Heute in den Feuilletons

Anders und doch wiedererkennbar

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2011. In der SZ mag Diedrich Diederichsen dem Retropop durchaus einiges abzugewinnen. Die Welt bringt die fulminante Berliner Rede des polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski an die Deutschen: "Ich fürchte mich weniger vor Deutschlands Macht als vor seiner Untätigkeit." Und Martin Walsers Hommage auf den Euro-Miterfinder Theo Waigel. Die NZZ führt uns in Südkoreas politische Satirelandschaft ein.

Welt, 30.11.2011

Eurokrise 1: Die Welt übersetzt eine fulminante Rede, die der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski in Berlin gehalten hat: "Ich bin wahrscheinlich der erste polnische Außenminister der Geschichte, der das sagt, aber hier ist es: Ich fürchte mich weniger vor Deutschlands Macht, sondern beginne mich mehr vor Deutschlands Untätigkeit zu fürchten. Sie sind Europas unverzichtbare Nation geworden. Sie dürfen bei der Führung nicht versagen. Nicht dominieren - sondern führen bei den Reformen. Vorausgesetzt, Sie binden uns bei Entscheidungen ein, wird Polen Sie unterstützen."

Eurokrise 2: Das Feuilleton bringt eine Lobrede, die Martin Walser auf Theo Waigel, den Miterfinder des Euro, gehalten hat: "Eine Vision zu haben, genügt eben auch nicht. Man muss auch rechnen können. Theo Waigel hatte eine Vision, und er konnte rechnen. Für mich ist die dichte Folge der Euro-Krisen der lebendigste Geschichtsunterricht, dem ich je ausgesetzt war. Wie viel Politik ist nötig, um die Ökonomie zu bändigen? Wie viel Ökonomie muss sein, um die Politik lebendig zu machen?"

Besprochen werden eine Ausstellung über "Kibbuz und Bauhaus" im Bauhaus Dessau, Scarlattis Oper "Marco Attilio Regolo" in Schwetzingen, und Cary Fukunagas Neuverfilmung von Charlotte Brontes Roman "Jane Eyre" (mehr hier).

NZZ, 30.11.2011

Ho Nam Seelmann führt uns in Südkoreas politische Satirelandschaft ein, die vor allem im Internet blüht und gedeiht. Ganz wichtig zu wissen: "Hat jemand in Südkorea den neuesten Trend verschlafen, so fragt man: 'Bist du ein Spion?' Denn der Hinterwäldler kann ja nur aus Nordkorea kommen."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel besucht die "Wunder"-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen. Besprochen werden außerdem die Liszt-Konzerte des Lucerne Festival, Karl Heinz Bohrers Schrift "Selbstdenker und Systemdenker" und Juri Andruchowytschs Roman "Perversion" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 30.11.2011

Henryk M. Broder war ja vor kurzem schon für die Taten Anders Breiviks verantwortlich gemacht worden. FR und Berliner Zeitung zogen jüngst nach und sahen ihn auch als Inspiration für die Zwickauer Neonazis. Mehr noch, schreibt Dirk Maxeiner in Achgut: "Der Dienst Heise Online lieferte dazu prompt die passende Leser-Umfrage. "Wie auf das mörderische Rechte Trio reagieren?", wurde gefragt und als Antworten zum Ankreuzen unter anderem angeboten: "Verbot der NPD" und "Ächtung jener, die der Ausländerfeindlichkeit Vorschub leisten". Als Beispiel namentlich genannt: Henryk M. Broder. "Nie wieder" und "Juden raus" jetzt auch als Multiple-Choice-Option. Wir lernen: Endlich kann man den Kampf gegen rechts mit solidem Antisemitismus unterfüttern."
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FR/Berliner, 30.11.2011

"Der Waldfriedhof Aumühle [bei Hamburg] ist seit drei Jahrzehnten Ziel von Kriegsnostalgikern und Neonazis", berichtet Volker Weiß. Zuletzt hätten dort am Totensonntag knapp dreißig Personen Kränze am Grab des NS-Admirals Karl Dönitz niedergelegt. "Am Gedenkstein für 30 ums Leben gekommene sowjetische Kriegsgefangene liegt dagegen kein Kranz."

Besprochen werden Cary Joji Fukunagas Verfilmung des Charlotte-Bronte-Romans "Jane Eyre" mit Mia Wasikowska, die Ausstellung "Bauen mit Holz" in der Münchner Pinaktothek der Moderne und Michael Martens Roman "Heldensuche" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 30.11.2011

Auf der Meinungsseite erzählt Claus Leggewie, wie er beinahe einen Vortrag vor hessischen Verfassungsschützern zur "Renaissance des Kommunismus" gehalten hätte. Die Veranstaltung ist geplatzt, aber zum großen Versagen des Verfassungsschutz und seines Mitarbeiters "Kleiner Adolf" hat er doch noch etwas zu sagen: "Der Kasseler Fall zeigt exemplarisch das zwischen kolossaler Wichtigtuerei und unfassbarer Komplizenschaft pendelnde Unwesen der V-Leute, das ja keineswegs auf die extreme Rechte begrenzt war. V-Mann Peter Urban hatte sich in den 1960er Jahren als Agent Provocateur in der linken Szene Westberlins getummelt und dort Gewaltakte angestiftet; wenn er, worauf Indizien hindeuten, zugleich für die Stasi gearbeitet haben sollte, potenziert das nur den Geheimdienst-Irrwitz."

