Heute in den Feuilletons

Was soll das, Freddy?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2012. Die SZ freut sich über wiederaufgefundene Aufnahmen amerikanischer Weill-Songs. Die taz findet es seltsam, dass sich das Weimarer Theater von der szenischen Lesung der Breivik-Gerichtsrede distanzierte. Die FAZ berichtet, dass El Pais ein Drittel der Redaktion entlässt - obwohl die Zeitung Gewinne schreibt. Der Guardian geht in Saudi Arabien heimlich ins Kino. In der Welt fragt Peter Singer: Warum werden Länder wegen Rassen-, aber nicht wegen Frauendiskriminierung sanktioniert? Und die Public Domain Review verliebt sich ins Volapük. Außerdem: Amazon schließt laut einem  Blog willkürlich Kindle-Kontos.

Welt, 23.10.2012

Warum regt sich eigentlich kaum jemand über die Diskriminierung von Frauen auf, zum Beispiel im Iran, wo sie - und Angehörige religiöser Minderheiten - jetzt von vielen Universitätsstudiengängen ausgeschlossen wurden, fragt der Bioethiker Peter Singer: "Es gibt weder auf breiter Front Boykotte gegen iranische Universitäten - noch gegen andere Produkte des Landes, wie es sie gegen Südafrika während der Apartheid gegeben hat. Es scheint, als würden wir Geschlechterdiskriminierung und religiöse Diskriminierung immer noch weniger ernst nehmen als Diskriminierung aufgrund der Rasse oder der ethnischen Herkunft."

Im Feuilleton berichtet Manuel Brug von der Feier zum hundertsten Jubiläum der Deutschen Oper Berlin, deren jüngere Geschichte er in einem Satz erzählt: "Sie fand mit Götz Friedrich als (lange auch für das Theater des Westens zuständigem) Generalintendant und Chefregisseur ab 1981 ihren Höhepunkt - und erlebte 2000 mit seinem Tod neben der neureich strahlenden Barenboim-Staatsoper ihren tiefsten Fall als orientierungs- und mutlose, verschmähte, abwicklungsgefährdete Institution von Gestern." Über Philipp Stölzls Jubiläumsinszenierung des "Parsifal" ("Kreuzigungsarrangements in Zeitlupe, Menschenopfer und Bastrockmädchen") verliert Brug nicht allzu viele Worte.

Weiteres im Feuilleton: Laut Tilman Krause ist Detlev Buck mit seiner Verfilmung von Daniel Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt" gescheitert. Eckhard Fuhr stimmt uns auf die Feier zum 25. Jubiläum des Deutschen Historischen Museums ein. Frank Kaspar spricht mit dem Medienwissenschaftler Stefan Rieger über Multitasking. Besprochen werden die drei letzten Premieren unter Intendantin Karin Beier in Köln.

Und Uli Kulke geht es in seinem Blog in der Welt mächtig auf die Nerven, dass "Tatort"-Ermittler immer häufiger selbst in ihre Fälle verstrickt sind: "Eine Ikone der Tatort-Geschichte ist die Frittenbude am Kölner Rheinufer, an der die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk immer dann stehen, wenn sie denken, jetzt ist Feierabend, und es anschließend aber erst richtig los geht. Absehbar also, dass die beiden Kriminaler den Mann hinter dem Tresen irgendwann einmal selbst festnehmen mussten, als Dealer. Was soll das Freddy? Sollen wir das noch witzig finden, besonders originell, einfallsreich, immer noch, nächste Woche auch noch, und übernächste?"

Aus den Blogs, 23.10.2012

(Via Thomas Knüwer) Martin Bekkelund erzählt in seinem Blog die Geschichte einer Freundin, deren Kindle-Account von Amazon ohne jede Erklärung geschlossen wurde und die vom Kundenservice des freundlichen Giganten Mitteilungen wie diese erhielt: "Please understand that the closure of an account is a permanent action. Any subsequent accounts that are opened will be closed as well. Thank you for your understanding with our decision."
Stichwörter: Amazon

Weitere Medien, 23.10.2012

(Via Bookslut) In der Public Domain Review erinnert die Linguistin Arika Okrent an eine besonders schöne Universalsprache, die der deutsche Priester Johann Schleyer Ende des 19. Jahrhunderts erfand: Volapük. Sie basierte im Wesentlichen auf dem Englischen, war aber mit vielen Umlauten gespickt, die Schleyer einfach liebte: "'A language without umlauts,' he wrote, 'sounds monotonous, harsh, and boring.'" In den USA kam das nicht so gut an: "Much fun was had at the expense of Volapük on account of those umlauts in local papers such as the Milkaukee Sentinel: 'A charming young student of Grük / Once tried to acquire Volapük / But it sounded so bad / That her friends called her mad, / And she quit it in less than a wük.'"

