Heute in den Feuilletons

Floskelproduktion

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2013. In der Zeit äußert sich Imre Kertész bitter über das "Erinnerungsbusiness": "Ich habe den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil man die Literatur des Zeugentums preisen wollte." Und Eugen Ruge bekundet sein Missfallen an der repräsentativen Demokratie. In der taz erzählt Filmemacher Arnaud des Pallières ("Michael Kohlhaas"), wie ein Pferde-Casting funktioniert. Die Welt porträtiert den Psychiater und Bestsellerautor Boris Cyrulnik. Die FAZ lässt sich von einem Spezialisten erzählen, wie Überwachung am besten funktioniert: als vorauseilende Selbstüberwachung. Zwiespältig wird die Shortlist für den Buchpreis kommentiert.

Welt, 12.09.2013

Sascha Lehnartz trifft den Psychiater und Bestsellerautor Boris Cyrulnik in seiner Villa an der Côte d'Azur. In seinem Buch "Rette dich, das Leben ruft" denkt er über über seine Kindheit als vorm Holocaust gerettetes Waisenkind nach, während seine Eltern nicht überlebten, so dass er nach dem Krieg bei seiner Tante und Pflegeeltern aufwuchs: "Cyrulniks Ansatz in seinem Buch besteht darin, den Nahtstellen dieses Patchworks nachzugehen, zu erkunden, wie sich das, was er heute als seine Identität wahrnimmt, aus der eigenen, stellenweise fehlerhaften Erinnerung ebenso zusammensetzt wie aus den Erzählungen Dritter."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings ist nicht zufrieden mit der Shortlist für den Buchpreis, auf der Daniel Kehlmann und Helene Hegemann fehlen, und "ein komischer Erzähler (und Bestsellerautor!) wie Joachim Meyerhoff hatte von vornherein keine Chance. Stattdessen Düsternis, Tod und Verfall". Hans Rühle, ehemaliger Chef im Planungsstab des Verteidigungsministeriums, behauptet, dass Kant für eine Intervention in Syrien gewesen wäre. In einem Essay zum 11. September und zur Frage, was heute Freiheit bedeute, sieht Ulf Poschardt neben Maggie Thatcher ausgerechnet die Popkultur als Nährboden von Freiheit.

Besprochen werden Ari Folmans Film "The Congress" mit Robin Wright und Michael Wallners dreistündiges Kanzlerdrama "Willy Brandt - Die ersten hundert Jahre" im Theater Lübeck.

Perlentaucher, 12.09.2013

In ihrem Dokumentarfilm "Freedom Bus" begleitet Fatima Abdollahyan das gleichnamige Demokratisierungsprojekt des in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Ägypters Ashraf El-Sharkawy, fasst Lukas Foerster in der Kinokolumne des Perlentauchers zusammen: "Dass die Öffentlichkeit, auf die die Freedom-Bus-Mitarbeiter mit ihren Schaubildern und ihrem Idealismus losgelassen werden, zuerst einmal ganz andere Sorgen hat als die korrekte Definition von 'Exekutivgewalt', spricht allerdings noch lange nicht gegen das Projekt."

"Wann habe ich zuletzt einen so räudig-megalomanischen Vorspann gesehen?", fragt sich Elena Meilicke in Ihrer Rezension von "Il Futuro", Alicia Schersons Adaption eines Bolaño-Romans: "'Il Futuro' feiert den Tand und das Flitterwerk, es geht um billige Träume und kleine Sehnsüchte."

NZZ, 12.09.2013

Auf dem Gelände einer ehemaligen Michelin-Reifenfabrik in Trento hat Renzo Piano ein neues Wissenschaftsmuseum gebaut, das sich angenehm von der "stagnierenden Architekturentwicklung" Italiens absetzt, berichtet Gabriele Detterer. Thomas Leuchtenmüller wünscht dem Schriftsteller Michael Ondaatje zum 70. Geburtstag den Literaturnobelpreis.

Besprochen werden die Filme "What Maisie Knew" von David Siegel und Scott McGehee und "The Congress" von Ari Folman (den Björn Hayer als "ein poetisches Opus magnum" preist) sowie Bücher, darunter eine neue Ethik-Einführung von Otfried Höffe, der wie Michael Ondaatje heute 70 wird (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
Anzeige

Spiegel Online, 12.09.2013

Einige Chefs großer Internetkonzerne haben (in Absprache mit den Behörden, nehmen wir an) die NSA angegriffen, meldet Spiegel Online mit dpa: "Facebook-Chef Zuckerberg hat die Internetspionage durch den US-Geheimdienst NSA auf einer Technologiekonferenz in Kalifornien scharf kritisiert. Er wünsche sich, dass die Regierung besser aufkläre. Auch Yahoo-Chefin Mayer übte Kritik: 'Wenn du dich nicht fügst, ist es Landesverrat', sagte sie."

