Heute in den Feuilletons

Alles zitieren, aber selbst nicht zitiert werden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.11.2013. FAZ und SZ sammeln neue Details aus dem Leben des Hildebrand Gurlitt. Die SZ wendet sich außerdem gegen Peter Raues Idee einer schnellen Veröffentlichung der Bilder im Netz. Mailand will die Via Gluck unter Denkmalschutz stellen, berichtet der Tagesspiegel. Netzwertig macht sich Sorgen um die Zukunft von Facebook. Das Urteil im Prozess um Kritikerzitate auf Klappentexten, die sich die FAZ künftig bezahlen lassen will, ist auf Januar verschoben, meldet burchreport.

Aus den Blogs, 11.11.2013

Ist die große Zeit von Facebook vorüber, fragt Martin Weigert in Netzwertig mit Blick auf die Jugendlichen, die lieber Messenger-Programme wie WhatsApp benutzen. Und die Entwicklung ist dramatisch: "Sahen noch im Herbst 2012 42 Prozent der US-Jugendlichen Facebook als ihr wichtigstes Social-Media-Angbot, sind es heute nur noch 23 Prozent."

So würde es in Zürich aussehen, wenn die Stadt sich bereitgefunden hätte, Jörn Utzorns Entwurf für das Schauspielhaus zu bauen. Die Virtual Design Unit hat das Gebäude nun zumindest digital realisiert, meldet Dezeen.


Tagesspiegel, 11.11.2013

Andrea Dernbach meldet, dass die Stadt Mailand die berühmte Via Gluck unter Denkmalschutz stellen will, die Adriano Celentano in seinem Schlager "Il Raggazo della via Gluck" besingt. Das Lied über einen Jungen, der sich aus der trüben Industriegegend aufmacht, um sein Glück in der Großstadt zu suchen, habe die Straße zu einem wichtigen Ort für die italienische Identitätsbildung gemacht: "Tatsächlich hat der Weg Hunderttausender in die Städte in den vergangenen 60, 70 Jahren, vor allem vom armen agrarischen Süden - Kalabrien, Apulien, Sizilien - in die boomende Industrie im Norden, das Gesicht und die Identität Italiens tief verändert."

Aber Vorsicht, große Ohrwurmgefahr:


Welt, 11.11.2013

Der Kunstexperte Ralph Jentsch erklärt im Interview, dass er sich durchaus vorstellen könne, dass es noch weitere Gurlitt-Depots gibt. Außerdem übt er scharfe Kritik an dem Projekt "Alfred Flechtheim", das die Herkunft der Bilder des jüdischen Kunsthändlers untersuchen lassen will: "Eine solche Vorgehensweise ist grundsätzlich zu begrüßen. Aber ich fürchte, es geht bei dem Projekt nicht nur darum, die Herkunft der Werke Flechtheims so transparent wie möglich zu machen. Dieses Forschungsvorhaben wurde angelegt, um den Restitutionsansprüchen der Flechtheim-Erben eine Absage zu erteilen und nicht um den Wahrheitsgehalt der Verhältnisse aufzuklären."

Weitere Artikel: In Sedan verfällt das Denkmal für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs, weil sich die Bundesregierung nicht dafür interessiert, berichtet Johannes Wetzel. Christie's versteigert für 1, 78 Millionen Euro die Silberterrine, die Katharina II. dem Grafen Orlow zum Dank für den Tod ihres Ehemanns kauft, meldet Michael Stürmer. Frank Kaspar berichtet von einer Karlsruher Tagung zur Kulturgeschichte von Klang und Ton.

Besprochen werden drei schwedische Choreografien - von Pontus Lidberg, Johan Inger, und Alexander Ekman - in Dresden und David Böschs Inszenierung der "Mutter Courage" am Wiener Burgtheater.
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TAZ, 11.11.2013

Klaus Walter liest im Sammelband "Leistung und Erschöpfung", wie Sighard Neckel und Greta Wagner das Burnout als Syndrom der Besserverdiener diagnostizieren. Besprochen werden außerdem eine Ausstellung des Porträtmalers Anton Graff in der Alten Nationalgalerie in Berlin und das Album "Field of Reeds" der britischen Indie-Band These New Puritans.