(via ald) Kinos sind in Saudiarabien verboten, sie gelten als unrein. Jetzt hat sich dort eine Gruppe gebildet, the Red Wax secret cinema, die heimlich Filme vorführt, berichtet David Batty im Guardian. Anlass war die Verhaftung des Videobloggers Feras Bugnah, der auf Youtube einen Film über die Armut in Riad gepostet hatte: "'On YouTube they always watch you and restrict the page,' said another Red Wax founder. 'Secret cinema is Banksy style - no one knows who he is.' The film-maker denied their activities were un-Islamic. Their aim, they said, was both to stimulate grassroots film production and a critical audience. 'The films should be made by people here [to give] more freedom of expression to our community. It's [about] our daily life, our struggle against all these banning forces, not to be free to say what we want. We need to reach average people so we can raise the level of awareness.'"

Auf Eurozine möchte Valeriu Nicolae gern wissen, warum die UEFA, nicht aber die EU sich zu einer Verurteilung der rassistischen romafeindlichen Sprüche durchringen kann, die Fans des Fußballclubs Steaua Bucharest im Spiel gegen Rapid Bucharest brüllten. Immerhin ist der Eigentümer von Steaua, Gigi Becali, ein Mitglied des Europäischen Parlaments! "The reaction of intergovernmental institutions compared with the reaction of UEFA means one of two things: either all these institutions are prime examples of humiliating institutions, or else they struggle with cowardice and incompetence. In either case reform is necessary", erklärt Nicolae.
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NZZ, 23.10.2012

Im Aufmacher feiert Roman Bucheli Bodo Kirchhoffs neuen Roman "Die Liebe in groben Zügen" als kluges und feinfühliges "Liebesbrevier für Fortgeschrittene". Frank Stier berichtet von Plänen in Sofia, das blasse Image der Stadt aufzupolieren. Andrea Köhler liest Hanna Rosins Bestseller "The End of Men", der Männer für unnütz erklärt (hier ein Auszug in Atlantic). Sieglinde Geisel war auf einer Tagung zu "Power and Dissent" in Weimar. Thomas Maissen erinnert daran, dass zur Demokratie der Rechtsstaat gehört.

Auf der Medienseite erzählt Thomas Schuler von den bisherigen Erfolgen des durch Millionenspenden finanzierten Recherchebüros Pro Publica.

TAZ, 23.10.2012

Deniz Yücel hat kein Problem damit zu erwähnen, dass die sieben Jugendlichen, die in Berlin einen 20-jährigen Thai-Deutschen zu Tode prügelten, türkischen Hintergrund haben. Die linke Totschlagsentschuldigung, dass eine solche Tat gesellschaftliche Ursachen haben müsse, lässt er nicht gelten: "Nichts von alledem ist eine Entschuldigung dafür, ohne jeden Grund und bar jeden Mitgefühls einen bereits am Boden liegenden Menschen totzutreten. Dazu hat sie niemand gezwungen. Wenn sie zuschlagen, dann tun sie es, weil sie zuschlagen wollen. Sie sind nicht das, was ihnen - vielleicht nach 'Hurensohn' und 'Jude' - als größte Beleidigung gilt: Opfer."

Detlef Kuhlbrodt berichtet von Milo Raus Weimarer Tagung "Power und Dissent" und findet es seltsam, dass sich das Nationaltheater prompt von der lange geplanten Verlesung von Anders Breiviks Verteidigungsrede distanzierte, kaum dass sie in der Zeit kritisiert wurde: "Der Text schmerzt, nicht so sehr im Einzelnen, in den Passagen, die tatsächlich anschlussfähig sein mögen, nicht nur an einen rechten Diskurs, Sarrazin, Islamophobiker und Islamisten, sondern auch an linke Zitate. Wenn Breivik sagt, das sei keine Demokratie, 'ich wurde im Gefängnis geboren', evoziert man ein bekanntes Lied von Ton, Steine, Scherben, in dem es es heißt: 'Wir müssen hier raus, das ist die Hölle, wir leben im Zuchthaus'."

Weiteres: Julia Streich begeistert sich für das Leipziger Trio Brockdorff Klang Labor, das auf seinem neuen Album unter anderem dichtet: "Feiert den Schein, das Klischee, die Kopie." Isolde Charim betrachtet kulturkritisch Sidos nun durch Faustschlag beendetes Gastspiel beim ORF. Markus Weckesser besucht die Werkschau zu Art Spiegelman im Kölner Museum Ludwig.

Auf Flimmern und Rauschen berichtet Heide Oestreich von den Wandlungen des Blogs Mädchenmannschaft, das einst mit einem männerfreundlichen Feminismus begann und sich nun in linken Flügelkämpfen zwischen radikalem Queerfeminismus und Critical Whiteness ergeht.

Und Tom.

Weitere Medien, 23.10.2012

Götz Aly klagt in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung über mangelndes Interesse am Thema seiner drei letzten Artikel: Kinderkrippen. "Schriebe ich stattdessen, artgerechte Tierhaltung sei Unfug, Hauptsache, es seien möglichst billige Käfige in ausreichender Menge vorhanden, ginge ein Aufschrei durchs Land."

