Heute in den Feuilletons

Pralinenschachtel aus Titan und Juwelen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.02.2012. In der FR erzählt Götz Aly, was nach  Beate Klarsfelds Kiesinger-Ohrfeige geschah. In der taz erklärt Ilija Trojanow, warum ihm vor der wachsenden Überwachungsindustrie graut. In der SZ sieht Gustav Seibt Joachim Gauck sehr wohl als Bürgerrechtler. In der NZZ erklärt Bahman Nirumand, warum die Wahlen im Iran mehr denn je eine Farce sind. Im Blog der NYRB erklärt Human Rights Watch, warum Frauenrechte in den arabischen Ländern erstmal zurückstehen müssen. Und Malise Ruthven pilgert ins British Museum.

NZZ, 29.02.2012

Mahmud Ahmadinedschad hat mit seinen Pasdaran den Iran längst in eine Militärdiktatur verwandelt, meint Bahman Nirumand, der die bevorstehenden Parlamentswahlen für eine reine Farce hält: "Die Reformer sind zum ersten Mal in der über dreißigjährigen Geschichte der Islamischen Republik von den Wahlen ausgeschlossen. Ihre beiden führenden Politiker, Mussavi und Karrubi, stehen seit einem Jahr unter Hausarrest. Sie haben keine Verbindung zur Außenwelt. Hunderte der Kader der Reformbewegung befinden sich in Haft. Die Reformer haben bereits vor Wochen erklärt, dass sie an den Wahlen nicht teilnehmen werden, weil diese nicht frei seien."

Klaus Bartels erinnert daran, dass es Kleopatra war, die Cäsar über das ägyptische Sonnenjahr und die ptolemäische Schalttags-Idee aufklärte: "Nach Maßgabe der Nil-Schwelle und des Sirius-Aufgangs hatten die alten Ägypter ein Sonnenjahr von 365 Tagen eingeführt; auf 12 gleiche Monate zu je runden 30 Tagen folgten am Schluss 5 Götter-Feiertage."

Besprochen werden die Ausstellung "Chinesische Dinge" im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, Christian Goeschels Studie "Selbstmord im Dritten Reich", Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrists Band "Project Japan", Thomas Bauers Islamgeschichte "Die Kultur der Ambiguität" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 29.02.2012

Thomas Manns kalifornische Villa soll vermietet werden, berichtet Peter Schubert, es sei denn, es finden sich noch private Sponsoren für eine Gedenkstiftung. Sarah Elsing stellt den neuen Pritzker-Preisträger vor, den chinesischen Architekten Wang Shu. In der Leitglosse möchte Dankwart Guratzsch erst ein paar Hausaufgaben erledigt sehen, bevor er über eine Verpflichtung zur Dämmung von Altbauten diskutiert. Im Forum greift Bernard-Henri Levy einige Vorschläge aus Katar und der Türkei auf, wie man den Syrern helfen könnte.

Besprochen wird eine Ausstellung über "Die Leidenschaften" im Hygiene-Museum Dresden.

TAZ, 29.02.2012

Ilija Trojanow graut es vor der explosionsartig wachsenden Überwachungsindustrie, "die Behörden weltweit Systeme anbietet, die eigenen Bürger zu identifizieren, ausfindig zu machen und zu verfolgen, meist anhand ihrer Handys und Computer. Die Marketingbroschüren der einschlägigen Firmen sind von frappierender Offenheit: Eine deutsche Firma etwa bietet die Möglichkeit an, 'politische Gegner' zu überwachen, eine italienische behauptet, sie ermögliche ihren Kunden, aus der Ferne die Kontrolle über Smartphones zu gewinnen, um die jeweiligen Nutzer abzuhören sowie zu fotografieren. Eine Firma aus Südafrika bietet Tools an, um Milliarden von Gesprächen aufzunehmen und abzuspeichern."

Im Kulturteil gratuliert Carla Baum der Indiezeitschrift Intro zum Zwanzigjährigen. Besprochen werden Michael Axworthys Iran-Geschichte "Weltreich des Geistes" und Joachim Gaucks Schrift "Freiheit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.
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FR/Berliner, 29.02.2012

Götz Aly erzählt in seiner Kolumne die Nachgeschichte zu Beate Klarsfelds Kiesinger-Ohrfeige: "Hernach verteidigte Horst Mahler die Klarsfeld im Strafprozess, und linke, bald antisemitisch agierende Straßenkämpfer warfen dem Richter und einem Staatsanwalt die häuslichen Fensterscheiben ein."

Arno Widmann freut sich, dass Buddy Elias, Cousin Anne Franks, die Dokumente seiner Familie dem Jüdischen Museum in Frankfurt übergibt: "Die Geschichte der Franks, das wird die Ausstellung zeigen, ist auch die Geschichte von Menschen, die ihre Bildungschancen nutzten. Lesen und Schreiben spielten in der Familie eine wichtige Rolle."

Nikolaus Bernau würdigt den neuesten Pritzker-Preisträger Wang Shu: "Sein Büro, das Amateur Architecture Studio (mehr hier) heißt, hat neben Wang Shu und LuWenyu nur vier Mitarbeiter. Der Name soll das Handwerkliche, Lokale und nicht zuletzt Einfache der Architektur betonen. Die Bauten des Büros sind oft grob in den Materialien, im Kontrast zwischen glatt verputzten Wänden, rauem Stein oder Beton, poliertem Holz."

