Heute in den Feuilletons

Il senso del silenzio

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.07.2010. In der FR trauert der Palästina-Aktivist Amanullah Jiffarey Kariapper um die 42 Toten bei einem islamistischen Anschlag auf einen Sufi-Schrein in Pakistan. Schuld sind nach seinen Erkenntnissen die Amerikaner, Inder und "israelische Denkfabriken". Die FR hat auch herausgefunden, warum Israel Angst vorm Frieden hat. "Selten war Theater so irritierend, phantastisch, subversiv und schön", jubelt die NZZ über Christoph Marthalers Spektakel "Papperlapapp" in Avignon, das aber keineswegs alle Kritiker überzeugte. In den italienischen Medien wird gestreikt. Repubblicca erklärt, warum. Die SZ fragt: Greift die Kirche nach der Kontrolle über das kulturelle Leben in Russland?

Weitere Medien, 09.07.2010

(Via Hemartin) Chris Rovzar schildert im New York Magazine die Folgen der jüngst eingeführten Paywall für die britische Times - die schon einsetzten, bevor die Paywall überhaupt hochgezogen wurde: "A month before the thetimes.co.uk website went behind its pay wall, it began asking readers to register (for free) before observing any content. According to the website Hitwise, this alone was a huge blow to traffic. Its percentage of the market share of web traffic (alongside other major news outlets) was reduced by half in less than a month, to 2.67 percent from 4.37 percent."

Die italienischen Medien protestieren gegen Berlusconis restriktive Mediengesetze, die es erschweren sollen, Machenschaften der Politik aufzuklären. Repubblicca erklärt im Editorial "Il senso del silenzio": "Heute werden keine Zeitungen herauskommen, die Fernseh- und Radionachrichten schweigen, die Internetportale schließen, um gegen die 'legge bavaglio' einen Streik zu setzen... Es handelt sich nicht um einen Streik aus korporatistischen Interessen, sondern im Dienste der Bürger, denen das Gesetz das Recht auf freie Information nimmt."

Die Zeitschrift Novo Argumente übernimmt das Londoner Manifest für Innovation von Big Potatoes. Groß ist gut, lautet eine Devise, Innovation ist harte Arbeit, eine andere: "Unternehmen mögen sich in räumlicher Nähe zu- einander ansiedeln, aber selbst in Silicon Valley, wo es einst leidenschaftlichen wissenschaftlichen Austausch gab, wechselt heute am Tresen kaum noch ernst zu nehmendes geistiges Eigentum den Besitzer. Geistiges Eigentum wird akribisch geschützt, weil es so hart erarbeitet werden muss. In den Wissenschaften werden viele Erkenntnisse frei untereinander ausgetauscht. Aber in der Geschäftswelt wird beim geistigen Eigentum mehr auf das Eigentum geachtet als auf die geistige Komponente. Die Arbeit von Patentanwälten erlangt zuweilen höheren Stellenwert als die der Innovatoren, obwohl diese wahrscheinlich härter arbeiten müssen."

TAZ, 09.07.2010

Jäger, Fußballer oder Soldaten sind alle Kulturtechniker, denn sie haben magische Momente. Diese These stellt die jüngste Ausgabe der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung auf. Philipp Goll schreibt in seiner Besprechung, die Untersuchung der Körpertechniken gehe auf französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss zurück. "Mauss berichte etwa über einen australischen Jäger, der mit einem magischen Stein im Mund und eine Formel singend ein Opossum in einem Baum fängt - für einen Menschen eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, da er dem Tier körperlich unterlegen ist. Mauss interessiert sich bei diesem Beispiel für das 'psychologische Momentum', die Suggestion, die es dem Jäger ermöglicht, zu größeren Kräften zu gelangen."

Weitere Artikel: Julian Weber berichtet vom Jazzfestival Kopenhagen, das mit über 1.000 Konzerten die Stadt aufmischt. In tazzwei porträtiert Georg Blume den ehemaligen Tollywood-Star Shatabdi Roy: die "indische Kate Winslet" kämpft inzwischen im indischen Parlament für ihren bettelarmen Wahlkreis und gegen Korruption in der Politik.

Besprochen wird das Album "American Slang" der US-Punkband The Gaslight Anthem.

Und Tom.

FR, 09.07.2010

Arno Widmann bespricht des Buch des israelischen Historikers Moshe Zimmermann "Die Angst vor dem Frieden", dessen Kritik an Israels Politik ihm aber nicht weit genug geht: "Könnte es nicht sein, dass die Angst vor dem Frieden auch daher rührt, dass die Israelis nur zu genau wissen, dass die Gründung des Staates Israel Unrecht war?"

