Heute in den Feuilletons

Gleichsam antiker Edelboulevard

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2010. Spiegel Online gratuliert den öffentlich-rechtlichen Anstalten: Wenigstens eine Institution, die in schwierigen Zeiten eine Bestandsgarantie erhält. In der taz spricht der Warschauer Kurator Pawel Leszkowicz über Homosexualität in Polen. Israel ist ein normaler Staat, meint Tony Judt in der New York Times, und darum soll Amerika die Nabelschnur durchschneiden. Die SZ macht bereits Vorschläge für David Grossmans Friedenspreisrede: Er soll in der Paulskirche fordern, dass die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren dürfen. Luc Bondys Wiener Inszenierung der "Helena" des Euripides stößt auf die Begeisterung der Kritik.

TAZ, 11.06.2010

Auf den Tagesthemenseiten spricht Pawel Leszkowicz, Kurator der großen Ausstellung "Ars Homo Erotica" im Warschauer Nationalmuseum, über den Umgang Polens mit Homosexualität, den homoerotischen Klassizismus der Antike und Schmähbriefe gegen ihn. Aber: "In Polen hat sich viel geändert seit 2000. Als sich damals 30 schwule und lesbische Paare Händchen haltend fotografieren ließen, darunter auch mein Partner und ich, schwappte eine Welle des Hasses über uns hinweg. Wir hatten damals Angst. Die Gleichheitsparaden wurden mit Steinen beworfen. In Krakau wurden die Teilnehmer sogar mit Säure übergossen. Doch jetzt - zehn Jahre später - ist die Situation eine andere. Ich will mit der Ausstellung nicht provozieren. Ich glaube auch nicht, dass die heutige Gesellschaft Polens sie als Provokation auffassen wird."

"Sehr überzeugend" finden Ines Kappert und Dirk Knipphals die Entscheidung, den israelischen Schriftsteller David Grossman mit dem diesjährigen Friedenspreis  auszuzeichnen: "Ambivalenz zu zeigen und auszuhalten, das ist die Kunst Grossmans. Und so zeichnet sein jüngster Roman beides nach, eine Reise in eine neue, alte Liebe und in die Kapitulation. Denn erst wer die Waffen streckt, ist offen dafür, ein neues Denken zu entwickeln."

Brigitte Werneburg möchte der 6. Berlin Biennale "den Respekt nicht versagen", obwohl diese über politisch korrekte künstlerische Haltung und Dokumentarismus selten hinauskomme. Tobias Nolte besuchte die Präsentation des Buchs "Besser für beide. Die Türkei gehört in die EU" von Ruprecht Polenz in Berlin. Besprochen wird die "Compilation Ayobaness - The Sound of South African House".

In tazzwei erzählt Wolf Schmidt die Geschichte des US-Deutschen Matthias Dietel, der um Kunstgegenstände seines Vaters kämpft, die sich die DDR vor 35 Jahren unter den Nagel riss.

Und Tom.

Welt, 11.06.2010

Tilman Krause begrüßt den Friedenspreis für David Grossman, der lehre, "dass man beides sein kann: Friedensaktivist und Patriot, Befürworter eines Ausgleichs eines Ausgleichs zwischen Israelis und Palästinensern - und zugleich Zionist".

Weitere Artikel: Berthold Seewald erzählt die verschlungene Geschichte des angeschlagenen BP-Konzerns. Harald Peters versucht sich in einer ersten Exegese des neuen Lady-Gaga-Videos "Alejandro".



Besprochen wird Luc Bondys Inszenierung der "Helena" von Euripides (übersetzt von Peter Handke), die Ulrich Weinzierl "teils näher bei Offenbach als bei Euripides" scheint, "eine beschwingte Salonkonversationskomödie, gleichsam antiker Edelboulevard".

NZZ, 11.06.2010

Der senegalesische Schriftsteller Boubacar Boris Diop blickt anlässlich der WM auf Südafrikas Sonderstellung innerhalb des Kontinents. Einerseits würde Südafrika zum Träger einer gesamtafrikanischen Vision, anderseits durchziehen die Spuren des Apartheidregimes nach wie vor die Gesellschaft: "Man trichterte den Schwarzen ein, es ginge ihnen hier allemal unendlich viel besser als ihren Brüdern, die unter geistesgestörten Tyrannen wie Idi Amin oder Bokassa ächzten. Abgeschnitten vom Rest der Welt, kannten sie nichts als dieses vermittelte Bild eines hungernden, analphabetischen und grausamen Afrika; man hatte ihnen, sozusagen, den europäischen Blick inokuliert. Diese Zerrbilder haben sich tief ins kollektive Bewusstsein der Menschen eingegraben und wirken bis heute fort: Nördlich des Limpopo beginnt für sie das sinistre Reich derjenigen, die nichts anderes im Schild führen, als dem schwarzen Südafrikaner das Brot vom Munde wegzunehmen."

