Heute in den Feuilletons

Nerven und Neurosenkavaliere

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2011. Boualem Sansal erzählt die Geschichte Algeriens in seiner Friedenspreisrede als eine Geschichte von Kriegen. Leider hat niemand die Rede online gestellt. Über der Buchmesse schwebte das Gespenst der Digitalisierung. Aber wie macht man Geld mit Ebooks - oder werden nur Amazon und Apple die Hand aufhalten?, fragt die FAZ. Die New York Times berichtet unterdes von der nächsten Amazon-Attacke: Das Unternehmen wird jetzt auch verlegerisch tätig. Und in Mailand wächst demnächst der erste vertikale Wald, meldet inhabitat.com.

Weitere Medien, 17.10.2011

In seiner beeindruckenden Friedenspreisrede (die niemand, nicht mal der Börsenverein, online gestellt hat) erzählt Boualem Sansal die Geschichte Algeriens seit der Unabhängigkeit als eine Geschichte von Kriegen: "Die Befreiung brachte keine Freiheit, und Freiheiten schon gar nicht. Sie brachte nur Einschränkung, geistige und materielle. Daran schluckten wir schwer. Und danach (...) sind wir 1991 in den schlimmsten aller Kriege geraten, den Bürgerkrieg."

Nachtrag: In der ZDF Mediathek kann man sich immerhin die Übertragung der Rede ansehen, worauf uns ein freundlicher Leser hinwies.

In Mailand wächst demnächst der erste vertikale Wald, meldet das Blog inhabitat.com:





Amazon ändert die Regeln des Buchmarkts, und zwar gewaltig, schreibt David Streitfeld in der New York Times - unter anderem dadurch, dass es selbst verlegerisch tätig wird. Und die Branche ist in Aufruhr: "Several large publishers declined to speak on the record about Amazon's efforts. 'Publishers are terrified and don't know what to do,' said Dennis Loy Johnson of Melville House, who is known for speaking his mind. 'Everyone's afraid of Amazon,' said Richard Curtis, a longtime agent who is also an e-book publisher. 'If you're a bookstore, Amazon has been in competition with you for some time. If you're a publisher, one day you wake up and Amazon is competing with you too. And if you're an agent, Amazon may be stealing your lunch because it is offering authors the opportunity to publish directly and cut you out.'"

Welt, 17.10.2011

Gershwin-Weills Musical "Lady in the Dark", das gerade in Hannover aufgeführt wird, ist kein alter Hut, versichert Manuel Brug. "Es geht ... nämlich um Erschöpfungszustände und Psychoanalyse, Freudiana und Frigidität, Nerven und Neurosenkavaliere, Mode und mentale Ausfälle: Burnout am Broadway also."

Hier eine Szene aus der Filmversion von 1944 mit Ginger Rogers:



Weiteres: Wolf Lepenies erklärt, warum die Occupy-Bewegung sich auch gegen Obama richtet: "Er redet zu gut und tut zu wenig." Uwe Schultz erzählt vom Stand der Dinge um das von Nicolas Sarkozy geplante "Haus der Geschichte Frankreichs". Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotoporträts von Picasso im Kölner Museum Ludwig (links eins von Brassai) und Catherine Colliot-Thelenes Buch "Demokratie ohne Volk".

TAZ, 17.10.2011

Auf der Meinungsseite kommentiert Ines Kappert alarmiert die offenbar bevorstehende Inhaftierung des iranischen Regisseurs Jafar Panahi. Ein Berufungsgericht hat das Urteil gegen ihn von sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot bestätigt: "Alles kommt also noch schlimmer als erwartet. Der Arabische Frühling hat die Machthaber im Iran weiter brutalisiert. Unerbittlich führt das Regime seinen Kampf gegen alle, deren Interessen es nicht bedienen mag oder kann und die noch nicht hirntot sind."

Im Kulturteil stellt Andreas Fanizadeh mit Erleichterung fest, dass die Buchmesse mit der Friedenspreisverleihung an Boualem Sansal doch noch einen deutlichen Akzent setzt - "gegen eine über weite Strecken apolitische und lethargische Haltung". In seiner Bilanz der Buchmesse bemerkt Dirk Knipphals nicht nur einen Trend zum Ebook, sondern auch einen "weg von der Kulturzeitschrift hin zum schnell gestrickten Sachbuch". Silvia Hallensleben berichtet von einer Tagung in Köln zur Konjunktur des politischen Dokumentarfilms. Lukas Foerster war auf einem Symposium des Filmkritikerverbands zu Glanz und Elend der Berlinale und staunt, dass sich dort sogar Verteidiger von Dieter Kosslicks kulinarischem Kino fanden.

