Heute in den Feuilletons

Parsifal kann sehr rational sein

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2013. Die Blogger lecken sich nach der Niederlage beim Thema Leistungsschutzrecht die Wunden. Hat die "Netzgemeinde" versagt? Gabriele Goettle erzählt in der taz von einem Arzt, der ein Immunsystem gegen Pharmawerbung entwickelt. In der NZZ erinnert Hector Abad mit Blick auf Franziskus, den Papst, an die fatale Rolle der Jesuiten in Lateinamerika. Spiegel Online meldet, dass das Land NRW jetzt notleidende Pressekonzerne mit Geldern aus den Zwangsgebühren unterstützen will. Außerdem konnten Superreiche und Journalisten in Baden-Baden und Salzburg die Partie Rattle versus Thielemann verfolgen. Außerdem: Die eigentlich innovative Mode kommt aus Japan.

Aus den Blogs, 25.03.2013

Zornig kommentiert Marcel Weiß in Neunetz die nunmehr mit Hilfe der SPD erfolgte Verabschiedung des Leistungsschutzrechts, und er widerspricht Sascha Lobo, der ein Versagen der "Netzgemeinde" beklagte - denn gegen das Gesetz hatten sich auch prominente Juristen, Institutionen und Wirtschaftsverbände gestellt - zusammengefasst: "Wir haben eine akademische Welt, die zur Selbstorganisation abseits der traditionellen Presse kaum in der Lage scheint. Wir haben eine Industrie, im Internet wie abseits des Internets, die zur Selbstorganisation branchenübergreifend abseits der traditionellen Presse nicht in der Lage ist. Wir haben eine journalistische Branche, die mit Lügen kein Problem hat. Und wir haben opportunistische Politiker an der Macht und in der Opposition, die mehrheitlich weder das Netz fürchten noch lieben, sondern das Papier fürchten und lieben."

Auch Martin Weigert kritisiert in Netzwertig, die "Netzgemeinde", zu der er sich zugehörig fühlt und die sich in zu vielen Konflikten verzettelt hätte: "Deshalb glaube ich, dass es Zeit ist, dem berühmten Sprichwort 'Pick your wars' zu folgen und genauer darüber nachzudenken, welche Kämpfe wir führen und an welchen Fronten sich ein engagierter Einsatz wirklich lohnt. 'Wir' heißt, jeder und jede für sich, denn ein organisierter Sinneswandel funktioniert nicht."

Philipp Otto ist bei irights.info nicht ganz so pessimistisch wie Sascha Lobo: "Die - wenn man sie so bezeichnen kann und will - Netzgemeinde hat .. ihren Teil dazu beigetragen, dass aus den Forderungen am Anfang, am Ende faktisch nur noch eine leere Hülle, eine Lex Garnichts geworden ist."

TAZ, 25.03.2013

Schon wieder ist ein Monat rum: Gabriele Goettle stellt an diesem letzten Montag den Arzt Peter Tinnemann vor, der an der Berliner Charité lehrt und mit dem Seminar "Advert Retard®" seine Studenten gegen die Werbung der Pharmaindustrie immunisieren möchte: "Mehr als das Doppelte von dem, was sie für Forschung und Entwicklung ausgibt, steckt die Pharmaindustrie in ihre Werbung. Tag für Tag sprechen 15.000 Pharmavertreter mit ihren Musterkoffern und Werbepräsenten bei Ärzten und in Krankenhäusern vor. Pharmakonzerne finanzieren oder sponsern so gut wie alle relevanten ärztliche Weiterbildungskongresse."

In der tazzwei kommentiert Friedrich Küppersbusch die Woche. Meike Laafe und Daniel Schulz blicken in unsere Zukunft als Cyborgs - mit Kameraaugen, Lasertastatur oder elektronischen Ohren.

Und Tom.

Weitere Medien, 25.03.2013

(Via Netzwertig) Google schließt seine Dienste im Schnitt nach vier Jahren (manchmal, wie bei Google Wave geht's aber auch schneller), hat Charles Arthur im Guardian festgestellt, der nach der angekündigten Einstellung Google Readers eine immer größere Google-Skepsis im Netz ausmacht: "The worry this time isn't about privacy; it's whether they'll wake up in a few years' time and read a blogpost with the doom-laden words like 'sadly, it never gained the traction among users…' followed by a date when the lights will go out. And then either your data will die, or it will have to be collected and then toted around like an old sofa, which will then have to be pushed up the stairs into a new service."
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Stichwörter: Google, Guardian

