Heute in den Feuilletons

Zu Monstern aufgebohrt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.08.2010. In der Berliner Zeitung erklärt der Regisseur Armin Petras, warum Deutschland heute moralisch ebensosehr darniederliegt wie vorm Befreiungskrieg gegen Napoleon. Im Tagesspiegel macht sich Hans-Christoph Buch nicht allzuviel Hoffnungen auf den Reformwillen der Caudillos von Kuba. Die NZZ trifft einen deprimierten Juri Andruchowytsch in Iwano-Frankiwsk. Die Blogs und Medienseiten fragen: Wie netzneutral will Google sein? In der SZ sagt Amitai Etzini: Cuius regio, eius religio.

FR, 06.08.2010

Auf der Medienseite greift Felix Helbig einen Bericht der New York Times auf, wonach der Netzneutralität der Todesstoß droht: Google will demnach dem amerikanischen Telekomkonzern Verizon Geld für die schnellere Übermittlung seiner Dienste zahlen: "Das wäre aus Sicht vieler Internet-Aktivisten nicht weniger als gleichbedeutend mit dem Bruch eines Grundgesetzes im Internet: Bislang übermitteln die Netzanbieter die Datenpakete zwischen allen Internet-Teilnehmern völlig gleichberechtigt."

Hans-Jürgen Linke unterhält sich mit dem Jazz-Produzenten Siegfried Loch über die trostlose Lage der Musikindustrie, deren Unheil eigentlich schon in den zwanziger Jahren seinen Lauf genommen hat, als nicht mehr die Musikverlage, sondern die Technikhersteller wie Decca und Philips die Schallplatten zu verkaufen begannen.

Besprochen werden das Klavierfestival La Roque d?Antheron, Ulrich Grobers Studie "Die Entdeckung der Nachhaltigkeit, Shahriar Mandanipurs Roman "Eine iranische Liebesgeschichte zensieren" und Adolfo Bioy Casares' Roman "Morels Erfindung" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 06.08.2010

(Via Netzpolitik) Eine gute Zusammenfassung zur von der New York Times aufgeworfenen Debatte über die Frage, ob Google und Verizon durch eine Absprache die Netzneutralität untergraben, bringt Ryan Singel im Blog von Wired: "The Times story quickly stirred up a politically charged, highly technical and legally complicated debate over whether the federal government ought to set rules on the nation?s ISPs, and if so, what they should be. Congressman Edward Markey (D-Massachusetts), a longtime proponent of setting rules to protect online innovation, damned what he called 'cozy cooperation.'" Viel gelesen zur Frage auch ein Blogbeitrag von Om Malik in GigaOm.

Islam ist Islamismus, schreibt die deutsch-persische Publizistin Nasrin Amirsedghi in Thomas Eppingers Blog Standpunkte: "Im Islam braucht der Mensch den Glauben, um Gott zu erreichen, weshalb alles 'Irdische' wie Nation, Volk, Land oder Heimat keinen Stellenwert hat. Im Morgenland werden die von Gott gegebenen Gesetze als Gottesfrieden verstanden. Die Menschen sind verpflichtet, sie ohne Widerspruch auszuführen. Sie sind ewig, unveränderbar und gelten für alle Zeiten. Kein Wunder, wenn der Islam die Entwicklung der Künste verhindert beziehungsweise verbietet."

Berliner Zeitung, 06.08.2010

Nächstes Jahr ist Kleist-Jahr. Die Theater werden sich überschlagen. Regisseur Armin Petras erklärt im Interview mit Ulrich Seidler, warum er die "Herrmannschlacht" inszenieren wird: "Alles was Herrmann tut, ist dazu da, die Deutschen zum Kämpfen zu bringen. Das ist für mich interessant, auch die Ausgangssituation. Ich finde, dass Deutschland heute moralisch ähnlich darniederliegt." Und noch eine Erkenntnis des Theatermanns: "Das Individuum ist eine Fiktion des Kapitalismus, der uns damit Ellenbogen antrainieren will."
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Stichwörter: Deutschland, Armin Petras

Tagesspiegel, 06.08.2010

Die Meldungen von Reformen in Kuba sollte man nicht allzu ernst nehmen, meint Hans-Christoph Buch: "Die zögerliche Rückkehr zur Marktwirtschaft wird diktiert durch die Notwendigkeit, unproduktive Arbeiter und Angestellte aus Staatsbetrieben zu entlassen - die Rede ist von 100 000 Menschen -, für die der private Sektor als Auffangbecken dienen soll. Die Legitimation des kubanischen Auslaufmodells als Alternative zur westlichen Ellbogengesellschaft wird dadurch hinfällig."