TAZ, 12.09.2013

Cristina Nord unterhält sich mit dem französischen Filmemacher Arnaud des Pallières über seine Verfilmung von Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas", den Mads Mikkelsen gibt. Des Pallières erzählt: "Wir haben eine Art Pferde-Casting gemacht: Welches Pferd passt zu welcher Figur? Denn die vollständige Figur, die setzte sich ja aus Mann und Pferd zusammen ... Das sind alles Hengste. Die haben einen schrecklichen Charakter. Die lehnen sich die ganze Zeit auf, verströmen Nervosität und eine außergewöhnliche Animalität. Die Schauspieler waren manchmal etwas unruhig, die Pferde waren keine Sessel, keine Kühe, sondern ein bisschen wie wilde Tiere. Die Schauspieler mussten also mutig sein." (Da hat Aron Lehmann die Darsteller in seiner im August ins Kino gekommenen "Kohlhaas"-Adaption lieber gleich auf Kühen reiten lassen.)

Dirk Knipphals kommentiert die Shortlist zum Deutschen Buchpreis, die für betroffene Autoren ein echter "Aufreger" sei, weil man sowohl vor als auch nach der Nominierung "gerne souverän" wäre, es aber nicht ist. Christine Kewitz berichtet über das Perspectives Festival in Berlin, auf dem es um die Vernetzung von Frauen in der elektronischen Musikszene geht. Ophelia Abeler schreibt in ihrer New York-Kolumne über den Unterschied von Modebloggern und echten Modejournalisten.

Besprochen wird Ari Folmans Film "The Congress" über eine gescannt und damit digital allseits einsetzbare Schauspielerin, der Rezensent Simon Röhler zu viele "bierernste Empörungssätze" hat, um eine amüsante Parodie zu sein.

Und Tom.

Zeit, 12.09.2013

In einem großen Interview mit Iris Radisch zieht Imre Kertész eine so schonungslose wie geistvolle Bilanz seines Schreibens und Lebens. Verbittert äußert er sich über das "Erinnerungsbusiness", in dem ihm die Rolle des "Holocaust-Clowns" zugefallen sei: "Ich habe den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil man die Literatur des Zeugentums preisen wollte. Man hat mich vorher nach Stockholm eingeladen, um eine Rede zu halten. Aber in Wahrheit wollte man wissen, ob ich eine akzeptable Figur abgebe oder ob ich mein Rührei mit den Händen esse. Man kann nicht viel dagegen tun. Man ist ohnmächtig diesen Mächten gegenüber."

Die repräsentative Demokratie ist mitnichten repräsentativ, findet Eugen Ruge und stellt ein paar ketzerische Gedanken an: "Ist uns eigentlich klar, dass eine sachkundig durchgeführte zufällige Auswahl aus politischen Laien, mit anderen Worten: ein ausgewürfeltes Parlament, die Zusammensetzung unseres Volkes wesentlich besser repräsentieren würde als das gegenwärtige Verfahren?"

Weiteres: Das Schlingern im Syrienkonflikt zeigt die westlichen Mächte an den "Grenzen ihrer Macht", meint der Dichter und Philosoph Abdelwahab Meddeb: "Vielleicht ahnt der Westen, dass die letzten Tage seiner Hegemonie bald kommen." Josef Joffe denkt über das Töten im Namen der Humanität nach. Angesichts neuer Enthüllungen Edward Snowdens zur Entschlüsselbarkeit aller Kommunikation fürchtet Kilian Trotier die Abnutzung der öffentlichen Aufmerksamkeit. Susanne Mayer porträtiert Jakob Augstein. Tobias Timm stellt den Architekten Diébédo Francis Kéré aus Burkina Faso vor, der den Wettbewerb zur Umgestaltung der Taylor Barracks in Mannheim gewonnen hat und dafür sorgen will, dass "bald Menschen surfen, wo früher Panzer rollten". Anlässlich der Ausstellung "Salon der Angst" in Wien referiert Thomas Assheuer eine kurze Geschichte der Ängste der globalen Moderne.

In ihrem Fazit zu den Filmfestspielen von Venedig bedauert Katja Nicodemus, dass mit "Sacro GRA" eine "banale Begegnungen mit einem Grüppchen skurriler Zeitgenossen" gewonnen hat. Volker Hagedorn kann beim Berliner Musikfest das Vorurteil entkräften, die großen Orchester klängen immer ähnlicher. Besprochen werden außerdem das Album "Tap", auf dem der Gitarrist Pat Metheney Kompositionen von John Zorn spielt, die erste Folge der RTL-Show "Die 2" über die Männerfreundschaft zwischen Günther Jauch und Thomas Gottschalk ("wer das nicht rührend findet, kann unmöglich ein Herz haben", meint Marie Schmidt) und Bücher, darunter James Salters neuer Roman "Alles, was ist" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Im Wirtschaftsteil spricht Stephan Schäfer, "Produkt-Vorstand" von Gruner + Jahr, mit Alina Fichter und Götz Hamann über die Balance zwischen Print und digitalen Geschäftsmodellen und den Vorwurf der Schleichwerbung gegen seine Lifestyle-Zeitschriften. Jana Gioia Baurmann berichtet von der Eröffnung des ersten Facebook-Rechenzentrums außerhalb der USA - in Schweden, wo man jetzt auf einen IT-Boom hofft.

