Heute in den Feuilletons

Integrationspflichtvergessenheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.05.2011. Ein Leben zwischenzuspeichern, verbraucht erstaunlich wenig Speicherkapazität, erzählt Peter Glaser in der NZZ. Stefan Niggemeier hat die 376 täglichen Artikel von stern.de durchgezählt, fand aber nur neun, die tatsächlich von stern.de sind. In seinem stern.de-Blog erklärt Hans-Martin Tillack, warum das Netzwerk Recherche einen Fehler machte, als es Carsten Maschmeyer einlud. Die Totalverbannung Lars von Triers aus Cannes löst mittelbetroffene Kommentare aus.

NZZ, 20.05.2011

Der Autor und Blogger Peter Glaser wirft einen Blick in die Zukunft, in der das Internet zum globalen Totalgedächtnis wird beziehungsweise der Terabyte-Totalitarismus heraufzieht. Dabei erzählt Glaser auch von Gordon Bell, der für Microsoft arbeitet und sein ganzes Leben digitalisieren lässt. Life caching heißt das: "Bell digitalisiert versuchsweise alles, was er besitzt, aufgeschrieben, kopiert oder fotografiert hat; das von ihm entwickelte technische Gedächtnis nimmt seine Telefongespräche auf, was er im Radio und sonst an Musik hört und im Fernsehen sieht. Jeder Tastendruck, jede Mausbewegung, jedes verschobene Fenster auf seinem Rechner wird aufgezeichnet. Die Speicheranforderungen sind erstaunlich moderat. Nach ein paar Monaten hatten sich etwa 300.000 Datensätze angesammelt, die nicht viel mehr als 150 Gigabyte Speicherplatz in Anspruch nehmen ."

Weiteres: Der Biochemiker Gottfried Schatz bricht eine Lanze für gentechnisch veränderten, aber lizenzfreien Goldenen Reis als wirksames Mittel im Kampf gegen die weitverbreitete Mangelernährung. Samuel Herzog berichtet vom Monat der Fotografie in Krakau, für den zwanzig Schriftstellern ebenso viele Künstler erfunden haben, deren Werke wiederum von anderen geschaffen wurden. Florian Keller preist das neue Album "Avenging Angel" des Jazzpianisten Craig Taborn.

Aus den Blogs, 20.05.2011

Stefan Niggemeier hat sich die Mühe gemacht, die Artikel bei stern.de durchzuzählen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass von 376 Artikel nur neun wirklich den Anspruch erheben können, Eigenproduktion zu sein. Der Rest ist zum allergrößten Teil Agentur. Niggemeiers Fazit: "Das Online-Angebot des Stern ist die Antwort des Verlags Gruner+Jahr auf die Frage: Was machen wir im Internet, wenn wir nichts im Internet machen wollen? Es ist der Versuch, mit überwiegend eingekauftem Allerweltsmaterial durch geschickte Verpackung ein eigenständiges Medium zu simulieren."

Stern-Journalist Hans-Martin Tillack kritisiert in seinem Rechercheblog das Netzwerk Recherche, das den umstrittenen Finanzmanager Carsten Maschmeyer zu seinem Jahrestreffen einlud und dabei seine Bedingung akzeptierte, sich nicht von dem NDR-Reporter Christoph Lütgert interviewen zu lassen. Journalisten dürften sich nicht von Machtfiguren sagen lassen, wer mit ihnen sprechen darf, meint Tillack: "Vielleicht hat im Netzwerk-Vorstand ja noch keiner erlebt, wie es kritischen Journalisten ergeht, die sich zum Beispiel mächtige Politiker zum Feind machen. Wie viel Standfestigkeit das von Redaktionen erfordert, trotzdem zu dem Redakteur zu stehen, der wegen seiner Berichterstattung boykottiert wird. Wo doch der bequemere Weg der wäre: Dem Druck nachzugeben und den Minister auf Auslandsreise von einem Kollegen begleiten zu lassen, der besser gelitten ist." Die SZ meldet unterdes, dass Maschmeyer seinen Auftritt vor dem Netzwerk abgesagt hat.
Stichwörter: Internet, NDR

