Heute in den Feuilletons

Glück in Zahlen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2010. In der FR erklärt die Sopranistin Simone Kermes, von wem Händel geklaut hat. In der taz beklagt Paul Lendvai das Fehlen einer echten Opposition in Ungarn. In der Welt erklärt Avishai Milstein, warum das israelische Theater so lebendig ist: Es gibt kaum staatliche Subventionen. Die NZZ fürchtet, dass Leser digitaler Bücher einem Fundstellen-Fetischismus frönen. Die FAZ durchschaut den Angriff der Pandas auf das Empire State Building.

FR, 29.12.2010

Die Sopranistin und Barock-Spezialistin Simone Kermes erklärt ihrem Interviewer Stefan Schickhaus, warum Giovanni Battista Bononcinis Arie "Ombra mai fu", die sie auf ihrer neuen CD singt, wie die gleichnamige Arie aus Händels Oper "Xerxes" klingt: "Claudio Osele hat diese Arie gefunden. Sie war die Basis für das ganze 'Colori d'Amore'-Programm. Als wir vor einiger Zeit 'Ombra mai fu' bei den Händel-Festspielen in Göttingen als Zugabe bringen wollten, haben wir uns schon gefragt, ob wir das machen können - schließlich ist Händel dort der Hausheilige. Ich liebe Händel, er hat perfekt für die Stimme geschrieben. Doch 'Ombra mai fu' ist nun einmal geklaut."

Auf der Medienseite spricht der amerikanische Journalist und Pulitzer-Preisträger Paul Steiger im Interview mit Eleni Klotsikas über seine Organisation ProPublica und die Mühen des investigativen Journalismus.

Besprochen werden Bücher, darunter Brigitte Kronauers Band über ihre "Favoriten" und Roland Barthes' erstmals vollständig auf Deutsch vorliegender Band über "Mythen des Alltags" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 29.12.2010

64 Prozent der Ungarn sind nicht zu den letzten Wahlen gegangen. Das bescherte dem Wahlsieger Victor Orban eine komfortable Zweidrittelmehrheit. Ein wesentlicher Grund dafür ist das Fehlen einer echten Alternative, meint Paul Lendvai im Interview. Eine Situation, die Orban zu nutzen weiß: "Orban hat ein unglaublich schnelles Tempo eingeschlagen. Noch nie hat eine Regierung in so kurzer Zeit so viele Gesetze - 43 neue Gesetze und 107 Gesetzesänderungen, einschließlich sechs Verfassungsänderungen, außerdem 111 Resolutionen und zwei politische Erklärungen - vom Parlament beschließen lassen, noch dazu ohne massive Proteste der Opposition. Die linke Opposition ist in einen selbstmörderischen Fraktionskampf verstrickt. Die alternative LMP (Politik kann anders sein) besteht aus jungen Leuten, die mehr oder weniger harmlos sind. Und die rechtsradikale Jobbik ist zumindest bisher isoliert worden, sodass das Tempo nur von Fidesz und Viktor Orban diktiert wird."

Die bhutanische Journalistin Sonam Pelden erzählt, wie ihre Regierung das Bruttosozialprodukt durch das Bruttosozialglück ersetzen will und dafür einen Katalog mit 72 Indikatoren erstellt hat: "Der Versuch, das Glück mit immer präziseren Formeln zu berechnen, hat leider einen großen Nachteil: Es versteht kaum jemand. Vor allem unsere Jugend kann kaum etwas damit anfangen. 'Es ist einfach zu verstehen, aber schwer zu interpretieren', sagt Yeshi, ein 29-jähriger Angestellter, 'es ist schwierig, Gefühle wie Glück in Zahlen zu fassen.' Ein 30-Jähriger, der im öffentlichen Dienst arbeitet, gibt Yeshi recht: 'Diese Idee muss verständlicher werden. Inzwischen ist die Diskussion derart abgehoben, dass sie nur noch Intellektuelle nachvollziehen können.'"