Außerdem: Auch Joachim Güntner plädiert für Joachim Gauck: In einer Welt der "Chargen und Konformisten" wirke er aufrecht und authentisch, seine politischen Überzeugungen klängen nicht wie Slogans und sein Pathos nicht nach blindem Eifer. Leider wird er am Wahlsystem scheitern.

Besprochen werden die bisher umfassendste Werkschau des Fotokünstlers Thomas Struth im Kunsthaus Zürich Luc Bondys "sagenhafte" Helena-Inszenierung bei den Wiener Festwochen und Cds, darunter das Soul-Konzeptalbum "The Defamation Of Strickland Banks" des Rappers Plan B.
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Weitere Medien, 11.06.2010

Israel ist ein "normaler" Staat, meint Tony Judt in der New York Times und rät Amerika zur Desolidarisierung: "Along with the oil sheikdoms, Israel is now America's greatest strategic liability in the Middle East and Central Asia. Thanks to Israel, we are in serious danger of 'losing' Turkey: a Muslim democracy, offended at its treatment by the European Union, that is the pivotal actor in Near-Eastern and Central Asian affairs. Without Turkey, the United States will achieve few of its regional objectives - whether in Iran, Afghanistan or the Arab world. The time has come to cut through the cliches surrounding it, treat Israel like a 'normal' state and sever the umbilical cord."

Aus den Blogs, 11.06.2010

(Via Spielkamp) Im Nieman Lab findet eine interessante Debatte über Links im Journalismus statt. Jonathan Stray verteidigt die Verknüpfung von Inhalten und nicht lineare Formen der Erzählung: "I can't see any reason why readers shouldn't demand, and journalists shouldn't supply, links to all online resources used in writing a story. Government documents and corporate financial disclosures are increasingly online, but too rarely linked... Opinion and analysis pieces can also benefit from transparency. It's unfair - and suspect - to critique someone's position without linking to it."

Angesichts des ungeheuren Erfolgs von Facebook sagt Martin Weigert in Netzwertig ein "Verschwinden und eine Marginalisierung ehemals großer sozialer Netzwerke" in Deutschland voraus und präsentiert zur Illustration eine recht überzeugende Grafik:


Spiegel Online, 11.06.2010

Die neue, per Haushalt und nicht mehr per Nutzer errechnete Zwangsabgabe für die öffentlich-rechtlichen Anstalten kommt den Sendern als Antwort auf den Bevölkerungsrückgang in Deutschalnd sehr gelegen, schreibt Robin Meyer-Lucht in Spiegel Online: "Hatte die abgestufte Rundfunkgebühr noch eine dynamische Komponente, bei der sich eine Abkehr der Nutzer vom klassischen Fernsehen auch in geringere Gebühreneinnahmen übersetzt hätte, fehlt ein solcher Steuerungsmechanismus nun völlig. Mag sich das Mediensystem auch wandeln, die Anstaltsmilliarden bleiben."
Stichwörter: Rundfunkgebühren

FR, 11.06.2010

Peter Michalzik ist einfach hingerissen von Luc Bondys Inszenierung der "Helena" nach Euripides an der Wiener Burg, zumindest vom ersten Teil: "Überwältigend ist Birgit Minichmayr als Helena. In einer modernen, raffiniert geschnittenen, weißen Griechen-Toga, die bei jeder flüchtigen Bewegung mehr ent- als verhüllt, werden die Worte bei ihr so sehr Fleisch, dass man wirklich meint, reinbeißen zu können."

Weiteres: Harry Nutt würdigt David Grossmann, der in diesem Jahr den Friedenspreis erhält. Christian Thomas erinnert an den vor zweihundert Jahren gestorbenen Johann Gottfried Seume. Judith von Sternburg resümiert Navid Kermanis "gewiefte" Frankfurter Poetikvorlesungen. Christine Pries gratuliert dem Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch zum Siebzigsten. In Times mager teilt Christian Schlüter seine Erkenntnisse über beliebte Berufsgruppen und den "gemeinen Rumänen".

Große Aufregung auf der Medienseite über Günther Jauch, der in Zukunft die ARD-Oberen nicht nur mit Sendungen wie "Das unglaubliche Quiz der Tiere", sondern auch mit einer eigener Talkshow beglücken wird.

