Heute in den Feuilletons

Das ist diese nächste Generation!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2010. Die nötige Freiheit haben Chinas Intellektuelle, um kritische Frage zu stellen, meint der Historiker Wang Hui in der NZZ. Aber haben sie auch genug Format? In der Welt sorgt sich Franz Schuh um die Untoten des deutschen Literaturbetriebs. In der SZ hält Hans Mommsen, historisch gesehen, die Schuldfrage für überschätzt. Die FAZ lernt: Was dem Auswärtigen Amt fehlt, ist ein Thomas Harlan. Die taz beweist mit den Witmark-Demos Bob Dylans einzigartige Großartigkeit. Die FR empfiehlt heute das Nachtprogramm der ARD: "Entweder Broder".

NZZ, 05.11.2010

Keine Demokratie nach lateinamerikanischem oder italienischem Vorbild mit der Literaturhistoriker Wang Hui für China. Reformen müssen von innen kommen, meint er im Interview. Und inzwischen könne man auch praktisch über fast alles reden. "Jede Provinz und jede größere Stadt verfügen über eigene Zeitungen und Fernsehprogramme. So viele Medien sind nicht so ohne weiteres effektiv zu kontrollieren. Die europäischen Intellektuellen haben auch nicht immer dieselbe Freiheit für sich beanspruchen können. Außerdem bildet die Überwindung der Hindernisse, um der eigenen Stimme eine Öffentlichkeit zu verschaffen, doch einen wichtigen Bestandteil der Tätigkeit eines Intellektuellen. Deswegen glaube ich, dass sich in China vor allem die qualitative Frage stellt, ob die Intellektuellen genug Format haben, um auch kritische Fragen zu stellen." (Mehr über Wang Hui in der Zeit)

Der Dirigent Michael Tilson Thomas erzählt im Interview, wie das San Francisco Symphony Orchestra neue Zuhörer sucht. Zum Beispiel mit einer Webseite, "wo die Themen, die eine Fernsehsendung nur anschneiden kann, ausführlich dargestellt und erläutert werden können. Nehmen wir die Eroica. Da gehen wir etwa der Frage nach, warum sie so ungewöhnlich lang ist. Einer der Gründe liegt darin, dass das Thema durch so viele Tonarten wandert, von denen jede für Beethoven auch eine bestimmte emotionale Haltung verkörpert. Das lässt sich auf der Website gut darstellen. Mit einem einfachen Mausklick kann man dann auch von einer Stelle in der Sinfonie zu einem anderen Werk mit der gleichen Tonart und mit ähnlichem Ausdruck springen. So lernt man die verschiedenen Tonartencharaktere kennen und wie Beethoven damit arbeitet."

Weiteres: Tobias Rupprecht erinnert an die Eröffnung der Universität der Völkerfreundschaft 1960 in Moskau. Besprochen werden die Ausstellung "Viaggio in Italia" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und Schönberg-Aufnahmen mit dem Pianisten Eduard Steuermann.

FR, 05.11.2010

Auf der Medienseite von FR und Berliner Zeitung empfiehlt Clemens Haustein die Sendung "Entweder Broder" (mehr hier) mit Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad, die ab Sonntag in der ARD gezeigt wird: "30.000 Kilometer sind Broder und Abdel-Samad durch Deutschland gefahren. Sie besuchen Pazifisten, schauen bei der Bundeswehr vorbei, fragen nach Gott und Religion und beackern in den beiden ersten Folgen das Thema Integration. Unaufgeregt, aber hellhörig, ohne den Anspruch, eine Botschaft vermitteln zu wollen, wie Broder sagt. Eine Bestandsaufnahme, die nicht nach der Sensation sucht - und vermutlich gerade deshalb gleichsam im Vorbeigehen Sensationelles einfängt." (Die Sendung beginnt 23.35 Uhr! Das ist doch wieder typisch: erst Broder beauftragen und dann aus Angst vor einer Kontroverse die Sendung ins Nachtprogramm schieben.)