Im Interview mit Tim Caspar Boehme erklärt der Evolutionspsychologe Steven Pinker noch einmal, wie er zu seiner Behauptung kommt, dass die Gewalt in den vergangenen Jahrhunderten stetig abgenommen habe, wozu Politik, Kultur und Wirtschaft beigetragen hätten: "Wir haben also irgendetwas richtig gemacht. Es scheint mir daher geboten, herauszufinden, was das ist, sodass wir die Sache in Zukunft noch verstärken können. Im Übrigen ist jede Weltanschauung falsch, derzufolge alles, was in den vergangenen 300 Jahren geschehen ist, ein schrecklicher Fehler war - die Aufklärung, die wissenschaftliche Revolution, Demokratie und Kapitalismus."

Besprochen werden Eran Riklis' Filmsatire "Die Reise des Personalmanagers" und Amit Chaudhuris Roman "Mrs Sengupta will hoch hinaus".

Und Tom.

Tagesspiegel, 30.11.2011

Nachdem Kulturstaatsminister Bernd Neumann aus dem Kuratorium der Stiftung Neuhardenberg ausgetreten ist, hat sich diese endlich vom stellvertretenden iranischen Außenminister Mostafa Dolatyar getrennt, der in ihrem Kuratorium saß und an anderem Ort die Auslöschung Israels herbeigewünscht hatte, meldet Christiane Peitz und zitiert die exiliranische Autorin Nasrin Amirsedghi: "ein Vertreter des Regimes in einer deutschen Stiftung, die sich als idealer Standort für internationale Treffen in den Bereichen Kunst, Politik und Wissenschaft begreift" sei "Verrat am jüdischen und iranischen Volk, eine Schande für Deutschland".
Stichwörter: Wissenschaft

FAZ, 30.11.2011

Gina Thomas berichtet, dass das Grabmal Oscar Wildes auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise, das von Besuchern seit Jahren mit Lippenstiftküssen eingedeckt wurde, nun durch eine diskrete Glasplatte gesichert ist. Maximilian Steinbeis verfolgte eine Berliner Diskussion zwischen Jürgen Habermas und Fritz Scharpf über die Zukunft Europas. Stephan Rixen erklärt, was es mit Wolfgang Waldsteins Naturrechtslehre auf sich hat, auf die sich der Papst in seiner Bundestagsrede bezog. Dirk Schümer inspiziert das neue Grazer Kulturviertel Joanneum. Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass Hans-Wolfgang Jurgan, der Chef der Degeto, die für die ARD Hunderte von Millionen Euro für Fernsehschmonzetten ausgibt, suspendiert wurde.

Besprochen werden Cary Fukunagas Neuverfilmung von Charlotte Brontes Roman "Jane Eyre" (mehr hier), eine Ausstellung mit Magnum-Fotografien in Düsseldorf und Konzerte der Frankfurter Biennale für Neue Musik.

SZ, 30.11.2011

Diedrich Diederichsen schaltet sich in die Debatte um Retrokultur in der Popmusik ein und betrachtet sie als ästhetische Haltung von eigenem Recht: "Dieses von zwei Erfahrungen in großen Zeitabständen hervorgebrachte Objekt 'Popmusik' muss wenigstens einmal so überraschend zuschlagen, wie es ja auch immer wieder vorgekommen ist, um dann ein zweites Mal anders und doch wiedererkennbar gehört werden zu können. Wenn sie allerdings nur noch aus zweiten und dritten Malen besteht, wird sie etwas anderes. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass es gerade ein ästhetischer Fortschritt ist, dass die Popmusik ihren primär sozialisierenden (und auch anti-sozialisierenden) Charakter verliert und zu einer künstlerischen Disziplin wird."

Weiteres: Auffallend häufig begegnete Thomas Steinfeld zuletzt der Begriff "Finanzaristokratie" im Zusammenhang mit der Finanzwirtschaft, etwa hier bei Sighard Neckel. So recht wohl ist ihm mit der Begriffswahl allerdings nicht. Zu dessen 20. Geburtstag stellt Egbert Tholl das Theaterhaus Jena samt dessen "anarchischen Grundstrukturen" vor. Cathrin Kahlweit blickt auf das Leben der kürzlich verstorbenen Lana Peters, der einzigen Tochter Josef Stalins, zurück.

Besprochen werden neue Pop-CDs, darunter ein Resteverwertungsalbum von Amy Winehouse, die Ausstellung "Juden 45/90 - Überlebende aus Osteuropa" im Jüdischen Museum in München, der neue Science-Fiction-Film "In Time" mit Justin Timberlake ("ein faszinierendes Gedankenspiel", urteilt Susan Vahabzadeh), eine Casanova-Ausstellung in der Französischen Nationalbibliothek in Paris und Bücher, darunter Jochen Schimmangs 68er-müder Roman "Neue Mitte" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).