Heute in den Feuilletons

Alle Voraussetzungen zum Glücklichsein

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.08.2010. In der FAZ erwacht Juri Andruchowytsch aus dem europäischen Traum - und findet sich im Stalinismus wieder. In der Welt beschreibt Claudio Magris Berlusconi als vulgäre Parodie seiner selbst. Die SZ sieht den Vorschlag von Google und Verizon gegen die Netzneutralität in mobilen Netzen als Rückeroberung der Internets durch große Konzerne.In Telepolis erklärt der Historiker Eckhard Höffner, warum weniger Urheberrechte mehr Dichter und Denker brachten.

Welt, 11.08.2010

Ulrich Weinzierl führt ein Gespräch mit Claudio Magris, der Salzburger Gastschreiber war. Er erklärt Berlusconi als Symptom eines Verfalls bürgerlicher und demokratischer Werte, der für ihn direkt in eine surreale und zugleich vulgäre Maskenhaftigkeit führt: "Vor ein paar Monaten habe ich beim Zappen im Fernsehen geglaubt, einen guten, skurrilen Schauspieler zu sehen, der - Berlusconi ziemlich ähnlich - ihn schon fast übertrieben parodierte: mit schönen jungen Mädchen, von denen er eines fragte, ob sie es sei, die ihm 'an den Arsch gegriffen' habe. Aber es war tatsächlich er selbst."

Weitere Artikel: Tilman Krause singt in der Leitglosse ein Loblied auf die kleinen Festivals in der Kulturprovinz. Manuel Brug schreibt über die Wiederentdeckung des Komponisten Mieczyslaw Weinberg.

Besprochen werden eine Miro-Ausstellung in Baden-Baden und ein Dokumentarfilm über die Death-Metal-Szene in Norwegen (mehr hier).

Aus den Blogs, 11.08.2010

(via jeffjarvis, der diesen Artikel "A classic of bullshit journalism" nennt) Die Zahl der Blogs sinkt, die Wikipedia verliert Freiwillige, das Web 2.0 stagniert, schreiben Tony Dokoupil and Angela Wu in einem Blog für Newsweek: "Most people simply don't want to work for free. They like the idea of the Web as a place where no one goes unheard and the contributions of millions of amateurs can change the world. But when they come home from a hard day at work and turn on their computer, it turns out many of them would rather watch funny videos of kittens or shop for cheap airfares than contribute to the greater good. Even the Internet is no match for sloth." Und Newsweek? Wurde jüngst von einem Wohltäter für einen Dollar aufgekauft.

Martin Posset unterhält sich in Telepolis mit Eckhard Höffner, Autor des Buchs "Geschichte und Wesen des Urheberrechts" (mehr hier). Seine steile These: Deutschland hat sich im 18. und 19. Jahrhundert nur deshalb zur Nation der "Dichter und Denker" entwickelt, weil es anders als in Großbritannien kein fest verankertes Urheberrecht hatte: "Im Ergebnis musste ich nach den Vorteilen des Urheberrechts mit der Lupe suchen und wurde selbst dann kaum fündig. Das Ergebnis ist überraschend, zeigt es doch, dass das Urheberrecht im 18. und 19. Jahrhundert sich ausschließlich nachteilig auf die Autoreneinkommen, Anzahl der Titel, Bücherpreise etc. auswirkte. Nur der Interessensgruppe der führenden Verleger und einer Handvoll Bestsellerautoren nutzte es."

NZZ, 11.08.2010

Nach einem sehr gelungenen Auftakt freut sich Claudia Schwartz über das revitalisierte Festival von Locarno, am besten hat ihr bisher Aaron Katz' kanadischer Film "Cold Weather" gefallen. Knut Henkel berichtet von einem Museum in Peru, das - mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsdiensts - an den blutigen Kampf des Militärs gegen die Guerilla des Leuchtenden Pfads erinnern soll (deren Schreckenstaten dabei aber offenkar keine Rolle spielen). Hier auf spanisch die Ergebnisse der Wahrheitskommission.

