Heute in den Feuilletons

Sechs Tage soll er schuften

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.07.2010. Die SZ ist sauer über die offenbar beschlossene Absetzung Kent Naganos als Münchner Staatsopern-Generalmusikdirektor. In der taz macht sich Micha Brumlik Gedanken über das deutsch-israelische Verhältnis. In der Welt konstatiert Richard Herzinger, dass der Westen von Israel abrückt. Die NZZ macht uns Hoffnung: Noch 500 Jahre, dann ist auch der Islam zivilisiert. In der FAZ entdeckt Peter Demetz den Schriftsteller H.G. Adler wieder. In der FR betet der argentinische Autor Ariel Magnus zum Gott Gottes.

NZZ, 02.07.2010

Urs Schoettli hofft darauf, dass Religionen im Laufe ihrer Entwicklung altersmilder werden. Noch im Jahre 1553 habe Johannes Calvin einen spanischen Humanisten wegen Ketzerei hinrichten lassen. Also bitte mehr Nachsicht mit dem Islam: "Seiner eigenen Zeitrechnung gemäß befindet sich der Islam heuer im Jahre 1431, also im frühen fünfzehnten Jahrhundert. Es wäre vielleicht sinnvoll, sich einmal darauf zu besinnen, in welcher Verfassung sich das Christentum mit Bezug auf Häretiker und Andersgläubige zum selben Zeitpunkt seiner innerweltlichen Entwicklung befand. Das Äquivalent von Salman Rushdies 'Satanischen Versen' wäre um jene Zeit auch in Zürich und Rom Anlass zur Kapitalstrafe gewesen."

Außerdem: Von akutem Männerüberschuss in China berichtet die Publizistin Wei Zhang. Die Gründe sieht sie in der rigorosen Einkindpolitik und der ungleichen Wertschätzung der Geschlechter - Mädchen gelten noch immer als "verschüttetes Wasser". Jürgen Tietz sorgt sich um das in Sachsen neu diskutierte Denkmalschutzgesetz.

Besprochen werden die Ausstellung "Roboterträume" im Basler Museum Jean Tinguely, didaktische Musikfilme auf DVD, darunter "Toscanini: In His Own Words", und Aufnahmen des Bratschisten Nils Mönkemeyer, darunter seine Schumann-Interpretationen "In dunkeln Träumen".

TAZ, 02.07.2010

Auf der Meinungsseite erklärt Micha Brumlik, weshalb Deutschland gegenüber Israel in einem Dilemma steckt, denn kein anderer befreundeter Staat verletze so andauernd Völker- und Menschenrecht. "Man kann es drehen und wenden, wie man will: Aufgrund des Holocaust wird Israel im deutschen Bewusstsein immer einen anderen Platz einnehmen als Kirgisien oder der Kongo. Und: Wer nicht versteht, dass wir, wenn wir über Israel diskutieren, weniger einen Beitrag zur Lösung des Nahostproblems liefern als einen Beitrag zu unserem Verhältnis zur NS-Vergangenheit, sollte sich an der Debatte besser nicht mehr beteiligen."

In der Kultur: Warum ein neuer Film über den Rocktoten Jim Morrison und seine Band The Doors jetzt erscheinen muss, erklärt Klaus Walter so: "Rockmusik und Rockmännlichkeit sind seit Langem in der Krise, kein Ende absehbar. Da hilft nur der Blick in die Vergangenheit, und der ist meistens verklärend. Als Objekt des verklärten Blicks bietet sich Jim Morrison gut an, weil er für eine Vorstellung von Freiheit und Revolte steht, die ebenso großmäulig wie vage daherkommt." Kirsten Riesselmann lobt in ihrer Besprechung die fragliche Dokumentation "When Youre Strange" von Tom DiCillo dagegen als "erstaunlich wenig gestrig".

Besprochen werden außerdem die Filmkomödie "Jungs bleiben Jungs" von Riad Sattouf und neue Alben der Singer-Songwriterin Anais Mitchell, der englischen Rockband The Wave Pictures und der Country-Sängerin Jane Baxter Miller."

Und Tom.

FR, 02.07.2010

Ja, schon klar, die verrückte Anbetung eines Fußballgotts spricht eher gegen die Argentinier als für Diego Maradona, genannt Barbudo, der Bartträger, der Göttliche. Das weiß der argentinische Autor Ariel Magnus, egal ist es ihm trotzdem: "Das Wunder, dass unser D10s (Dios/Gott plus 10) einen Messias namens Lionel Messi bekommen hat, kann seine Heiligsprechung nur beschleunigen. Der Bart der Nation hat sieben Tage Zeit, um sich wieder zu erfinden, und zwar als Gott Gottes. Auch wenn man glaubt, Diego sei nicht der fleißigste Arbeiter, so beten wir, er möge in dieser Woche eine Ausnahme machen: Sechs Tage soll er schuften und am siebten nicht ausruhen."

