Heute in den Feuilletons

Überaus sympathisches Prä-Hippietum

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2013. Die New York Times stellt den Millionär Nick D'Aloisio vor, der eine News App  erfunden hat. Bald wird er 18. Das Schild "Swing tanzen verboten", das in der Serie "Unsere Mütter Unsere Väter" eine Rolle spielte, ist eine historische Fälschung, hat das Blog pophistory herausgefunden. queer.de berichtet, dass Länder, in denen lesbische Paare türkischstämmige Kinder adoptieren, Ärger mit Tayyip Erdogan bekommen. Im Tagesspiegel erzählt der Psychologe Ahmad Mansour, wie er in seiner Jugend zum Islamisten gemacht wurde. In der FAZ plädiert Katharina Hacker dringend für Otto Dov Kulkas Buch "Landschaften der Metropole des Todes".

NZZ, 26.03.2013

Auf der Medienseite berichtet Joseph Croitoru von dem Druck und der Schikane, denen palästinensische Journalisten von Politik und mächtigen Familienclans ausgesetzt sind: "Politischer Druck wird ebenso durch Einschüchterungsversuche wie mit wirtschaftlichen Mitteln ausgeübt. Die palästinensischen Blätter sind von den Anzeigen, die die PA und ihr nahestehende Politiker bei ihnen schalten, stark abhängig. Häufig kommt es vor, dass kritische Berichte schon im Vorfeld mit der Drohung, Anzeigen zurückzuziehen, verhindert werden."

Weiteres: Für einen echten Flop hält Lotte Thaler die "Zauberflöte" der Berliner Philhamoniker unter Simon Rattle in Baden-Baden: "Hehr, aber blutleer, zurückhaltend bis an die Grenze zur Langeweile." Angelika Overath hat "bunt-konfuse, anregende Tage" beim neuen Literaturfestival auf dem Monte Verità in Ascona erlebt. Uwe Justus Wenzel durchstreift den - ähem- Bücherfrühling.

Außerdem besprochen werden die Uaufführung von Sibylle Bergs "Die Angst reist mit" in Stuttgart und Jan-Werner Müllers Ideengeschichte "Das demokratische Zeitalter" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 26.03.2013

Der Psychologe Ahmad Mansour, ein israelischer Palästinenser, der heute in Berlin junge Migranten betreut, erzählt, wie er in seiner Jugend von seinem Imam zum Islamismus erzogen wurde. Dazu gehörte auch ein nächtlicher Besuch auf dem Friedhof: "Mit jähen Ausrufen hämmerte er auf uns ein: 'Denkt an euren Tod! Denkt an eure Begegnung mit Allah! Denkt daran, dass ihr alle hier enden werdet! Vielleicht schon morgen oder in einem Monat!' Dann sollten wir der Reihe nach, jeder für sich allein, in das dunkle Loch hinabklettern und uns flach auf den Boden legen. Es war eine Mutprobe, aber auch ein bizarrer Initiationsritus."

Aus den Blogs, 26.03.2013

Kann ein Film, der schon im Detail so falsch ist, im Ganzen richtig sein? Bodo Mrozek erzählt auf seinem Blog pophistory mit vielen Details, dass das Schild "Swing tanzen verboten", das in "Unsere Mütter Unsere Väter" als Brücke zwischen verschiedenen Erzählsträngen eingeblendet wird, nie existiert hat. Es ist eine Fälschung aus den siebziger Jahren, die eine Kompilation mit Swingmelodien aus den Dreißigern zierte. Auch sonst gibt es um den Swing in der Nazizeit viele moderne Sagen: "Zwar wurden Angehörige einer an Swing und afroamerikanischer Kultur orientierten Jugendkultur, die so genannten 'Swing-Heinis' oder 'Zazous' tatsächlich verfolgt. Dies waren jedoch keine Massenphänomene, sondern Ausnahmen, die auf wenige Großstädte beschränkt blieben, vor allem auf Hamburg. Das Swing-Tanzen selbst war nie offiziell verboten worden, allerdings nicht, weil man es für harmlos befand, sondern weil es reichsweit kaum praktiziert wurde."

Mrozek verweist auch auf Jan Süselbecks Analyse der Swing-Szene in "UMUV" auf literaturkritik.de: "Auffällig ist, dass diese 'Mütter' und 'Väter', die tatsächlich diejenigen der sogenannten. 68er-Generation waren, in diesem Film bereits ein überaus sympathisches Prä-Hippietum zu vertreten scheinen."

