Heute in den Feuilletons

Machodiskurs

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2010. In der Welt erklärt Frederick Wiseman, warum man beim Filmen besser nicht über die Wahrheit nachdenkt. Die FR entdeckt bei der Lektüre der Magna Carta den Rousseauisten in sich. Sind wir im Pop schon in der postrassistischen Gesellschaft angekommen, fragt die taz. Die FAZ liest im Internet, wie Al Qaida potentiellen Selbstmordattentätern etwas mehr Selbstbeherrschung nahe legt.

Welt, 28.12.2010

Filmemacher Thomas Schadt unterhält sich mit seinem Kollegen, dem großen Frederick Wiseman, über dessen neuen Film "La Danse", die Kulturbürokratie und das Handwerk: "Wir sind den Leuten gegenüber, die uns in ihr Leben lassen, auch verantwortlich, nichts zu verzerren. Wir dürfen uns nicht über sie lustig machen, und wir dürfen sie nicht zur Illustration unserer eigenen Thesen missbrauchen. Dokumentarfilm hat zu einem großen Teil gar nichts mit Technik zu tun. Es geht um die Analyse des Materials, das du aufnimmst. Ich lasse mich beim Schnitt stark von Assoziationen leiten, die mir erst beim Sichten kommen, nicht schon beim Drehen... Wenn man über die Wahrheit nachzudenken beginnt, ist man schon verloren."

Weiteres: Philipp Haibach beklagt das Ende der schönen Insel-Taschenbücher, die nun nicht mehr im Fleckhaus-Design erscheinen: "Das ist , als entschiede sich Nivea über Nacht für ein kräftiges Grün auf den Dosen." Marc Reichwein verabschiedet rebell.tv, den "besten Sender im Internet", der jetzt leider aufhört. Mladen Gladic war auf einer Tagung zur gelungenen Kommunikation in Bochum. Dankwart Guratzsch besichtigt mustergültige polnische Altstädte. Dennis Sand schreibt über Vampire.

Auf der Forumsseite vermisst Richard Herzinger einen Aufschrei gegen den zunehmenden Antisemitismus in Europa, der seine Farbe gewechselt und neuen Auftrieb bekommen hat: "Antijüdische Aggressionen geben sich heute mit dem Vorwand, auf der Seite vermeintlich hilfloser Opfer des 'Zionismus' zu stehen, einen Tarnanstrich, von dem sich große Teile der europäischen Öffentlichkeit offenbar nur zu gerne täuschen lassen."

NZZ, 28.12.2010

Christian H. Meier erinnert daran, dass die Debatte um den Islam keine westliche ist, sondern innerhalb der islamischen Welt selbst sehr erbittert geführt wird. "Dieser, wenn man so will, Kampf um den Islam hat durch Globalisierung und Medialisierung ungeahnte Dimensionen angenommen. Hinter ihm steht jedoch letztlich eine tiefe Verunsicherung der Umma, der idealisierten Weltgemeinschaft aller Muslime: Wer soll heute für sie sprechen, wer den Weg weisen? Wer bestimmt, was Muslime glauben?"

Weitere Artikel: Marion Löhndorf erzählt, dass die britische Küche inzwischen so angesagt ist, dass Künstler am liebsten in Restaurants ausstellen. Angelika Affentranger-Kirchrath stellt Georg Gerster als den "Doyen der Flugfotografie" vor.

Besprochen werden Gerald Sterns Gedichtband "Alles brennt", eine Festschrift zum 60-jährigen Bestehen des Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft und neue Bücher über das Internet (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).
Stichwörter: Globalisierung, Internet, Islam

FR, 28.12.2010

Arno Widmann vertieft sich in die mehr als 2000 Seiten umfassende Textsammlung "Die Verfassungen in Europa 1789-1949" und taucht wie ein Wal immer wieder glücklich prustend aus dem Textozean auf. Zum Beispiel nach der Lektüre der Magna Carta, die 1215 in Kraft gesetzt wurde: "'Mit den oben genannten Zeugen und vielen anderen. Unsere Hand auf einer Wiese, genannt Runnymede, zwischen Windsor und Staines, am 15. Juni, in Unserem siebzehnten Regierungsjahr.' Ich muss gestehen, am meisten ergriff mich die Wiese. Das Urdokument der europäischen Demokratie entstand im Freien. Es mag in Kanzleistuben ausgetüftelt worden sein, aber beschworen wurde es im doppelten Wortsinn auf dem Feld. Auf einer Frühlingswiese an einem englischen Junitag. So entdeckt man den Rousseauisten in sich. Man träumt, aber wacht schnell auf. Nach wenigen Monaten trat die Magna Charta wieder außer Kraft."

Weiteres: Michel Friedman wirft Thilo Sarrazin Arroganz und Rassismus vor. Besprochen werden Bücher, darunter ein Band über 50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 28.12.2010

Der iranische Filmemacher Dschafar Panahi darf nicht zur Berlinale reisen, meldet Bahman Nirumand. Auf der Meinungsseite fragt Rafi Pitts in einem Offenen Brief Irans Präsident Ahmadinedschad: "Fürchten Sie eine Ansicht, die Ihrer widerspricht? In diesem Falle, bitte antworten Sie auf meine Frage: Warum hatten wir eine Revolution?"

