Heute in den Feuilletons

Pino zieht an seiner Zigarette

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.04.2010. Die Welt möchte die Southpark-Folge mit Mohammed im Bärenkostüm (Abbildungsverbot eingehalten!) sehen. Aber sie wurde nach Einspruch religiös Empfindlicher (die das Schicksal Theo van Goghs beschworen) zensiert. Die NZZ berichtet über die Schweizer Dialektik der Dialekte. Die Welt besucht eine Stadtbücherei. FAZ und SZ denken über die katholische Kirche nach.

NZZ, 23.04.2010

Christophe Büchi berichtet vom neu entflammten Sprachenstreit in der Romandie, wo die französischsprachigen Westschweizer nicht Deutsch, sondern Schwiizertüütsch lernen sollen. Büchi referiert zwar die gegenseitige Anwürfe - "Die schweizerdeutschen Patois seien keine Sprachen, sondern eine Halskrankheit", hält selbst aber den Ball flach: "So wird der schweizerische Sprachenhaushalt auch künftig seinen gewohnten Gang gehen: Die Romands verstehen die Deutschschweizer nicht (oder selten, oder nicht gut), und die Deutschschweizer verstehen nicht, dass sie sie nicht verstehen. Das ist zwar dumm, aber man kann damit leben. Der Schweizer Sprachenfrieden beruhte ohnehin nie auf einer intensiven Kommunikation zwischen den Sprachgruppen, sondern auf dem Prinzip, dass jeder Kanton und jede Region nach eigener Fasson glücklich werden sollte. 'Les Suisses s'entendent parce qu'ils ne se comprennent pas.'"

Weiteres: Die Autorin Kristin Steinsdottir schildert die doppelt trübe Stimmung in Island, das sich erst selbst in die Pleite katapultiert hat und dann vom Vulkanausbruch heimgesucht wurde: "Dabei darf man nicht den Humor verlieren. Von Freunden habe ich eine E-Mail bekommen: Island, das Land ohne Armee, hat Europa in Asche gelegt!" Andrea Köhler berichtet vom Streit um den Neubau des New Yorker Whtiney Museums. Besprochen werden das Album "Cosmogramma" von Flying Lotus und Edouard Glissants Schrift "Das magnetische Land" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Stichwörter: Europa, Island, Kommunikation

Weitere Medien, 23.04.2010

Islamisten "warnen" die South-Park-Macher Matt Stone und Trey Parker, dass es ihnen wie einst Theo van Gogh ergehen könnte (mehr). Stein des Anstoßes: In der vergangene Woche ausgestrahlten 200. Jubiläumsfolge der Cartoonserie tritt neben Buddha und Jesus auch Mohammed auf - allerdings, da man ihn nicht zeigen darf, im Bärenkostüm verkleidet. Die Episode ist jetzt auch auf der deutschen Website der Serie freigeschaltet und legal in voller Länge zu sehen.
Hier ein Screenshot aus dem Video:



Wer heute bei Twitter auf den hier angegebenen, vielfach weitergeleiteten Link klicken will:



und dieses Bild (Mohammed im Bärenkostüm) sehen will:



erhält folgende Auskunft:



Indessen ist Mohammed im South-Park-Universum kein Unbekannter: In der Doppelfolge "Cartoon Krieg" (hier und hier) trat er bereits auf, noch gänzlich unzensiert war sein Auftritt in dieser (allerdings knapp vor dem 11. September entstandenen) Folge.

Zensiert wurde das Video bei dem Fernsehkanal Comedy Central in den USA. Dort wurde. Mohammed durch einen "Santa Claus" ersetzt, das Wort "Mohammed" wurde durch einen Piepton überblendet. Alex Leo fragte sich in Huffington Post, ob dies eine bewusst komische Reaktion der Southpark-Autoren auf die Drohung sei, brachte dann aber bald in einem Update sein Statement der Autoren Matt Stone and Trey Parker: "It wasn't some meta-joke on our part. Comedy Central added the bleeps. In fact, Kyle's customary final speech was about intimidation and fear. It didn't mention Muhammad at all but it got bleeped too. We'll be back next week with a whole new show about something completely different and we'll see what happens to it."

Welt, 23.04.2010

Die Welt startet eine Serie über den "Leser, das unbekannte Wesen", die Marc Reichwein mit einem Besuch in der Stadtbücherei von Konstanz eröffnet. "'Der Kunde von heute soll von einer öffentlichen Bibliothek all das zeitnah bekommen, was er gerade auch im Buchhandel sieht oder was sonst irgendwo im Gespräch ist'", erfährt er da von der wenig sentimentalen Chefin Marianne Brauckmann. "Deshalb hat Brauckmann seit ihrem Amtsantritt vor anderthalb Jahren 30 000 der rund 100 000 Titel des Bestandes 'gelöscht', wie es bibliotheksbürokratisch heißt."