Im Feuilleton erzählt Sylvia Staude von Schuhplattlern, ungarischen Tänzerinnen und Les Slovaks, die ihr bei der Tanzbiennale München bewiesen: Volkstanz ist cool! Rudolf Walther schreibt zum 80. Geburtstag des Historikers Hans Mommsen. Mario Vargas Llosas neuer Roman "Der Traum des Kelten" wird tatsächlich bei Rowohlt erscheinen, nicht bei Suhrkamp, informiert uns dpa. Die Gründe kennt sie aber auch nicht.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des Florentiner Malers Maniera im Florenzer Palazzo Strozzi, ein Konzert des Charlie Hadens Quartet West in Mannheim und ein Band über "Das alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 05.11.2010

"Im Internet steht ja auch ein Großteil der deutschen Literatur", hält der Essayist Franz Schuh in einem unterhaltsamen Gespräch mit Paul Jandl fest und sieht Unheil für die feinsinnge Welt eher von anderer Seite aufziehen: "Sollte es noch drei oder vier lebendige Bücher geben, dann wirken sie im ritualisierten deutschen Literaturbetrieb schnell wie Untote. Glückliche Moderatoren staunen glücklich aus der Wäsche und in die Kamera, wenn sie gerade ein Buch gelesen haben. Dabei ist es doch merkwürdig, wie übersehen wird, dass viele Bücher von Unerfülltheit handeln. Dass Bücher ein ästhetisch avancierter Umgang mit dem Unglück sind. Die Trauer ist eine der wesentlichen Motivationen, überhaupt Bücher zu schreiben. Man muss aufpassen, dass man aus der Lektüre nicht eine paradoxe Medizin macht. Nach dem Motto: Thomas Bernhard hilft gegen Depression, weil der auf so heitere Weise depressiv ist."

Weiteres: Elmar Krekeler wertet Mario Vargas Llosa Wechsel von Suhrkamp zu Rowohlt als Symptom für Sittenverfall und die wachsende Macht der Agenten: "Verlage ohne potenten Konzernhintergrund werden sich in absehbarer Zeit keine agenturgebundenen Großschriftsteller mehr leisten können." Berthold Seewald erinnert daran, dass vor 150 Jahren Abraham Lincoln zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde. Paul Badde meldet erste unfreundliche Reaktionen des Osservatore Romano auf Umberto Ecos neuen Roman "Cimitero di Praga". Kai Luehrs-Kaiser preist eine gemeinsame CD der Sopranistin Anne-Sofie von Otter und des Jazz-Pianisten Brad Mehldau.

Und auf den Forumsseiten ehrt Tilman Krause Claude Lanzmann, der heute für seine Erinnerungen "Der patagonische Hase" den Welt-Literaturpreis erhält.
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TAZ, 05.11.2010

Ulrich Rüdenauer sieht nach Ausgrabung früher Testaufnahmen, der sogenannten Witmark-Demos, die Einzigartigkeit von Bob Dylan einmal mehr bestätigt. "Es ist tatsächlich schon alles da: Der noch ganz in der Greenwich-Village-Szene aufgehende politische Dylan, der poetische, der widerborstige, sture, altkluge, enttäuschte, ironische, unglückliche und nicht greifbare, der Folk-, Blues-, sogar schon der Pop-Dylan."

Weiteres: Tim Caspar Boehme unterhält sich mit Reinhold Friedl, dem Frontmann der Berliner Band Zeitkratzer, die heute zusammen mit den Jazz-Musikern Terje Rypdal und Palle Mikkelborg zum ersten Mal beim Jazzfest Berlin spielt. Cigdem Akyol und Mahmut Hamsici informieren über das absurde türkische Zensurtheater um die Seite Youtube in der Türkei; im aktuellen Fall geht es um ein kompromittierendes Politiker-Video.

Besprochen werden Lars Kraumes Film "Die kommenden Tage" und das Debütalbum der Berliner Sängerin Illute "immer kommt anders als du denkst!".

Und Tom.

SZ, 05.11.2010

Im großen Gespräch zu seinem 80. Geburtstag zeigt der Historiker Hans Mommsen wenig Verständnis für Forderungen nach radikaler Aufarbeitung der Fachgeschichte nach dem Krieg. So verteidigt er seinen Lehrer Hans Rothfels, der ehemalige Nazis gedeckt hat: "Das ist diese nächste Generation! Die kann nicht mehr begreifen, wie das war für einen deutschen Juden, der ins Exil musste und dann zurückkam. Rothfels war äußerst konservativ, ja. Aber er hätte doch nicht alle Kollegen anschwärzen können, die irgendetwas mit dem Holocaust zu tun hatten! Wie hätte er dann in der Bundesrepublik leben können? Er wollte eher versuchen, in dieser zerrütteten Tradition Kontinuität zu schaffen. Die jüngere Forschung guckt nur noch auf die Schuldfrage. Das verengt den Blick."