NZZ, 25.03.2013

Auch wenn Papst Franziskus eher ein reformatorischer Kirchenmonarch zu werden scheint, erinnert der kolumbianische Schriftsteller Hector Abad noch einmal an die Schrecken, die die Jesuiten einst verbreitet haben: "Lateinamerika war jahrhundertelang weitgehend ein Kind der Gegenreformation, weshalb dort ein Katholizismus besonders obskurantistischer Ausprägung praktiziert wurde. In den spanischen Kolonien Amerikas gab es keine Druckereien, die Einwanderung von Menschen aus nichtkatholischen Ländern war verboten, und der Buchhandel war aus Furcht vor protestantischer Ansteckung schärfsten Kontrollen unterworfen. Die Speerspitze der Gegenreformation waren ausdrücklich die Jesuiten, also die Gemeinschaft, in der der neue Papst seine Ausbildung erhielt."

Weiteres: Den Neustart der Salzburger Osterfestspiele mit Wagners "Parsifal" unter Christian Thielemann erlebte Peter Hagmann als Beginn einer Zeit, die "älter ist als die alte". Besprochen werden die Konzerte des Lucerne Festivals zu Ostern, Peter Steins Inszenierung von Labiches "Prix Martin" am Pariser Odéon-Theater, eine Ausstellung zu Guido Guidi in der Architekturakademie Mendrisio.

Aus den Blogs, 25.03.2013

Auch Tokio hat eine Modewoche. Style.com berichtet täglich, etwa über die Schau von Anrealage: "'Fashion thinks black and white are the be-all, end-all,' said Anrealage designer Kunihiko Morinaga during Day Two of Tokyo fashion week. 'But we're surrounded by digital screens in vivid colors, so our clothes could reflect that world,' he explained. The highly innovative brand's Fall wares did just that. Using fabric printed with rapidly switching photochromic dye, Morinaga's offerings turned from white to vivid pastels at the blink of an eye when exposed to intense light. Blazers went from pure off-white to color-blocked, and a maxi dress revealed a geometric pattern and houndstooth. This showmanship was rewarded with raucous applause, a rarity at the usually subdued Tokyo shows." (Alle Designer und ihre Kollektionen findet man hier. Sehr schön auch Hbnams Fotos vom Street Style in Tokio.)


Die belgische Regierung ist zwar noch gar nicht so lange im Amt, hat aber bereits ausgezeichnete Ideen: So will man jetzt eine Briefmarke herausbringen, die nach Schokolade schmeckt, wenn man sie anleckt, meldet world of wonder. Und das beste: Man kann sie auch hierzulande bestellen, über philately@bpost.be.

Ah, Urheberrechte! Literaturwissenschaftler dürfen sie verletzen, alle anderen werden abgemahnt. Die University of Nebraska hat entschieden, die Briefe von Willa Cather herauszugeben, meldet Doug Barry auf Jezebel - obwohl die 1947 verstorbene Autorin das ausdrücklich nicht gewollt hatte: "The letters will offer some insight into Cather's personal life, which the New York Times describes in terms of J.D. Salinger secrecy - Cather wanted to be known exclusively through her books, and it was believed for a long while that she'd destroyed most of her correspondence."

Spiegel Online, 25.03.2013

Recht erstaunlich klingt eine Meldung aus Spiegel Online: "Die Landesregierung Nordrhein-Westfalens will für ihre geplante Journalismus-Stiftung kein Geld aus dem Landesetat verwenden, sondern Einnahmen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunkbeitrag. Mit dieser Konstruktion soll einerseits die Staatsferne der Einrichtung gesichert werden. Andererseits würde sie dazu führen, dass künftig über die 'Stiftung Vielfalt und Partizipation' Presseverlage indirekt von der Abgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk profitieren." Allerdings handelt es sich, wenn man mit den Anstalten vergleicht, um die mikroskopische Summen von 1,6 Millionen Euro.

Welt, 25.03.2013

Zwei große Konzerte werden besprochen: Wagners "Parsifal" mit Christian Thielemann und der Dresdner Staatskapelle in Salzburg wurde von China mitproduziert! "Nie war der Privatjetparkplatz am Amadeus-Airport so überfüllt! Man durfte nur aussteigen. Parken musste man in Linz", meldet Manuel Burg, der von der "sachlich nüchtern" gespielten Musik hochbeeindruckt war: "Noch klappt nicht jeder Einsatz, doch der Erkenntnisgewinn für eine Partitur, mit der keiner fertig wird, die visionär modern und verschwiemelt numinos zugleich tönt, er ist enorm. 'Parsifal' kann sehr rational sein. Ganz ohne Rausch lernt man, wird man davon erleuchtet."