Besprochen werden Richard Strauß' "Elektra" in Salzburg (die Peter Hagmann als Stummfilm mit Orchesterbegleitung erlebt hat), Tamim Ansarys islamische Ergänzung der Globalgeschichte "Die unbekannte Mitte der Welt", Daniyal Mueenuddins Erzählungen "Andere Räume, andere Träume" (Leseprobe) und Peter Hacks' Essays "Die Maßgaben der Kunst" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR, 11.08.2010

In den USA haben 40 Milliardäre öffentlich versprochen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens zu spenden (mehr hier) und werden dafür von der Gesellschaft mit Ansehen belohnt. In Deutschland ist das anders, meint der Ökonom Birger Priddat im Interview. Da verlässt man sich eher auf den Staat: "Wer die Vermögenssteuer fordert, will die politische Hoheit über die Umverteilung des Gemeinwohls behalten. Wer die Reichen zu mehr Stiftung auffordert, will die staatlichen Budgets entlasten, um anderswo mehr Ausgabenspielräume zu bekommen. So soll mehr in die Bildung gestiftet werden, wo der Staat sonst erheblich mehr aufwenden müsste. Beide Male wird politisch pro domo geredet. Das ist nur wieder ein Indikator für unsere Staatsorientierung: Nicht die Politiker dürften uns auffordern, mehr privat zu stiften, sondern die Gesellschaft müsste sich selber auffordern. Die res publica kann in diesen Dingen nicht delegiert werden."

Besprochen werden die Konzertreihe "Kontinent Rihm" bei den "Salzburger Festspielen", eine Lesung von Hans Zippert in Frankfurt und Bücher, nämlich Samuel D. Kassows Biografie des marxistischen jüdischen Intellektuellen Emanuel Ringelblum (1900 - 1944) und Nora Iugas "höchst reizvoller" Roman "Die Sechzigjährige und der junge Mann" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 11.08.2010

Der Filmemacher Stephane Brize spricht im Interview über seinen neuen Film "Mademoiselle Chambon". Es geht um einen glücklich verheirateten Handwerker (Vincent Lindon), der sich plötzlich in eine Lehrerin (Sandrine Kiberlain) verliebt. "Ich wollte mich mit jemandem befassen, der dem Anschein nach alle Voraussetzungen zum Glücklichsein hat. Trotzdem gibt es Teile in seiner Person, zu denen er nie Zugang hatte. Erst die Begegnung mit Mademoiselle Chambon bringt die zum Vorschein. Mit ihr entdeckt er sich selbst. Ich glaube, dass es im Leben eines jeden Menschen Augenblicke geben kann, in denen sich eine Tür öffnet, hinter denen man unbekannte Aspekte der eigenen Persönlichkeit erkennt. Mir war es wichtig, dass nicht atemberaubende Attraktivität oder knackige Jugend einer neuen Geliebten diese Tür aufstoßen wird, sondern eine ganz normale Frau."
 
Weiteres: Thomas Hummitzsch stellt das interdisziplinäre Forschungsprojekt Netzwerk Kulturen vor, das die soziokulturellen Veränderungen der Globalisierung untersucht (dazu ist auch gerade ein Buch erschienen). Julia Seeliger freut sich auf Google Street View in Deutschland. Besprochen wird die Ausstellung "Schwarzgold" - eine "Leistungsschau" der Berliner Off-Kunst-Boheme - auf Schloss Beesenstedt bei Halle.

Und Tom.

SZ, 11.08.2010

Niklas Hofmann kommentiert den Vorschlag von Google und Verizon, die Netzneutralität in den mobilen Netzen aufzugeben (mehr hier), die die Zukunft des Internets darstellen: "Ein wesentlicher Teil dessen, was heute das Netz ausmacht, würde wieder stärker unter die Kontrolle durch große Konzerne gelangen. Das wäre durchaus kongruent mit dem Trend zu einem geschlossenen System leicht konsumierbarer, aber vom Hersteller der Hardware genehmigungspflichtiger Programme, wie sie Apple mit seinen Apps unters Volk bringt."