NZZ, 06.08.2010

Gerhard Gnauck reist durch Galizien, speist in den Restaurants von Ultranationalisten und trifft einen deprimierten Juri Andruchowytsch in Iwano-Frankiwsk: "Jede Nation im Osten Europas kennt ihre postrevolutionären Frustrationen, doch nirgendwo sind sie so tief wie hier. 'Wir sind wieder dort, wo wir standen, als ich vor dreißig Jahren angefangen habe zu schreiben', sagt Andruchowytsch, 'auf der Etappe des Sowok.' Dieses Schimpfwort ist - wohlwollend - mit 'Sowjetmensch' zu übersetzen. 'Wir in Galizien haben es satt, der Sisyphus zu sein.' Andruchowytsch weiß nur einen radikalen Rat: Wenn die Russlandfreunde im Osten denn wollten, dann sollte man sie gehen lassen. Geht doch rüber, werdet die 84. Provinz Russlands, und lasst uns Europäer in Frieden leben!"

Weiteres: Gabriele Hoffmann berichtet von der Triennale Kleinplastik in Fellbach. Besprochen werden zwei sehr zeitgeistige Aufführungen deutscher Klassiker in London, neue Chopin-Einspielungen und Aufnahmen Schweizer Volksmusik und Eyal Weizmans Kritik an Israels Architektur in den besetzten Gebieten "Sperrzonen" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 06.08.2010

Raffi Khatchadourian, Autor eines großen Porträts über den Wikileaks-Gründer Julian Assange antwortet im Blog des New Yorkers auf einen Artikel des Washington Post-Kolumnisten Marc Thiessen, der fordert, dass Wikileaks gestoppt werden müsse: "Thiessen's argument calls to mind the music industry's effort to shut down Napster - a Web site where recorded music could be traded and downloaded without regard to copyright - in the nineteen-nineties, in that it loses sight of the broader technological and cultural revolution that the Internet has brought to the exchange of information. In 2001, after a lengthy legal battle, the Recording Industry Association of America succeeded in forcing Napster offline, only to watch Napster's services move to a number of other Web sites that were structured in a more decentralized way - making the piracy of music even more diffuse and difficult to prosecute."

TAZ, 06.08.2010

Sebastian Ingenhoff erklärt die neueste Form der Disco-Renaissance, die diesmal Edits heißt: "Am Bildschirm werden Rhythmuspassagen gedoppelt und so zu Monstern aufgebohrt."

Besprochen werden der Holzschnittzyklus "The Depravities of War" des Amerikaners Sandow Birk über den Irakkrieg im Kunstmuseum Reutlingen und das einzige Deutschlandkonzert des nigerianischen Schlagzeugers Tony Allen in Würzburg.

Und Tom.
Stichwörter: Disco, Irakkrieg, Mons

SZ, 06.08.2010

Pragmatismus prägt Obamas Verhältnis zu den Menschenrechten urteilt der Soziologe und Vordenker des Kommunitarismus Amitai Etzioni in seiner Analyse des gegenüber der Bush-Regierung veränderten Umgangs mit Verletzungen derselben. "Man kann genügend Argumente für Obamas Rückkehr zum Ideal des Westfälischen Friedens finden, dass eine Nation sich nicht in die inneren Angelegenheiten einer anderen einmischen soll. Die eigentliche Prüfung dieser Haltung wird kommen, wenn die Obama-Regierung mit ethnischen Säuberungen oder Völkermord konfrontiert wird ... Die Realität steht im scharfen Gegensatz zu dem Glauben, dass die wirtschaftliche Entwicklung und der Umsturz repressiver Regimes dazu führen, dass in einem Land nach dem anderen die Menschenrechte erblühen."

