Heute in den Feuilletons

Das Fleischrosa dieser Servietten hier

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2012. Russland ist ein Papiertiger, ruft die taz nach dem Urteil gegen Pussy Riot  und ist sich mit allen anderen Zeitungen einig.  Nichts Gutes  bedeutet die Kaperung der Kriminalliteratur durch Feuilletonisten und Verleger fürs Genre selbst, meint Cora Stephan in der Welt.  In der NZZ klagt der in Kuwait lebende Autor Ibrahim Farghali über die Rezeption arabischer Literatur im Westen: Nur Klischees würden goutiert, nicht Qualität. In der FR spricht Thomas Demand über seine Kunst. Die FAZ warnt vor vorschnellen Urteilen über Günter Wallraff.

NZZ, 18.08.2012

Einen sehr anregenden, wenn auch polemischen Artikel schreibt der in Kuwait lebende Autor Ibrahim Farghali in Literatur und Kunst über die Rezeption arabischer Literatur im Westen: Die Verlage seien auf Klischees über Islam und Terror aus und vernachlässigten Literatur, die tatsächlich literarischen Wert habe. Ein Beispiel ist für ihn "der Hype um Rajaa al-Saneas "Die Girls von Riad"": "Weitgehend unbeachtet blieb dagegen ein stilistisch wesentlich qualitätvolleres Buch, nämlich Siba al-Harez" "Al-Achirun" (Die Anderen; englisch unter dem Titel "The Others" bei Telegram Books erschienen). Dieser Roman handelt von der schiitischen Minderheit in Saudiarabien und von gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen im Schatten der verordneten Sittenstrenge." Verleger aufgemerkt: Unter jüngeren Autoren, die zu übersetzen wären, nennt Farghali Mustafa Zikri und Youssef Rakha unter den bekannteren den koptischen Romancier und Erzähler Sabri Musa.

Auch sonst sind Literatur und Kunst und Feuilleton so lässig kosmopolitisch wie es unter den deutschsprachigen Zeitungen nur die NZZ kann: Der Wiener Stadthistoriker Peter Payer erzählt die Geschichte der Wiener Opernkreuzung und erwähnt auch diesen Film der Brüder Lumière, die die Kreuzung im Jahre 1896 festhielten:



Viktoria Eschbach-Szabo unterhält sich mit der Architektin Kazuyo Sejima vom Büro Sanaa über die Baukunst der Zukunft. Besprochen wird eine Ausstellung über den Architekten Alvaro Siza in Innsbruck.

Im Feuilleton schreibt Beat Stauffer ein kritisches Porträt der Stadt Marrakesch: "Marrakesch hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren auf geradezu atemberaubende Weise verändert. Über 1500 prächtige Hofhäuser in der Altstadt wurden an Ausländer verkauft - und so immerhin erhalten -, während in den Außenquartieren Flächen im Umfang von mehreren Quadratkilometern überbaut wurden."

Weiteres: Samuel Herzog behauptet, erhabe in der Pariser Ausstellung "Les séductions du palais - Cuisiner et manger en Chine" ("Verführungen des Gaumens - Kochen und Essen in China") Gerichte wie "xiongzhang" verkostet, "ein Bärenpfoten-Gericht aus der Shang-Dynastie (1570-1045 v. Chr.)". Besprochen werden außerdem einige Bücher, darunter der "Damenroman" der Schwedin Sigrid Combüchen (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr) und die Ausstellung "Rasterfahndung" im Kunstmuseum Stuttgart.

Welt, 18.08.2012

"Verblendung! Verdammnis! Verdummung?", ruft Cora Stephan, die als Krimiautorin mit dem Namen Anne Chaplet signiert, und betrachtet in der Literarischen Welt den Skandal um Thomas Steinfelds Krimikolportage "Der Sturm" (die nicht von Frank Schirrmacher handelt) als Symptom fürs Genre: "Ja, doch, dafür spricht einiges. Offenbar halten deutsche Buchverlage kein Werk mehr für verkäuflich, das sie nicht mit einem branchenerschütternden Geheimnis oder wenigstens mit einem feuchten Skandälchen garnieren können. Für den Krimi heißt das: Aus sich heraus überzeugt er nicht mehr."