Jens Matheuszik schildert im politblog die Rechtsunsicherheit nach dem Entscheidung für das Leistungsschutzrecht und findet die Situation des Blogs in bezug auf Zitate ohnhein schizophren: "Da werde ich gelegentlich von den Online-Verantwortlichen der etablierten Presse aber auch teilweise von den Autoren selbst gefragt, ob ich etwas bei den Links anne Ruhr aufnehmen kann - und gleichzeitig gibt es die Gefahr da juristischen Ärger zu bekommen." Was der Perlentaucher nur bestätigen kann!
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

Welt, 26.03.2013

Rolf Bauerdick kritisiert harsch, dass Roma-Funktionäre in Deutschland jede Kritik an den Roma sofort als Rassismus abtun. Damit täten sie ihren Leuten keinen Gefallen: "Mit ihren stereotypen Rassismusvorwürfen haben die Roma-Politiker über Jahrzehnte alle Debatten dominiert, ohne dass sich die Situation der Zigeuner merklich gebessert hätte. Sie verschweigen, dass die Roma weniger von der Dominanzbevölkerung ausgebeutet werden als von den Angehörigen der eigenen Ethnie. Die Roma selber leiden am meisten unter Kindesmissbrauch, Frauenhandel und Zuhälterei, unter Kreditwucher, Erpressung und Bandendiebstahl. Aber die Funktionäre schweigen allesamt".

Weitere Artikel: Marc Reichwein berichtet vom Kunsthistorikertag in Greifswald, der vor der Zerstörung der Kulturlandschaft durch Windräder warnte (hier der Appell). Richard Kämmerlings erzählt in der Leitglosse von Onkel Jupp und Opa Heinrich und ihren Kriegserinnerungen.

Besprochen werden Hasko Webers Inszenierung von Sibylle Bergs Theatertext "Angst reist mit" in Stuttgart und das Konzert von Depeche Mode in Wien, das laut Joachim Lottmann ergraute Musikjournalisten aus den Sesseln riss. (Das Video auf der Homepage der Band dürfen Sie in Deutschland leider nicht hören, hat die Gema entschieden.)

Aus den Blogs, 26.03.2013

Eine sehr hübsche Fotostrecke mit exakt überblendeten Paris-Fotos von 1914 und aus der Gegenwart zeigt Rue89.

Sehr beeindruckend sind Charlie Hougheys Fotografien auf The Big Picture, die (neben fast 2000 weiteren) 1968 und 1969 in Vietnam entstanden und bis vor kurzem noch als unentwickelte Negative bei ihm lagerten. Die fertig entwickelten Bilder haben Houghey emotional tief getroffen - mittlerweile ist eine Ausstellung angekündigt. In diesem Blog kann man sich über den Fortschritt der Scan- und Ausstellungsarbeiten erkundigen.

Und kann man sich etwas Schöneres vorstellen als beim Gang durch ein Museum auf eine Glasbox zu stoßen, in der Tilda Swinton gerade ein Nickerchen hält? In New York macht die Schauspielerin gerade genau das - an zufälligen Orten im MoMA und zu zufälligen Zeiten. "The Maybe" heißt die Installation und bei Gothamist gibt es einige ganz bezaubernde Bilder davon. Dreingabe: neun Videos, die Tilda Swintons Exzentrik eindrücklich unterstreichen.

Exzentrischer als Salvador Dali und Harpo Marx auf einem Bild vereint geht es allerdings kaum (hier gefunden):



Weitere Medien, 26.03.2013

Bei uns verabschieden sie ein Leistungsschutzrecht, das Überschriften und Textschnipsel der Zeitungen "schützen" soll. In Amerika hat gerade der 17-jährige Nick D'Aloisio für geschätzte 30 Millionen Dollar seine News-App Summly, die automatisch lange Texte fürs Smartphone kürzt und aufbereitet, an Yahoo verkauft, berichtet Brian Stelter in der New York Times. Yahoo gehörte zu den ersten Investoren in Summly, andere waren "Wendi Murdoch, Ashton Kutcher and Yoko Ono. Der wichtigste Investor war der Hong-Kong-Milliardär Li Ka-shing, dessen Investmentfond Mr. D'Aloisios Erfindung schon unterstützte, bevor sie Summly hieß. 'Sie setzten auf mich, als ich 15 Jahre alt war', sagte Mr. D'Aloisio, indem sie ihn mit einer Grundfinanzierung versorgten, mit der er Angestellte und ein Büro bezahlen konnte. Der Fond hatte von einer frühen Version der App in TechCrunch gelesen, fand seine Emailadresse heraus und erstaunte ihn mit einer Nachricht, in der man Interesse bekundete. 'Weil es mein erstes Mal war, wollten die Leute mir helfen', sagte er."

Homosexualität widerspreche der "Kultur des Islams" hat der türkische Premierminister Tayyip Erdogan laut queer.de letzte Woche in den Niederlanden gesagt. Er wandte sich damit gegen die Adoption türkischstämmiger Kinder durch schwule oder lesbische Paare: "Im vorliegenden Streit geht es um den neunjährigen Yunus, ein türkischstämmiges Kind mit niederländischem Reisepass, das von einer lesbischen Pflegefamilie großgezogen wird. Das Kind war als Baby aus seiner gewalttätigen Familie herausgenommen worden. Vor kurzem forderte seine Mutter jedoch im türkischen Fernsehen das Kind zurück. In einem von Erdogans Schwiegersohn betriebenen TV-Sender wurde den Niederlanden daraufhin 'Kindesmissbrauch' vorgeworfen."

