Heute in den Feuilletons

Ständige Seligkeit in jedem Atem

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2013. Der Guardian erzählt, wie beflissen kontinentaleuropäische Geheimdienste NSA und GCHQ beim Ausspähen der eigenen Bevölkerung helfen. Die taz konstruiert eine Symmetrie zwischen NSA und islamistischem Terror. Die SZ plädiert auf Asyl für Snowden. Nazis, Klimt, österreichische Honoratioren und 14 uneheliche Kinder - Art erzählt, warum der Direktor des Leopold Museums zurückgetreten ist. Krieg ist auch eine Hochzeit für die Literatur, lernt die Welt in einer Marbacher Ausstellung.

Weitere Medien, 02.11.2013

Tobias Natter, Direktor des Leopold Museums in Wien, ist überraschend von seinem Posten zurückgetreten. Der Grund: Sein Kollege Peter Weinhäupl, Kaufmännischer Direktor des Museums, arbeitet seit einem Monat für die Klimt-Stiftung des NS-Filmemachers Günter Ucicky, berichtet Altmuth Spiegler im Art Magazin. Ucicky war "der älteste Sohn unter 14 unehelichen Kindern Gustav Klimts. Er erbte zwar keine Bilder, erwarb sie aber als Sammler während der NS-Zeit. Natter geht mit seinem Rücktritt einer Verwicklung mit der umstrittenen Stiftung aus dem Weg." Die Witwe des Museumsgründers, Elisabeth Leopold, erklärte inzwischen, Natters Rücktritt "sei 'feig' und trage nichts dazu bei, die Situation 'besser' zu machen. Sie wolle gar nicht wissen, was Weinhäupl in seiner Freizeit mache und mit der neuen Klimt-Stiftung gar nichts zu tun haben." (Mehr über die Klimt-Stiftung in einem Artikel des Standard vom 27.9.)

Seit bald zwanzig Jahren versucht der Architekt Stephan Braunfels immer wieder, seinen Entwurf für das Berliner Stadtschloss durchzusetzen. Vielen gilt er inzwischen als Querulant und Nervensäge, schreibt Till Briegleb ebenfalls bei Art. Aber stimmt das? "Oder kann es sein, dass Stephan Braunfels einfach Recht hat und die Verleihung des Attributs 'Quälgeist' durch die Baufunktionäre mal wieder nur dazu dient, reibungslose Planung zu garantieren, die höchstselbst Scharlatanerie in Beton gießt?"

Die Berliner Zeitung scheint Braunfels' Vorschlag, auf den modernen Ostflügel des Schlosses zu verzichten, durchaus etwas abgewinnen zu können. Im Interview lehnt Architekt Frank Stella dies jedoch rundweg ab: "Ich sehe nur Nachteile." (Bild: oben der Entwurf von Stella, unten der von Braunfels)

Die Daily Mail dokumentiert ausführlich Heidi Klums Halloween-Kostüm: Das Model ließ sich von seinen Make-up-Künstlern in eine alte Frau verwandeln: mit Falten, Krampfadern und Altersflecken. Das Ergebnis ist sehr überzeugend.

Guardian, 02.11.2013

Unter Berufung auf Dokumente von Edward Snowden berichtet der Guardian, dass die Geheimdienste von Deutschland, Frankreich, Spanien und Schweden allesamt ihre eigenen Methoden der massenhaften Überwachung von Internet und Telekommunikation entwickelt haben, und zwar in enger Zusammenarbeit mit dem britischen GCHQ: "The bulk monitoring is carried out through direct taps into fibre optic cables and the development of covert relationships with telecommunications companies. A loose but growing eavesdropping alliance has allowed intelligence agencies from one country to cultivate ties with corporations from another to facilitate the trawling of the web, according to GCHQ documents leaked by the former US intelligence contractor Edward Snowden." (Eine Zusammenfassung auf Deutsch bei Spon)

TAZ, 02.11.2013

Daniel Schulz sieht eine Spiegelung von NSA und islamistischem Terror: Beide fahnden nach abweichendem Verhalten, um dieses - in ersterem Falle etwa durch Einreiseverbot oder langwierige Befragungen am Flughafen - zu sanktionieren: "Dem Algorithmus Allah und seinen Vollstreckern fehlen die Rechenkapazitäten und die Macht, um weltweit eine ähnliche Kontrolle aufrechtzuerhalten, wie es die USA und ihre Verbündeten können."

