Heute in den Feuilletons

Ich habe gehört, dass der Frank am Ende ist

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2011. Die FR ruft: "Vive la Tunisie libre! In der Welt erklärt die Geigerin Hillary Hahn, wie sie neues Repertoire sucht: nachts bei Wikipedia. Foreign Policy ist erstaunt über eine Rede des berühmten New Yorker-Journalisten Seymour Hersh, der überzeugt ist, dass sich die USA  buchstäblich auf einem Kreuzzug gegen die islamische Welt befinden. Alle Zeitungen sind begeistert von dem Architekten des Stuttgarter Bahnhofs, Paul Bonatz, dem in Frankfurt eine historische Retrospektive gewidmet wird.

FR, 24.01.2011

"Vive la Tunisie libre!", ruft der Berliner Radiomoderator Noureddine Ben Redjeb. "Tunesien steht derzeit im Mittelpunkt der Weltereignisse, die Tunesier sind sich bewusst, dass sie dabei sind, Geschichte zu schreiben. Wie ihre Vorfahren, die im Jahre 1848 die Sklaverei abgeschafft haben und im Jahre 1868 eine Verfassung errichteten, im Jahre 1956 die Polygamie abschafften und 1973 die Abtreibung erlaubt haben, feiert man 2011 den Zusammenbruch einer Diktatur und genießt die Jasmindüfte der Freiheit."

Harry Nutt resümiert einen Abend mit Tariq Ramadan im Berliner Haus der Kulturen der Welt, bei dem nur Dan Diner eine unbequeme Frage stellte: "Als Bruchlinie sah Dan Diner, dass der Islam nicht nur eine Konfession sei, sondern beanspruche, eine sakral durchdrungene Kultur mit eigener Rechtsordnung zu sein. Der Islam müsse Confessio werden, so Diner, um im Kontext der europäischen Religionstoleranz zu reüssieren. ... Auf dieses geschichtsphilosophische Parkett mochte Tariq Ramadan sich so spät am Abend aber nicht begeben. So blieb Diners kluge Intervention seltsam unbeantwortet im Raum stehen."

Weitere Artikel: Peter Michalzik erklärt am Beispiel der "sozialen" Choreografie "knot-unknot" von Dana Caspersen und William Forsythe, worum es beim Festival Frankfurter Positionen geht. Arno Widmann erinnert sich an den taz-Mitbegründer Dietrich Willier, der vor seiner taz-Zeit als Lehrer an der Odenwaldschule Kinder missbraucht haben soll. In Times Mager feiert Hans-Jürgen Linke - ein Jahr vor seinem 300. Jubiläum - den Komponisten Friedrich II..

Besprochen werden ein Konzert mit Iannis Xenakis' "Keqrops" in Frankfurt, Christian Stückls Inszenierung von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Volkstheater München und David Martons dekonstruktivistische Inszenierung von Monteverdis Oper "Die Heimkehr des Odysseus" an der Berliner Schaubühne.

TAZ, 24.01.2011

Isabelle Graw erhebt Einspruch gegen eine surrealistische Neudeutung von Gustav Courbets Werk, wie sie etwa die zu Ende gehende Ausstellung "Ein Traum von der Moderne" vorgenommen habe: "So als wäre Courbet ein eskapistischer Träumer gewesen, was den expliziten Gesellschaftsbezug seiner Bilder in den Hintergrund rückt."

Außerdem: Thomas Groh war auf einer internationalen Tagung Kulturgeschichte des Kinos. Hans-Christoph Zimmermann berichtet, dass die Bonner von jetzt an auf der Seite "Bonn packt's an!" vorschlagen dürfen, wo gespart werden darf, vor allem bei Sport und Kultur.

Und Tom.
Stichwörter: Sport

NZZ, 24.01.2011

Maike Albath beobachtet die mit jedem Jahr wachsende Schar von Italienern in Berlin: "Neuerdings transferieren sich halbe Maturjahrgänge aus Rom oder Mailand an die Spree, um hier zu studieren."

Weiteres: Eva Clausen besichtigt bewundernd den Palazzo Farnese in Rom, der erstmals seit 300 Jahren wieder seine originale Kunstsammlung zeigt. Nach dem Wechsel an der Spitze der Schweizer Filmförderung erlebte Bettina Spoerri bei den Solothurner Filmtagen "vorsichtige Aufbruchsstimmung". Marco Frei berichtet, dass am Teatro Massimo in Palermo die Uraufführung von Marco Tutinos Oper "Senso" bestreikt wurde.
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Welt, 24.01.2011

Manuel Brug unterhält sich mit der Geigerin Hillary Hahn, die auch erzählt, wie sie nach neuem Repertoire sucht: "Meist nach Mitternacht mit einem Stück Schokolade auf Itunes. Ich bin immer wieder platt, was man da alles hören kann. Auch Wikipedia ist eine tolle Quelle."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek liest Sylvie Lindepergs Studie "Nacht und Nebel" (mehr hier) über Alain Resnais' gleichnamigen Film, der im 1955 erstmals den Holocaust thematisierte - sie zeigt, dass der Film durch die Synchronisation fast in jedem Land manipuliert wurde - in der bundesdeutschen Fassung wurde Hans Eislers musikalische Karikatur auf das Deutschlandlied entfernt. Gemeldet wird, dass Friede Springer 80 Millionen Euro ihres Privatvermögens für kulturelle und wissenschaftliche Zwecke stiftet. Dankwart Guratzsch sieht den Architekten des Stuttgarter Bahnhofs, Paul Bonatz, durch die große Retrospektive in Frankfurt rehabilitiert. Jan Küveler verfolgte eine Tagung über "Heiterkeit" in Marbach.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Jeremias Gotthelfs "Schwarzer Spinne" durch Frank Castorf in Zürich und und Jette Steckels "Don Carlos"-Inszenierung in Hamburg.

