Heute in den Feuilletons

Verbreitet sich in Windeseile massenhaft

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2010. Vor siebzig Jahren starb Leo Trotzki an einem Eispickel. Für die Welt war er ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Die FAZ bringt eine ganze Seite über die Iranerin Sakineh Ashtiani, die zum Tod durch Steinigung verurteilt ist. Im Guardian spricht Christiane Kubrick über ihren Onkel Veit Harlan. Die FR zeigt am Beispiel der Bertelsmann-Stiftung, wie wohltätig Steuernsparen sein kann. Das Wall Street Journal fragt: Warum nimmt Guido Westerwelle seinen Lebenspartner nur in jene Länder mit, in denen Homosexualität erlaubt ist?

Welt, 20.08.2010

Vor siebzig Jahren rammte Ramon Mercader einen Eispickel in den Schädel von Leo Trotzki, der ihn noch in die Hand biss, bevor er verschied. Richard Herzinger schildert noch einmal die Blitzableiterfunktion, die Trotzki für viele linke Intellektuelle hatte: "Mit Trotzki konnten sich radikale Intellektuelle der geistigen Enteignung durch den offiziellen kommunistischen Apparat entziehen, ohne sich als 'Verräter' an der Sache der Weltrevolution zu fühlen - zumal angesichts der realpolitischen Bedeutungslosigkeit des 'Trotzkismus' keine Gefahr bestand, dass sie ihre Ideen dem Tauglichkeitstest der Wirklichkeit würden aussetzen müssen."

Dadurch wurde Trotzki zu einer Zwischenstation auf dem "Weg von der kritiklosen Frömmigkeit über den kritischen Glauben zur Glaubenskritik", sekundieren Maxeiner und Miersch in ihre Kolumne und kommen zu dem milden Urteil: "Leo Trotzki hat zwar nichts Gutes getan, aber Gutes bewirkt."

Weitere Artikel: Andreas Rosenfelder kann so gar nicht in Tilman Krauses Begeisterung über Grass' neues Buch "Grimms Wörter", angeblich eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, einstimmen: "Es ist die Penetranz, mit der sich der Zeitreisende Günter Grass permanent selbst ins Bild drängelt." Besprochen werden Racines "Phädra" mit Sunnyi Melles in Salzburg, eine Ausstellung des "Simplicissimus"-Zeichners Karl Arnold in Berlin und Tolkiens jetzt als Buch herausgebrachte "Legende von Sigurd und Gudrun".

TAZ, 20.08.2010

Joachim Lange berichtet über die wichtigen Schauspielpremieren bei den Salzburger Festspielen, darunter Jon Fosses "Tod in Theben" und die Inszenierung von Racines "Phädra" von Burgtheaterchef Matthias Hartmann.

Besprochen werden CDs von Actress, Kode9 und Walter Gibbons, der von Milan Buty herausgegebene Bild-Textband "Bibliothek" sowie Alan Pauls Roman "Geschichte der Tränen" über eine Kindheit im Argentinien der 1960er und 1970er Jahre (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Wahrheit-Seite ist noch einmal ein Rückblick eines ihrer Gründer über die schwierigen Anfänge dieser Seite und die sehr taz-typischen Anfeindungen gegen sie ("vegetarierfeindlich") zu lesen: Karl Wegmann ist vergangenen Dienstag gestorben.

Und Tom.

Weitere Medien, 20.08.2010

Zehn Jahre nach Stanley Kubricks Tod spricht Jon Ronson für den Guardian mit dessen Witwe Christiane und zitiert auch ihre Gedanken über ihren Onkel Veit Harlan: "'Stanley and I came from such different, such grotesquely opposite backgrounds,' she says. 'I think it gave us an extra something. I had an appalling, catastrophic background for someone like Stanley.' She pauses. 'For me, my uncle was great fun. He and my father planned to join the circus. They were acrobats. They threw me around. It was a complete clown's world. Nobody can imagine that you can know someone who was so guilty so intimately - and yet not know.' It turned out that when Harlan wasn't clowning around with Christiane, he was writing and directing propaganda films for Goebbels."

(Via Achgut) Ist Guido Westerwelle in seinem Engagement für die Gleichstellung Homosexueller ein Heuchler?, fragt Daniel Schwammenthal im Wall Street Journal: "Guido Westerwelle, Germany's openly gay foreign minister, just outed himself again, this time as an appeaser. Berlin's chief diplomat likes traveling with his life partner on official state business - except when it could actually make a difference as an act of solidarity. When visiting countries where homosexuality is illegal, such as on his recent trip to Saudi Arabia, the foreign minister prefers flying solo."
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Aus den Blogs, 20.08.2010

Die Japanisch-Übersetzerin Ursula Graefe erzählt in dem Blog Schauinsblau von den interkulturellen Tücken ihrer Tätigkeit: "Wie formuliert man beispielsweise die Empfindung einer Romanfigur, dass ihre Stereoanlage schüchtern in der Ecke kauert, ohne den Leser zu nicht intendiertem Lachen zu reizen?"