Stefan Reinecke überlegt, warum Edward Snowden beim Ströbele-Besuch in Moskau so wenig konkretes zur Überwachung von Angela Merkel gesagt hat: "Seine Chancen jenseits von Moskau, am liebsten offenbar in Deutschland oder Frankreich Asyl zu bekommen, steigen nicht gerade, wenn er schon vorher Informationen liefert."

Weitere Artikel: Anders als seinerzeit Bill Clinton hat Barack Obama ein gesteigertes Interesse an der Zusammenarbeit mit der CIA, bekräftigt eine ansonsten hinsichtlich der NSA erstaunlich gelassene Dana Priest von der Washington Post im Gespräch mit Dorothea Hahn. Andreas Fanizadeh beklagt die Dauerpräsenz des Kriegsreporters Jeremy Scahill in den deutschen Feuilletons, wie ihm überhaupt der antiamerikanische Gestus vieler seiner Berufskollegen zuwider ist. Bert Rebhandl berichtet vom Filmfestival "Molodist" in Kiew. Kerstin Augustin plaudert ausführlich mit Christoph Biemann, dem Erklärbär aus der "Sendung mit der Maus". Christof Forderer schreibt zum 100. Geburtstag von Philosoph Albert Camus.

Besprochen werden das neue Album von M.I.A., die neue Dauerausstellung im Medizinhistorischen Museum Hamburg über die Geburt der modernen Medizin und Bücher, darunter Kristina Ohlssons Krimi "Sterntaler" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.
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NZZ, 02.11.2013

Für Literatur und Kunst hat sich Angela Schader mühsam durch David Foster Wallaces nachgelassenes Romanfragment "Der bleiche König" gekämpft. Die monotonen Beschreibungen, Wiederholungen, uferlosen Fußnoten sorgen für reichlich dröge Lektüre, aber sie haben Methode, lernt sie: "Darum, ums Versinken im bleigrauen Ozean der Monotonie, geht es in David Foster Wallace' letztem Roman - und um die Möglichkeit, diesem fürchterlichen Element durch die Fähigkeit zur Achtsamkeit und Bewusstheit zu entkommen: 'Schenk der denkbar ödesten Sache deine Aufmerksamkeit (Steuererklärungen, im Fernsehen übertragenem Golfspiel), und eine nie gekannte Langeweile überflutet dich wellenartig und bringt dich fast um. Wenn du sie überstehst, ist das wie ein Übergang von Schwarz-Weiß zu Farbe. Wie Wasser nach Tagen der Wüste. Ständige Seligkeit in jedem Atem.'"

Außerdem: Abgedruckt ist ein Vortrag wider den Kultur- und Geschichtspessimismus, den Hermann Lübbe, emeritierter Professor für politische Philosophie, bei der Fred Luchsinger Memorial Lecture in Zürich hielt. Georg Kreis berichtet, dass der Staats- und Völkerrechtler Werner Kägi (1909-2005) nicht nur ein Unterstützer des Frauenwahlrechts war, sondern in jungen Jahren auch für die nazifreundlichen Frontisten agierte.

Im Feuilleton schreibt Björn Hayer zum 100. Geburtstag von Burt Lancaster, dem Schauspieler "mit dem markanten Gesicht und den himmelblauen Augen", der die Piratenhosen trug wie kein anderer.