Und Tom.
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NZZ, 17.10.2011

Sehr sympathisch war Andreas Breitenstein Islands Buchmessen-Auftritt: "Es war der von ingeniöser Schlichtheit geprägte Island-Pavillon, der die Zweifel beseitigte." Jürgen Tietz berichtet vom Streit um die Sanierung von Max Schlups hypereleganten Gymnasium Strandboden in Biel. Sven Weniger und Michael Marek berichtet von den Mühen auf St. Lucia, das kreolische Idiom zu erhalten.

SZ, 17.10.2011

Ganz verblüfft sei Boualem Sansal über die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gewesen, schreibt Franziska Augstein in ihrem Bericht von Sansals Dankesrede in der Paulskirche. Und: "Das war keine Koketterie. Er meinte es ernst. Als Friedensbringer sieht er sich nämlich nicht und auch nicht als einen, der - er zitierte aus dem Urkundentext - 'die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert'. Seitdem der studierte Ingenieur von seinem Chefposten im algerischen Industrieministerium entfernt wurde, seitdem seine Frau nicht mehr als Lehrerin arbeiten darf, teilt er aus - und zwar in alle Richtungen."

Weitere Artikel: Nicht die gute Popmusik ist auskomponiert, meldet sich Jens-Christian Rabe in der Diskussion um die Retro-Dominanz im Pop zu Wort, die der Pophistoriker Simon Reynolds mit seinem letzten Buch ausgelöst hat, vielmehr sei das genuin Neue heute nurmehr ein "Nischenphänomen in einem Kosmos der Nischen". Mit "leichtem Unbehagen" ist Burkhard Müller durch das frisch wiedereröffnete Militärhistorische Museum in Dresden gewandert, wo ihm mehrfach das "verschleierte Passiv der Gewalt" begegnete. In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Michael Moorstedt das Diskussionsforum reddit.com und insbesondere diese Diskussion um den User kerfuffly vor, der seine Tätigkeit als arabischer Internetzensor kommentiert. Im Gespräch erklärt Michael Krüger vom Hanser Verlag, warum der Verlag demnächst eine Dependance in Berlin eröffnet. Harald Eggebrecht berichtet von einer Karl-May-Tagung in Wolfenbüttel. Lothar Müller resümiert kurz und bündig die Buchmesse.

Besprochen werden unter anderem neue DVDs, Kurt Weills "Lady in the Dark" an der Staatsoper Hannover, Simon Stephens' Theaterkrimi "Three Kingdoms" an den Münchner Kammerspielen und eine Sammlung mit Künstlergesprächen des im April verstorbenen Andre Müller (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 17.10.2011

(via BoingBoing) Sehr originell. "I heart guts" verkauft bunte Plüschkissen, die inneren Organen nachgebildet sind. Links eine Prostata, die mit folgenden Worten empfohlen wird: "Dieser Samenstar ist ein großartiges Geschenk für den Mann in Ihrem Leben oder Ihren tapferen Prostatakrebsüberlebenden." Es gibt auch eine Niere, Bauchspeicheldrüse, Blinddarm, Uterus, Leber und Lungen.

Turi2 berichtet mit Verweis auf die Bild am Sonntag, dass das MDR-Fernsehballett bei der Geburtstagsfeier von Tschetscheniens Despoten Ramsan Kadyrow in Grosny augetreten ist. "Die Osteuropaexpertin Marieluise Beck (Grüne) kritisiert den Auftritt als 'unanständig', die Tänzer hätten 'einen Diktator hofiert, der für schwerste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist'."

FAZ, 17.10.2011

Zur Sache geht's in Lena Bopps Buchmessenresümee. Angst vor der Digitalisierung schwebte über der Veranstaltung: "Wie sich digitale Bücher herstellen und vertreiben lassen, ohne dass sich die Verlage dabei in die Hände einiger weniger, großer Multimedia-Konzerne begeben müssen, ist die eine Frage. Die andere ist die, wie sich mit E-Books überhaupt Geld verdienen lässt."

Pavel Mayer von der Piratenpartei antwortet auf einen erstmals recht netzfreundlichen Artikel des CDU-Politikers Peter Altmaier: "Wenn Sie, Herr Altmaier, 'noch mehr Demokratie wagen' möchten, dann muss ich zunächst den grundsätzlich antidemokratischen Charakter von Geheimnissen betonen. Wer durch Geheimnisse von Informationen ausgeschlossen ist, der ist auch von sinnvoller Mitbestimmung ausgeschlossen."

Weiteres: Die Occupy-Bewegungen seien mehr als nur Protest, betont Stefan Schulz. Besprochen werden ein Auftritt der Iceland Dance Company in Frankfurt, Neil MacGregors "Geschichte der Welt in hundert Objekten" (mehr hier) und erste Inszenierungen der Saison in Stuttgart.