Und Tom.

Aus den Blogs, 11.11.2013

Gerade tanzte Greta Gerwig noch in "Frances Ha" (unsere Kritik) durchs Kino, jetzt fegt sie auf ihre ganz unvergleichliche Greta-Gerwig-Weise durch das neue Video von Arcade Fire - toll:

Stichwörter: Arcade Fire, Greta Gerwig

NZZ, 11.11.2013

Andrea Winklbauer berichtet begeistert über die Ausstellung zu Lucian Freud im Kunsthistorischen Museum in Wien, die den britischen Maler in Beziehung zu seinen alten Vorbildern wie Tizian und Rembrandt setzt, für Wien "das Ereignis der Saison", wie sie findet. "Von einem Künstler, der wie Lucian Freud über andere Künstler spricht, lässt sich viel lernen. Im Dialog mit den Gemälden des Kunsthistorischen Museums sprechen aber auch seine Bilder und vermitteln Einsichten, die sowohl das moderne und doch zeitlose Werk des Briten als auch die sie umgebenden Bilder der alten Meister erhellen." (Bild: "Standing by the Rags", 1988 © Lucian Freud Archive)

Außerdem: Die Schriftstellerin und Regisseurin Judith Kuckart besucht die Wiederaufführung von Pina Bauschs Tanzstücks "Nelken" von 1982 am Opernhaus Wuppertal, die den Auftakt für das Festival Pina40 in Wuppertal, Düsseldorf und Essen bildet. Maike Albath schreibt zum Tod des Schweizer Lyrikers Giorgio Orelli, der unter anderem für seine Übersetzungen von Goethe-Gedichten ins Italienische bekannt wurde.

Besprochen werden das Opern-Experiment "Votre Faust" im Rahmen der 'Journées contemporaines' in Basel, bei dem zum ersten Mal in der Musikgeschichte das Publikum den Fortgang der Handlung bestimmen durfte, und eine Inszenierung von "Alice im Wunderland" unter Regie von Antú Romero Nunes am Schauspielhaus Zürich.

Weitere Medien, 11.11.2013

Die FAZ möchte sich Blurbs auf Klappentexten von den Buchverlagen künftig bezahlen lassen (auch wenn sie jetzt festgelegt hat, dass bis zu 25 Wörtern kostenlos zitiert werden darf). Im Rechtsstreit zu der Sache sollte am 8. November ein Urteil fallen, dessen Verkündung nun auf den 10. Januar verschoben wurde, meldet buchreport.de und berichtet über anhaltende Unruhe in der Branche: "Nicht nur die FAZ lässt sich die Verwendung von Textbeiträgen bezahlen, auch die Süddeutsche Zeitung hat einen Kostenkatalog für die Nutzungsrechte von SZ-Artikeln. Johannes Kambylis, AVP-Vorstand und Sprecher des Felix Meiner Verlags, rechnet damit, dass nach dem Urteilsspruch weitere Zeitungen nachziehen werden."

Spiegel Online meldet, dass der große Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann gestorben ist.

Und Amnesty International fragt besorgt, wo Nadezhda Tolokonnikova ist. Die inhaftierte Musikerin der Pussy Riot wurde zuletzt gesehen, wie sie am 22. Oktober aus ihrem Gefängnis abtransportiert wurde. Wohin, weiß jedoch niemand.