TAZ, 20.05.2011

Cristina Nord resümiert die Reaktionen auf Lars von Triers Naziäußerungen und meint: "Wer auf die Provokation eingeht, sie für bare Münze nimmt, sie gar empörend findet, tut genau das, worauf der Regisseur mit seinem Bullshit-Diskurs hinauswill: Er gibt dem Stänkerer Aufmerksamkeit." Auf der Meinungsseite wundert sich Stefan Reinecke, dass es immer die Nazis sind: "Jenseits des individuellen Falls zeigt diese Affäre aber, dass der Holocaust - als universell gültiges Zeichen für organisierten Massenmord und entfesselte Bösartigkeit - von einer Art Koprolalie-Syndrom begleitet wird. Es gibt offenbar einen fast unwiderstehlichen Reiz zu verbalen Obszönitäten."

Marcus Bensmann berichtet über die Zusammenarbeit des Goethe-Instituts in Usbekistan mit der Stiftung "Forum der Kultur und Kunst in Usbekistan", die von der Tochter des usbekischen Präsidenten Islam Karimow, Gulnara Karimowa, gegründet wurde. "Die usbekische Diktatur fordert Anpassung. Sie seien in einem Land tätig, das einen sensiblen Umgang mit bestimmten Fragen erfordere, sagt [der Leiter des dortigen Goethe-Instituts Johannes] Dahl, "lautstark vorgetragene Kritik hilft uns bei der Arbeit hier nicht". Dahl hatte die taz gebeten, nicht zu berichten.

Weitere Artikel: Tina Uebel musste ihren Roman "Last Exit Volksdorf" nach einer Klage umschreiben. Im Interview hofft sie, dass die Kritiken jetzt mehr auf Hubert Selby eingehen, an dessen Kompositionsstruktur ihr Roman angelehnt ist. Tim Caspar Boehme berichtet über einen Vortrag des amerikanischen Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell über das "historisch Unheimliche" in den Bildern des Kriegs gegen den Terror.

Und Tom.
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Welt, 20.05.2011

In einer Reihe zum 11. September macht Wolf Lepenies auf den historisch bedeutsamen Umstand aufmerksam, dass er dabei war, als Gerhard Schröder vor ihm und anderen Geistesgrößen, nachdem er ihnen aufmerksam zugehört habe, was ihn, Lepenies, bis heute beeindrucke, erstmals erklärte, nicht am Irak-Krieg teilnehmen zu wollen. Hanns-Georg Rodek erörtert in der Leitglosse die Frage, was nach der lebenslangen Verbannung Lars von Triers vom Festival von Cannes aus seinem Werk wird. Marko Martin findet nicht, dass man Dominique Strauss-Kahn als einen Casanova bezeichnen kann. Jan Küveler kritisiert ein Buch Tilman Jens' über die Odenwaldschule, dessen Vorstellung er beiwohnte, als apologetisch. Gerhard Gnauck gratuliert dem Übersetzer und Vorkämpfer für eine deutsch-polnische Versöhnung Karl Dedecius zum Neunzigsten. Hanns-Georg Rodek unterhält sich am Rande des Festivals von Cannes mit Fatih Akin, der einen Film über den Schauspieler und Gangster Yilmaz Güney vorbereitet. Michael Pilz schreibt zum siebzigsten Geburtstag von Bob Dylan. Thomas Lindemann spielt das neue Videospiel "L.A. Noire".

Besprochen werden die neue CD von Lady Gaga, ein Schlagerspektakel der auf Tour befindlichen Geschwister Pfister und Philipp Löhles Komödie "Das Ding" bei den Ruhrfestspielen.

Weitere Medien, 20.05.2011

Vor Neid erbleichen würden Michael Krügers Verlegerkollegen, wenn sie ein Programm wie Hansers nächstes Herbstprogramm hätten und natürlich wenn sie Wolfram Schüttes Artikel darüber im Titel-Magazin gelesen haben: "Gut könnte man sich jedenfalls einen passionierten Leser vorstellen, der allein mit der Lektüre des diesjährigen Hanserschen Herbstprogramms sein auskömmliches und abwechslungsreiches Vergnügen bis ins nächste Jahr hinein hätte."
Stichwörter: Wolfram Schütte