Vor fünf Wochen starben mindestens 80 Anhänger der muslimischen Ahmediya-Gruppe bei Terroranschlägen auf zwei Moscheen in Lahore. Vorige Woche starben über 40 Menschen bei einem Anschlag von Islamisten auf den Sufi-Schrein in Lahore. Ahmediyas und Sufis gelten den Islamisten als nicht-muslimisch, weil sie nicht radikal genug seien. Der pakistanische Aktivist und Mitbegründer der Initiative "Pakistanis for Palestine", Amanullah Jiffarey Kariapper, sieht die Schuld für die Toten aber vor allem beim Krieg gegen den Terror und dem Drogenhandel: "Am Drogenhandel haben auch ausländische Mächte ein Interesse: Das US-Militär und die Finanzmarkt-Haie, die von den Konflikten der so genannten AfPak-Region profitieren. Dazu gehören auch die Falken unter den indischen Sicherheitskräften, israelische Denkfabriken und Verbände wie die US-amerikanische pro-israelische Lobby AIPAC, die Banker der Vereinigten Arabischen Emirate und die saudischen Herrscher aus dem Hedschas."

Weiteres: In Times mager freut sich Judith von Sternburg über die Rettungs des kleinen Dedalus-Verlag, dem die Briten zum Beispiel die Übersetzung von Grimmelshausens "Simplicissimus zu verdanken haben. Harry Nutt berichtet, dass die Mitglieder der Vertriebenen-Stiftung nun vom Bundestag berufen wurden. Besprochen werden eine neues Album von Devo ("Something For Everybody") und ein Konzert des Pianisten Lars Vogt beim Rheingau Musik Festival ind der Roman "Harold" von Einzlkind (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite stellt Marin Majica eine Studie zur Online-Nutzung in Deutschland vor (online bei der Berliner Zeitung): "Immerhin 19 Millionen Deutsche sind nicht im Internet und haben auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Und der sogenannte digitale Graben, der sich durch die Bevölkerung zieht, vertieft sich zum Teil sogar noch. 'Viele Deutsche haben Angst vor der Nutzung des Internets', sagt Robert Wieland, Geschäftsführer von TNS Infratest, bei der Vorstellung der Studie."
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NZZ, 09.07.2010

"Selten war Theater so irritierend, phantastisch, subversiv und schön", jubelt Barbara Villiger Heilig über Christoph Marthalers "Papperlapapp" im Papstpalast von Avignon: "Marthalers zugleich konkretes und abstraktes, physisches und metaphysisches Welttheater erreicht hier eine neue Dimension. Es zwingt das Publikum, Seh- und Hörgewohnheiten aufzugeben und sich komplett dem Hier und Jetzt zu überlassen: Der Mystik des Papstpalasts, der blauen Nacht, der lauen Luft."

Sieglinde Geisel erzählt nach ihrem Rundgang über die Kreuzberg-Biennale eine hübsche Episode: "Tjorg Douglas Beer schwärmt von der offenen Atmosphäre im Bezirk. Der Inhaber der Dönerbude neben der 'Forgotten Bar' sei der beste Nachbar, den man sich wünschen könne. Bei ihm ist nicht nur der Schlüssel hinterlegt, er frage manchmal auch im Scherz, wann er endlich dran sei bei den Ausstellungen. 'Döner ist auch Kunst!' Als er für die Kreuzberg-Biennale als Gastgeber angefragt wurde, hieß es, er könne in seinem Lokal keine Bilder aufhängen, auf denen Menschen oder Tiere dargestellt würden. Er bekomme sonst Schwierigkeiten mit der Kundschaft. 'Das ist Theologie, verstehst du?'"

Weiteres: Eva Claussen berichtet von Neuerungen auf dem Petrus-Pilger-Weg und der weiterhin verstoßenen heiligen Thekla. Georg Renöckl meldet vorischtige Raucher-Einschränkungen in Wiener Cafehäusern. Besprochen werden Stevie Wonders Konzert beim Festival "Moon and Stars" in Locarno sowie das Jazzfestival "Vision" in New York.

Welt, 09.07.2010

Dank Vermittlung der Kirche und der spanischen Regierung will Kuba 52 Dissidenten, die seit 2003 einsitzen, freilassen, berichtet Sandra Weiss im politischen Teil,. Hildegard Strausberg ist im Kommentar gar nicht zufrieden mit diesem Erfolg der "spanischen Appeasement-Politik": "Alle 52 Dissidenten reisen nach Spanien aus, das war Teil des Deals. Damit haben sich die Castros unbequeme politische Gegner durch Ausweisung vom Halse geschafft."

Im Feuilleton bespricht Johannes Wetzel Christoph Marthalers Spektakel "Papperlapapp" in Avignon. Marko Martin schildert in der Glosse israelische Diskussionen über die Möglichkeiten eines Friedens, die den Diskursen der westlichen Hamas-Unterstützern schon durch Realismus überlegen sind. Dankwart Guratzsch fragt besorgt: "Was bleibt nach den Sparbeschlüssen der Bundesregierung für die historische Bausubstanz?" Manuel Brug schreibt zum Tod des Sängers Cesare Siepi. Und Stefan Koldehoff besucht die neu gehängte Sammlung des K20 in Düsseldorf.

