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Literaturbeilagen

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Im Kino

Das Licht der römischen Sonne

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Elena Meilicke
12.09.2013. Der Dokumentarfilm "Freedom Bus" von Fatima Abdollahyan nähert sich dem postrevolutionären Ägypten aus der Perspektive eines Demokratie-Idealisten. Alicia Schersons Bolaño-Verfilmung "Il Futuro" übersetzt einen Lumpenroman in faszinierende, ölig glänzende Bilder.


Eine kleine Gruppe vorwiegend junger Menschen, die nicht an klassischen Arbeitsplätzen in Büros, sondern über eine Wohnung verteilt an ihren Laptops irgendetwas Buntes, Animiertes erstellen, dazwischen gemeinsam Arbeitsbesprechungen abhalten, bei denen ein hornbebrillter, nicht mehr ganz so junger Mann Schlagworte auf einer Tafel notiert: Das könnte ein Internet-Start-up sein, vielleicht auch eine gerade neu gegründete Werbeagentur. Die Mitarbeiter von "Freedom Bus" haben anderes im Sinn: sie wollen mithelfen, in Ägypten die Demokratie einzuführen. Zu diesem Zweck fahren sie später im Film mit einem Bus durch die Gegend, sprechen mit Passanten über die Grundlagen der erhofften zukünftigen Republik, führen selbstgebastelte Power-Point-Präsentationen zur Gewaltenteilung oder einen selbstentworfenen "Baum der Demokratie" vor.

Der Film "Freedom Bus" verfolgt die Arbeit an dem Projekt "Freedom Bus" über den Verlauf einiger Monate und portraitiert dabei ein Land inmitten einer Neuorientierung: Kurz nach dem Sturz Husni Mubaraks setzt er ein, kurz nach den Parlamentswahlen ab November 2011, bei denen die von der Muslimbruderschaft gesteuerte Freiheits- und Gerechtigkeitspartei beinahe die absoulte Mehrheit errang, endet er. Vieles von den Desillusionierungen, die dann folgten und die dieses Jahr in neuen Protesten und schließlich in der Absetzung Mohammed Mursis durch das Militär resultierten, nimmt der Film schon vorweg.

Zwischendurch zeigt Fatima Abdollahyans Film zwar auch geläufige Aufnahmen von den Straßen Kairos: die Bilder von den Demos, die man aus den Fernsehnachrichten oder von Twitter kennt, die großartigen Grafitti, die man zum Beispiel aus Rudolf Thomes Blog kennen könnte. Im Kern ist "Freedom Bus" jedoch ein Porträtfilm. Die eigenwillige, aber am Ende sehr produktive Perspektive auf die Ereignisse in Ägypten, die Abdollahyan entwirft, ist über weite Strecken identisch mit der Perspektive des Gründers des Projekts: Ashraf El-Sharkawy, der Mann mit der Hornbrille. El-Sharkawys Eltern stammen aus Ägypten, er selbst ist in Gießen geboren, in Stuttgart aufgewachsen und kennt das Land, in dem er sich jetzt wiederfindet, nur aus den Sommerferien. Aufgegeben oder zumindest unterbrochen hat er für "Freedom Bus" eine erfolgreiche Karriere bei der Allianz, was ihm einmal von seinem Vater, der schon vor ihm, nach Jahren im Ausland wieder nach Ägypten zurückgezogen war, vorgehalten wird: Wie er auf diese Sicherheit verzichten könne für ein Projekt ohne langfristige Perspektive? Die implizite Antwort: Weil Ashraf El-Sharkawy eben doch nach wie vor Deutscher ist. Vorerst hat er sogar noch eine Wohnung in München, und auch, wenn er diese am Ende des Films leerräumt, wird er sich damit nicht alle Rückzugsmöglichkeiten verbaut haben.



Schon in seinen Begegnungen mit der eigenen Familie merkt man, dass Ashraf El-Sharkawys Blick auf Ägypten einer von Außen ist. Der kluge, zurückhaltende Film eignet sich diesen Blick selbst an, er kann gar nicht anders: Filmteam wie Finanzierung kommen aus Deutschland, die Distanz bleibt spürbar, es geht nie darum, irgendwo ungebührlich einzudringen. Gleichzeitig reflektiert er, gemeinsam mit seiner Hauptfigur, diesen Blick kritisch - ohne dass er dadurch diskreditiert würde: Wenn El-Sharkawy über seine Motiviation und die Hoffnungen, die er in das Projekt setzt, redet, mag man manches naiv finden, erst recht aus der sicheren Entfernung, aber noch im gefühlten (messbar ist sowieso nichts; nie ist man in der Politik hilfloser, als wenn es ans Quantifizieren geht) Scheitern macht sein Projekt Ambivalenzen sichtbar, die man ansonsten "von Außen", aus der Tagespresse zum Beispiel, kaum wahrnehmen könnte.

