Heute in den Feuilletons

Und nie wird gelacht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2013. Die Welt fragt, warum bayerische Behörden den Fund von 1.500 Kunstwerken seit 2011 geheim hielten. In der NZZ verzweifelt der syrische Dichter Adonis am Westen, der in Syrien die Falschen unterstütze. Wer ist Old School und wer ist New School, fragt Jay Rosen mit Blick auf Glenn Greenwald und den New-York-Times-Redakteur Bill Keller. Die SZ hält die Behauptung, dass der russische Geheimdienst die Enthüllungen Snowdens steuere, für Desinformation. In der Financial Times spricht Michail Chodorkowski über seine Lagerhaft.

NZZ, 04.11.2013

Angela Schader spricht mit dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis über den Umbruch in der arabischen Welt und den syrischen Bürgerkrieg: "Am Anfang habe ich die Bewegung unterstützt, denn das waren Studenten und Zivilisten, Männer und Frauen, die diese Ereignisse in Gang setzten. Aber als gewisse Kräfte im Orient und im Westen erkannten, dass sich ein Wandel abzeichnete, haben sie den 'Frühling' gestohlen und - besonders in Syrien - etwas Entsetzliches daraus gemacht. Statt eine Bewegung gegen die Regression zu sein, ist die Revolution nun die Regression selbst...Was jetzt in Syrien geschieht, ist unerhört; unsere Geschichte verzeichnet nichts Vergleichbares. Wie kann der Westen auf der Seite dieser Kräfte sein?"

Außerdem: Peter Michalzik entdeckt beim Festival TeArt in Minsk, dass es in Weißrussland neben der offiziellen Staatskultur auch eine alternative Theaterszene gibt. Doch "selbst in Weißrussland wird die kleine Blüte nicht beachtet...Während des Festivals gab es eine Diskussion zum neuen weißrussischen Drama. Zum Ärger des Publikums waren nur russische Kritiker auf dem Podium. Aber zugleich musste man feststellen, dass sich die weißrussischen Kritiker bisher nicht für weißrussische Dramatik interessiert haben."

Besprochen werden Martin Schläpfers Choreografie von Mahlers Siebter Sinfonie am Ballett am Rhein und der Fernseh-Dokumentarfilm "Goldschmidts Kinder" über die jüdische Lehrerin Leonore Goldschmidt, die sich im Nationalsozialismus über das Berufsverbot hinwegsetzte und eine eigene Schule gründete.

TAZ, 04.11.2013

Klaus Irler besucht in den Hamburger Deichtorhallen die Ausstellung des Modefotografen Guy Bourdin, der in den siebziger Jahren die wildesten Sex-And-Crime-Geschichten in der französischen Vogue platzierte: "Oft ist der Tod Teil der Inszenierung, und nie wird gelacht. Dafür ist von der Schminke bis zum Licht alles makellos: Der Tod steht diesen Frauen gut."

Besprochen werden eine CD-Box von Sly and the Family Stone sowie neue Comics aus Spanien (siehe auch unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 04.11.2013

Peter Dittmar erzählt die spektakuläre Geschichte des Fundes von 1.500 wertvollen Kunstwerken - darunter Bildern von Picasso, Chagall und Matisse - in der vermüllten Wohnung eines betagten Münchners. Einer der seltsamsten Aspekte dieser Geschichte ist, dass die bayerischen Behörden diesen Fund seit 2011 geheim hielten: "Sie hatten sofort erkannt, dass sie damit in das juristische Minenfeld gerieten, das mit den Warnschildern 'Raubkunst', 'Beutekunst', 'Entartete Kunst' und auch 'verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz' gerieten."

Weitere Artikel: Neben viel Lob für angelsächsische Geheimdienstaktivitäten bleibt der Welt ab und zu auch mal Zeit für einen kritischen Blick auf Frankreich. So begibt sich Marko Martin heute im Forum der Welt auf das intellektuelle Niveau Alain Finkielkrauts herab und bemängelt, dass Finkielkrauts letztes Buch nicht vom Niedergang Frankreichs, sondern von seiner Identität handelt. Henryk Broder unterhält sich mit Walter Laqueur, der sich ebenfalls nicht über die amerikanischen Abhöraktivitäten aufregen kann.