SZ, 09.07.2010

Am Montag wird das Urteil gesprochen im Moskauer Prozess gegen die Kuratoren Andrej Jerofejew und Jurij Samodurow, die mit ihrer Ausstellung "Verbotene Kunst" nach dem Willen einer rechten Gruppe mit Namen "Volksversammlung" und auch der Staatsanwaltschaft lange Jahre ins Straflager sollen. Sonja Zekri erklärt, dass es hier in erster Linie aber um die Rolle der Kirche geht: "Äußert sich mit der 'Volksversammlung' ein 'marginales Splittergrüppchen', wie Jerofejew unlängst auf einer Pressekonferenz vermutete, eine Ansammlung radikaler, aber für die Stimmung im Lande unerheblicher Außenseiter? Oder ist das Verfahren eben jener 'Augenblick der Wahrheit' (Samodurow), der die Feindschaft der orthodoxen Kirche zur modernen Kunst entlarvt? Greift die Kirche nach der Kontrolle über das kulturelle Leben in Russland? Und falls dies so ist - warum fällt ihr niemand in den Arm?"

Weitere Artikel: Olaf Przybilla schildert die Diskussionen um Nürnbergs Wunsch, Weltkulturerbe zu werden - nicht zuletzt mit Verweis auf den Gerichtssaal, in dem die Nürnberger Prozesse stattfanden. Hohe Wohnzufriedenheit belegen Studien bei jenen, die in Wiener Wohnungen des Architekten Harry Glück leben - Grund genug, findet Reinhard Seiss, über den gerne geschmähten Glück noch einmal nachzudenken. Den südafrikanischen Jazztrompeter Hugh Masekela porträtiert Jonathan Fischer. Alex Rühle verabschiedet Max Keller, den Beleuchtungsmeister der Münchner Kammerspiele, der nach 32 Jahren in den Ruhestand geht.

Besprochen werden Christoph Marthalers Avignon-Eröffnung "Papperlapapp" (eine, wie Eva-Elisabeth Fischer und das rapide schwindende Publikum fanden, eher klägliche Angelegenheit), ein Mahler-Liederabend mit dem Bariton Christian Gerhader in München und Bücher, darunter Michael Stausbergs Studie "Religion im modernen Tourismus" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 09.07.2010

Auf Ibiza trieb Paul Ingendaay ethnologische Forschung zum deutsch-spanischen Verhältnis unter sehr erschwerten Bedingungen: "Dann fällt das Tor für Spanien, und obwohl es mir mitten ins Herz sticht, reiße ich die Augen auf und versuche, über den ohrenbetäubenden Jubel hinweg zu erkennen, wer sitzen bleibt, nicht schreit und nicht mitklatscht: die Irokesenfrau und ihre Freunde. Die Helle und die Dunkle, die Weißwein trinken. Dazu ein Paar, das nach Lehrern aussieht. Es bleibt noch Zeit. Wir haben Knut, Lena, Angela Merkel und einen weissagenden Tintenfisch! Warum sollen wir dieses Spiel nicht noch umbiegen können?"

Weitere Artikel: Sehr entschieden kritisiert Constanze Kurz in ihrer Informatik-Kolumne das "Elena" abgekürzte große Arbeitsdatensammelprojekt mit dem Langnamen "Elektronischer Entgeltnachweis": Es spart kein Geld, es ist datenschutzrechlich höchst bedenklich - aber immerhin bestehe, so Kurz, jetzt Hoffnung, dass auch die Politik zur freilich späten - und darum auch teuren - Einsicht gelangt, dass mit "Elena" nichts zu gewinnen ist. Andreas Kilb begrüßt die stadtschlossantizipierende Humboldt-Box als erfolgversprechendes "Provisorium". Von wegen Klimagate: Der 160seitige Abschlussbericht einer Untersuchungskommission spricht, wie Joachim Müller-Jung berichtet, die inkriminierten Klimaforscher aus England von jedem Manipulationsverdacht frei, beklagt allerdings einen Mangel an Transparenz.

Letzte Nachrichten vom Moskauer Skandalprozess gegen die Kuratoren Jerofejew und Samodurow liefert Kerstin Holm, bevor am Montag das Urteil gesprochen wird. Vom leider von der Einstellung be drohten Jazz-Baltica-Festivals im schleswig-holsteinischen Salzau berichtet Ulrich Olshausen. Sehr freut sich Julia Voss, dass der Videokünstler Douglas Gordon demnächst Professor an der Frankfurter Städelschule wird und mehr noch staunt sie, dass es bei weitem nicht die einzige Erfolgsnachricht für die Frankfurter Kunstszene ist.

Besprochen werden Christoph Marthalers Avignon-Festivaleröffnung "Papperlapapp" (auf der Bühne "knackten die Übergänge", so Joseph Hanimann, und auf der Tribüne krachten die vorzeitigen Abgänge), die Ausstellung "Stadtgrün" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, Nicole Holofceners neuer Film "Please Give" (mehr) und Bücher, darunter der von Dorothea Melis herausgegebene Bildband "Sibylle - Modefotografien 1962-1994" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).