Heute in den Feuilletons

Nein, Sie haben Guernica gemacht!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.04.2012. Die Welt erklärt, wie man sich heute noch im Roggen versteckt. In der NZZ meint Richard Wagner: die Frage ist nicht, ob Grass antisemitisch ist, sondern wie er zur Demokratie steht. In der taz meint die Grünen-Politikerin Agnes Krumwiede: Das Internet kann keinen Verleger und Investor ersetzen. Die New York Times und die FAZ kommentieren den jüngsten Sieg von Amazon über Apple, der es Amazon wieder erlaubt, Ebook-Preise zu senken. Und Salon erzählt, wie Amazon bei kleinen Verlagen und Literaturzeitschriften für Sympathie wirbt: mit Geld.

NZZ, 13.04.2012

Aus deutschen Kriegsverbrechern wurden militante Pazifisten, aus Palästina-Unterstützern Antisemiten, und auch bei Günter Grass zeigt sich der Wille zur Schuldabwälzung, konstatiert Richard Wagner: "Ob der eine oder der andere nun tatsächlich Antisemit ist, stellt wahrscheinlich gar nicht das Zentrum des Problems dar. Die Frage an die deutsche Diskussion sollte eher sein, welche Bedeutung Demokratie und Rechtsstaat in der Einschätzung innenpolitischer wie außenpolitischer Probleme haben. Denn es ist am Ende keineswegs Israel, das den islamischen Nahen Osten nicht zur Ruhe kommen lässt, sondern die Unfähigkeit seiner arabischen Nachbarn, die Moderne anzunehmen."

Roman Bucheli blickt traurig nach Bitterfeld, dem es nicht half, dass Monika Maron "die schützende Hand der Poesie" über seine Solarbranche hielt: "Gegen den Mangel an unternehmerischem Sachverstand kam sie nicht an."

Besprochen werden eine Ausstellung in den Kapitolinische Museen in Rom, die Dokumente aus dem Geheimarchiv zeigt, das neue Album "Four MFs Playin' Tunes" des Jazzsaxofonisten Branford Marsalis und die Autobiografie "Ausgewiesen" des chinesischen Dissidenten Bei Ling (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

Welt, 13.04.2012

Eckhard Fuhr besucht das Dorf Gehlweiler, wo Edgar Reitz seine neuen "Heimat"-Folgen dreht und erläutert dabei auch, auf welche Art von Schwierigkeiten so ein Projekt stoßen kann: "Der Unterschied zwischen einer Erzählung und einem Drehbuch ist fundamental. Ein Erzähler kann alles behaupten, zum Beispiel, dass Kinder sich in einem Roggenfeld verstecken. Ein Drehbuchautor muss das Machbare im Auge haben. Den mannshohen Roggen, in dem Kinder einfach verschwinden können, gibt es heute nicht mehr. Für den Film musste nach alten Getreidesorten gesucht werden, und es wurden Felder eingesät, die damaliger Größe und nicht dem optimalen Format für moderne Mähdrescher entsprechen."

Weitere Artikel: Dankwart Guratzsch gratuliert dem Urbanisten Hardt-Waltherr Hämer, der Ende der siebziger Jahre Kreuzberg 36 vor den Autobahnplänen der Sozialdemokraten rettete, zum Neunzigsten. Stefan Koldehoff begrüßt die Vereinbarung zwischen den Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim und dem Bonner Kunstmuseum. Kolja Reichert porträtiert den ukrainischen Fotografen Boris Mikhailow, der zur Zeit in Berlin ausstellt.

Besprochen werdren eine Ausstellung über die "Kultur des Sinnlichen um 1800" in Weimar und Leos Janaceks Oper "Die Sache Markopoulos" in Frankfurt.

TAZ, 13.04.2012

Die grüne Bundestagsabgeordnete Agnes Krumwiede verteidigt Urheberrecht, Verleger und Verwerter gegen die Vision vom Künstler und Autor, der sich dank Internet nicht mehr ausbeuten lassen muss: "Das Internet kann keinen Verleger und Investor, keinen Tonmeister und Produzenten ersetzen. Es hat keinen Intellekt, keine Fantasie, keinen künstlerischen Instinkt, keine Managementqualitäten. Das Internet ist ein Medium und kein Partner für Urheberinnen und Interpretinnen. Die Form der Vermittlung erschafft keine Inhalte und ersetzt nicht deren Vertrieb und Vermarktung. Dass große Internetkonzerne irgendwann die Rolle der Verleger und des Vertriebs übernehmen könnten, evoziert eine traurige Vision monopolisierten Mainstream-Angebots."

