Es darf jetzt um Gottes willen keinen neuen Antiamerikanismus geben."

Weiteres: "Blamabel" findet Julia Voss die "Vergangenheitsbewältigung im Zeitraffer", die die deutschen Institutionen nach dem Münchner Kunstfund auf internationalen Druck hin vollführen. In ihrer in voller Länge angedruckten Dankesrede für die Verleihung des Schillerpreises der Stadt Marbach am Neckar spricht Rachel Salamander über Schiller und seine jüdischen Verehrer (Frank Schirrmachers Laudatio war bereits am Montag zu lesen). Die Online-Rubrik Bilder und Zeiten dreht sich um Marcel Prousts vor hundert Jahren veröffentlichten Jahrhundertroman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit": Andreas Platthaus zeichnet die beschwerliche Suche des Autors nach einem geneigten Verlag nach, und Helmut Mayer lässt die "hartgesottensten Verächter" des Romans zu Wort kommen

Besprochen werden Damiano Michielettos Wiener Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" (deren "Drastik" auf Reinhard Kager "dann doch überwältigend" wirkt) und Bücher, darunter "Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf" von Jana Simon (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie ist Marcel Reich-Ranickis Interpretation des Gedichts "Frist" von Günter Kunert zu lesen:

"Und Sonne war und fiel heiß auf sie nieder
Und fiel auf mich der ich doch bei ihr war.
Die Wellen gingen fort und kamen immer wieder
Zurück voll Neugier zu dem nackten Paar.
..."