Das liegt nicht zuletzt am von Anfang an prekären Status des Projekts. "Freedom Bus" wurde unter anderem vom deutschen Innenministerium gefördert und unterhält keine Verbindungen zu Parteien oder anderen wichtigen Machtgruppen des neuen Ägypten. Das hat praktische und konzeptionelle Gründe. Praktische, weil in der angespannten bis paranoiden Atmosphäre des postrevolutionären Ägypten jede vermeintliche Einmischung von Außen ganz besonders kritisch beobachtet wird. Konzeptionelle, weil El-Sharkawy seine Hoffnungen eher in die Verfahrensregeln der Demokratie setzt, als in spezifische Inhalte, die sich in diesen Regeln artikulieren sollen. Das ist eine interessante Position, spätestens auf den Straßen Ägyptens merkt man aber, dass diese Unterscheidung nicht immer einfach und auch nicht immer einleuchtend ist, schon gar nicht, wenn man sogar noch die in den Auseinandersetzungen zentrale Frage der Religion auszuklammern versucht. Dass die Öffentlichkeit, auf die die Freedom-Bus-Mitarbeiter mit ihren Schaubildern und ihrem Idealismus losgelassen werden, zuerst einmal ganz andere Sorgen hat als die korrekte Definition von "Exekutivgewalt", spricht allerdings noch lange nicht gegen das Projekt. Demokratie heißt immer auch, dass alles Partikulare mit Allgemeinerem vermittelt werden muss; die Anstrengungen, die das mit sich bringt, führt "Freedom Bus" eindrucksvoll vor Augen.

Lukas Foerster

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Golden, alles ist golden in "Il Futuro": das Licht der römischen Sonne, die ölig glänzenden Körper der Bodybuilder, die Paillettenkleidchen der Tänzerinnen in der Fernseh-Gameshow. Schon der Vorspann weicht ab vom üblichen Indie-Kleinkram: Credits und Filmtitel prunken in pompösen goldenen Lettern, dazu große Musik und warme Bilder einer Landschaft im Abendlicht. Totale auf einen kleinen gelben - goldenen? - Fiat, der weite leere Landstraßen entlangkurvt. Freiheit, denkt man, aber auch Hollywood B-Picture, Schund und Schmonzette. Wann habe ich zuletzt einen so räudig-megalomanischen Vorspann gesehen? Wenn schon, denn schon. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. "Il Futuro" feiert den Tand und das Flitterwerk, es geht um billige Träume und kleine Sehnsüchte.

"Lumpenroman", "Una novelita lumpen", heißt die Vorlage von Roberto Bolaño. Erst nach seinem Tod wurde das Buch veröffentlicht, dieser Roman, der in Rom spielt und eigentlich nicht mehr als eine kurze, karge Erzählung ist. Genau 110 Seiten über zwei lumpige Leben und eine Handvoll Dollar. Kalt und knapp berichtet darin die junge Bianca vom Unfalltod ihrer Eltern und davon, wie sie und ihr Bruder als Waise weiterleben. Alles ist äußerlich, vage und ungenau. Eines Tages stehen zwei Fremde im Flur, Freunde des Bruders aus dem Fitness-Studio, die namenlos bleiben und das leere Zimmer der toten Eltern in Beschlag nehmen. Morgenstund' hat Gold im Mund, aber für Bianca leuchtet ab jetzt auch die Nacht. Hänsel und Gretel wollen Sterntaler sein, und die namenlosen Freunde fassen einen Plan. Bianca soll Köder spielen und den alten Maciste, einen einstigen Boxer und Mr. Universe, verführen. Und dabei herausfinden, wo Maciste sein Geld versteckt.