SZ, 12.09.2013

Jens Bisky ereilt bei der Lektüre des Inhaltskonzepts für das Berliner Agora- und Humboldt-Forum arg juckende Phrasolitis. Darauf reagiert er allergisch: "Dass nach all den Diskussionen, Ankündigungen, Absichtserklärungen das Stadium der Floskelproduktion noch nicht verlassen wurde, lässt Schlimmes befürchten. ... Es ist an der Zeit, die Geister der diskursiven Überbietung auszutreiben. Als nächster Schritt ist ein 'Leitbild' versprochen. Eine ordentliche Ausstellung in der Humboldt-Box wäre nützlicher."

Außerdem: Rainer Gansera spricht mit Antonin Svoboda über dessen Film "Der Fall Wilhelm Reich". Lothar Müller studiert die Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wundert sich nicht, dass Daniel Kehlmann nicht mehr dabei ist: Denn die Traditionslinie verzeichnet vor allem "Bücher, die sich in ihre Stoffe verkrallen und verbeißen und dabei mit oft grimmigem Humor die deutsche und europäische Nachwendewelt und Formen des Ich-Verlustes erkunden".

Besprochen werden Ari Folmans neuer Film "The Congress", die Foto-Ausstellung "Distance and Desire" in Ulm, eine "Nabucco"-Aufführung an der Deutschen Oper Berlin, die Stücke des Saisonauftakts am Nationaltheater Weimar und Mathias Ènards Roman "Straße der Diebe" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 12.09.2013

Eine ganze Gruppe "junger F.A.Z.-Mitarbeiter" lässt sich von Herrn Morgenroth, Mitarbeiter von Cataphora, einem Unternehmen für Angestellten-Monitoring, über die Potenziale angewandten Spionierens aufklären. Er erzählt ihnen als Beispiel von dem Life-Tracking-Armband, das die Stadt Houston zur Gesundheitsvorsorge an ihre Mitarbeiter verteilt hat: "Dieses Armband misst, wie lange man schläft, wie viel man sich bewegt, über eine App lassen sich das Ess- und das Trinkverhalten eingeben. Das Armband soll die Nutzer zu einem besseren Lebensstil motivieren - so lautet die Werbebotschaft. Die Stadt Houston erhofft sich von der Aktion, dass ihre Mitarbeiter durch die Kontrollinstanz des Armbands gesünder leben. Andernfalls könnte sie ihnen sagen: Du bist mir zu krank, wir entlassen dich. Es entsteht ein Zwang, der Nutzer beginnt, sich selbst zu überwachen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb bewundert die Kunst des Lesens beim Literaturfestival in Berlin. Nach den jüngsten juristischen Ereignissen um Suhrkamp fühlt sich Sandra Kegel mittlerweile wie auf der sinkenden Titanic, auf der das Orchester aufspielt, während alles den Bach runtergeht. Felicitas von Lovenberg lobt die Shortlist für den Deutschen Buchpreis: "eine literarisch anspruchsvolle Auswahl". Lukas Foerster empfiehlt eine Reihe des Filmmuseums Wien zum frühen Horrorfilm von 1918 bis 1966. Ebba D. Drolshagen liefert die historischen Hintergründe zu Georg Maas' Film "Zwei Leben", der gerade von German Films als deutscher Kandidat für die Nominierungen des Auslandsoscar ins Rennen geschickt wurde. Wolfgang Schneider rockt auf dem Berliner Konzert von Soundgarden, auch wenn es ihm für die Details im Spiel der Grunge-Rocker doch zu laut war.

Auf der Medienseite zeigt sich Michael Hanfeld ziemlich genervt von der Rösler-Interview-Affäre der taz, die gegenüber der FDP den sterbenden Schwan des kritischen Journalismus spielt, hintenrum aber einen gegenüber den Grünen kritischen Artikel aus dem Blatt genommen und dessen Autor Christian Füller, wie Hanfeld erfuhr, "kalt gestellt" hat. Hanfeld rät: "Bis auf weiteres, hat sie die Ressortleiter des Blattes schriftlich angewiesen, dürften 'keine Texte von ihm in der taz erscheinen. Bitte sorgt dafür, dass dies nicht passiert.' Die bis dato von dem Redakteur betreute Bildungsseite der taz machen jetzt andere."

Besprochen werden die wiedereröffnete Installation "In Orbit" in der Düsseldorfer Kunstsammlung, Arnaud des Pallières Kleist-Verfilmung "Michael Kohlhaas" mit Mads Mikkelsen und Bücher, darunter Jennifer Egans Twitter-Krimi "Black Box" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).