Weniger Glück hatte Lucas Wiegelmann in Baden-Baden mit der von Simon Rattle dirigierten und den Berliner Philharmonikern gespielten "Zauberflöte" von Mozart: "Leider lehnt Rattle es bei der Premiere ab, die Initiative zu übernehmen. Aus dem Orchestergraben klingt es schwerfällig, spröde, trocken. Jede noch so kleine Freiheit, die sich die Sänger erbitten, wird stumpf vom Orchester überfahren. Die wenigen magischen Momente gehen von den Sängern aus."

Weitere Artikel: Michael Pilz schreibt zum Tod des Musikers Reinhard Lakomy. Iris Alanyali hält die Midlifekrise, die gerade in Buch und Fernsehen en vogue ist, für den "neuesten Zeitvertreib der Generation Bio-Markt". Dankwart Guratzsch berichtet über die Sinnkrise der Internationale Bauausstellung Hamburg.

Weitere Medien, 25.03.2013

Eine interessante Geschichte über die moralischen Reflexe in der Kunstszene (oder genauer: ihre Abwesenheit) erzählt Rachel Arons im New Yorker: "Last month, an article by Jen Graves in Seattle's weekly paper The Stranger exposed the artist Charles Krafft as a white nationalist and Holocaust denier, and former admirers of his work are now stripping it from their walls. Krafft, who is sixty-five, has been a respected figure in the Seattle art world for decades; his work has been shown in galleries around the world and featured in Harper's, Artforum, and The New Yorker."
Stichwörter: Holocaust

FR/Berliner, 25.03.2013

Arno Widmann rühmt die große Leistung Karlheinz Deschners, der seine Kriminalgeschichte des Christentums nun mit dem zehnten Band abgeschlossen hat: "Statt ihm dankbar zu sein und zu überlegen, wie man den Gangstern im eigenen Laden das Handwerk hätte legen können, oder - wichtiger noch - wie man verhindern kann, dass immer wieder neue Verbrechen unter dem Deckmantel der Religion begangen werden, wird der Überbringer der unangenehmen Nachricht immer wieder beschimpft. Das zeigt nur, dass die Stellvertreter Christi sich nicht unterscheiden von uns anderen Sterblichen. Sie sind eben nicht nur Sünder, sondern sie sind ebenso wenig dankbar dafür, auf ihre Sünden angesprochen zu werden wie der Rest der Menschheit."
Stichwörter: Christentum, Arno Widmann

SZ, 25.03.2013

Der Kirchenhistoriker Holger Arning schildert, wie sich der deutsche Katholizismus vor achtzig Jahren den Nazis fügte, auch wenn er sich ihnen nicht per se andiente. Die "Sittenlosigkeit" der Weimarer Republik war einer der Gründe: "Die deutschen Bischöfe hatten in der Zeit der Weimarer Republik vielfältige Gefahren für die Sittlichkeit gesehen und etwa die 'perverse Propaganda für die Nacktkultur', körperbetonte Moden und freizügige Kunst energisch bekämpft. In ihren Augen drohte nicht nur die Degeneration der Gemeinschaft, sondern auch der Verlust des Seelenheils."

Außerdem: Auf Twitter beobachtet Michael Moorstedt sich miteinander unterhaltende Programme. Joachim Hentschel stellt das Universalgenie Yoann Lemoine vor, der sich als Regisseur, Musiker, Fotograf und Grafikdesigner betätigt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Gemälden von Jan Brueghel dem Älteren in der Alten Pinakothek in München, Sibylle Bergs "Angst reist mit" am Schauspiel Stuttgart ("Die Ausstattung ... ist mal wieder Trash vom Feinsten", schreibt Christopher Schmidt), ein "Parsifal" in Salzburg, der Animationsfilm "Die Croods", eine Ballettfassung von Otfried Preußlers "Krabat" in Stuttgart und Bücher, darunter Christopher Cokers "Warrior Geeks" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 25.03.2013

"Wunderbar organisch, ohne Salbadern" gab Christian Thielemann laut Christian Wildhagen den "Parsifal" in Salzburg. Die "Zauberflöte" unter Simon Rattle in Baden-Baden erschien Eleonore Büning inszenatorisch "steril und gestelzt", aber musikalisch ebenfalls spitze: "Diese saftigen Posaunen, diese runden Hörner!"

Weitere Artikel: Tobias Döring schreibt zum Tod von Chinua Achebe. Besprochen werden Peter Steins Inszenierung einer Labiche-Farce am Pariser Théâtre de l'Odéon, Thomas Heises Dokumentarfilm "Gegenwart", eine Ausstellung über die Zusammenarbeit zwischen Thomas Mann und Peter Suhrkamp in Marbach, Sibylle Bergs Spektakel "Angst reist mit" in Stuttgart und Bücher, darunter eine Biografie über Leonard Cohen.