Heute in den Feuilletons

Große Marken wie Lady Gaga

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2012. Am Tag der Bundestagsberatungen über Leistungschutzrechte für Pressekonzerne nehmen die Journalisten nochmal ihren ganzen Mut zusammen und stellen sich einem neuen Totalitarismus entgegen. Denn Google ist ein Imperialist. Google ist quasi Stalin. Google stiehlt ihr "geistiges Eigentum". Sascha Lobo sieht die Medienkrise dagegen in Spon als Werbekrise und prophezeit, dass die Werbegelder immer mehr in soziale Medien gesteckt werden. In der SZ erfährt man, dass der Spiegel wegen des Rückgangs von Werbung über Kündigungen nachdenkt. Und in der Zeit erklärt Rainald Goetz, wie er mit den "mittleren Normalos", auch als Kritiker bekannt, zurecht kommt.

Welt, 29.11.2012

Google hat es gewagt, auf seiner Plattform seine Meinung zum Leistungsschutzrecht zu sagen, die nicht der streng objektiven Meinung von Medienlobbyisten entspricht. Damit ist Google für Ulrich Clauss quasi Stalin: "Googles Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht ist ein Angriff auf die Grundrechte: Es geht um die informationelle Enteignung des Menschen im Namen einer totalitären Wachstumsstrategie."

Weitere Artikel: Henryk Broder betrachtet eine Ausstellung junger politischer Plakatkunst in Heidelberg, in dem sich der politische Mut zum Beispiel äußert, "indem ein Gestalter beziehungsweise eine Gestalterin einen gelben Stern zeichnet, in dessen Mitte ein Wort und eine Zahl stehen: 'Hartz 4'." Und Eckhard Fuhr stellt die neue Deutsche Digitale Bibliothek vor.

Besprochen werden eine Ausstellung mit arabischer Fotografie in London und Filme, darunter Sherry Hormanns Komödie "Anleitung zum Unglücklichsein".

Freitag, 29.11.2012

Alice Schwarzer wird demnächst siebzig und lässt sich aus diesem Anlass von Ulrike Baureithel interviewen. A propos "jung": "Es gibt aber in der Tat so ein Dutzend Frauen in den Medien, die unter dem Label 'jung' segeln - obwohl sie oft auch schon Anfang oder Mitte 40 sind - und versuchen, sich durch die Abgrenzung von 'der Schwarzer' beliebt zu machen. Diese Strategie beobachte ich nun seit 20 Jahren zunehmend amüsiert."

Und Andrea Roedig attestiert Schwarzers "kleinem Unterschied" in einem beistehenden Essay immer noch große Relevanz.

Spiegel Online, 29.11.2012

Die Zeitungskrise ist in Wirklichkeit eine Medienkrise, die Fernsehen und Online ebenso betrifft, meint Sascha Lobo. Und eigentlich ist sie eine Werbekrise, weil das Geld in soziale Medien abwandert, prophezeit er. Vorbotin sei Lady Gaga, "die Ende November 2012 einen Twitteraccount mit über 31 Millionen Followern führt. Wozu braucht sie mit dieser selbstkontrollierten Reichweite noch Medien, von teurer Werbung für ihre Produkte ganz zu schweigen? Wenn sie auf ihrer eigenen Seite ihre MP3s verkaufen würde, bräuchte sie nicht einmal Plattenfirmen, sondern nur noch Plattformen. Die Struktur der sozialen Medien macht es für große Marken wie Lady Gaga oder andere große Marken attraktiv, ihre Zielgruppe dort zu versammeln und diese ohne Mittler direkt zu erreichen."
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TAZ, 29.11.2012

Ziemlich billig ist die Kapitalismuskritik in Andrew Dominiks Thriller "Killing Them Softly", meint Thomas Groh. "Man mag sich gut vorstellen, dass die literarische Vorlage von George V. Higgins aus dem Jahr 1974 weniger als geradliniger Actionthriller, wohl aber als Auslotung von Figuren- und Interessenskonstellationen glänzend funktioniert. Doch statt sich darauf zu konzentrieren, tüncht Andrew Dominik seinen Film noch tief in Subtext-Schmiere ein. Kaum eine Sequenz, die nicht via Fernsehen oder Radio Finanzkrise und Präsidentschaftswahlkampf in den Film hievt, um mit raunender Lakonie Gosse und erste Etage des Landes nebulös aufeinander zu beziehen."