Weitere Artikel: Joachim Kaiser denkt über das Verschwinden der charismatischen Kultfiguren unter den Musik-Instrumentalisten nach - und stellt einige Vertreter (vom Artemis-Quartett bis Lars Vogt) einer neuen Generation vor, die an die Stelle des Spektakulären "den reinen Ausdruck, das sinnvolle Espressivo, die differenzierte Tiefe" zu setzen verstehen. Bei einer Dresdener Diskussion zur Gegenwart der Religion waren die beiden Podiumsdiskutanten Henryk M. Broder und Friedrich Wilhelm Graf dem Berichterstatter Stephan Speicher entschieden zu säkular. Die Ergebnisse eines Londoner Symposions der Ted-Konferenz zum Thema "Perspektivwechsel" fasst Andrian Kreye zusammen. Fritz Göttler gratuliert der Schauspielerin Elke Sommer zum Siebzigsten.

Besprochen werden Falk Richters von ihm selbst an der Berliner Schaubühne uraufgeführtes neues Stück "Protect Me" (zum größten Teil sei das "abgedroschene Welterklärungs-Polemik", klagt Till Briegleb), ein von den Berliner Symphonikern unter Christoph Hagel im Bode-Museum hochbeschleunigter Mozartscher "Titus", die Ausstellung "Die Geburt der Romantik" über den Freundeskreis um Caspar David Friedrich im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald und Bücher, darunter Erich Wolfgang Skwaras neuer Roman "Im freien Fall" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 05.11.2010

Alard von Kittlitz trifft den ehemaligen deutschen Generalkonsul Manfred Steinkühler, der vor 19 Jahren aus dem Amt schied, weil er bei der aktiven Verdrängung des Außenamts in der Sache der Mittäterschaft im Dritten Reich nicht mitmachen wollte. Besonders entsetzt ist er als erklärter Bürgerlicher, dass sein eigenes Milieu so eklatant versagt hat: "Steinkühler bezieht sich mit seinem Vorwurf, das Bürgertum überlasse die Auseinandersetzung der Linken, auch auf den deutschen Filmemacher und Autor Thomas Harlan. Harlan, der im vergangenen Monat starb und dem linksradikalen Milieu zuzurechnen war, verbiss sich geradezu in diesen Komplex... Steinkühler sagt, er habe Harlan bewundert. 'Was mich tief beeindruckt hat, war sein Einsatz für eine vollkommene Aufklärung und eine neue Welt. Seine Welt sah links aus, das war nicht meine. Aber seine Initiative hatte meine Solidarität.'"

Weitere Artikel: Eduard Beaucamp sehnt sich in seiner Kolumne nach einer Zeit zurück, in der die Kunst noch nicht in den Zustand kompletter Marktförmigkeit geraten war. Von einem Frankfurter Vortrag des US-Schriftstellers John Wray berichtet Andrea Diener. In der Glosse gibt es jede Menge fragwürdiger Selbsthilfetipps für von der Jahresendverweigerungsaktion der Zahnärzte Betroffene. Hannes Hintermeier schreibt zum Tod der Kinderbuchautorin Eva Ibbotson. Der Nachruf auf den Dirigenten Rudolf Barschai kommt von Jan Brachmann. Mit Staunen nimmt Jürg Altwegg auf der Medienseite die völlig untypischen selbstkritischen Töne von Le Monde zum Besitzerwechsel zur Kenntnis. Edo Reents kommentiert die live übertragenen Schlichtungsverhandlungen in Stuttgart.

Besprochen werden ein Charlie-Haden-Konzert beim Enjoy-Jazz-Festival in Mannheim, die Ausstellung der "Brazil Series" von Bob Dylan in Kopenhagen (Heinrich Detering zeigt sich enttäuscht von Dylans jüngsten Gemälden), eine Ausstellung der skandinavischen Künstler Elmgreen & Dragset im ZKM in Karlsruhe, eine Berliner Ausstelleung, die 100 Jahre "Allgemeine Städtebau-Austellung" feiert, Angela Schanelecs Film "Orly" (den Michael Althen "verdammt schön" findet) und Bücher, darunter Vladimir Sorokins Trilogie-Abschluss "23.000" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).