Heute in den Feuilletons

Das vorläufige Wahnkrönchen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.09.2013. Die taz ist stolz wie Bolle auf ein Interview mit Philipp Rösler, bei dem sie am Ende nur ihre Fragen zu seinem asiatischen Aussehen publizierte, andere (inklusive vieler taz-Leser) finden es rassistisch. Thomas Knüwer und Cordt Schnibben streiten über die Frage, ob eine Zeitung als App kommen kann. Die taz staunt außerdem über den heiligen Ernst des J.M. Coetzee. Die FAZ porträtiert den chinesischen Milliardär Huang Nubo. Alle Zeitungen berichten über den neuen Stand bei Suhrkamp.

TAZ, 11.09.2013

Im taz-Hausblog tobt eine Riesendebatte um das Interview mit Philipp Rösler, von dem gestern nur die Fragen gedruckt wurden, weil Rösler es nicht freigegeben hatte. Chefredakteurin Ines Pohl verteidigt das Interview als Akt journalistischen Widerstands: "Rösler hat der taz ein Interview gegeben, das ihm später im Wahlkampf schädlich zu sein schien."

Timo Reinfrank, Mitarbeiter der Amadeu-Antonio-Stiftung, hält die Fragen dagegen für glatt rassistisch und wäre, wie er im Interview mit Daniel Bax meint, an Röslers Stelle schon viel früher rausgegangen: "Wenn Sie mit ihm über Rassismus hätten reden wollen, dann hätten sie ihn doch fragen können, was die FDP dagegen macht. Das Interview kehrt aber immer wieder zu seiner Person zurück. Er wird nach seinem asiatischen Aussehen befragt, nach seinen nichtdeutschen Wurzeln. Es geht die ganze Zeit um ihn, nicht um die Gesellschaft."

In der Kultur: Dirk Knipphals hat beim Berliner Literaturfestival die Lesung des so großen wie scheuen J.M. Coetzee erlebt (aus dem neuen Roman "Die Kindheit Jesu"), die er einen Auftritt ohne alles Auftritthafte nennt. Und doch: "Die Zurückhaltung Coetzees, der an diesem Abend wie sein eigener Stellvertreter wirkte, hatte noch einen anderen Aspekt. Schüchternheit? Dienst an der Sache? Doch irgendwo Schrulligkeit? Man war sich nicht sicher, wie man diese offensive Zurückhaltung nun werten soll. Heiliger Ernst wehte einem von der Bühne entgegen. Man fühlte sich wie zu einer auratischen Pilgerfahrt gedrängt. Die unternahm man gerne, weil der Text so gut ist. Aber das Gedrängtwerden nahm man auch wahr."

Weiteres: Christian Lehmann Carrasco erinnert sich an den anderen 11. September, als die Militärs in Chile den Präsidenten Salvador Allende aus dem Amt putschten. Alexander Kohlmann kommt verstört aus der Bühnenfassung von Sönke Neitzels und Harald Welzers "Soldaten".

Und Tom.

Welt, 11.09.2013

Barbara Möller empfiehlt der taz, den "Mantel des Schweigens" über das Rösler-Interview zu breiten. Überall Retro, sogar bei arte, klagt Alan Posener. Wieland Freund war bei einer Lesung J.M. Coetzees beim Literaturfestival in Berlin. Stefan Grund unterhält sich mit Heinz Hoenig, der in Berlin eine Hauptrolle in dem Musical "War Horse" spielen wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Blumen und Pilze" im Museum der Moderne in Salzburg, René Polleschs Adaption von "Glanz und Elend der Kurtisanen" für die Volksbühne Berlin, eine Biografie des "Hitlerjunge Quex"-Regisseurs Hans Steinhoff und - im Aufmacher - der Bildband "Architektur für die russische Raumfahrt".

NZZ, 11.09.2013

Marc Zitzmann spaziert über die neue Rambla von Paris: das vom Autoverkehr befreite linke Seine-Ufer. Jagoda Marinic erzählt von der Schönheit der istrischen Brijuni-Inseln, gegen die selbst ein "König Lear" nur gerade eben ankommt. Thomas Schacher berichtet vom großen Tonkünstlerfest in Bern.

Besprochen werden eine Ausstellung des Mexikaners Gabriel Orozco im Kunsthaus Bregenz, Bernhard Viels Biografie des Kulturhistorikers Egon Friedell sowie die Ameisenbücher von Edward O. Wilson und Niels Werber (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Aus den Blogs, 11.09.2013

Sascha Lobo bringt es bei Twitter auf den Punkt:


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Spiegel Online, 11.09.2013

Spon bringt Informationen zum neusten Stand bei Suhrkamp. Das Landgericht Frankfurt hat dem Minderheitseigner Hans Barlach Recht gegeben. Ulla Unseld-Berkéwicz kann den Verlag vorerst nicht in eine AG umwandeln. Der Verlag geht in Berufung.

Eine Bürgerrechtsgruppe der Electonic Frontier Foundation hat die NSA gerichtlich gezwungen, Akten aus den Jahren 2006 bis 2009 freizugeben, berichtet Spiegel Online: "Sie zeigen, dass die NSA fast 17.800 US-Telefonanschlüsse überwachte - nur etwa 1800 seien aber im Anti-Terror-Kampf möglicherweise von Interesse gewesen, sagte ein ranghoher Geheimdienstvertreter."