Weitere Artikel in der Buchbeilage: Hannes Stein unterhält sich mit Richard Ford, dessen Roman "Kanada" in diesen Tagen erscheint. Fritz J. Raddatz liest Durs Grünbeins neuen Gedichtband "Koloss im Nebel". Besprochen werden außerdem Helmut Kraussers neuer Roman "Nicht ganz schlechte Menschen", ein Erzählungsband von Julian Barnes, Hans Ulrich Gumbrechts Lebensbetrachtungen und eine Biografie Madame de Maintenons.

Im Feuilletongespräch mit Manuel Brug beteuert Anna Netrebko, dass sie sich als Puccinis "Mimi" in Salzburg nach wie vor prächtig fühlt: "Die Rolle wächst und altert mit mir. Anders als die frivolere Musetta, die ist definitiv weg, abgelegt, das war die Anna von früher, aus ihrem Kleid bin ich herausgewachsen. So wie jetzt auch aus dem Kleid der Donna Anna, mit der ich hier bekannt geworden bin, oder aus dem der Massenet-Manon. Das Koloraturen-Girlie ist Vergangenheit."

Außerdem erinnert Alan Posener an die Suez-Krise 1956, ein weltpolitisches Debakel, das Frankreich, so Posener, überhaupt erst in die Arme Europas führte.

TAZ, 18.08.2012

Von wegen Härte zeigen, das glatte Gegenteil ist der Fall, merkt Klaus-Helge Donath zum Pussy-Riot-Urteil an: "Ein Staat, der sich über drei junge Frauen hermacht, die in anderen Ländern bestenfalls zu einer Ordnungsstrafe verurteilt worden wären, offenbart seine Schwäche. Es ist nicht der starke Staat, den Putin nach außen suggeriert, sondern ein Papiertiger, der durch die Schallwellen der Punkerinnen ins Zittern geriet."

Maria Rossbauer trifft den Neurobiologen Björn Brembs, der ihr viel über die Macht von Wissenschaftsverlagen erzählen kann, die mit Steuergeldern finanzierte Forschungsergebnisse für teures Geld an die Universitäten zurückverkaufen: "Dieses System, über Jahrhunderte gewachsen, verleiht den Wissenschaftsmagazinen eine unheimliche Macht. Ihre Besitzer, stille Konzerne, deren Namen kaum jemand kennt, entscheiden jeden Tag über Karrieren, hüten das Wissen der Welt, machen aus, auf welchen Wegen es sich verteilt, wer wie viel zahlen muss, um Zugang zu bekommen. Und welche Erkenntnisse vielleicht nie an eine größere Öffentlichkeit gelangen werden."

Weitere Artikel: Elise Graton besucht die in Belgien gelegene Künstlerresidenz "Hôtel Charleroi", die sich inmitten eines seit 40 Jahren verfallenden Wohnviertels findet. Thomas Winkler plaudert mit Kevin Rowland von den Dexys Midnight Runners, der seinen Hit "Come On, Eileen" gar nicht so sehr hasst, wie ihm immer unterstellt wird. Tania Martini fühlt sich von den Glaubensbekenntnissen zweier in Vergessenheit geratener Popliteraten der 90er, die im Kongo zu Jesus gefunden haben, an Souveränitätstheorien von Georges Bataille erinnert. Bernd Pickert hat seine Probleme mit dem Applaus für Julian Assange. Die psychischen Probleme, "die im Alltag einer auf neoliberal getrimmten Gesellschaft entstehen, müssen aufgegriffen und entprivatisiert werden", fordert die Psychologin Ariane Brenssell.

