Heute in den Feuilletons

Elfenmusik mit herrlichen Glamourlichtern

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2010. Der Guardian eröffnet eine Reihe von Blogs, in denen bekannte Autoren über längere Zeit ein Thema reflektieren sollen. Techcrunch erzählt, wie man ganz einfach die Freunde von Google-Chef Eric Schmidt identifizieren kann: Man eröffnet ihm ein Facebook-Konto. In der FAZ schildert der chinesische Exilautor Bei Ling den Liu-Xiaobo-Schock. Die NZZ feiert den polnischen Schriftsteller und Satiriker Slawomir Mrozek, die Welt den israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber.

NZZ, 12.10.2010

Als die Sensation des polnischen Literaturherbstes preist Marta Kijowska die Tagebücher des polnischen Schriftstellers und Satirikers Slawomir Mrozek: "Dieses Tagebuch ist eine so tiefe und schonungslose Selbstanalyse, dass es nicht so schnell seinesgleichen findet. Selbst der Vergleich mit dem Tagebuch des großen Witold Gombrowicz, den Mrozek übrigens kannte und sehr schätzte, funktioniert nur bedingt. Denn der eine betrieb eine hartnäckige Selbsterschaffung, während der andere sich in einer konsequenten Selbstdemontage versuchte."

Auf der Medienseite berichtet Kristina Bergmann von einer ägyptischen Fernsehserie über die Muslimbrüder, die bei deren Anhängern gar nicht gut ankam.

Besprochen werden Johann Simons' Einstand als neuer Intendant der Münchner Kammerspiele unter anderem mit Jack Londons "Ruf der Wildnis, die Ausstellung "Corot en Suisse" im Genfer Musee Rath, Gaetan Soucys Roman "Die Unbefleckte Empfängnis" und Michael Roes' Roman "Geschichte der Freundschaft" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 12.10.2010

Der Guardian hat online eine Sektion, von der man in Deutschland nur träumen kann: Comment is free (Cif). Hier wird (meist wacker links) debattiert! Nun eröffnet hier eine Reihe von Blogs, in denen Autoren über längere Zeit über bestimmte Themen nachdenken. Den Anfang macht Chefredakteur Alan Rusbridger selbst, der den "three-way split" in den Medien reflektiert: "There is the press, mostly still privately owned and lightly regulated, which was all we had until the dawn of broadcasting. Then there are public service broadcasters - publicly owned and, in return, pretty stringently regulated in terms of content, balance, impartiality and so on. Finally, there is the new public sphere opened up by digital technologies."

Im Wall Street Journal verteidigt Ayaan Hirsi Ali das Recht Geert Wilders' auf Meinungsfreiheit, über das gerade in einem Prozess verhandelt wird, und macht auf die Lobbyarbeit islamischer Organisationen aufmerksam: "there are the efforts of countries in the Organization of the Islamic Conference to silence the European debate about Islam. One strategy used by the 57 OIC countries is to treat Muslim immigrants to Europe as satellite communities by establishing Muslim cultural organizations, mosques and Islamic centers, and by insisting on dual citizenship. Their other strategy is to pressure international organizations and the European Union to adopt resolutions to punish anyone who engages in 'hate speech' against religion."

Aus den Blogs, 12.10.2010

Man kann Facebook auch nutzen, um Kontakte zu finden. Und zwar auch die Kontakte von anderen, richtig berühmten Menschen. Michael Arrington erzählt in Techcrunch, wie er eine reale E-Mail-Adresse von Eric Schmidt nutzte, um ein gefälschtes Konto für den Google-Chef einzurichten: "Of course I could have created a fake Eric Schmidt account without using his real email. But by using that email address Facebook immediately started suggesting friends to me - presumably people who have uploaded their contacts, including that email address, to Facebook in the past. I created a profile and quickly started adding friends."
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Stichwörter: Facebook, Eric Schmidt

Welt, 12.10.2010

Manuel Brug hat den gerade viel gefeierten israelischen Jungdirigenten Omer Meir Wellber in Dresden die "Salome" dirigieren hören, und man muss sagen: Er hat die Erwartungen erfüllt. "Er macht viel, aber er macht es gut", schreibt Brug, und: "Es ist faszinierend, wie die chromatischen Tonleitern glitzern und rieseln, wie jedes Instrumentierungsdetail der üppigen Partitur zu seinem Recht kommt, wie ihre gewaltig schwere Fin-de-Siecle-Tonkostümierung rhythmisch klar sich bauscht. Das schimmert als Elfenmusik mit herrlichen Glamourlichtern."

Weitere Artikel: Manuel Brug schreibt gleich auch noch die Leiglosse, in der er sich über die Wiener Staatsoper mokiert, die eine Solotänzerin entließ, weil sie nackt posierte. Marko Martin unternimmt einen Streifzug durch die Literaturszene von Tel Aviv. Hanna Engelmeier besucht ein mit bayerischen Requisiten aufgeputztes Oktoberfest in San Francisco. Eckhard Fuhr schreibt zum Tod des Tanzkritikers Jochen Schmidt.

Besprochen werden eine große Bonnard-Ausstellung in Wuppertal und Julian Temples Film "Oil City Confidential".

FR, 12.10.2010

Auf ungefähr vier Seiten ist ein erschöpfender Vortrag des Soziologen Hans-Georg Soeffner zu lesen, der darin seine Ansichten zu Augustinus, Nationalsozialismus und Integration heute darlegt. Christine Pries feiert das 100-jährige Bestehen der Soziologischen Gesellschaft.

Auf der Medienseite findet Ulrike Simon die Berichterstattung von Alice Schwarzer über den Prozess gegen Jörg Kachelmann ziemlich voreingenommen.