Sascha Lobo kommt sich angesichts der kopflosen Reaktionen der Bundesregierung auf die Spionageaffäre mehr und mehr vor wie im Irrenhaus: "Das vorläufige Wahnkrönchen unter den Momenten des Irrsinns lässt sich direkt dem Kanzleramt zuordnen, nämlich dessen Chef Ronald Pofalla. Von ihm soll die Anweisung an den Verfassungsschutz ergangen sein, mit dem Helikopter im Tiefflug über das US-Konsulat in Frankfurt hochauflösende Fotos derjenigen Spähinstrumente zu machen, die es laut Pofalla laut NSA nicht gibt. Eine sinnlosere, plumpere Provokation lässt sich kaum ersinnen, zum Glück war die Diskussion um die Spähaffäre längst beendet, sonst hätte es sicher ein großes Hallo gegeben."

Weitere Medien, 11.09.2013

Der New Yorker zeigt einige Cover, die sich mit dem 11. September befassen.

Bei Zeit online nimmt Christiane Schulzki-Haddouti die neue Datenschutzrichtlinie der Wikimedia Foundation unter die Lupe. "Generell", schreibt sie, "scheint die Wikimedia es nicht auf Datenvermeidung und Datensparsamkeit anzulegen: Das ist in ihren Augen die Aufgabe der Nutzer selbst. ... Überhaupt ist Datenschutz angesichts der Struktur der Seite nicht so einfach. So kann zwar jeder mitmachen, ohne persönliche Daten angeben zu müssen. Gleichwohl wird jede Aktion auf der Plattform auf unbestimmte Zeit gespeichert. Dabei wird sie entweder einem Nutzerkonto oder, falls dieses nicht besteht, einer IP-Adresse zugeordnet. Nutzer, die ein Anonymisierungswerkzeug verwenden, sollen sogar von den Administratoren regelmäßig gesperrt werden."

Aus den Blogs, 11.09.2013

Thomas Knüwer guckt sich auf Indiskretion Ehrensache die von Spiegel-Mann Cordt Schnibben ins Spiel gebrachte App Der Abend an, die wie eine Tageszeitung im digitalen Zeitalter funktionieren soll "Hübsch. Aber: Das Kommentieren ist heute schon Alltag, das Teilen auch. Nun ist das aber mit dem Teilen so eine Sache. Denn die App soll abonniert werden. Somit aber ist die Teilen-Funktion sinnlos, denn wer Links zu geschlossenen Inhalten teilt, macht sich keine Freunde." Zu dem Artikel hat sich eine längere Diskussion zwischen Knüwer, Schnibben und anderen entfaltet.

Neue freie Musik aus den Weiten des Internet: Die Septemberausgabe von Roland Graffés Netaudio-Podcast bei Machtdose:

Stichwörter: Musik, Cordt Schnibben, Cord

FAZ, 11.09.2013

Mark Siemons porträtiert den chinesischen Milliardär Huang Nubo, der es sich in den Kopf gesetzt hat, in den nächsten zehn Jahren sämtliche 160 Welterbestätten zu besuchen und dabei zu erkunden, wie freundlich die Menschen sind. Dabei "habe er es abgelehnt, sagt er, mit einem großen Team und allen möglichen Experten und Sponsoren zu reisen: Wenn ein Flugzeug Verspätung hat oder gar nicht fliegt, könne er sich einfach auf den Boden setzen und ein Bier trinken; diese Art heiteres Akzeptieren des Gegebenen habe er als Bergsteiger gelernt und wolle es nicht verlieren."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube erkundet das Seelenleben von Vorstandsvorsitzenden. Eleonore Büning kommentiert den vorzeitigen Abgang des großen Gerard Mortier im Teatro Real von Madrid. Für die Serienseite guckt Nina Rehfeld die neue Staffel von "The Newsroom". Auf FAZ.net erläutert Sandra Kegel den neuesten Stand bei Suhrkamp.

Besprochen werden Ari Folmans Film "The Congress, Konzerte des Musikfests Berlin mit viel Lutoslawski, Thomas Dannemanns Dramatisierung des "Soldaten"-Buchs von Sönke Neitzel und Harald Welzer in Hannover und Bücher, darunter Clemens Bergers Roman "Ein Versprechen von Gegenwart" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 11.09.2013

Andreas Zielcke analysiert das Frankfurter Urteil zu Suhrkamp, das seiner Ansicht nach die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft nicht verhindern kann. Susan Vahabzadeh resümiert die zurückliegende Sommersaison des Blockbusterkinos, die für die Studios eine ansehnliche Abfolge wirtschaftlicher Misserfolge war. Volker Breidecker klärt über die Rezeptionsgeschichte von Ernst Kantorowiczs Metapher der "zwei Körper des Königs" auf. Außerdem gibt es heute in der SZ ein mehrseitiges Dossier zu Europa mit u.a. einem Interview mit Richard von Weizsäcker.

Besprochen werden außerdem die mit Olli Dittrich besetzte Filmkomödie "König von Deutschland" (die laut Rainer Gansera "in eine Welt der Überwachung und Kontrolle [reist], die sich manchen Science-Fiction-Visionen der Sechzigerjahre gespenstisch annähert") und Bücher, darunter Lars Gustafssons Roman "Der Mann auf dem blauen Fahrrad" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).