Aus den Blogs, 29.02.2012

Ein interessanter Streit über die neuen Regierungen in den arabischen Ländern nach der Revolte lässt sich im Blog der New York Review of Books nachlesen. Human Rights Watch fordert westliche Regierungen auf, mit den gemäßigt islamischen Regierungen zu kooperieren. Darauf antwortet eine Gruppe von Frauen: "You say, 'It is important to nurture the rights-respecting elements of political Islam while standing firm against repression in its name,' but you fail to call for the most basic guarantee of rights - the separation of religion from the state. Salafi mobs have caned women in Tunisian cafes and Egyptian shops; attacked churches in Egypt; taken over whole villages in Tunisia and shut down Manouba University for two months in an effort to exert social pressure on veiling. And while 'moderate Islamist' leaders say they will protect the rights of women (if not gays), they have done very little to bring these mobs under control." Darauf antworten Funktionäre von Human Rights Watch unter demselben Link, dass die Ägypter und Tunesier eben nicht für eine Trennung von Staat und Religion gestimmt haben.

Ebenfalls im Blog der NYRB feiert Malise Ruthven eine von der saudischen Regierung und dem British Museum gemeinsam ausgerichtete Ausstellung über den Hadsch, die islamische Pilgerfahrt: "The exhibition seems more than a cultural event - a milestone, perhaps, in the public recognition and acceptance of Islam at the heart of British life." Da stellt sich zwar auch eine Frage: "Should a scholarly and secular institution refrain from such exploration in order to accommodate religious sensitivities?" Aber angesichts in London gerade festgenommener Terroristen, die Attentate geplant hatten, glaubt Ruthven, dass die Ausstellung versöhnen kann: "An exhibition that celebrates the Islamic faith inside Britain's foremost institution of culture must serve to counter feelings of exclusion."

Von wegen Oscarfieber: Wenig bis nichts hielt Ingmar Bergman seinerzeit von den Goldjungen aus Hollywood, wie aus diesem Fundstück von 1960 hervorgeht.

SZ, 29.02.2012

Nach Einwänden (mehr hier und hier), Joachim Gauck habe sich überhaupt erst im Herbst 1989 der DDR-Bürgerrechtsbewegung angeschlossen, unterstreicht Gustav Seibt, dass es für ihn in dieser Sache keinen Zweifel geben kann: "Wenn man heute hört, dass Gauck gewiss nicht Leib und Leben, vor allem auch nicht seiner Kinder, riskiert hat, dass er aber keine Kompromisse mit dem Staat schloss, dass er ein freies Wort in seiner Kirche führte und die Kommunikation unter Oppositionellen beförderte, dann genügt das bereits, um ihn in die Minimalbeschreibung eines Bürgerrechtlers einzuschließen."

Weitere Artikel: Sebastian Schoepp liefert anlässlich der Schau "New Museums in Spain" im Münchner Instituto Cervantes Hintergründe zu zahlreichen Investitionsruinen im Spanier Museumsbau der letzten Jahre, der viel "ambitioniert ummauerte Luft" hinterlassen habe. Die Münchner Philharmoniker haben Berlioz' auch wegen seiner Längen schwieriges Epos "La Damnation de Faust" bestens gerettet, findet Helmut Mauró. Jörg Häntzschel informiert, dass der Pritzker-Preis für Architektur mit der Vergabe an Wang Shu erstmals an einen chinesischen Architekten geht.

Besprochen werden neue Pop-Alben, Steve McQueens neuer Film "Shame", zwei Ausstellungen mit Arbeiten von Kris Martin (eine im Kunstmuseum Bonn, die andere im Lehmbruck-Museum in Duisburg), Johann Kresniks "Sammlung Prinzhorn" am Theater Heidelberg und Bücher, darunter T.C. Boyles neuer Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 29.02.2012

Der neomarxistische Filmkritiker Dietmar Dath wird auch durch das Kinoerlebnis nicht zum nachträglichen Freund der Eisernen Lady: "Niemand möchte nach den Rezepten der Dame (mit denen man gerade die Griechen traktiert) kaputtregiert werden; ein Denkmal aber hat sie natürlich verdient - alles menschenmaßstäblich Imposante verdient eins. Bloß, wie soll das aussehen? Eine sechs Kilometer hohe, unzerstörbare Pralinenschachtel aus Titan und Juwelen? Man hat sich stattdessen für einen Film entschieden."

Weitere Artikel: Dirk Schümer mag Helmut Kohls Aufschrei für Europa in der Bild nicht unterstützen. Mark Siemons begrüßt den Pritzker-Preis für den chinesischen Architekten Wang Shu (mehr hier). Jürg Altwegg meldet, dass Bücher in Frankreich jetzt staatlicherseits digitalisiert werden sollen. Auf der Medienseite kritisiert der Datenschützer Thilo Weichert die neuen Datenschutzrichtlinien von Google und empfiehlt den Nutzern, die Cookies abzuschalten und andere Suchmaschinen zu benutzen.

Besprochen werden ein Konzert des Pianisten Grigory Sokolov in Frankfurt, eine Thomas-Ruff-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, neue DVDs und Bücher, darunter David Abbotts Roman "Die späte Ernte des Henry Cage" (mehr hier und in der Bücherschau ab 14 Uhr).