Besprochen werden die große Géricault-Ausstellung in der Frankfurter Schirn, Richard Strauss' Oper "Elektra" in der Pariser Bastille-Oper und Bücher, darunter Tim Bonyhadys Geschichte seiner Wiener Familie, "Wohllebengasse" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 02.11.2013

Martin Vogel hat in seinem Streit mit der VG Wort einen weiteren Erfolg vor dem Oberlandesgericht München erreicht. Der Jurist hatte gegen die Praxis der VG Wort geklagt, ihre Ausschüttungen auch an Verlage und nicht nur an Autoren zu zahlen. In einem Gastbeitrag für Stefan Niggemeiers Blog kritisiert Vogel in der Sache auch die Journalistengewerkschaften, die fest an der Seite der VG Wort stehen: "Der DJV beklagt, dass die VG Wort bei einem Erfolg der Klage nicht mehr weiterexistieren könne wie bisher. Andere Funktionäre, die die Schädigung der Autoren zu verantworten haben, äußern sich ähnlich. Als hätte sich das Gesetz nach den Statuten der VG Wort zu richten - und nicht umgekehrt!"
Stichwörter: Djv, München, VG Wort, Martin Vogel

Welt, 02.11.2013

Eckhard Fuhr besucht die Marbacher Ausstellung "August 1914 - Literatur und Krieg" und stellt fest, dass das Motto der Ausstellung - nichts außer der Liebe mache das Schreiben so notwendig wie der Krieg - gar nicht mal übertrieben ist: "Propaganda ist nicht der Schwerpunkt der Ausstellung, aber natürlich kommen Intellektuelle im Krieg mit dieser Sphäre in Berührung. Hermann Löns etwa wird von seinem Verleger Eugen Diederichs darum gebeten, für eine geplante Reihe von 'Heftchen' Kriegslieder beizusteuern, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Für die Verlage ist der Krieg eine Zeit aufs Äußerste gesteigerter Geschäftstätigkeit."

Weiteres: Wolfgang Büscher legt dem Maler Neo Rauch noch einmal eine Laudatio zu Füßen. Andrea Seibel bittet die Historikerin Anne Applebaum zu Tisch.

Der Schriftsteller Mirko Bonné würdigt in der Literarischen Welt Albert Camus vor allem als einen Schriftsteller, der dem Nihilismus ebenso Paroli bot wie maßlosem Sinnverlangen. Beidem hält Camus "das Maß der wehrhaften Nemesis entgegen: eine Kunst, die sich weder in Ablehnung noch Zustimmung gefällt. Sie ist beides zugleich, waches, stetes Hin- und Hergerissenwerden. Der Lohn für das Aushalten der Spannung zwischen Schönheit und Schmerz, Liebe und Wahn, Vereinzelung und Masse ist die Versicherung der Lebendigkeit: Sie bringt die Wirklichkeit und das Aufbegehren, das jeder ihr zuweilen entgegensetzt, ins Gleichgewicht."

Besprochen werden weiter drei neue Camus-Biografien, Manfred Schneiders Band "Transparenztraum", Stephen Kings Roman "Doctor Sleep", Oliver Hilmes' Biografie Ludwigs II. von Bayern, David Foster Wallaces Romanfragment "Der bleiche König" und Simon Singhs Mathebestseller "Homers letzter Satz".

SZ, 02.11.2013

Die Idee, dass Edward Snowden in Deutschland aussagt, findet Heribert Prantl in einem Beitrag auf der Tagesthemenseite nicht so abwegig, wie sie einem zuerst erscheinen mag. Die Bundesrepublik habe Befugnisse, freies Geleit einzuräumen und einen Auslieferungsantrag der USA abzulehnen, auch nach dem Rechtshilfeabkommen zwischen beiden Staaten. "Dort steht, dass eine Auslieferung nicht bewilligt wird, wenn die Straftat ... vom ersuchten Staat ... als politische Straftat oder als Straftat mit politischem Charakter angesehen wird. Die Vorwürfe, die Snowden von den USA gemacht werden, gehören dazu." Online findet sich dazu ein weiterer Kommentar von Prantl.

Außerdem berichten John Goetz und Hans Leyendecker auf Seite Drei von Ströbeles Besuch bei Edward Snowden. Allzu viele Details können sie aus Geheimhaltungsgründen nicht beisteuern, weshalb sie sich vor allem auf Atmo konzentrieren. Online gibt es ein knappes Gespräch mit Snowden. Seinen Brief an die Kanzlerin dokumentiert unter anderem Zeit Online: "Die Wahrheit auszusprechen ist kein Verbrechen."