Weiteres: Der Dokumentarfilmer Frederick Wiseman spricht im Interview über seinen neuen Film "La danse - Das Ballett der Pariser Oper". Gabriele Lesser berichtet über Alexander Gierymskis Ölgemälde "Jüdin mit den Orangen", das 1944 aus Polen gestohlen wurde und jetzt in einem deutschen Auktionshaus aufgetaucht ist: Ob es nach Polen zurückgegeben wird, ist fraglich, weil der Rückgabeanspruch nach 30 Jahren erlischt. Besprochen wird die Ausstellung "Out of the office" mit Kunstwerken aus Unternehmenssammlungen aus dem Ruhrgebiet im Kunstmuseum Bochum.

Und Tom.

Welt, 29.12.2010

Der Regisseur Avishai Milstein erklärt im Interview mit Martin Eich, was die israelische Theater so lebendig und erfolgreich macht: "Die Theater werden kaum vom Staat gefördert und müssen auf andere Einnahmequellen setzen. Etwa zwanzig Prozent der Etats sind durch Zuschüsse gedeckt, der Rest muss weitgehend durch Eintrittspreise erwirtschaftet werden... Ein Theater ohne oder gegen das Publikum - das gibt es in Israel nicht. Und wir haben ein sehr waches, sehr anspruchsvolles, sehr verständiges Publikum. Das reagiert sofort mit Liebesentzug, wenn es den Eindruck hat, dass man sich nicht um seine Vorlieben kümmert."

Weiteres: Heimo Schwilk erzählt, dass immer mehr Autoren, wenn sie sich nicht selbst ihr eigenes Museum errichten, ihre Manuskripte und Korrespondenzen schon zu Lebzeiten dem Literaturachiv Marbach anbieten: "Als Faustformel... nennt Archivdirektor Ulrich Raulff 'Platzbedarf, Geldbedarf, Ruhmbedarf.'" Matthias Heine sieht den Aphorismus, der bisher eher eine Domäne von Kulturpessimisten aus undemokratischen Ländern war, als bei Twitter wieder aufblühen. Tilman Krause ist gespannt, wie Götz George mit seinem neuen Filmprojekt für seinen Vater Heinrich "Freispruch" vom Nazi-Vorwurf erwirken will, der in den einschlägigen Propagandafilmen spielte und noch 1945 "stündliche Todesbereitschaft" forderte.
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NZZ, 29.12.2010

Roman Bucheli fürchtet, dass die umfangreichen Digitalisierungsprojekte dem Lesen eher schaden als nützen und aus Leser Nutzern machen werden: "Die Chimäre der ubiquitären Verfügbarkeit, der totalen Zugänglichkeit und des störungsfreien Abfragens und Herausfilterns fördert geradezu den Fundstellen-Fetischismus." Für die "philologische Erschließung komplexer Texte" gilt dies natürlich nicht.

Weiteres: Dirk Pilz meldet eine neue Annäherung zwischen Theater und Kirchen, schließlich arbeiteten beide, wie es der Theologe und Theaterintendant Ulrich Khuon formuliert, an "denselben Verzweiflungen des Menschen". Sieglinde Geisel erzählt, wie die Berliner Segenskirche in der Schönhauser Allee in ein Stadtkloster umgewandelt wurde. Andrea Köhler gratuliert der wunderbaren Brigitte Kronauer zum Siebzigsten.

Besprochen werden Michael Kempes Studie "Fluch der Weltmeere", Dan Lungus Roman "Wie man eine Frau vergisst", Artur Beckers Roman "Der Lippenstift meiner Mutter" und der Sammelband "Denkmalpflege statt Attrappenkult" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 29.12.2010

Auf der Medienseite berichtet Marc Felix Serrao über eine Stellungnahme der ungarischen Regierung zum viel kritisierten neuen Mediengesetz: "Mal wird der neue, auf neun Jahre gewählte Medienrat, den die Orban-Regierung dank ihrer Macht im Parlament de facto im Alleingang besetzen kann, mit anderen Gremien verglichen, hier der (nur auf sechs Jahre ernannten) Kommunikationsbehörde Austria. Ein andermal wird die Höhe möglicher Strafzahlungen mit Irland, Finnland oder Deutschland ('ein Verstoß gegen Kinderschutzbestimmungen kann Bußgelder von bis zu 500.000 Euro nach sich ziehen') verglichen. Der Zweck ist klar: Durch die vielen Vergleiche soll der Eindruck erweckt werden, dass das, was in Ungarn 2011 in Kraft tritt, europäischer Usus ist."