Richtig gut gefällt Carla Baum die "verkaterte Lässigkeit", die das Hamburger Trio Die Heiterkeit auf seinem Debütalbum "Herz aus Gold" ausstrahlt. Im aktuellen Video stecken sich die drei Frauen jedenfalls schon mal verkatert Blumengirlanden ins Haar:



Besprochen werden außerdem Bücher, darunter zwei philosophische Abhandlungen über Jacques Lacans Diktum, es gebe keinen Geschlechtsverkehr (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.
Anzeige

Aus den Blogs, 18.08.2012

Das Interview Magazine hat ein Gespräch mit Nadescha Tolokonnikowa von Pussy Riot online gestellt: "Staat und Gesellschaft führen sich auf wie aus dem Lehrbuch linker Theorie: Der Staat bestraft und unterdrückt, die Gesellschaft kämpft und verändert sich. Hinter Gittern siehst du, wie Theorie lebendig wird." Ganz und gar nicht lebendig, sondern ziemlich todlangweilig dürfte hingegen die dreistündige Urteilsverkündung gewesen sein, wenn man sich diese Screenshots bei Nerdcore anschaut.





Sicherlich nicht gelangweilt haben sich am gestrigen Nachmittag unterdessen die Frauen von Femen, die ihrem Unmut über das Urteil auf ihre Weise Luft machten:



Die BBC bringt eine Strecke zum internationalen Protest gegen das Pussy-Riot-Urteil.

Weitere Medien, 18.08.2012

Die Zeit hat ein sehr interessantes Interview mit dem Soziologen Hans-Peter Blossfeld online gestellt, der über die Folgen des Bildungsaufstiegs von Frauen nachdenkt. "Bei Frauen laufen faszinierende soziale Phänomene ab. Noch bei den 1920 geborenen Frauen hatten 60 Prozent keinerlei Ausbildung. 60 Prozent! Die große Mehrheit hatte also ein minimales Bildungsniveau, noch in den sechziger Jahren. Doch plötzlich ist etwas passiert. Während bei den Männern die Entwicklung relativ träge verlief, hat sich im Vergleich zum Geburtsjahrgang 1920 heute die Zahl der Gymnasiastinnen in der Oberschicht verneunfacht, in der Unterschicht sogar verzwanzigfacht. Soll heißen: Wenn wir in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt einen Rückgang der sozialen Ungleichheit in der Bildung beobachten, dann liegt das vor allem an den Frauen."

In einem sehr schönen, langen Gespräch in der FR erklärt der Künstler Thomas Demand seinem Interviewer Arno Widmann, wie er arbeitet. So bastelt er die Vorlagen für seine Fotos aus Papier, um ein anderes Foto nachzustellen. Zum Beispiel die Aufnahme der Reste des letzten Abendessens von Whitney Houston: "Sehen Sie, das ist ein Bild vom Zimmer, in dem Whitney Houston ihr letztes Abendessen verzehrte. Sehen Sie die Tischdecke? Ich habe acht, neun Tischdecken gemacht, bis ich diese Schlaufe hier richtig hatte. Wenn man an Whitney Houston denkt, fallen einem sofort ihre divenhaften Kostüme ein. Diese Schlaufe sollte daran erinnern. Die Art wie sie fällt, zitiert einen Bühnenauftritt von Whitney Houston. Das Fleischrosa dieser Servietten hier. Das braucht es einfach. Das kann ich mir ausdenken, aber ich muss es auch ausprobieren. Das mache ich gerne. Darum ist Papier mir so angenehm. Es ist ein Allerweltswerkstoff. Es ist leicht formbar, und ich kann es wieder wegwerfen. Es ist billig. Ich kann fünfmal scheitern. Das macht nichts. Dann probiere ich es halt ein sechstes Mal." Hier Demands Bild und rechts daneben das Originalfoto. Zum Schluss des Interviews gucken sich die beiden noch Demands neuen Film "Pacific Sun" an:


SZ, 18.08.2012

Russland leiste sich mit dem gestrigen Urteil gegen Pussy Riot einen Offenbarungseid, stellt Julian Hans im Online-Kommentar fest: "Wladimir Putin hat sich von einem Weg zu Rechtsstaat und Demokratie endgültig verabschiedet und bemüht sich auch kaum noch, das zu verbergen .... Nicht mit liberalen Demokratien vergleicht er Russland, in denen Menschenrechte geschützt und rechtsstaatliche Verfahren gewährleistet werden. Er schielt auf religiöse Regime wie den Iran oder Parteidiktaturen wie China und bemerkt sarkastisch: Bis wir so weit sind, ist noch Spielraum."