FAZ, 11.11.2013

Andreas Rossmann erforscht weitere Details aus dem Leben des Hildebrand Gurlitt, der zwar seine Sammlung geheimhielt, als Direktor der Kunstvereins von Düsseldorf aber eine große Karriere machte, bis er 1956 seinen Autounfall hatte: "Der 'angesehene', der 'hochverdiente', der 'unvergessene' Hildebrand Gurlitt: In Düsseldorf, wo 1965 im Stadtteil Bilk eine Straße nach ihm benannt wurde, hat er sich als Direktor des Kunstvereins, wie es einmal heißt, 'ein Denkmal' gesetzt." Julia Voss trägt Berichte des Focus weiter, der herausgefunden hat, dass die Staatsanwaltschaft Augsburg längst Belege über die illegale Provenienz vieler Bilder hat.

Weitere Artikel: Jürg Altwegg berichtet, dass in Frankreich Straßen und Plätze nach Stéphane Hessel benannt werden, während Intellektuelle wie Alain Finkielkraut seine moralische Autorität in Frage stellen. Abgedruckt wird Frank Schirrmachers Laudatio auf Rachel Salamander, ehemalige Herausgeberin der Literarischen Welt, die den Marbacher Schillerpreis erhalten hat. Ein neues Blog von Frauen wird annonciert: blogs.faz.net/10vor8: Heute wehrt sich Annika Reich gegen "wirtschaftsliberale Denkmuster " der Ratgeber-Industrie im Kontext der NSA-Enthüllungen.

Besprochen werden eine "Walküre" in Genf, eine Dramatisierung von Dostojewskis "Idioten" im Schauspiel Frankfurt und Berthold Seligers Insiderbericht aus der Musikindustrie "Das Geschäft mit der Musik" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 11.11.2013

Kia Vahland warnt davor, "die Schuldfrage wieder einmal auszulagern", diesmal an Cornelius Gurlitt, der für sie die ganze Widersprüchlichkeit deutscher Geschichte verkörpert: "Ein einsamer Mann hortete das Erbe seines Vaters, wie es deutscher nicht sein kann: Hildebrand hat mit dem NS-Staat kooperiert und von ihm profitiert, er hat jüdische Sammler um ihr Vermögen und damit ihre bürgerliche Existenz gebracht und Museen um ihre Paradestücke der Moderne. Zugleich war er nicht nur selbst ein bisschen jüdisch, sondern auch ein Förderer und Verfechter eben jener Avantgarden, deren Werke er teils bewahrte, teils verkaufte. Das sind die Widersprüche unserer gemeinsamen Geschichte, und nicht jeder Nachgeborene hält sie gut aus."

Ira Mazzoni legt unterdessen dar, warum es mit der möglichen Restitution von Bildern aus der Gurlitt-Sammlung noch eine Weile dauern könnte: "Es ist schon verwunderlich, wenn ein in Restitutions-Angelegenheiten erfahrener Anwalt wie Peter Raue sich sogar mit farbverschossenen Abbildungen (...) zufrieden geben möchte. Auf Basis solcher Schemen sind schon manche Fälschungen in Werkverzeichnisse aufgenommen worden. Provenienzen lassen sich anhand solcher Fotos nicht klären." Auch unterstreicht Mazzoni die Möglichkeit, dass sich in dem Kunstfund tatsächlich "viel rechtmäßiger Familienbesitz" befinden könnte.

Weitere Artikel: Die SZ dokumentiert die Dankesrede der gerade mit dem Wihelm-Raabe-Preis ausgezeichneten Schriftstellerin Marion Poschmann, die darin ihre Liebe zu Herzog Anton Ulrich von Braunschweigs 7000 Seiten umfassenden Barockroman "Die römische Octavia" bekundet. Die Religionspädagogen Albert Biesinger und Raphael Rauch kritisieren die Umbenennung des Martinsfestes an einer Kita in Bad Homburg: "Es ist eine Entmündigung von Muslimen und somit diskriminierend, wenn man meint, ihnen keinen christlichen Brauch zumuten zu können."

Besprochen werden das neue Album von Lady Gaga (die laut Joachim Hentschel zwar "alles zitieren, aber selbst nicht zitiert werden kann") und Bücher, darunter Simon Singhs Buch über die Mathematik und die Simpsons (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).