Weitere Artikel: Harald Peters staunt über die Macher von "South Park", die vor ein paar Jahren wegen einer blutigen Maria mit der katholischen Kirche Ärger bekamen und nun einen Mohammed in einen Weihnachtsmann umschminken mussten, um nicht von Islamisten gekillt zu werden. Ansgar Graw erinnert an den amerikanischen Streit um die Sklaverei, der sich vor 150 Jahren gewaltig zuspitzte. Tilman Krause erinnert an Stendhals Braunschweig-Aufenthalt vor etwas mehr als 200 Jahren, wo sich der Schriftsteller bei einem Dienstmädchen ansteckte: "Syphilitisch infiziert in Braunschweig: das ist mal eine deutsche Hypothek, wie sie selbst bei weitgereisten Franzosen nicht allzu häufig vorkommen dürfte!" Es gibt bunte Bilder vom, Auftritt des Popadels bei der Beerdigung Malcolm McLAren.

Besprochen wird Friederike Hellers Fassung von  Brechts "Guter Mensch" an der Schaubühne Berlin.
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Tagesspiegel, 23.04.2010

Florian Keisinger zitiert auf der Meinungsseite aus dem Grundsatzprogramm der Linkspartei. Dort heißt es in einem historischen Bilderbogen: "Während die Bundesrepublik 1949 in 'autoritären und obrigkeitsstaatlichen Strukturen' verhaftet blieb, setzten sich die Ostdeutschen umgehend 'für den Aufbau einer besseren Gesellschaftsordnung und für ein friedliebendes, antifaschistisches Deutschland ein'."
Stichwörter: Deutschland, Linkspartei

FR, 23.04.2010

"Träume werden wahr", jubiliert Christian Schlüter über den Rücktritt des Bischof Mixa, der erst gegen die verlotterten Sitten der siebziger Jahre wetterte, dann die Ohrfeigen, die er verteilt hatte, mit dem Zeitgeist erklärte: "Mixa sieht sich, nimmt man beides zusammen, zwei Mal als Opfer der Umstände, einmal waren sie antiautoritär, dann wieder nur autoritär."

Besprochen werden eine Ausstellung der von Gerkan, Marg und Partner gebauten Fußballstadien in der Münchner Pinakothek der Moderne, das neue Album von The Fall "Your Future Our Clutter", das Plushmusic-Festival in Köln und Simon Winders Geschichtsbuch "German,y oh Germany" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Ohrfeige

Aus den Blogs, 23.04.2010

Im lawblog meldet Udo Vetter, dass Google im Rahmen seines Street View Projekts nicht nur Ortschaften fotografiert, sondern in seinen Fahrzeugen auch Geräte installiert hat, die alle an der Strecke befindlichen WLANs speichern. "Gegenüber heise online hat Google die Aktion eingeräumt. Es gehe um die WLAN-gestützte Ortung, die etwa bei Smartphones ohne GPS erfolge. Um was es da genau geht, kann ich technisch nicht nachvollziehen. Google betont aber, die Daten würden 'aggregiert und anonymisiert'. Laut Spiegel online ist die Ortung per WLAN seit Jahren gang und gäbe."

(Via BoingBoing) Oh, und falls Sie sich auch die ganze Zeit fragen, wie man den Namen des isländischen Vulkans Eyjafjalla ausspricht - hier eine charmante Vorführung mit Ukulelebegleitung!

TAZ, 23.04.2010

Emilia Smechowski porträtiert den Lokaljournalisten Pino Maniaci, der in einem selbst gegründeten Fernsehsender über die Cosa Nostra berichtet: "Auch kleine Flammen können ein Feuer zünden", sagt Pino. Er will und wird sich nie an diesen korrupten Staat gewöhnen, erzählt er weiter, man kann spüren, wie die Wut in ihm aufsteigt. Pino zieht an seiner Zigarette und reißt das Lenkrad herum. 'I mafiosi sono pezzi di merda!' - die Mafia, ein Stück Scheiße. Solche klaren Worte bleiben nicht folgenlos. Ein Auto vom Sender wurde bereits abgefackelt, der Sprössling eines Mafiabosses hat versucht, Pino zu erwürgen, Drohbriefe bekommt er täglich."

Arno Frank berichtet über Islamisten, die den Machern von "South Park" drohen: Sie hatten Mohamed im Bärenkostüm auftreten lassen. Julian Weber kommentiert dies: "Es kostete einige Mühen, das Viktorianische Zeitalter zu überwinden, als sogar Klavierbeine erotisch aufgeladen erschienen und bedeckt werden mussten. Unser Mittelalter 2.0, wo Gotteskrieger die Medienklaviatur bespielen, indem sie moderne Kommunikationstechnik mit archaischer Humorlosigkeit paaren, ist noch weit unangenehmer."

Weiteres: Im vierten Teil der Debatte über Popkritik meint Nadja Geer, diese gehöre wegen ihrer "schizophrenen Selbstwahrnehmung" auf die Couch. Und überhaupt: "Die Popkritik hat momentan keine Eier."