TAZ, 26.03.2013

Isolde Charim sieht mit der Erosion des Wohlfahrtsstaates auch den Bürger als Rechtssubjekt in Gefahr. Sehr empfehlen kann Ulrich Gutmair die Schau "Die ganze Wahrheit" im Jüdischen Museum in Berlin. Besprochen werden Timur Vermes' Satire "Er ist wieder da" und Andreas Magdanz' Fotoband "Stammheim" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 26.03.2013

Ira Mazzoni stellt diverse Projekte zur Aufarbeitung bisheriger Desiderata der Provenienzforschung vor, die trotz allem Engagement einen betrüblichen Eindruck erwecken: Bei einem Großteil der in Archiven gehorteten Nazikunst ist (etwa über dieses Portal) auf die Ermittlung früherer Besitzer wegen ungenauer Katalogisierung und Lücken in der Dokumentation kaum mehr zu hoffen: "Doch es nützt nichts: Auch solche Fälle müssen geklärt werden, will man historische Gerechtigkeit walten lassen. Denn gerade in der Masse sind diese Dinge aussagekräftig, weil sie von der Systematik der Verfolgung künden."

Außerdem: Die Fotografin Yunghi-Kim erzählt, unter welchen Beschwerden sie vor zehn Jahren zu Beginn des Irakkriegs zum Kriegsschauplatz gereist ist. Gottfried Knapp ärgert sich: Während im Bereich des Neubaus von Kultureinrichtungen ein neues, erfolgreiches Mäzenatentum zu beobachten ist (Knapp nennt das Festspielhaus in Erl als Beispiel), pflegen öffentliche Bau-Großvorhaben derzeit in ein Desaster zu münden. Volker Breidecker berichtet vom jungen Literaturfestival "Utopias and magnificient Obsessions" am Monte Verità.

Auf der Medienseite zeigt sich Stefan Fischer sehr verärgert über die Pläne von SR und Deutschlandfunk, die Hörspielarbeit quasi zu fusionieren: "Sind Hörspiele, die in rundfunkpolitischen Sonntagsreden gerne als das Tafelsilber ihrer Anstalten gewürdigt werden, offenbar doch verzichtbar? ... Der Abbau im Hörspielbereich hat also längst begonnen, immer weniger neue Produktionen gibt es."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Rineke Dikstra im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, eine Mannheimer "Götterdämmerung", Richard Jones' Inszenierung von Engelbert Humpedincks "Hänsel und Gretel"-Oper in München ("Eine Aufführung zum Verlieben", schwärmt Reinhard J. Brembeck, "spielfreudig, frech, hintergründig, direkt, kühn, bezaubernd"),Peter Steins Inszenierung von Odéon Eugène Labiches Komödie "Le Prix Martin" in Paris, Nina Büttners Stück "Schafinsel" in Kaiserslautern und Bücher, darunter "Ein allzu braves Mädchen", der Debütroman der Schauspielerin Andrea Sawatzki (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 26.03.2013

Katharina Hacker feiert Otto Dov Kulkas Buch "Landschaften der Metropole des Todes" mit seinen Erinnerungen an Auschwitz, als eines der wichtigsten, die sie gelesen hat. So präzise schildert Kulka seine Wahrnehmung, dass er laut Hacker "einen Zusammenhang, auch mit uns" schafft: "Der Raum, das Geflecht von Empfindungen, Gedanken, Tatsachen, Geschichten, in dem ich lebe, ist derselbe, in dem die Menschen, in Kolonnen, im Krematorium verschwanden, und das bedeutet nicht, dass sich etwas ableiten lässt, dass ich etwas begreife, es ist eine Tatsache, die mein Mensch-Sein unmittelbar berührt."

Weitere Artikel: Im Aufmacher konstatiert Melanie Mühl mit gedämpft kulturkritischem Tremolo, dass wir zu immer flexiblerem Wohnen gedrängt würden, um den Kriterien des gnadenlos Mobilität fordernden Marktes zu genügen. Nils Minkmar glossiert den Prozess um Ex-Präsident Sarkozy und den Umschlag mit Bargeld, den er von der Oréal-Erbin Liliane Bettencourt erhalten haben soll. Andreas Kilb besuchte ein Literaturfestival in Ascona. Jürg Altwegg berichtet über Personalrochaden an Frankreichs größten Kulturinstitutionen wie dem Louvre, die letztlich von François Hollande selbst gesteuert werden. Auf der Medienseite erzählt Wolfgang Brenner, wie vor fünfzig Jahren das ZDF gegründet wurde.

Besprochen werden die Ausstellung "NYC 1993 -: Experimental Jet Set, Trash and No Star" im New Museum New York, eine Uraufführung des Stuttgarter Balletts nach Otfried Preußler, Agota Kristofs Text "Das große Heft" als Oper in Osnabrück, ein Auftritt Steven Wilsons in Berlin, die Steve McCurry-Austellung in Wolfsburg und Brittens Oper "Gloriana" in Hamburg, außerdem Bücher, darunter Hannes Steins Roman "Der Komet" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).