Besprochen werden Frank Castorfs Dramatisierung von Célines "Reise ans Ende der Nacht" am Münchner Residenztheater und Kurt Weills Operette "Viel Lärm um Liebe" in Dresden.
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Weitere Medien, 04.11.2013

Neil Buckley hat für die Financial Times ein langes Interview mit Michail Chodorkowski geführt. Chodorkowski erzählt vom Leben in dem sibirischen Lager, in dem er seit 2005 sitzt, von seinen Mitgefangenen und von Putin. Auf die Frage, ob er verstehen könne, wenn Leute sagen "Chodorkowski hat bekommen, was er verdient hat", antwortet der Ex-Oligarch: "It's hard to feel sorry for a rich person. This is hardly something unique to Russians. But it's hard to convince people that what you 'deserve' needs to be established by an independent court, and not by envious people and a flunky of your opponents. It's gradually getting through to people that complete lawlessness towards a powerful person will turn into even greater and wider-scale lawlessness in relation to ordinary people."

In Tablet erzählt Laurence Jackson Hyman wie es kommt, dass sein 1970 gestorbener Vater Stanley Edgar Hyman, Literaturprofessor und Ehemann der Autorin Shirley Jackson, derzeit für Werbeplakate des Schuhmachers Berluti in die Luft springt. Das Photo hatte Philippe Halsman aufgenommen, der Hyman 1959 für ein Buchcover fotografieren sollte: Nach den Aufnahmen "zeigte Halsman Stanley Aufnahmen aus einer noch unvollendeten Serie - er fotografierte berühmte Menschen, die in die Luft springen, mit einer fotografischen Technik, die er allein entwickelt hatte. Seiner Theorie ('Jumpology') nach zeigten sich die wahren charakteristischen Gesichtszüge erst auf dem Höhepunkt eines Sprungs. Stanley erklärte sich einverstanden, für ihn zu springen. Halsman schätzte ihn ab, erzählte Stanley später glucksend, und stellte seine Linsen und Lichter sehr tief ein, überzeugt, der korpulente Gentleman würde seine Füße höchstens ein paar Zentimeter vom Boden bekommen. Aber das erste Bild zeigte nur Stanleys Füße. Er war mit solchem Gusto in die Höhe geflogen, dass der berühmte Fotograf baff war."

Aus den Blogs, 04.11.2013

Vier Gründe, eine Gehaltserhöhung zu verlangen:




Jay Rosen, der Journalismusprofessor, den man gern gehabt hätte, denkt in seinem Blog über Old School- und New School-Journalismus nach und kommt dabei zu einem überraschenden Ergebnis: "Eine repräsentative Figur des 18. Jahrhunderts war Tom Paine, ein Pamphletist, der die Öffentlichkeit gegen willkürliche Macht aufbrachte. Heute arbeitet Glenn Greenwald genauso. Er ist der Störenfried, der die öffentliche Meinung gegen den Missbrauch von Macht aufbringt. In seinem Journalismus gibt es keine natürliche Grenze zwischen dem politischen Argument und der Information. Roger Cohen spricht über Kollegen wie den Times-Chefredakteur Bill Keller als 'Journalist der alten Schule', die die 'traditionelle' Forderung nach Ausgewogenheit berücksichtigen, aber das ist in meiner Sicht nicht korrekt. Greenwald ist alte Schule und der Journalismus der New York Times ist die jüngere Tradition." Auf die Diskussion zwischen Keller und Greenwald über Journalismus haben wir in der Magazinrundschau hingewiesen.