Im Feuilleton sieht Johan Schloemann anlässlich des Hamburger Staatsvertrages, der Muslimen einen (allerdings vom Urlaub abgezogenen) freien Tag an religiösen Feiertag garantiert (mehr dazu), keinen Grund zur Angst vor "Islamisierung". Alex Rühle besucht den glänzend aufgelegten Fotografen Dirk Alvermann, der keine Ausstellungen mag und auch sonst seinen Underdog-Status pflegt. Nachdem Alexander Menden den von Banksy aufgebauten Künstler Mr. Brainwash "als Teil von Banksys generalstabsmäßigem Verarschungsplan erkannt zu haben glaubt", goutiert er dessen "Kunstzirkus" bei einer britischen Verkaufsveranstaltung "umso mehr". Dorion Weickmann berichtet von internen Streitigkeiten über die Zukunft des Berliner Festivals "Tanz im August".

Besprochen werden der Dokumentar-Spielfilm "This ain't California", das Filmdrama "We need to talk about Kevin" mit Tilda Swinton, ein Konzert der Blechblaskapelle Franui bei den Salzburger Festspielen, die Ausstellungperformance "12 Rooms" im Museum Folkwang in Essen und Bücher, darunter der Roman "Heimlich, heimlich mich vergiss" von Angelika Meier (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende lässt sich Israel-Korrespondent Peter Münch von seinen Tel Aviver Nachbarn, die den Holocaust überlebt haben, ihre Lebensgeschichte erzählen. Gerhard Matzig berichtet von Meinungsverschiedenheiten zur Nutzung des Münchner Olympiaparks, den Kritiker momentan wegen Eventisierung seiner Identität verlustig gehen sehen. Und Rebecca Casati unterhält sich mit Colin Farrell unter anderem über dessen Leidenschaft für den Science-Fiction-Autor Philip K. Dick.

FAZ, 18.08.2012

Michael Hanfeld prüft die von dem ehemaligen Mitarbeiter André Fahnemann gegen Günter Wallraff erhobenen Vorwürfe (Sozialbetrug, Prozessbetrug) und warnt vor Vorverurteilungen: "Je tiefer man in die Sache einsteigt, umso persönlicher wird sie. Nur eines ist sie nicht: eindeutig. Es ist daher reichlich verfrüht, Abgesänge auf den Ausnahmerechercheur Wallraff anzustimmen, hämische zumal." (Mehr dazu in der taz)

Weitere Artikel: Kerstin Holm kommentiert das Gulag-Urteil gegen Pussy Riot, und auch von Sarah Kirsch wird eine Solidarisierung mit den Künstlerinnen abgedruckt: "Ein solcher Schauprozess ist die Fortsetzung der Sowjetunion mit anderen Mitteln." Zusammen mit dem Schriftsteller Stephan Thome machte Sandra Kegel den Biedenkopfer "Grenzgang" mit, ein seit dem Mittelalter alle sieben Jahre gefeiertes Ritual, das Thome in seinem Debütroman gleichen Titels beschrieb. Jürgen Dollase ging für seine Gastrokolumne in Daniel Bumann Restaurant Chesa Pirani in der Nähe von Sankt Moritz essen. Oliver Jungen besuchte für die Medienseite die Kölner Gamescom. Für die letzte Seite hat Melanie Amann zu Ritalin recherchiert, dem Medikament für Kinder mit ADHS, das, zu Pulver gestampft und geschnupft, als "Kinderkoks" gehandelt wird.

Bilder und Zeiten druckt ein Kapitel aus Werner Spies' kommender Autobiografie, in der er seine Ankunft in Paris beschreibt. Anke Richter erkundet die Medienszene der Maori in Neuseeland. Kerstin Holm porträtiert den russischen Land-Art-Künstler Nikolai Polisski. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite stellt Jürgen Kesting einige neue Massenet-Einspielungen vor. Und Wolfgang Sandner unterhält sich mit dem ehemaligen Ballettstar Paul Szilard, der in diesen Tagen hundert Jahre alt wird.

Für die Frankfurter Anthologie liest Marie-Luise Knott Gottfried Benns "Schönen Abend":

Ich ging den kleinen Weg, den oft begangenen,
und diesen Abend war er seltsam klar..."