Besprochen werden das Album "Further" der Chemical Brothers, Marion Poschmanns Gedichte "Geistersehen" und Bettina Greiners Studie über die sowjetischen Speziallager "Verdrängter Terror", der Rudolf entnommen haben will, dass die meisten "Hungertote" waren (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 11.06.2010

In einem langen Gespräch unterhält sich Richard Kämmerlings mit den Schriftstellern David Wagner (mehr), Ulrich Peltzer (mehr) und Martin Kluger (mehr) über ihre Begeisterung für amerikanische Fernsehserien. Kluger erklärt: "Diese Leute wie der 'Mad Men'-Autor Matthew Weiner oder der 'The Wire'-Produzent David Simon mit seinen Drehbuchautoren wie Richard Price oder George Pelecanos, die auch selbst Romane schreiben, haben in Amerika das Kino überholt. Das ist nur vergleichbar mit dem New Hollywood der siebziger Jahre. Die Bezahlsender wie HBO, aber auch Fox mit '24' haben das ganz gezielt gemacht. Jede einzelne Episode 'Mad Men' interessiert mich ästhetisch, handwerklich und inhaltlich mehr als alle Mainstream-Filme."

Weitere Artikel: Sehr zufrieden ist Felicitas von Lovenberg mit der Entscheidung, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den israelischen Autor David Grossman zu verleihen. Hans-Christian Rössler schildert die freundlichen Reaktionen auf die Wahl Grossmans in Israel. Joseph Croitoru stellt die durchaus Hamas-nahe Gaza-Flotillen-Hintergrundorganisation "Stiftung für humanitäre Hilfe und Menschenrechte" (IHH) vor. Als "beispiellosen Akt der Selbstschädigung" betrachtet es Patrick Bahners in einem juristischen Gutachten, dass der Landtag in Nordrhein-Westfalen beim Zusammentreten nach der Wahl kein neues Präsidium wählte und erst einmal mit dem alten weitertagte. Noch ist die Berliner Schlossattrappe nicht verloren, macht sich Andreas Kilb Mut: Jetzt sei der Kulturausschuss des Bundestags am Zug. Klaus Englert besucht das neue Archäologische Museum in der baskischen Hauptstadt Vitoria. Auf der Medienseite kommentiert Michael Hanfeld überaus freundlich den Ankauf Günter Jauchs durch die ARD. Außerdem macht Hanfeld auf eine sozial erfreuliche Konsequenz der neuen Zwangsabgabe für die Mitarbeiter der bisherigen GEZ aufmerksam: Sie dürfen weiter kontrollieren, weil sie jetzt überprüfen müssen, was eigentlich ein Haushalt ist.

Besprochen werden Luc Bondys Inszenierung des von Peter Handke übersetzten Euripides-Dramas "Helena" bei den Wiener Festwochen, eine Norbert-Tadeusz-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne, Robert Glinskis Film "Ich, Tomek" und Bücher, darunter gleich drei neue Ausgaben - darunter eine Neuübersetzung - von Dantes "Göttlicher Komödie" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 11.06.2010

Lothar Müller lobt die Wahl David Grossmans zum Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels - und er erwartet ganz klar, "dass David Grossman in der Frankfurter Paulskirche wiederholen wird, was er seit Jahren in Zeitungsartikeln und Interviews immer wieder über die einzig mögliche friedliche Zukunft seine Landes gesagt hat: Dass sie nur im Rahmen einer Zweistaatenlösung möglich sein wird; dass Israel Land gegen Frieden tauschen und mehr als 100 000 Siedler wird umsiedeln müssen; dass Jerusalem, seine Geburtsstadt, geteilt werden wird und die palästinensischen Flüchtlinge nach Palästina werden zurückkehren können." (Letztes Jahr sagte Grossman in der taz allerdings: "Es wird kein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge geben, außer in humanitären Fällen der Familienzusammenführung, alles andere würde Israel zerbröckeln lassen.") Thorsten Schmitz stellt in einem kurzen Artikel fest, dass man Grossman in Israel nicht sonderlich schätzt.

Weitere Artikel: Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp erklärt, warum das Humboldt-Forum weiter vonnöten ist. Auf der mit einer Adolph-Menzel apart ergänzten Berlin Biennale (Website) der Gegenwartskunst sieht sich Kia Vahland um. Vom Berliner Poesiefestival berichtet Hans-Peter Kunisch. Volker Breidecker gratuliert dem Sexualforscher Volkmar Sigusch zum Siebzigsten.

Besprochen werden Luc Bondys Inszenierung von Euripides "Helena" bei den Wiener Festwochen, ein Konzert des Komponisten Jean Guillou in München, die Ausstellung "Gerettete Schätze - Afghanistan" in der Bonner Bundeskunsthalle, die "Bella Figura" übertitelte Ausstellung reich illustrierte italienischer Handschriften in der Bayerischen Staatsbibliothek, Lukas Moodyssons Film "Mammut" und Bücher, darunter Hans-Ulrich Gumbrechts Westküsten-Skizzen "California Graffiti" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).