FAZ, 04.11.2013

Mark Siemons berichtet, wie doppelzüngig die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua auf den amerikanischen Abhörskandal reagiert. Gina Thomas war bei den Jubiläumsfeierlichkeiten des National Theatre in London. Die Fernsehsendung des ägyptischen Talkmasters Bassem Youssef wurde abgesetzt, weil er die Heldenverehrung von Armeechef Abd al Fattah al Sisi aufs Korn nahm, meldet Markus Bickel. Tatjana Rexroth stellt das Studio Neue Musik Moskau vor. Der Biologe Hansjörg Küster erklärt en detail, warum die letzte Flutkatastrophe für die Bahn vorhersehbar war und wie sie ihre Gleise künftig schützen kann (indem sie sie zwischen "Stendal und Rathenow künftig auf Ständern verlaufen" lässt).

Jetzt online: Constanze Kurz' Kolumne von Donnerstag, in der sie am Beispiel des Programms FoxAcid erklärt, wie die NSA quasi automatisch fremde Computer infiltriert.

Besprochen werden ein Konzert von Deep Purple in Mannheim, Frank Castorfs Bühnenbearbeitung von Célines "Reise ans Ende der Nacht" in München ("Frank Castorf, Erfinder und Herrscher des postdramatischen Reality-Show-Theaters mit Berliner Kneipenflair, schiebt die Grenzen seines Trash-Imperiums schon seit längerem konsequent nach Süden vor", beginnt Kerstin Holm und wird im Laufe der Kritik nicht freundlicher), die Uraufführung von Peter Eötvös' Oper "Paradise Reloaded" beim Festival Wien modern und Bücher, darunter Avi Primors Roman "Süß und ehrenvoll" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 04.11.2013

Für reine Desinformation halten John Goetz und Hans Leyendecker Behauptungen, nach denen hinter Edward Snowdens Enthüllungen der russische Geheimdienst stecke: "Die Enthüllungen des Informanten Snowden laufen nach journalistischen und nicht nach geheimdienstlichen Gesetzmäßigkeiten: mehr Aufklärung als Verfolgungswahn, viel Feuer, wenig Rauch - das Gegenteil also von gewöhnlicher Geheimdienstarbeit."

Im Feuilleton genießt Andrian Kreye die NSA-Affäre als "einen der besten Thriller der Zeitgeschichte": Er "manipuliert unsere Gefühle, indem er alles Vertraute infrage stellt - genau wie der NSA-Skandal: das Internet als Mittelpunkt einer digitalen Moderne. Amerika als Speerspitze eines demokratischen Westens. Der Rechtsstaat als Garant für eine freiheitliche Gesellschaft. Ist all das nun nichts mehr wert? Das wären keine nebensächlichen Kollateralschäden."

Ira Mazzoni meldet den Aufsehen erregenden Fund von Nazi-Raubkunst: Die umfangreiche, seit Jahrzehnten als zerstört geltende Sammlung des umstrittenen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt ist, wie nach langem Stillschweigen der Behörden erst jetzt bekannt wurde, schon im Jahr 2011 wieder aufgetaucht - verstaut in einer alten, zugemüllten Wohnung in Schwabing: "Nun [könnten] etliche Suchanfragen in der Lost-Art-Datenbank der Koordinierungsstelle Magdeburg geklärt werden. Die Erben jüdischer Sammler, die von den Nazis erpresst oder enteignet worden waren, könnten überraschend längst verloren Geglaubtes zurückerhalten." Weiteres dazu hier bei Focus, der die Geschichte als erstes brachte.

Weitere Artikel: In Finnland beginnen bereits die Vorbereitungen für den Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014, berichtet Kristina Maidt-Zinke. Philipp Stadelmaier spricht mit Isabelle Huppert sehr ausführlich über deren Rolle in Guillaume Niclouxs neuen Film "Die Nonne".

Besprochen werden ein von Martin Schläpfer choreografiertes Ballett zu Mahlers Siebter Sinfonie an der Deutschen Oper am Rhein, M.I.A.s neues Album (dessen "chaotische Ruhelosigkeit ... den Zeitgeist einer zerfaserten, globalisierten Welt" spiegelt, schwärmt Annett Scheffel) und Bücher, darunter Mario Vargas Llosas neuer Roman "Ein diskreter Held" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).