In der FR schreibt Nikolaus Bernau zum 25-jährigen Bestehen des Deutschen Historischen Museums. Und Peter Uehling bespricht die "Parsifal"-Inszenierung Philipp Stölzls an der Deutschen Oper Berlin. Mit der Inszenierung war er zwar auch nicht zufrieden, aber die Reaktion des Publikums fand er unangenehm: "So ging nach der 'Parsifal'-Premiere am Sonntag zurecht ein wahrer Hagel von Buhs auf den Regisseur Philipp Stölzl nieder. Rätselhaft indes die fanatische Zustimmung, die den Sängern und dem Dirigenten Donald Runnicles zuteil wurden. Die Wutbürger der Oper schaffen ein Klima von innerem Zusammenhalt und Isolation nach außen, in dem es schwer wird, ein Gespräch zu führen, weil man sich nichts mehr sagen lässt."

SZ, 23.10.2012

Peter Richter hört sich durch die lange verloren geglaubten, bei einem Second-Hand-Kauf wiederaufgetauchten Aufnahmen von Kurt Weills 1940 entstandener, seinerzeit enorm populären Komposition "The Wedding of the Rails" und ist durchaus entzückt über den Fund: "Das da war nicht der proletarisch mit dem Fuß aufstampfende Brecht-Weill, das da war ein von Europa fast vollkommen emanzipierter Kurt Weill auf dem Höhepunkt seiner Assimilation in Amerika."

Weiteres: "Back to Blood", der gerade in den USA erschienene, neue Roman von Tom Wolfe, "stellt einen neuerlichen Tiefpunkt dar", schaudert Jörg Häntzschel und listet dem Autor minutiös dessen Verfehlungen auf. Reinhard J. Brembeck erlebt beim von Philippe Herreweghe dirigierten Konzert in München "ein friedvolles Verlöschen in Resignation". Marius Nobach resümiert eine Tagung über den Dramatiker Heinar Kipphardt. Andrea Bachstein poträtiert den greisen Jesuiten Peter Gumpel.

Besprochen werden die Ausstellung "Pop Art Design" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (die "aus hochkarätigen Pop-Art-Beständen schöpfen" kann, wie Laura Weissmüller zu berichten weiß), zwei Aufführungen von Kafkas "Prozess" in Dortmund ("fett instrumentiert") und Bochum ("aufs Wesentliche ... konzentriert"), die Märchenoper "Das geheime Königreich" an der Semperoper in Dresden und Bücher, darunter "Fleischmarkt", das feministische Manifest der britischen Bloggerin Laurie Penny (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 23.10.2012

Paul Ingendaay beschreibt den Hintergrund der geplanten Entlassung von 149 Mitarbeitern der renommierten spanischen Tageszeitung El País, obwohl diese seit ihrem Bestehen Gewinn macht. Doch El País muss die Verluste wettmachen, die der Geschäftsführer des Mutterkonzerns Prisa, Juan Luis Cebrián, angerichtet hat, der sich dafür 2011 mit dreizehn Millionen Euro Jahreseinkommen belohnt hat. Informationen über all dies findet man übrigens vor allem im Netz, so Ingendaay: "Eine ironische Pointe des Dramas ist, dass vor allem das Internet, das als Bedrohung des Papierimperiums früherer Jahre gilt, die laufenden Ereignisse bei El País furcht- und schonungslos analysiert. Internetforen und junge Netzzeitungen wie vozpópuli scheinen die Einzigen zu sein, die den Gedanken an eine kritische Öffentlichkeit noch nicht auf den Müll geworfen haben."

Ziemlich beeindruckt kommt Magdalena Kroener aus einer Ausstellung des amerikanischen Fotografen Leigh Ledare im Brüsseler Wiels, der immer wieder seine nackte Mutter fotografierte: "Alles begann in jenem Sommer, als Ledare etwa dreizehn Jahre war: Er beobachtete seine Mutter, wie sie sich auszog, duschte und anschließend nackt auf ihr Bett legte. 'Sie hatte die Augen geschlossen, aber ich wusste, dass sie wusste, dass ich sie dabei beobachtete', erinnert er sich. Eine Grenzübertretung mit zwei gleichermaßen Beteiligten war das - und der Beginn von zu viel Nähe, aus der sich der Sohn erst wieder als Erwachsener löste. Mit Hilfe einer Kamera." (Bild: Mom Stretching, 2002, mehr zur Mom-Serie hier)

Weitere Artikel: Der Internet-Unternehmer Stephan Noller warnt vor der Personalisierung des Internets, die jeden Versuch, einen objektiveren Blick auf die Welt zu bekommen, vereitelt: "Algorithmen müssen abschaltbar sein. Oder es sollte dem Leser immer möglich sein, den nicht personalisierten Zugang zu einer Website zu aktivieren." (2001 war er in der Zeit noch etwas positiver.) Matthias Grünzig begeistert sich für Potsdams neue Universitätsbibliothek. Dirk Schümer besucht das neue Palladio-Museum in Vicenza.

Besprochen werden Philipp Stölzls Inszenierung des "Parsifal" an der Deutschen Oper Berlin (sie ist "eine derart drastische Demaskierung christlicher Glaubensinhalte", dass das Publikum kräftig buhte, berichtet Julia Spinola) und Bücher, darunter Zoran Feri?s Roman (Leseprobe) "Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).