Besprochen werden unter anderem die Uraufführung von Marc-Andre Dalbavies Oper "Gesualdo" in Zürich, die Premiere von Dirk Lauckes Stück "Bakunin auf dem Rücksitz" am Deutschen Theater Berlin, der "Ring"-Abschluss an Essens Aalto Oper, die Performance "Paris 1871 - Bonjour Commune" von Showcase Beat Le Mot in Berlin.

TAZ, 12.10.2010

Jan-Frederik Bandel empfiehlt einige Anthologien zu Graphic Novels. Rudolf Walther schreibt den Nachruf auf den Philosophen Claude Lefort.

Besprochen werden neue Stücke des Performancekollektivs Showcase Beat Le Mot, die Uraufführung von Rene Polleschs Stück "Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen" im Schauspiel Frankfurt und die Ausstellung "Das Potosi-Prinzip" im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Und Tom.

FAZ, 12.10.2010

Der chinesische Schriftsteller Bei Ling, einst Mitstreiter des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, heute im Exil in den USA, erinnert sich an die Zeit recht unmittelbar vor dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens: "Damals war Liu Xiaobo ein Geheimtipp, der mit seinen kritischen Theorien jedoch rasch die etablierte Literaturwissenschaft aufschreckte und mit seinem gründlichen Rüstzeug an klassischer westlicher Philosophie genauso schnell die Gelehrtenwelt aufmischte. Bald sprach man vom 'Liu-Xiaobo-Schock'."

Ai WeiWei
erklärte bei der Eröffnung seiner neuen Installation "Sonnenblumenkerne", wie Gina Thomas berichtet, der Nobelpreis "sei eine Geste, die junge Menschen ermutige, sich frei auszudrücken".

Und auf der Medienseite porträtiert Mark Siemons die chinesische Medienunternehmerin Hong Huang, die mit westöstlicher Ironiefähigkeit begabte Herausgeberin der mit Anzeigen von Prada bis Chanel geschmückten und finanzierten Mode- und Designzeitschrift ILook, deren jüngstes Heft wiederum Ai Weiwei gestaltet hat: Er stellt darin "Männer vor, die in einem Modemagazin sonst kaum Beachtung finden dürften: einen verfemten Rockmusiker, einen Straßenfeger, Rechtsanwälte, denen die Lizenz entzogen wurde."

Weitere Artikel: Auf einer ganzen Seite vermisst Volker Corsten entschiedeneren Protest des Hamburger Bürgertums gegen die Kürzungspläne des neuen Kultursenators. In der Glosse klagt Andreas Rossmann, dass die in Köln regierende SPD aus dem erfolgreichen Bürgerbegehren gegen einen Schauspielhausneubau wenig gelernt zu haben scheint. 

Besprochen werden die von Johann Kresnik inszenierte Uraufführung von Detlev Glanerts Hans-Henny-Jahnn-Oper "Das Holzschiff" in Nürnberg, Johan Simons' Einstandsinszenierung "Hotel Savoy" nach Joseph Roth an den Münchner Kammerspielen (Teresa Grenzmann hat es gefallen, sie blickt auch auf Simons' weitere Pläne und findet keinen einzigen "originären Dramentext"), eine Peter-Lindbergh-Ausstellung bei c/o Berlin (Andreas Kilb vermeldet auch Pläne des zum Auszug aus dem Postfuhramt genötigten Museums für einen Neubau) und Bücher, darunter Wassili Grossmans letzte Erzählung "Alles fließt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 12.10.2010

Bildungsprobleme bei Einwanderern? Ganz alter Hut! Elisabeth Kiderlen besucht das von der Gülen-Bewegung unterstützte - oder ihr jedenfalls nahestehende - Tüdesb-Gymnasium in Berlin und stellt fest: immer mehr türkische Eltern schicken ihre Kinder auf weiterführende Schulen (mehr über Gülen und das Gymnasium im Tagesspiegel und in der Zeit). Thomas Steinfeld ist empört, wie Thüringens Kultusminister Christoph Matschie in zwei Interviews (in der Thüringischen Landeszeitung und in der Thüringer Allgemeinen) dem eh von ihm schon abservierten Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, nachgetreten hat: "Nennen wir den Minister daher ruhig: arrogant, unbelehrt und verantwortungslos." Johan Schloemann porträtiert Stuttgart21-Schlichter Heiner Geißler als Solon. Michaela Melian stellt im Interview ihr virtuelles Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus vor. Emir Kusturica ist aus der Jury der Filmfestspiele im türkischen Antalya zurückgetreten, nachdem bosnische Organisationen ihm Verharmlosung der Kriegsverbrechen an bosnischen Muslimen vorgeworfen und mehrere Regisseure ihre Filme aus Protest gegen Kusturica zurückgezogen hatten, berichtet Kai Strittmatter. Mitarbeiter von Hugendubel protestieren in einem Blog gegen "Umstrukturierungsmaßnahmen" (sprich: Kündigungen) in den Buchhandlungen, berichtet Stephanie Drees: "Die Redaktionsmitglieder wollen laut eigener Aussage die Entwicklung hin zu einem 'Bücheraldi' dokumentieren." Nicht so zufrieden war Helmut Mauro mit dem Streichquartett-Wettbewerb im kanadischen Banff. Jens Malte Fischer schreibt zum Tod des Musikwissenschaftlers Reinhold Brinkmann.

Besprochen werden Fadhel Jaibis und Roger Vontobels Inszenierung (manchmal wohl eher Neuschreibung) antiker Dramen in Bochum, eine Ausstellung der rekonstruierten Bibliothek Walter Benjamins im Museum Baden in Solingen, die Ausstellung "Ad Reinhardt. Letzte Bilder" im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop, eine Gauguin-Schau in der Tate Modern und Bücher, darunter Andreas Maiers Roman "Das Zimmer" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).