Weitere Medien, 24.01.2011

(Via hemartin) Die New York Times analysiert Zahlen der Musikindustrie, wonach Zahlen durch digitale Verkäufe zwar steigen - aber in enttäuschend schwachem Ausmaß: "If that trend continues, digital sales could top out at less than 5 billion Dollars this year, about a third of the overall music market but many billions of dollars short of the amount needed to replace long-gone sales of compact discs. 'Music's first digital decade is behind us and what do we have?' said Mark Mulligan, an analyst at Forrester Research. "Not a lot of progress.'"

Aus den Blogs, 24.01.2011

(via Open Culture) Schlechtes Gewissen beim Trinken? Alkohol ist so schön, wie die Mikrofotografien bei Nina Garcia beweisen. Links sehen Sie eine Pina Colada.

(via Gawker) Blake Hounshell berichtet in seinem Blog bei Foreign Policy über einen seltsamen Auftritt von Seymour Hersh in Katar. Hersh, einer der angesehensten investigativen Journalisten der Welt, erklärte dort in einer Rede, hochrangige amerikanische Offiziere führten einen Kreuzzug gegen die muslimische Welt: "'That's the attitude,' he continued. 'We're gonna change mosques into cathedrals. That's an attitude that pervades, I'm here to say, a large percentage of the Joint Special Operations Command.' He then alleged that Gen. Stanley McChrystal, who headed JSOC before briefly becoming the top U.S. commander in Afghanistan, and his successor, Vice Adm. William McRaven, as well as many within JSOC, 'are all members of, or at least supporters of, Knights of Malta'" und von Opus Dei.

"Nerdcore.de geht zurück an Rene Walter. Die Denic ist auf Intervention von Walters Anwalt zu dem Ergebnis gekommen, dass die Pfändung der Domain durch die Firma Euroweb nicht wirksam ist", meldet Udo Vetter auf seinem Lawblog.

Ulrike Langer verlinkt wie jeden Montag auf interessante Artikel zu Internetthemen.

FAZ, 24.01.2011

Kafkas Briefe an seine Schwester Ottla sind auf dem Markt - und Marbach kann sie sich nach Lage der Dinge nicht leisten. Hubert Spiegel erläutert die Hintergründe und bedauert, dass die Briefe, die für die Forschung freilich längst erschlossen sind, wohl in eine Privatsammlung gelangen werden. Das Max-Ophüls-Festival für den deutschen Nachwuchsfilm resümiert Tilman Spreckelsen, der in vielen Beiträgen ein schlüssiges Ende vermisste. Jordan Mejias liest in amerikanischen Zeitschriften so manches über den Euro und über Europa. Rolf Dobelli plädiert für das Glück, das im "gut genug" liegt. Kerstin Holm verfolgt eher entgeistert die erste russische Fernsehshow der Ex-US-Spionin Anna Chapman

Besprochen werden Frank Castorfs Züricher Gotthelf-Inszenierung "Die schwarze Spinne" (eine Figur lässt Castorf, wie Martin Halter kolportiert, im Stück sagen: "Ich habe gehört, dass der Frank am Ende ist" - der Rezensent will da nicht kategorisch widersprechen), Mariame Clements Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus "Castor und Pollux"-Oper am Theater an der Wien, die Paul-Bonatz-Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und Bücher, darunter Paul di Filippos Roman "Mund voll Zungen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr). Nicht besprochen wird übrigens auch etwas, und zwar relativ ausführlich: Werner Paravicinis antikonstruktivistisches Pamphlet "Die Wahrheit der Historiker", das sich in seinem Anmerkungsteil fast komplett auf FAZ-Artikel stützt.

SZ, 24.01.2011

Gottfried Knapp spricht den Architekten Paul Bonatz, dessen Stuttgarter Bahnhof gerade mit solcher Verve verteidigt wird, von jedem Nazivergleich frei und würdigt ihn nach Betrachten einer Retrospektive seines Werks in Frankfurt: "Allen Zweiflern, die dem Stuttgarter Bahnhof seinen historischen Rang absprechen wollen, hat sich Bonatz mit der schier unglaublichen Folge höchst prägnanter und doch harmonisch in die Landschaft eingefügter Ingenieurbauten entzogen, die er in der kurzen Zeit zwischen 1926 und den Kriegsjahren unter dem Motto 'knappste sachliche Schönheit' schuf."

Weitere Artikel: In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Michael Moorstedt das neue Wissensportal Quora vor. David Steinitz berichtet vom Saarbrücker Filmfestival. Dorion Weickmann zitiert empörte Äußerungen des Choreografen John Neumeier zu Darren Aronofskys Ballett-Film "Black Swan" ("ein billiges Ballettklischee nach dem anderen", hier die Quelle der Äußerungen, die die SZ vornehmerweise verschwiegt, ein Interview im Hamburger Abendblatt). Peter Burghardt besuchte das finstere Haiti, wo nach Baby Doc nun angeblich Aristide sein Comeback vorbereitet. Reymer Klüver annonciert den Roman "O", einen anonymen Schlüsselroman über Obamas bevorstehenden zweiten Präsidentschaftswahlkampf, der in Amrika schon vor seinem Erscheinen für Aufregung sorgt (mehr in der NY Times). Jonathan Fischer gratuliert Neil Diamond zum Siebzigsten.

Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Verdis 'La Traviata' in Graz, neue DVDs und Christian Stückls Inszenierung der "Dreigroschen"-Oper am Münchner Volkstheater.