Weitere Artikel: Burkhard Müller liest eine Studie des Linguisten Winfried Thielmann über "Deutsche und englische Wissenschaftssprache im Vergleich" und stellt fest, dass es gar keinen Sinn hat, auf englisch schreiben zu wollen, da wir ohnehin in unüberschreitbaren Kulturblasen leben. Wolfgang Schreiber zieht am Ende des Salzburger Festivals eine Bilanz des Wolfgang-Rihm-Schwerpunktes. Jan Füchtjohann liest Christopher Nolans Film "Inception" in einem kleinen Essay als populärphilosophische Bebilderung der Frage, wie man zu einer Idee kommt. Helmut Mauro weist darauf hin, dass in diesem Herbst die letzten authentischen Choreografien Pina Bauschs und Merce Cunninghams zu sehen sind - und erzählt, dass eine vom Tanzensemble in Wuppertal geplante Musealisierung von Bauschs Choreografien an einem Urheberrechtsstreit mit Pina Bauschs Sohn scheitern könnte.

Besprochen werden der Film "Das A-Team", Ausstellungen des Mailänder Kultursommers, Kleinskulpturen bei der Triennale Kleinplastik Fellbach und Bücher, darunter Richard Powers' Reportage "Das Buch des Ich #9" - Powers gehörte zu den ersten, die ihre Gene entschlüssen ließen und hat darüber laut Christopher Schmidt ein brillantes Buch verfasst. (Einen langen Auszug kann man auf Englisch bei GQ lesen.)

Hans Hoff und Hans Leyendecker weisen auf der Medienseite daraufhin, das der WDR das Gehalt seiner Intendantin Monika Piel - 308.000 Euro per annum plus 23.000 Euro für 25-jähriges Ausharren in der Anstalt - immerhin veröffentlicht hat - die anderen Sender sehen dazu gar keinen Anlass. Holger Geertz stellt Kevin Kellys Cooltools-Seite vor, wo aus die besten klassischen amerikanischen Magazinartikel verlinkt wird (einige Vorschläge stammen vom Perlentaucher, mehr hier).

FAZ, 11.08.2010

"Bitte beobachten Sie mein Land", ruft der von Albträumen geplagte ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in die Welt. Der europäische Traum der Ukraine ist seit der Wahl 2010 ausgeträumt. "Es ist falsch, von einer verlorenen Schlacht zu sprechen - der Krieg ist verloren. Und die Folge eines verlorenen Kriegs ist Okkupation", so Andruchowytsch. "Die bislang erfolgreichste 'Reform' ist die Rückverwandlung des ukrainischen Sicherheitsdienstes in einen sowjetischen KGB. Immer häufiger hört man von sogenannten 'prophylaktischen Unterhaltungen' mit Journalisten und Vertretern des öffentlichen Lebens, von zunächst sanfter Einschüchterung und Anwerbeversuchen, davon, dass 'Loyalitätslisten' erstellt und entsprechende Dossiers über besonders aktive Bürger angelegt werden. Die Rektoren der ukrainischen Universitäten werden 'zur Mitarbeit' eingeladen und verpflichtet, ihren Studenten wegen der Teilnahme an Protestaktionen Strafen anzudrohen. Unter allen ukrainischen Rektoren fand sich nur ein einziger, der den Inhalt eines solchen 'Vorschlags' öffentlich machte."

Weitere Artikel: "Made in North Korea": Sündhaft teure Hemden lässt der Künstler Dirk Fleischmann in Nordkorea herstellen, die ab September in Bielefeld ausgestellt werden - für Niklas Maak Anlass zu Überlegungen über die Repräsentation der Diktatur in der bildenden Kunst. Martin Otto porträtiert den Rostocker SPD-Politiker und Rechtsextremismus-Experten Mathias Brodkorb. Helmut Mayer fasst den jüngsten Schlagabtausch im Streit zwischen Neurowissenschaft und Philosophie über die Rolle des Gehirns zusammen. In den USA sorgt das E-Book derzeit für einige Irritationen auf dem Buchmarkt, berichtet Jordas Mejias. Den Nachruf auf den Bildhauer Ansgar Nierhoff hat Swantje Karich verfasst. Den israelischen Qualitätszeitungen geht es nicht gut, berichtet Joseph Croitoru auf der Medienseite. Nur der Israel Hayom, einer rechten Gratiszeitung des Milliardärs Sheldon Adelson geht es gut.

Besprochen werden Stephane Brizes Film "Mademoiselle Chambon" (mehr) und Bücher, darunter "Nach dem Islamismus", eine ethnografische Studie des Migrationsforschers Werner Schiffauer (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).