Weiteres: Stefanie Grimm berichtet über ein heute stattfindendes Soli-Konzert, mit dem neue Abos für das feministische Missy Magazine geworben werden sollen. Besprochen werden die Schau "Die Stadt, die es nicht gibt" im Ludwig Forum Aachen, eine Retrospektive von Frank Stella mit Arbeiten von 1958 bis heute im Kunstmuseum Wolfsburg, François Ozons neuer Film "In ihrem Haus" und Matthew Akers' Dokumentarfilm "The Artist is Present", der die Performerin Marina Abramovic über ein Jahr lang begleitete.

Und Tom.

NZZ, 29.11.2012

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften stellt die Überarbeitung des Grimmschen Wörterbuchs in Buchform ein, berichtet Joachim Güntner. Stattdessen wird das traditionsreiche Werk Teil des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache im Internet: "Für Bibliophile mag das keine gute Nachricht sein, für Wissenschafter und Nutzer aber durchaus. Ein digitales lexikografisches System ist dynamisch. Ihm sind keine durch das Format diktierten Beschränkungen auferlegt. Man kann so viele Wörter erfassen, wie es sinnvoll erscheint, und die lexikografische Analyse darf tief eindringen."

Besprochen werden die Filme "The Angels' Share" von Ken Loach ("mühelos und überzeugend wechselt der Film zwischen den disparatesten Gefühlslagen", meint Susanne Ostwald) und die David Mitchell-Adaption "Cloud Atlas" (die dem Zuschauer, wie Simon Spiegel findet, ihre "Botschaft rücksichtslos aufs Auge" drückt), eine Ausstellung im Kunstmuseum Budapest über den Einfluss der Werke alter Meister auf Cézanne, eine Ausstellung in Mannheim über Chinas zeitgenössische Architekturszene sowie Bücher, darunter Stefan Breuers Studie über "Carl Schmitt im Kontext" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 29.11.2012

Haben CDU und CSU 1969 eine Art internen Geheimdienst gegründet, um die junge Regierung Willy Brandt aus dem Amt zu holen? Die von der Politikwissenschaftlerin Stefanie Waske zusammengetragenen, heute im Zeit-Magazin vorgestellten Informationen dazu hält Willi Winkler jedenfalls für eine "kleine Sensation", nur um wenig später abzuwiegeln: "So schön unheimlich sich die Geschichte liest, sie ist doch ein bisschen schmalbrüstig. Das liegt schon daran, dass es sehr schwierig ist, das Klima der frühen Siebzigerjahre in der Bundesrepublik zu rekonstruieren."

Auf der Medienseite erklärt Ove Saffe, Geschäftsführer des Spiegel-Verlags, im Interview mit Caspar Busse und Katharina Riehl, dass der Spiegel angesichts eines Rückgangs der Anzeigenerlöse um zehn Prozent über Kündigungen und Einsparungen nachdenkt und außerdem "sehr viel entschiedener als bisher neue Erlösmodelle ausprobieren" will. Spiegel online soll aber nicht kostenpflichtig werden: "Spiegel Online ist ein nachrichtlich getriebenes Produkt - diese Angebote sind kostenfrei, seit es das Internet gibt. Man darf nicht so tun, als hätten wir im Internet mit werbefinanzierten Inhalten eine Unart erfunden, das Privatfernsehen finanziert seine Inhalte seit Jahrzehnten so."

Weiteres: Bei der im Vorfeld von Problemen gebeutelten "Ring"-Inszenierung in Buenos Aires trat schlussendlich doch keine Katastrophe ein, bemerkt ein sachte staunender Egbert Tholl. Besprochen werden die Ausstellung "Seducey by Art" in der National Gallery in London, Francois Ozons Film "In ihrem Haus", Robert Lorenz' Film "Back in the Game" mit Clint Eastwood in der Hauptrolle, Stefan Puchers Inszenierung des "Sommernachtstraums" am Hamburger Thalia Theater, Andreas Scholls Album "Wanderer" und Bücher über Gartenkunst, darunter Horst Bredekamps "Leibniz und die Revolution der Gartenkunst (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 29.11.2012