Weiteres: Reinhard J. Brembeck erklärt, worin die hohe Kunst des Wagner-Singens besteht und weshalb sie kaum noch jemand beherrscht. Jeanne Rubner schreibt über den unerschütterlichen Optimismus und Technikglauben der Amerikaner, der sie Umweltkatastrophen einfach vergessen und in Zeiten zwischen zwei Hurrikanen etwa lieber in Landgewinnung statt in Dämme investieren lässt. In einem ausführlichen Essay würdigt Willibald Sauerländer den spanischen Maler Diego Velazquez anlässlich dessen 350. Todestages. Christoph Bartmann resümiert ein Gespräch zwischen Claudio Magris und Karl Schlögel über das "Weltreich der Melancholie" in Salzburg. Karl Lippegaus gratuliert der Jazzsängerin Abbey Lincoln zum 80. Geburtstag. Gemeldet wird die Verleihung des Preises der Salzburger Hochschulwochen an Christoph Markschies.

Besprochen werden CDs unter anderem von DJ Bob Sinclair, Horacy Andy und den Sierra Leone?s Refugee Allstars, die Aufführung des Theaterstücks "Notre terreur" der Pariser Truppe d'ores et deja bei den Salzburger Festspielen, Josef H. Reichholfs Plädoyer für eine Revolution im Naturschutz (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

FAZ, 06.08.2010

Mäßig mit Ruhm bekleckert hat sich vor kurzem Klaus Jansen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, der zur Eindämmung von "Cyberkriminalität" unter anderem einen Notausschalter für das Internet gefordert hat, mit dem Deutschland vom Kanzleramt aus per Knopfdruck vom Netz genommen werden könne. In ihrer Maschinenraum-Kolumne amüsiert sich die Informatikerin Constanze Kurz ganz prächtig über solche Eingebungen: "Das Verständnis dafür, dass die Welt mittlerweile von komplexen vernetzten Systemen getrieben wird, die sich nicht ohne unkalkulierbare Folgeschäden abschalten lassen, ist offenbar noch nicht weit vorgedrungen. Niemand würde auf die Idee kommen, das Stromnetz auch nur einer Stadt abzuschalten, um einen illegalen Rundfunksender zum Schweigen zu bringen."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger hat Adornos Notizen zum Urlaub "in der Sommerfrische" durchgesehen. Jordan Mejias fasst die Gerichtsverhandlungen in Kalifornien zusammen, mit deren Ende kürzlich das Verbot der Homoehe im US-Bundesstaat gekippt wurde (The Big Picture feiert das Urteil mit einer hinreißend schönen Bilderstrecke). Eduard Beaukamp befasst sich in den "Kunststücken" mit den Rollenwechseln der Avantgarde unter den Eindrücken der zwei Weltkriege. Kerstin Holm berichtet von den Protesten in Russland nach dem Rücktritt der Menschenrechtsbeauftragten Ella Pamfilowa (mehr). "Schneidend böse" findet ein sichtlich vergnügter Andreas Platthaus "Quai D'Orsay", den "Comic dieses Sommers" in Frankreich, in dem ein anonym bleibender Insider die Vorgänge im französischen Auswärtigen Amt aufs Korn nimmt (dass der Comic auch ins Deutsche übertragen wird, ist Platthaus zufolge allerdings nicht zu hoffen). Kurz und bündig ruft Michael Althen dem hundertjährig verstorbenen Szenenbildner Robert Boyle nach, der das legendäre Vandamm-Haus in Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" entworfen hat. Auf der Medienseite erklärt Alard von Kittlitz, warum der Facebook-Gründer Marc Zuckerberg richtig lag, als er frohgemut das Verschwinden der Privatsphäre annoncierte.

Besprochen werden die Nordlandreise-Ausstellung im Kieler Stadt- und Schiffahrtsmuseum, die Ausstellung "British Comic Art" im Tate Britain, eine Ausstellung mit Arbeiten des Malers Alexander Olbricht im Schiller-Museum Weimar und Bücher, darunter "Engel des letzten Tages" von Michael Viewegh (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).