Im Feuilleton widerspricht Alexander Menden Helen Mirren, die in einem Interview mit Paris Match schlecht über den englischen Humor sprach. Reinhard J. Brembeck stellt ein Klavierprojekt des Münchner Spastikerzentrums vor. Oliver Herwig erzählt, wie der Computer zum "bislang mächtigsten Entwurfswerkzeug" von Architekten wurde. Winfried Nerdinger schreibt zum Tod des Kunsthistorikers J. A. Schmoll gen. Eisenwerth.

Besprochen werden Stephen Frears Verfilmung von Posy Simmonds' Graphic Novel "Tamara Drewe", die Ausstellung "Helmut Kolle - ein Deutscher in Paris" im Museum Gunzenhauser in Chemnitz ("Man darf ihn, trotz seiner mit breiterem Pinsel verfahrenden Technik, wohl als das männliche Gegenstück zu Tamara de Lempicka bezeichnen", meint Burkhard Müller), einige CDs, Igor Bauersimas neues Stück "Kap Hoorn" am Theater in der Josefstadt Wien und Bücher, darunter Bei Lings Biografie des eingekerkerten chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo "Der Freiheit geopfert" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 29.12.2010

Aus Anlass des erfolgreichen Börsengangs von gleich sechs chinesischen Großfirmen im Jahr 2010 zeigt die chinesische Zeitschrift "Vista" einen Panda-Bären, der a la King Kong Manhattan attackiert. Mark Siemons deutet das so: "Nun ist es also ein Panda, der sich auf dem Titel der chinesischen Zeitschrift ausgerechnet die Freiheitsstatue schnappt. Ein Panda ist ideologisch neutral. Im Unterschied zum Drachen hat er weltweit ein eher positives Image, er ist eine Knuddelphantasie für Kinder, doch natürlich bleibt er zugleich ein Bär, der recht ungemütlich werden kann, wenn man ihm falsch kommt."

Weitere Artikel: Katja Gelinsky erklärt erstens, warum die Scharia in vom jeweils lokalen Recht bestimmten Grenzen durchaus auch im Westen rechtliche Geltung hat und zweitens, warum das auch eine sinnvolle Sache ist. Eleonore Büning besucht die Barenboim-Said-Musikschule in Ramallah, ein palästinensisch-israelisches Dialogprojekt, das politische und ästhetische Früchte trägt. In Zürich, berichtet Johannes Warda, gibt es keine Wutbürger, nirgends, obwohl auch da der Hauptbahnhof unter die Erde verlegt wird. Die Gema-Idee, Lizenzgebühren für Kindergartengesänge zu verlangen, glossiert Hubert Spiegel mit der Forderung nach Einführung einer "Kindertagesstättenliedgutverwertungsschutzverordnung". Jordan Mejias staunt über die Verwandlung der Metropolitan Opera: Plötzlich sind nicht mehr die Sängerinnen und Sänger, sondern das Orchester und seine (Gast-)Dirigenten der Star. Über die interessantesten französischen Romane des Bücherherbstes informiert Joseph Hanimann. Auf der Medienseite informiert Detlef Borchers über den vom Chaos Computer Club einberufenen Hacker-Kongress in Berlin.

Besprochen werden Stephen Frears' Comic-Verfilmung "Immer Drama um Tamara" und Bücher, darunter Fabrizio Gattis Bericht von seinen Abenteuern als Undercover-Migrant "Bilal" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).