Weiteres: Youssef Zauaghi informiert über das relativ neue Phänomen Nazi-HipHop und fragt sich, wie es sein kann, dass man rechtsradikalen Rappern auf den Leim geht. Carla Baum rechnet mit der Backpackerszene ab: Auch bei den Rüpcksacktouristen gehe es ums Saufen, Partymachen und Vögeln, allerdings unter dem Deckmantel des Erlebens der "anderen" Kultur.

Und Tom.
Anzeige

Weitere Medien, 13.04.2012

Nach einer Entscheidung des amerikanischen Justizministeriums kann Amazon triumphieren. Das Ministerium hatte Apple und großen Verlagen vorgehalten, heimliche Preisabsprachen getroffen zu haben. Unmittelbar nach der Entscheidung kündigte Amazon eine Senkung der Preise für E-Books an, berichtet David Streitfeld in der New York Times: "'Amazon must be unbelievably happy today,' said Michael Norris, a book publishing analyst with Simba Information. 'Had they been puppeteering this whole play, it could not have worked out better for them.' The government said the five publishers colluded with Apple in secret to develop a new policy that let them set their own retail prices, and then sought to hide their discussions."

Schon am 8. April berichtete Alexander Zaitchik in Salon.com über das OnePage-Festival in Brooklyn, das kleine Verlage feiert: "The sponsor of OnePage has raised a few eyebrows. As the festival's press release noted, 'The project is made possible with a grant from Amazon.com.' Yes, much of the literary world is in full-throated revolt against Amazon's dominance - bookstores fear Amazon will push them out of business, authors worry about deep discounting, and the Department of Justice is considering the major publishers' challenge over the price of e-books. But amid the public and private rancor, the massive e-retailer is very quietly trying to make friends in the book world. Its strategy is simple and employs a weapon Amazon has in overwhelming supply: Money." Zu den Projekten, die Geld von Amazon bekamen, gehören laut dem Bericht das PEN American Center, Zeitschriften wie die Los Angeles Review of Books, One Story, Poets & Writers und Kenyon Review, Stipendiatenprogramme wie 826 Seattle und Girls Write Now und Vereine wie die Lambda Literary Foundation, Voice of Witness und Words Without Borders (Website).

Ari Shavit fasst Günter Grass' Intentionen mit seinem "Gedicht" in Ha'aretz (deutsch auf der Seite der israelischen botschaft) so zusammen: "Ich bin nicht bereit, weiterhin meinen Abscheu vor Israel wegen meiner Nazi-Vergangenheit zu unterdrücken; ich denke, dass eine Atommacht Israel den Weltfrieden gefährdet; die Tatsache, dass mein Volk 1942 die Juden ermordet hat, rechtfertigt nicht, dass Israel 2012 über Atomwaffen verfügt." Einen vorwurf an die israelischen Linksintellektuellen hat Shavit auch parat: "Während das offizielle Deutschland seinen obersten Schriftsteller lautstark verurteilt hat, blieb das aufgeklärte Israel stumm. Die moralische israelische Linke hat den Grass-Test nicht bestanden."

FR/Berliner, 13.04.2012

Im Interview mit Klaus Staeck macht der dänische Karikaturist Kurt Westergaard einen schönen Punkt: "Picasso begegnete nach der Okkupation Frankreichs einem deutschen Luftwaffenoffizier. Der Deutsche fragt ihn: 'Haben Sie Guernica gemacht?' Picasso antwortete: 'Nein, Sie haben Guernica gemacht!' Das ist eine sehr gute Anekdote."

Besprochen werden die Kraftwerk-Restropektive im New Yorker Moma, Sean Durkins Sektendrama "Martha Marcy May Marlene" und Rolf Hosfelds Tucholsky-Biografie (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

FAZ, 13.04.2012

Die Kartellrechtsklage des amerikanischen Justizministeriums gegen Apple und einige Verlage wegen angeblicher eBook-Preisabsprachen (mehr dazu etwa hier) begünstige vor allem Amazon, findet Felicitas von Lovenberg: "Amazon kann seinen Preiskrieg mit höchstrichterlichem Segen weiterführen. Für die Vielfalt des Buchmarkts aber ist diese monopolistische Entwicklung bedrohlich." Und insbesondere könne damit auch die segensreiche deutsche Buchpreisbindung bald zur Disposition stehen.