Regisseurin Alicia Scherson hat die seltsame Fremdheit von Bolaños kleinem Roman sehr gut in Filmbilder übersetzt - in goldene Bilder eben, Bilder mit surrealen Lichteffekten, Bilder, in denen eine Sozialarbeiterin plötzlich vom Küchentisch verschwindet, als wäre sie eine Außerirdische (und mit ihr verschwindet jeder Anflug von filmischem Sozialrealismus). Eine großartige Tonspur öffnet die Bilder, ver- und entfremdet das, was zu sehen ist. Manchmal dröhnt ein Ostinato voller Bassakkorde, manchmal singt eine zarte Frauenstimme auf Japanisch und manchmal hört man ein dumpfes Rumpeln und Fiepen, als würden ganz weit weg in der Ferne Planeten ihre Bahn ändern. Als würde ein Ächzen durchs Universum gehen oder ein alternder Mr. Universe dem Ende entgegen.

Mit Maciste (der von Rutger Hauer gespielt wird, dem blonden Replikanten aus "Blade Runner") wird der Lumpenroman zur Kinogeschichte: ein Filmstar ist er gewesen, in monumentalen Sandalenfilmen, die die römischen Filmstudios in den 50er und 60er Jahren in Serie produziert haben: "Die unglaublichen Abenteuer des Herkules", "Herkules und die Königin der Amazonen", "Die Rache des Herkules", "Vampire gegen Herkules". Filmausschnitte zeigen die ewige Stadt als Cinecittà, goldene Kinokulissenvergangenheit. Jetzt ist der Held blind und schwach. Einsam vegetiert der Koloss in seinem dunklen Haus. Aber wenn Bianca kommt, dann packt der Alte sie in einer schnellen lautlosen Bewegung, die man dem Blinden gar nicht zugetraut hätte, und legt sich das Mädchen über die Schulter. Wie ein Pas de deux im Modern Dance. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Und wenn Maciste Biancas Körper zärtlich mit Öl einreibt, dann glänzt ihr Körper wie der eines Bodybuilders, natürlich golden.

Elena Meilicke

Freedom Bus - Deutschland 2012 - Regie: Fatima Abdollahyan - Laufzeit: 90 Minuten.

Il futuro - Italien 2013 - Regie: Alicia Scherson - Darsteller: Manuela Martelli, Rutger Hauer, Nicolas Vaporidis, Luigi Ciardo, Alessandro Giallocosta, Pino Calabrese - Laufzeit: 94 Minuten.

Archiv: Im Kino

Nicolai Bühnemann, Lukas Foerster: Weitgehend anorganisch

26.05.2016. Um eine zärtliche Annäherung zwischen einem Mädchen und einem Nachtmahr geht es in Akiz' psychoanalytischen Horrorfilm "Der Nachtmahr". Der japanische Regie-Berserker Sion Sono zieht in seiner Fukushima-Science-Fiction-Parabel "The Whispering Star" die ästhetizistische Handbremse. Mehr lesen

Lutz Meier: Die Bösen sind die Guten

23.05.2016. Mit der Auszeichnung für Ken Loachs neues Drama "I, Daniel Blake", das durchaus kein schlechter Film ist, hat die Jury dennoch die interessantesten Tendenzen des Festivals verkannt. "Toni Erdmann", Maren Ades Berserker und riesiges Zottelwesen, wird sich dennoch durchsetzen. Sehr sehenswert auch Asgar Farhadis "The Salesman", der zum Abschluss des Wettbewerbs lief. Mehr lesen

Lutz Meier: Auf eine Weise universell

20.05.2016. Cannes vor der Wahl: Es gibt wieder Filme, die Grenzen sprengen und die dennoch ein Publikum finden können. Neue Produktionen von Xavier Dolan, Christian Mungiu und den Dardenne-Brüdern machen es der Jury nicht einfacher. Mehr lesen

Nicolai Bühnemann, Thomas Groh: Ausgeliefert ans Werk

18.05.2016. In der Zwangssituation einer Kinovorstellung macht Robert Eggers' texturintensiver Horrorfilm "The Witch" existenzielle Erfahrungen nachvollziehbar. Bryan Singers Superheldenfilm "X-Men: Apocalypse" erliegt dem Fluch vieler Blockbusterserien: Der dritte Film ist immer der schlechteste. Mehr lesen

Lutz Meier: Weiterleben

17.05.2016. Erste Höhepunkte in Cannes: Ein kollektiver Filmrausch macht Maren Ades "Toni Erdmann" zum Favoriten des Festivals, Jim Jarmuschs "Paterson" findet die Poesie und Pedro Almodóvars "Julieta" den Grund des Schicksals. Nur die Franzosen kommen nicht gut an. Mehr lesen