"Hetze" wirft Michael Hanfeld dem Internetkonzern Google vor, der es wagte, auf seiner Plattform gegen Leistungsschutzrechte für Presskonzerne einzutreten. Er murkst zunächst die üblichen Verdächtigen ab - die "Kostenloskultur" - und entlarvt das Wesen des "Google-Imperialismus": "Niemand kennt den Algorithmus, der die Reihenfolge der Google-Suchmaschine bestimmt, niemand weiß, welchen Anteil vom Erlös das Unternehmen den Partnern seines Anzeigenprogramms zubilligt. Nichts fürchtet der Konzern mehr als die Forderung nach Transparenz und die Frage nach seiner Meinungsmacht, die größer ist als die aller anderen Medienkonzerne." (Nun, heute werden die Politiker wohl eher nochmal vor der Meinungsmacht von FAZ und Co. kuschen.)

"In Iran ist ein Menschenleben weniger wert als eine Ware", schreibt Amir Hassan Cheheltan im Feuilleton nach dem Tod des inhaftierten, iranischen Bloggers Sattar Behesti (mehr bei The Atlantic). Mit "wahrer Lust" durchstöbert Andreas Kilb die prallen Datensatz- und Digitalisatbestände der gestern online gegangenen Deutschen Digitalen Bibliothek. Andreas Platthaus besucht eine Abendveranstaltung mit Ruth Barnett, der Tochter von Robert Michaelis, dessen Lebensgeschichte Ursula Krechel in ihrem Roman "Landgericht" verarbeitete. "Ein formales Wunder", jubelt Jürgen Kaube nach der Lektüre von "The Notting Hill Mystery", dem heute vor 150 Jahren unter Pseudonym erschienenen ersten Kriminalroman der Literaturgeschichte (hier ein Scan der Originalausgabe). Regina Mönch liest eine Studie, die gründlich aufräumt mit dem Klischee vom einsamen, gelangweilten Rentner.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Marina Abramovic: The Artist Is Present", Andrew Dominiks Thriller "Killing them Softly" mit Brad Pitt, Rossinis "Semiramide" am Opernhaus Kopenhagen, neue Alben von Wussy (Thorsten Gräbe schwärmt von "schönsten Dröhnnummern") und Francoiz Breut (Lena Bopp schmilzt beim "Weltraumpop" dahin) und Bücher, darunter Anna Weidenholzers Roman "Der Winter tut den Fischen gut" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 29.11.2012

"Normalerweise verlangt man heutzutage vom Erzähler, seine Figuren nicht zu bewerten. Das soll dem Leser überlassen bleiben." "Ja, das hasse ich". So bürstet man seine Interviewer ab. Rainald Goetz (Bücher) steigert sich auf drei Seiten dann noch erheblich. Sehr schön auch dies: "Ich habe mir oft gedacht, dass es für den Künstler und für den Autor immer schwieriger wird, seine Sachen weiterzumachen. Und für den mittleren Normalo wird es immer einfacher. Das macht den Umgang mit Kritikern zum Beispiel mit der Zeit schwierig."

Weitere Artikel: Die israelische Soziologin Eva Illouz kritisiert im Interview zwar das "dumme Zeug", das Judith Butler über Hamas und Hisbollah sagte, "aber man kann und muss die rassistischen Auswüchse meines Landes kritisieren". Abgedruckt sind Auszüge aus dem Briefwechsel Peter Handke ("Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich.") und Siegfried Unseld ("Dein Gedicht lesend, über den See blickend, einen Welschriesling Kabinett vom Neusiedlersee genießend, denke auch ich an die Dauer unserer Beziehung, die ich mir so wünsche.") Annegret Ehrhart besucht die Kunstmesse Contemporary Istanbul. Katja Nicodemus schreibt den Nachruf auf Larry Hagman.

Außerdem hat die Zeit heute eine Musikbeilage (im Aufmacher porträtiert Volker Hagedorn die Geigerin Isabelle Faust) und eine Literaturbeilage (mit Interviews mit Nadine Gordimer, Julie Otsuka - hier eine Leseprobe aus ihrem wunderbaren Roman "Wovon wir träumten" - und Philippe Pozzo di Borgo).

Besprochen werden Mozart-Inszenierungen von Neuenfels und Kosky in Berlin, Francois Ozons Film "In ihrem Haus", ein Dokumentarfilm über Marina Abramovic, "The Artist is Present", und die Dali-Ausstellung im Centre Pompidou.