Weiteres: Günter Grass räumt endlich das Feld in Richtung Randspalte: In einem knappen Text kratzt sich Jürgen Kaube über das "Aber" in der Stellungnahme des Autors zum israelischen Einreiseverbot verwundert am Kopf und fragt sich, ob Grass allen Ernstes so tue, "als hingen ganze Länder irgendwie mit [seiner Biografie] zusammen". Dirk Schümer berichtet, dass in den Niederlanden nach dem Bericht der niederländischen Deetman-Kommission vom vergangenen Jahr (mehr), der den jahrzehntelangen Missbrauch Tausender Kinder unter dem Deckmantel der katholischen Kirche untersuchte, nun auch lange Zeit verschwierigene Zwangskastrationen minderjähriger Jungen aufgedeckt wurden. Mark Siemons informiert über jüngere Skandale in China rund um die umstrittene, neo-maoistische Chongqing-Strömung. Constanze Kurz verspricht sich von einem ernsthaften Netzangebot zur Bürgermitsprache die Chance, "im Verhältnis von Bürger und Staat (...) gegenseitiges Vertrauen" zurückzuerobern. Wiebke Hüster hat sich in London neue Premieren am Royal Ballet angesehen. "Sage und schreibe vierzig Lieder" hat Patrick Bahners beim Hannoveraner Konzert von Funny van Dannen mitgezählt. Dieter Bartetzko gratuliert dem Architekt Hardt-Waltherr Hämer zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden der "erkennbar durch die Arbeiten Harun Farockis beeinflusste" Dokumentarfilm "Work Hard - Play Hard" und Bücher, darunter "Walpurgisnacht", Annett Gröschners Roman über die Gentrifizierung Berlins (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 13.04.2012

Johan Schloemann wünscht sich in den Diskussionen um Finanz- und Eurokrise eine Dämpfung der schrillen Töne von beiden Seiten: "Weg mit dem Sozialstaat!, rufen die einen. Weg mit den Kapitalisten!, rufen die anderen. Beides sind letztlich überholte Aussteigerphantasien, getrieben von der unerfüllbaren Suche nach Eindeutigkeit, nach dem klärenden Befreiungsschlag. Beide Gruppen wollen möglichst verdrängen, wie eng Staat und Wirtschaft längst miteinander verflochten sind."

Weitere Artikel: Werner Bloch stellt Al-Jallawi vor, den "wichtigsten Dichter Bahrains und ihr entschiedenster Intellektueller", der enttäuscht darüber ist, dass die heftigen Auseinandersetzungen in seiner Heimat zwischen der Obrigkeit und den Rebellen in Deutschland kein Thema sei. Alexander Menden informiert über eine Debatte in Großbritannien über den Auftritt des israelischen Theaters Habima im Rahmen des "Globe to Globe"-Festivals, nachdem Emma Thompson und weitere mehr oder weniger prominente Künstler das Gastgeber-Theater in einem offenen Brief dazu aufgefordert hatten, die Gruppe wegen ihrer angeblichen "Verstrickung in illegale israelische Siedlungen" auszuladen (siehe unsere Feuschau vom Dienstag, der Autor Howard Jacobson hat den Aufruf inzwischen als "McCarthyismus" bezeichnet). Die Lohnerhöhungen um 6,3 Prozent für Stellen im öffentlichen Dienst gehen im Theaterbetrieb vor allem auf Kosten der Schauspielergagen, wie Till Briegleb am Beispiel des Thalia Theaters in Hamburg verdeutlicht. Michael Grill würdigt ausführlich den Werdegang der Ärzte, deren neues "großes Album" dieser Tage erscheint - in dieser Playlist gestattet die Band ein großzügiges Reinhören:



Im Medienteil feiert Jörg Häntzschel "Girls", eine "brillante neue HBO-Serie", deren erste Folge der Sender am Sonntag ausstrahlt.

Besprochen werden eine Ausstellung William Turners und Claude Lorrains in der National Gallery in London, von der Alexander Menden mangels neuer Erkenntnisse "enttäuscht" nach Hause ging, der Dokumentarfilm "Work Hard - Play Hard", die Veröffentlichung eines von Bee Gee Robin Gibb und dessen Sohn John komponierten Requiems für die Titanic (Hörproben hier), die Filmkomödie "Nathalie küsst" mit Audrey Tatou und Bücher, darunter David Vanns Roman "Die Unermesslichkeit" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).