Weiteres: Blamabel für Angela Merkel findet Arno Widmann die Präsidentenwahl. Aber auch die Opposition sah nicht gut aus. "SPD und Grüne haben mit der Kandidatur von Joachim Gauck gezeigt, dass sie sich darauf verstehen, der Regierungskoalition dann das Leben schwer zu machen, wenn es nicht darauf ankommt." Peter Michalzik und Nicolai Sykosch hoffen, dass zu Kleists zweihundertstem Todestag auch etwas an seinem Grab getan wird, das bisher eine recht klägliche Existenz zwischen borussischen Rudervereinen am Kleinen Wannsee fristet. In Times mager gewöhnt sich Hans-Hermann Kotte an Frankfurts rumpelnde U-Bahn.

Besprochen werden Carl Heinrich Grauns "Montezuma"-Oper in Mülheim, Installationen von Mike Bouchet und Peter Kogler in der Frankfurter Schirn und Horst Peiskers Balladen "Dillingers Blues" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

Freitag, 02.07.2010

Der Freitag übernimmt Sean O'Hagans Porträt über Slavoj Zizek als "schelmischem Provokateur mit Sinn für das Absurde" aus dem Observer (hier das Original des Artikels mit Video). Die Kulturseiten heißen diese Woche Naturseiten. Georg Seeßlen schreibt in einem Essay über die "drei Kränkungen der Natur", die sich aber alle drei auf den Kapitalismus zurückführen lassen. Matthias Dell porträtiert den bei Halberstadt lebenden Künstler Olaf Wegewitz, der mit Mitteln der Pflanzen- und Gartenkunst an Wunden der Geschichte erinnert. Und Ursula Fricker liest den ersten Band von Jean-Henri Fabres Erinnerungen.

Welt, 02.07.2010

Der Westen rückt zusehends von Israel ab, beobachtet Richard Herzinger im Forums-Essay, unter anderem um seinen lieben Frieden mit muslimischen Diktaturen zu machen. Einer der Hebel für die intellektuelle Distanzierung ist für Herzinger eine Ideologie des Antikolonialismus, die die Sklaverei und die Vertreibung der Palästinenser dem Holocaust gleichsetzen will: "Die vermeintliche 'Bevorzugung' der Erinnerung an den Holocaust als eines beispiellosen Zivilisationsbruchs wird von dieser Ideologie als westliche Aggression gegen die Interessen der unterdrückten Völker gewertet - und Israel gilt dabei als Staat gewordener Ausdruck dieser Aggression. Diesem neuen Antisemitismus, der sich aus dem Ressentiment gegen die vermeintliche jüdische Anmaßung einer privilegierten Opferrolle speist, droht die westliche Öffentlichkeit zunehmend nachzugeben - nicht zuletzt, weil er auch unter den wachsenden muslimischen Bevölkerungsteilen in den westlichen Gesellschaften selbst weit verbreitet ist."

Weitere Artikel: Max Dax porträtiert die junge Popsängerin Uffie, die er als europäische Antwort auf Lady Gaga beschreibt. Johannes Fuhr erzählt die Geschichte der frühesten jüdischen Sammlung eines Museums, die von August dem Starken in Dresden gegründet wurde - einem Holzmodell des Tempels von Jerusalem, das heute in Hamburg steht, ist eine kleine Ausstellung in Dresden gewidmet. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit dem Schauspieler Benno Fürmann, der zur Zeit als gestiefelter Kater in der deutschen Version von "Shrek" zu hören ist. Sven Felix Kellerhoff meldet, dass in Fürth heute Hitler-Memorabilia versteigert werden.

SZ, 02.07.2010

Reinhard J. Brembeck kritisiert die offenbar so gut wie sichere Nichtverlängerung des Vertrags mit Kent Nagano als Münchner Staatsopern-Generalmusikdirektor scharf. Im nebenstehenden Interview behauptet der Bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch, eine Entscheidung sei noch gar nicht gefallen. Das dürfte, so Brembeck, aber gelogen sein - so schreibt er schon mal einen begeisterten Nachruf auf Nagano: "Heubisch kann Nagano in künstlerischer Hinsicht wenig vorwerfen. Der Dirigent hat sich in vier Jahren in die Herzen des Publikums dirigiert, er hat mit seinem Musizieren eine bisher ungeahnte Leichtigkeit in das Haus gebracht, eine bis dato ungekannte Partnerschaftlichkeit, eine glamourfreie und streng auf Inhalte gerichtete Seriosität." (Die Onlinefassung des Textes ist nicht ganz identisch mit der im Print.)