Ganz Paris unverpixelt: Eine Stadtrundfahrt per Google Street View auf dem Tagseoblog (mehr hier):


Stichwörter: Google, Paris

FR, 20.08.2010

Der Autor Thomas Schuler beleuchtet auf der Medienseite die Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung. Zum Beispiel geht er der Frage nach, wie Brigitte Mohn mit einer 130-Seiten-Arbeit an der Uni Witten/Herdecke promovieren konnte, die von der Stiftung mit 35 Millionen Euro mitfinanziert wurde. Und er erklärt das Unternehmen Erbschaftssteuersparen: "Mohn schrieb 1986: 'Die dominierende Zielsetzung', die zur Gründung der Bertelsmann Stiftung 1977 führte, sei 'die Sicherung der Unternehmenskontinuität' gewesen. Indem die Stiftung das Kapitalvermögen übernimmt (das geschah 1993), sollte sie 'die dann nicht mehr durch Erbschaftssteuer belastete Finanzierungskontinuität gewährleisten'. Geschätzte zwei Milliarden Euro hätten seine Frau und seine sechs Kinder zahlen müssen, wenn er ihnen sein Vermögen überschrieben hätte. Dem stehen rund 800 Millionen Euro gegenüber, die die Stiftung seit 1977 in rund 750 Projekte investiert hat."

Weiteres: Sebastian Moll erzählt von den verschiedenen Video-Interviews (zum Beispiel mit Atlantic Monthly), in denen Christopher Hitchens über seinen Krebs gesprochen und versichert hat, dass er jetzt nicht gläubig wird. Harry Nutt berichtet, dass im tschechischen Dobronin die Überreste von Sudetendeutschen ausgegraben wurden, die im Mai 1945 ermordet worden waren. Sebastain Amaral Anders stellt argentinische Krimis vor, die die argentinische Militärdiktatur zum Thema machen und sich seiner Ansicht nach daran ein wenig überheben.

Besprochen werden Matthias Hartmanns "Phädra"-Inszenierung in Salzburg (für Stephan Hilpold ein "einziger Gefühlsausbruch"), das Dance-Album "Strange Weather, isn't it?" der Band !!!, die Show "Matsuri" der Drummers of Japan in Frankfurt.

NZZ, 20.08.2010

Andreas Ernst erzählt, wie Skopje über das Architekturprojekt von Vangel Bosinovski diskutiert: Die Innenstadt von Skopje, die 1963 durch ein Erdbeben zerstört und notdürftig modern wieder aufgebaut wurde, soll nun wieder einen historischen Stadtkern bekommen - oder so etwas ähnliches: "Beim Parlament entsteht eine 'deutsche Ecke'. Das schlichte Verwaltungsgebäude aus den 1930er Jahren erhält eine wuchtige Glaskuppel. Dazu, in unmittelbarer Nähe, werden eine Quadriga und eine Siegessäule aufgestellt. 'Klein Berlin', sagen die Spötter. Auf dem Hauptplatz wächst ein riesiger Brunnen mit Alexander dem Großen als Reiterstatue in den Himmel."

Die Stadt Florenz und der italienische Staat streiten um den Besitzanspruch an Michelangelos "David", berichtet Samuel Vitali: Während die Stadt sich im Recht wähnt, da sie die Kosten trägt, die die Touristenscharen jedes Jahr in Florenz verursachen, proklamiert der Staat die Statue für sich, da er ja schließlich den Künstler 1504 bezahlt habe. Roman Bucheli besichtigt das Kulturhotel "Alpenhof", das von nun an die 12.000 Werke umfassende Privatbibliothek des Schweizer Künstlers und Mäzens Andreas Züst beherbergen wird.

Ruedi Ankli hört neue und vielversprechende Lebenszeichen aus der totgesagten Szene der italienischen Cantautori, zum Beispiel von den Kalabresen Brunori Sas:



Besprochen werden die Ausstellung "Klee trifft Picasso" im Berner Zentrum Paul Klee und die neue CD "Rumors" vom New Yorker Jazzpianisten Frank Kimbrough.