Im Feuilleton schreibt Peter Richter über neue, digital induzierte Bildkulturen in den USA, wo "Rachepornos" (also online gestelltes, eindeutiges Material von Ex-Freundinnen) und "Mugshots" (also bei einer Verhaftung geschossene Fotografien) das Verhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit durcheinander wirbeln, während unter dem Hashtag #selfie gestreute Selbstporträts von Jugendlichen eine neue Eitelkeitswelle auslösen. Der senegalesische Filmemacher und Musiker Didier Awadi ärgert sich im Gespräch mit Jonathan Fischer über die europäische Flüchtlingspolitik. Christian Scotts Studioaufnahmen haben Joachim Hentschel kein bisschen darauf vorbereitet, was sich dann live auf der Bühne des Jazzmusikers abspielte: "Am grandiosesten [ist seine Band] in den polyrhythmischen, sehr freien Bienenschwarm-Improvisationen, wenn sie an den afrikanischen Wurzeln herumbuddeln, mit ihnen zündeln." Auf Youtube gibt es den Mitschnitt eines kürzlich in Schweden gegebenen Konzerts:



Endlich noch mehr Datenerhebung! Mit der neuen Spielekonsole Xbox One bringt Microsoft einen mikrofon- und kamerabewehrten Haushaltsüberwacher mit Internetanschluss in die Wohnzimmer, schreibt Markus Mähler auf der Medienseite. Ob das Gerät mit dem hiesigen Datenschutz vereinbar ist, bleibt zu klären.

Besprochen werden Frank Castorfs Bühnenadaption von Louis-Ferdinand Célines Roman "Reise ans Ende der Nacht" am Münchner Residenztheater ("Schwüles Malaria-Theater, fiebergeboren", meint eine insbesondere auch von der "ganz großen Schlampenwürde" aller weiblichen Figuren sehr angetane Christine Dössel - hier ein paar Eindrücke beim br), eine Ausstellung über das Jahr 1913 im Franz-Marc-Museum in Kassel und Bücher, darunter Eva Eßlingers Studie "Das Dienstmädchen, die Familie und der Sex" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende trifft sich Christian Mayer mit dem Fotograf Jeff Wall, der seine Arbeiten nur äußerst zögerlich preisgibt. Kai Schwirzke packt die Nostalgie nach den alten, mechanischen Flipper-Automaten. Cord Aschenbrenner erinnert an die Geschichte der Straßenmaut, die bis in die Antike reicht. Außerdem unterhält sich Ronen Steinke mit der offen lesbisch lebenden Verfassungsrichterin Susanne Baer über Diskriminierung unter anderem auch in ihrem Beruf.

FAZ, 02.11.2013

Patrick Bahners berichtet über eine von der NYRB veranstalteten Debatte in New York zum Abhörskandal, wo man bei allem Entsetzen schon eine leichte Morgenröte am Horizont aufscheinen sah: "Optimistisch stimmt Roth [Kenneth Roth, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch], dass die Internetkonzerne ein vitales Interesse an der Abrüstung der NSA hätten. Die globale Dominanz der amerikanischen Firmen stehe auf dem Spiel. Technisch, so Roth, wäre es für Europa kein Problem, die Komplizen der NSA auszusperren und eine eigene Infrastruktur des Datenverkehrs aufzubauen."

Weitere Artikel: Kerstin Holm skizziert die Unterschiede zwischen Russen und Deutschen. Gina Thomas berichtet über die Ausgrabung eines altrömischen Adlers am Rand der Londoner City. Constanze Kurz und Frank Rieger sprechen im Interview über ihr neues Buch "Arbeitsfrei" in dem sie erklären, wie sehr Roboter die Arbeitswelt verändern.

Besprochen werden Georg Friedrich Händels Dramma per musica "Rinaldo" in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca am Mainzer Staatstheater, eine Ausstellung über Rituale gegen das Vergessen im Jüdischen Museum Berlin, ein Konzert des Blues-Musikers Seasick Steve in München und Bücher, darunter eine Reihe von Camus-Biografien (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Marcel Reich-Ranicki ein Gedicht von Friedrich Hölderlin vor:

"An die Parzen"

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
..."