Besprochen wird das Album "Grey Oceans" von CocoRosie.

Und Tom.

FAZ, 23.04.2010

Angesichts der aktuellen Krise der katholischen Kirche sieht Christian Geyer die Zeit gekommen, sehr ernsthaft über die Abschaffung des Zölibats nachzudenken. Vernünftige Gründe, darauf zu beharren, sieht er nicht: "Was, wenn der enthaltsame Leib auf Gott verweisen möchte - und keiner guckt hin?"

Eine regelrechte Hymne schreibt Julia Spinola auf den Pianisten Grigorij Sokolov, der soeben beim Heidelberger Frühling auftrat: "Noch scheiden sich die Kritikergeister an diesem Pianisten: Ist er nun ein Ästhet oder ein Exzentriker, ein klug kalkulierender Feingeist oder ein Besessener, Poet oder Berserker?"

Weitere Artikel: Der Schriftsteller David Wagner hat den Stechlinsee in Brandenburg aufgesucht, um zu sehen, was es mit einem von Theodor Fontane im "Stechlin" erfundenen Vulkanfernmeldesystem auf sich hat. (Nichts, leider.) Wolfgang Gust berichtet, dass inzwischen durchaus auch türkische Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse zum türkischen Völkermord an den Armeniern beitragen. Dirk Schümer meldet, dass die gewaltige Mailänder Baumpflanzaktion, die Claudio Abbado zur Bedingung für seine Rückkehr an die Scala gemacht hat, aus Geldgründen ausfällt - von Abbado gibt es bislang aber keine Reaktion. Die Theater sollen nicht klagen, findet Gerhard Stadelmaier, dass ihnen die neuen Mobilfunklizenzen auf den von ihnen benutzten Mikroportfrequenzen dazwischenfunken - sie sollen einfach von den Mikroports lassen und die Schauspieler sich stattdessen in Sprechkultur üben. Auf der Medienseite führt Jochen Hieber ein Gespräch mit US-Schauspieler Kiefer Sutherland unter anderem über die zuende gehende Fernsehserie "24", ihre Zukunft im Kino und über seine Vorfreude auf den "Melancholia"-Dreh mit Lars von Trier.

Besprochen werden die Ernst-Ludwig-Kirchner-Retrospektive im Frankfurter Städel, eine Duisburger Ausstellung mit Fotografien von Bernd Langmack, Atom Egoyans neuer Film "Chloe" und Bücher, darunter Peter Nadas' frühe Erzählung "Die Bibel" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 23.04.2010

Als nicht weniger als eine Revolution erlebt Gustav Seibt die derzeitigen Vorgänge in der katholischen Kirche und insbesondere den Rücktritt von Bischof Mixa. Indem Individuen nämlich so sichtlich aus dem Schatten ihrer Institution träten, löse sich das Selbstverständnis dieser Institution fast unbemerkt auf: Es "ähnelt gewissen bizarren Vorgängen beim Untergang der kommunistischen Regime vor zwanzig Jahren, als ein Machthaber wie Erich Mielke auf einmal vor live mitfilmenden Kameras stammelnd versicherte: 'Ich liebe euch doch alle.' Auch hier verschwand der Funktionär hinter dem nun allerdings sichtlich desorientierten Individuum."

Weitere Artikel: Ira Mazzoni sieht uns angesichts der Großprojektverhinderungserfolge kommunaler Bürgerinitiativen auf dem besten Weg in die "Reparaturgesellschaft". Reinhard J. Brembeck ist ganz froh, dass in Bonn keine neue Konzerthalle gebaut wird - Pop, Events und Stararchitekten habe die klassische Musik nämlich gar nicht nötig. Die South-Park-Macher werden, wie Alex Rühle knapp berichtet, von Islamisten bedroht, weil sie Mohammed, dem Abbildverbot aufs Wort gehorchend, in ein Bärenkostüm steckten (mehr dazu bei Gawker). Aus London meldet Alexander Menden, dass das renommierte Warburg-Institut aufgrund eines Streits mit der es beherbergenden University of London im Kern - nämlich seinem einzigartigen Ordnungssystem - gefährdet ist.

Besprochen werden ein Münchner Konzert des Quatuor Ebene mit Musik von Bela Bartok, Inszenierungen von Sebastian Nübling (eine um ein neues Ende variierte Version von Alfred Jarrys "Pere Ubu") und David Bösch (die Jakob-Hein-Adaption "Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand") zum Ende der Essener Intendanz Anselm Webers, die Ernst-Ludwig-Kirchner-Ausstellung im Frankfurter Städel, eine Ausstellung im Architekturmuseum der TU München, die die Stadien des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner präsentiert, Philipp Scheffners Essayfilm "Der Tag des Spatzen" (mehr) und Rainer Böllings "Kleine Geschichte des Abiturs" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).