FAZ, 20.08.2010

Drei Texte sind auf der Aufmacherseite um das Thema Steinigung gruppiert. Einer bezieht sich auf den Anlass, das Urteil gegen die wegen Ehebruchs zum Tod verurteilte Iranerin Sakineh Ashtiani. Karen Krüger kommentiert: "Je mehr die Aufmerksamkeit wächst, desto mehr entwickelt sich der Fall zu einem Politikum, mit dem Iran dem Westen und der Opposition im Inneren zeigt, dass es Menschenrechte mit Füßen treten kann." Der Islamwissenschaftler Tilman Nagel setzt die Strafe der Steinigung, die ja bei Ehebruch vorgesehen ist, in Zusammenhang mit dem Ehrbegriff des Islams und merkt an: "Die bisweilen in Deutschland geäußerte Behauptung, 'Ehrenmorde' hätten mit dem islamischen Glauben nichts zu tun, ist unzutreffend; sie dient der Propagierung der These, die Scharia sei mit an den Menschenrechten orientierten Rechtssystemen vereinbar." Und dann gibt es noch einen kurzen Auszug zum Thema aus Elias Canettis "Masse und Macht" mit dem zentralen Satz: "Es ist niemand zum Hinrichter delegiert, die ganze Gemeinde tötet."

In ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne nimmt Constanze Kurz den gescheiterten Versuch Adolf Sauerlands, missliebige Dokumente per Verfügung wieder aus dem Netz zu bekommen (mehr hier), zum Anlass, die ganz andere Logik des Netzes in solchen Dingen zu beschreiben: "Ein unüberlegtes Anwaltsschreiben, eine rasch durchgedrückte einstweilige Verfügung, und es ist passiert. Die Information, die unterdrückt werden sollte, verbreitet sich in Windeseile massenhaft und erhält die Aufmerksamkeit, die gerade unterbunden werden sollte."

Weitere Artikel: Regina Mönch schildert die Zerstörungen, die die Neiße-Flut im zuvor jahrzehntelang mit Mühe und Geld wiederaufgebauten Klosters Sankt Marienthal. In der Glosse teilt Michael Hanfeld erfreut mit, dass Dortmund-Fans die Arena auf Schalke mit der Begründung "Schiebedach", "hässlich" bei Google Street View abzumelden versuchten. (Geht aber nicht, öffentliche Gebäude kann man nicht abmelden.) Robert von Lucius meldet, dass Lars Gustafsson aus der Piratenpartei ausgetreten ist, weil diese die Organisation Wikileaks unterstützt, der Gustafsson vorwirft, sie gebe mit der Veröffentlichung der Kriegs-Geheimakten afghanische Kollaborateure des Westens den Taliban preis.

Besprochen werden Matthias Hartmanns "Phädra"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen, die Ausstellung "Meisterwerke der Porträtkunst" im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt und Bücher, darunter Alina Bronskys Roman "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 20.08.2010

Sylvester Stallone ist wieder da und erzielte mit dem altmodischen Ensemble-Actioner "The Expendables" (mehr) am Startwochenende in den USA einen eher unerwarteten Kassenerfolg. Wie kann das denn sein, fragt Tobias Kniebe, und antwortet, dass die Leute vermutlich gerade das Zerknautschte und Unperfekte daran lieben: "Vielleicht genießen die Zuschauer, die derzeit mit einem Grinsen aus den Vorführungen der US-Kinos kommen, auch diese naiven, womöglich gar nicht beabsichtigten Brüche. 'Die Leute nennen es eine ironische Hommage an alte Zeiten', sagt Stallone, 'aber ich weiß es einfach nicht besser.'"

Weitere Artikel: Till Briegleb kritisiert die Versuche der scheidenden Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck, kurz vor Toresschluss auf die Schnelle noch vollendete Tatsachen in der Kulturpolitik zu schaffen. Recht knapp schreibt Alexander Menden zum Tod des britischen Literaturwissenschaftlers Frank Kermode.

Besprochen werden Matthias Hartmanns "Phädra"-Inszenierung in Salzburg mit Sunnyi Melles in der Titelrolle (für Egbert Tholl erweist sich Hartmann einmal mehr als "Meister der virtuosen Harmlosigkeit"), die Ausstellung "Sargent and the Sea" in der Londoner Royal Academy of Arts, die Ausstellung "Jüdisches Leben in Argentinien" im Berliner Jüdischen Museum, die CD-Edition des Warschauer Fryderyk Chopin Instituts, Thomas Bayes' Film "Babys" und Bücher, darunter Thor Kunkels neuer Roman "Schaumschwester" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).