FR, 20.05.2011

Lars von Trier - "Ok, ich bin ein Nazi" - hat wegen seiner Bemerkungen über Nazis und Juden in Cannes Hausverbot bekommen, meldet Daniel Kothenschulte. Der Schauspieler Udo Kier mag von Triers Äußerungen nicht ernst nehmen: So ist er halt der Lars, immer der alte Provokateur! Einerseits. Andererseits "habe ich ihm sofort einen warnenden Blick zugeworfen, damit er bloß nicht auf Idee kommt, mich womöglich als den noch größeren Nazi zu bezeichnen. Da hätte ich als Deutscher nämlich keine Lust drauf gehabt, selbst wenn ich dann einfach von meiner Rolle in dem neuen Film 'Iron Sky' erzählt hätte, wo ich einen Nazi-Anführer auf dem Mond spiele."

Außerdem: Daniel Kothenschulte sieht in Cannes Filme von Pedro Almodovar und Takashi Miike. Manfred Schwarz besucht das neue Museum aan de Stroom in Antwerpen. Besprochen werden Joy Denalanes Album "Maureen", Jochen Gerz' 3000-Seiten-Opus "2-3 Straßen" und Robert Castels Studie "Die Krise der Arbeit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 20.05.2011

Geradezu als "Clash of Civilizations" sieht Jordan Mejias die unterschiedliche Wahrnehmung des Falls DSK dies- und jenseits des Atlantik. In den USA sei man recht unisono stolz auf das Funktionieren des Justizsystems, "perp walk" inklusive, und begreife die angebliche Tat von Strauss-Kahn als typisch europäisch. Die von Jürg Altwegg aus Frankreich zusammengetragenen Stimmen gehen da deutlich stärker auseinander. Raphael Gross bringt den Eichmann-Prozess und die RAF ins Spiel, um zu erklären, warum er keine Argumente gegen die Hinrichtung Osama bin Ladens sieht.

In Cannes beobachtet Verena Lueken in Pedro Almodovars offenbar ganz gelungenem Wettbewerbsfilm "Die Haut, in der ich wohne" ein Kaninchen beim Yoga. In der Glosse schildert Andreas Kilb, wie Lars von Trier mit seiner wirren Nazi-Suada zur "persona non grata" wurde. Ausführlich setzt sich Patrick Bahners mit Horst Seehofers Idee, eine "Integrationspflicht" in die bayerische Verfassung aufzunehmen, auseinander - und er sieht die Angelegenheit nicht weniger skeptisch als der bayerische Verfassungsrichter Peter Huber, wenn er fragt: "Soll Integrationspflichtvergessenheit ein Offizialdelikt sein?" 

Besprochen werden die Bremer Uraufführung von Jörn Arneckes Endzeit-Oper "Kyros", die große Max-Liebermann-Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, das neue Lady-Gaga-Album "Born This Way", Maria Speths Dokumentarfilm "9 Leben" und Bücher, darunter Rabea Edels Roman "Ein dunkler Moment" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 20.05.2011

Aufgrund des Streiks erscheint die SZ heute in einer Notausgabe. Mehr als zwei Seiten Feuilleton sind nicht drin. Auf der ersten davon erklärt Andreas Zielcke, in welch unterschiedlicher Weise das kontinentaleuropäische und das angelsächsische Recht den ihnen gemeinsamen Grundsatz der Unschuldsvermutung interpretieren.

Weitere Artikel: In Cannes hat Susan Vahabzadeh den neuen Almodovar "Die Haut, in der ich lebe" gesehen. Online kommentiert Bernd Graff den Fall Lars von Trier und verweist dabei darauf, dass der Regisseur erst im Alter von 39 Jahren erfuhr, nicht, wie gedacht, der (biologische) Sohn eines Juden zu sein, sondern der eines von Deutschen abstammenden nichtjüdischen Dänen. Der schwedische Publizist Per Svensson beklagt das "Appeasement" der europäischen Politik gegenüber Rechtspopulisten wie der "Dansk Folkeparti". Alexander Gorkow berichtet Neues über Pink Floyd und stellt "Barrett" vor, nicht weniger als "das erstaunlichste coffee table book der letzten Jahre". Thomas Urban gratuliert dem Übersetzer Karl Dedecius zum Neunzigsten.