Wer hört noch, woher eine Musik kommt? Und ob der Sänger schwarz oder weiß ist? Sind wir etwa im Pop schon in der postrassistischen Gesellschaft angekommen? fragt Klaus Walter. Vielleicht noch nicht ganz. "Allerdings kann man festhalten, dass die spannendste Popmusik dort entsteht, wo es weniger um die Behauptung von Identität geht - hallo (Indie-) Rock! -, weniger um Gewissheitsproduktion als darum, den Erwartungen und Grenzen von Identität etwas, sagen wir, Unidentisches entgegenzusetzen."

Weiteres: Genervt reagiert Isolde Charim auf Slavoj Zizeks Ruf nach "radikaler" Veränderung, das heißt Abschaffung, der Demokratie: "Machodiskurs". Abgedruckt ist ein Gedicht von Liu Xiaobo, der heute im Gefängnis 55 Jahre alt wird: "Warte mit dem Staub auf mich". Auf den vorderen Seiten wird über die erneute Verurteilung von Michail Chodorkowski berichtet. Und Heiner Geißler spricht in einem lebhaften Interview über Stuttgart 21 und eine grün-schwarze Koalition.

Besprochen werden die Ausstellung "Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris" im Essener Folkwang Museum, eine CD mit der Filmmusik zu "Tron Legacy" von Daft Punk und Rawi Hages Roman "Kakerlake" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 28.12.2010

So, so, vor der Erfindung des Internets hatte also jeder eine enorme Aufmerksamkeitsspanne. Und was war mit Tom Sawyer? fragt die NYT-Fernsehkritikerin und Bloggerin Virginia Heffernan (hier das Original). Hortensia Völckers von der Bundeskulturstiftung spricht im Interview über die schwierige Finanzierung von Kultur. Henning Klüver beschreibt das neue Museo del Novecento in Mailand. Volker Breidecker berichtet über die Erweiterung des Frankfurter Städel Museums. Thomas Steinfeld stellt eine schwedische Filmserie über das Landleben, Änglagard, vor. Die ungarische Stadt Pecs hat sich doch noch zu einer ganz ansehnlichen Kulturhauptstadt Europas gemausert, berichtet Michael Frank. Der Lehrer und Autor Arne Ulbricht plädiert dafür, Kindern mehr vorzulesen. Jonathan Fischer schreibt zum Tod der Soulsängerin Teena Marie.

Besprochen werden die Ausstellung "Kosmos Runge" in der Hamburger Kunsthalle und ein Band mit Luc Boltanskis Frankfurter Adorno-Vorlesungen, "Soziologie und Sozialkritik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 28.12.2010

Mit einer neuen, im Internet veröffentlichten Schriftenreihe mit dem etwas umständlichen Titel "Schriften zur Wiederbelebung der Erziehung zum Dschihad" unternimmt Al Qaida den Versuch spiritueller Festigung von Selbstmordattentätern in spe. Joseph Croitoru hat den ersten Teil gelesen und fasst zusammen: "Der Heilige Krieger von morgen soll an sich selbst arbeiten, bevor er sich bei Al Qaida bewirbt. Dort scheint man Erfahrungen mit dem Rekrutenvolk gemacht zu haben und will nun gefestigtere Charaktere anheuern - und nicht vom eigenen Tatendrang beherrschte Enthusiasten, denen es an der für angehende Terroristen so unerlässlichen Fähigkeit zur Selbstbeherrschung mangelt."

Weitere Artikel: Über den Weiterbau und die Popularität des von Nicolae Ceausescu initiierten so gigantomanischen wie scheußlichen Volkspalasts in Bukarest kann Arnold Bartetzky nur staunen. Jüngste Kunstraubfälle, in denen bedeutende Metall-Skulpturen offenbar nur ihres Schrottwerts wegen gestohlen wurden, glossiert Niklas Maak: So wurde ein auf 800.000 Euro geschätztes Chillida-Werk für 30 Euro verscheuert. Bernd Noack freut sich, dass die für Jean Pauls häufige Besuche berühmte ehemalige Bayreuther Wirtschaft Rollwenzelei nun restauriert ist und besucht werden kann. Nachrufe gibt es auf die britische Kinderbuchautorin Elisabeth Beresford und - sehr kurz - auf die schwärzeste weiße Soul-Sängerin Teena Marie.

Besprochen werden drei Konzerte der Berliner Philharmoniker mit russischen Kompositionen mit mehr oder weniger Mahler-Bezug (begeistert ist Jan Brachmann von keinem, die "ungeahnte Brutalität" mit der der Dirigent Valery Gergiev und der Pianist Denis Matsuev Rachmaninows drittes Klavierkonzert "zur Strecke brachten", entsetzt ihn sogar), die Fotografie-Ausstellung "Stieglitz, Steichen, Strand" im Metropolitan Museum New York, die Jean-Leon-Gerome-Ausstellung "L'histoire en spectacle" im Pariser Musee d'Orsay, Jens Neuberts Opernverfilmung "The Hunter's Bride" (d.i. "Der Freischütz") und Bücher, darunter Insa Wilkes Thomas-Brasch-Studie "Ist das ein Leben" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).