Lukas Foerster, Fabian Tietke: Schinkenbrot, Marmeladenbrot

11.05.2016. Franz Müller schickt in seinem neuen kommunikativen Experimentalfilm "Happy Hour" drei Deutsche Männer in irische Kneipen. Tomer Heymann portraitiert in seinem begeisternden Tanzfilm den israelischen Choreografen Ohad Naharin. Mehr lesen

Sebastian Markt, Jochen Werner: Desperate Lebendigkeit

04.05.2016. Eine Ästhetik der Zugedröhntheit auf den Straßen Manhattans entwirft "Heaven Knows What", der neue Film der Brüder Ben und Joshua Safdie. Der einstige Tarantino-Protégé Eli Roth fügt seinem unterschätzten Werk mit "Knock Knock" einen hintersinnigen Thriller hinzu. Mehr lesen

Lukas Foerster, Thomas Groh: Gleißend, schillernd, schäumend

27.04.2016. Spektakelkino sondergleichen aus Südindien: S.S. Rajamoulis "Bahubali: The Beginning" lässt alle Realismusetüden hinter sich. Tom Tykwers exotistische Bestsellerverfilmung "Ein Hologramm für den König" füllt alten Wein in noch ältere Schläuche. Mehr lesen

Thomas Groh, Patrick Holzapfel: Teil des Spiels

20.04.2016. "Gods of Egypt" erzählt in bunter Fabulierlust - inklusive einer Art antiken Multitasking-Wikipedia - vom Kampf einer bunten Götterwelt gegen den Monotheismus. in "Chevalier" überwachen nicht der Staat oder Kameras die konkurrierenden Männer - sie tun es von selbst. Mehr lesen

Sebastian Markt, Fabian Tietke: Moment der Störung

14.04.2016. Etwas Unerhörtes artikuliert sich in Nicolette Krebitz' fragil widerspenstigem "Wild", der vom Leben in der Stadt, von Begehren und einem Wolf erzählt. Nabil Ayouchs "Much Loved" beschreibt den Alltag dreier Sexarbeiterinnen in Marrakesch. Mehr lesen

Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Die Ehre der ausländischen Teufel

06.04.2016. Ein mönchischer Kampfsportheld nimmt in Wilson Yips "Ip Man 3" zum wiederholten Mal den Kampf gegen diverse harte Jungs auf. Ein "Book of Climaxes" öffnen Guy Maddin und Evan Johnson in "The Forbidden Room" (und schichten Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc.) Mehr lesen

Lukas Foerster, Michael Kienzl: Lässiger Ausnahmezustand

31.03.2016. Eine Revolution als Mogelpackung rekonstruiert Sergei Loznitsa in seinem Found-Footage-Dokumentarfilm "The Event". Regisseur Dan Trachtenberg und Produzent J.J. Abrams konfrontieren in "10 Cloverfield Lane" Mary Elizabeth Winstead mit einer grundlegend instabilen Welt. Mehr lesen

Lukas Foerster, Patrick Holzapfel: Hypnose statt Kohärenz

24.03.2016. Einen Superheldenvergleich stellt Zack Snyder in "Batman v Superman - Dawn of Justice" an. Apichatpong Weerasethakuls soeben auf DVD erschienener erste Langfilm "Mysterious Object at Noon" zeigt durch einen somnambulen Filter die Enstehung von Träumen. Mehr lesen

Thomas Groh, Michael Kienzl: Atompilz der guten Laune

17.03.2016. Der Verzicht ist Programm in Kevin Reynolds authentizitätsfixierten Bibelfilm "Auferstanden". Phil Collins gelingt in "Tomorrow Is Always Too Long" einigen kitschigen Scherenschnitten zum Trotz ein angenehm zwischen Affirmation und Dekonstruktion pendelndes Stadtporträt Glasgows. Mehr lesen

Janis El-Bira, Lukas Foerster: Monströser Querschläger

09.03.2016. László Nemes' Holocaustfilm "Son of Saul" strebt trotz der behaupteten radikalen Subjektivität in die Richtung einer hochästhetisch verdichteten "grand récit" von Auschwitz. Jay Roach beschreibt in "Trumbo" das antikommunistische "blacklisting" als Privatvergnügen einer Society-Reporterin.
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