Weitere Artikel: Gustav Seibt porträtiert nicht völlig ambivalenzfrei den Bürger-Nichtpräsidenten Joachim Gauck als Kandidaten eines grünkonservativ-liberalen Milieus. In derselben Angelegenheit vermisst Jens Bisky bei der Regierung "geschichtspolitisches Geschick". Als "liberalkatholischen" Pragmatiker stellt Matthias Drobinski den doch eigentlich eher evangelikalennahen Nun-doch-Präsidenten Christian Wulff vor. Auf dem Münchner Filmfest erlebt Fritz Göttler einen starken Auftritt des südkoreanischen Kinos. Karl Lippegaus gratuliert dem Jazzpianisten Ahmad Jamal zum Achtzigsten. Auf der Literaturseite unterhält sich Klaus Dermutz mit dem ungarischen Schriftsteller Laszlo Krasznohorkai über dessen neues Buch "Seiobo auf Erden". Für die Medienseite hat Camilo Jimenez beim Münchner Filmfest Sebastian Marroquin getroffen, über dessen Bemühen um Aussöhnung mit den Opfern seines Vaters, des Drogenbarons Pablo Escobar, dort ein Dokumentarfilm zu sehen ist. Eher lächerlich findet Dirk von Gehlen, was beim Versuch von Welt kompakt herauskam, für einen Tag den Bloggern die Herrschaft über die Zeitung zu überlassen.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Bellinis "Norma" mit Cecilia Bartoli in Dortmund, die Ausstellung "Teotihuacan - Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt" im Berliner Martin-Gropius-Bau und Bücher, darunter die Neuauflage von H.G. Adlers "Jahrhundertwerk" "Panorama" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 02.07.2010

Zum Hundertsten, den der Schriftsteller H.G. Adler heute gefeiert hätte, wird sein Roman "Panorama" wieder aufgelegt. Adler, der Auschwitz und Buchenwald überlebte, hatte es 1948 geschrieben. Peter Demetz staunt über die Qualität des Buches und sieht es "auf der Höhe der Weltliteratur": "Es dauerte dann zwanzig Jahre, ehe ein Verlag den Mut hatte, den Roman zu publizieren, und die deutsche Leserschaft hatte ihre Gründe, Adler damals eher als Historiker und Soziologen zu sehen, der eben die erste wissenschaftliche Untersuchung über Theresienstadt (1955) und ein Buch über die Juden in der deutschen Geschichte (1960) veröffentlicht hatte, und nicht als Schriftsteller, der die weithin sichtbaren Autoren der Gruppe 47 in die Schranken zu fordern vermochte."

Weitere Artikel: Wie Karen Krüger meldet, ist der türkische Schriftsteller Mehmet Güler erstinstanzlich zu einer siebenmonatigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er in einem Roman über die Siebziger Jahre die PKK zu positiv darstelle und damit "Propaganda" verbreite. Knapp referiert Joseph Croitoru eine Studie, die das deutsche Netz nach islamfreundlichen und islamkritischen Websites abgesucht hat und die zum Ergebnis kommt, dass die muslimische Seite dabei einen eher versprengten Eindruck macht. Hannes Hintermeier porträtiert den Thrillerautor Lee Child, dessen jüngster Roman "61 Hours" (in Deutschland noch nicht erschienen) nicht nur sein bester sei, sondern mit dem zuletzt unklaren Verbleib seines Helden Jack Reacher die Spannung für den bereits wenige Monate später erscheinenden nächsten Roman der Reihe besonders hoch treibt. In seiner Kunst-Kolumne sieht Eduard Beaucamp in der aktuellen Krisensituation der Museen die richtige Zeit für "Gewissenserforschung" und Rückbesinnung auf "Kennerschaft".

Patrick Bahners erinnert an die letzten Tage Margaret Thatchers und sieht, wie es scheint, einige Parallelen zum Zustand der Regierung unter Angela Merkel. In der Glosse denkt Edo Reents, nachdem er ihn in der Bundesversammlung sah, über den einstigen Möchtegern-Suhrkamp-Käufer Claus Grossner nach. Arnold Bartetzky freut sich über die Wiedereröffnung des runderneuerten Ägyptischen Museums der Universität Leipzig. Der argentinische Schriftsteller Eduardo Sacheri weiß, warum Argentinien morgen eigentlich sicher gewinnen müsste - hat dann aber doch Zweifel, ob es wirklich so kommt. Jürgen Kaube erwägt unterdessen, welche Bedeutung wohl Ballbesitz-Statistiken haben. Auf der Medienseite werden deutsche Fernsehfußballkommentatoren durchgehechelt.

Besprochen werden die Ausstellung "Picasso, Frieden und Freiheit" in der Tate Liverpool, Tom DiCillos Band-Doku "The Doors - When You're Strange" (mehr) und zwei Sachbücher in Kurzrezensionen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).