Heute in den Feuilletons

Geheimsache des Heiligen Offiziums

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.03.2010. Die FR übernimmt Christopher Hitchens' Slate-Artikel zur Verantwortung Benedikts XVI. an der Vertuschung der Sexualdelikte in seiner Kirche. Auch die FAZ kritisiert den Papst. Der Tagesspiegel besucht den Kölner Ground Zero um das versehentlich geschleifte Stadtarchiv und stößt auf das schiere Nichts. In der SZ erklärt der Philosoph Wolfram Eilenberger sein Misstrauen gegen den allseits kompatiblen Begriff der Nachhaltigkeit. Die Meldung vom Tod Wolfgang Wagners kam zu spät für die Zeitungen.

Tagesspiegel, 22.03.2010

Peter von Becker besucht den Kölner Ground Zero um das eingestürzte Stadtarchiv und stößt auf das schiere Nichts, keine Gedenktafel, null Information: "Es kommen Touristen aus der ganzen Welt hierher, und wir sehen sie an einem windigen Märztag orientierungslos herumirren wie wir selbst. Wo genau in dieser Wüste stand eigentlich das Archivgebäude, wo war das miteingestürzte Haus, wo starben die beiden Jungen? Im gläsernen Entree des angrenzenden, bis heute evakuierten Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums sitzen ein paar Männer vom Wachschutz; sie sind überrascht, als wir die Tür öffnen, Fragen stellen, und einer holt in einer Plastikhülle eine Fotografie des Unglücks hervor und erklärt einem die Topografie des Horrors. Ist er dazu von der Stadt beauftragt? 'Nee', lächelt er, 'die Stadt macht doch nix.'"
Stichwörter: Fotografie, Ground Zero

Welt, 22.03.2010

Elmar Krekeler traut der Erfolgsbilanz der Leipziger Buchmesse nicht: "Selten war der Gegensatz zwischen dem, was man in den sonnenüberstrahlten Hallen sah, und dem dunklen Grummeln aus dem verlegerischen Off größer als in diesem Jahr. Was man sah, hatte mehr als sonst Züge einer hübschen Angstblüte: Dass nämlich die Dinger, die man auf dieser Messe suchen musste wie eine Nadel im Heuhaufen, die elektronischen Bücher nämlich, den deutschen Buchmarkt vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber im nächsten Jahrzehnt revolutionieren werden, ist selbst Berufsbesitzstandswahrern längst klar."

Weiteres: Wieland Freund stellt den "Diversity Report" von Rüdiger Wischenbart und Miha Kovac vor, der den Literaturtransfer zwischen Ost und West untersucht und dabei herausgefunden hathat: "Nicht die Leser, sondern die Märkte erschweren den Literaturtransfer von Ost und West." (Siehe auch Rüdiger Wischenbarts Virtualienmarkt zum Thema) Sven Felix Kellerhoff besichtigt vorab das Militärhistorische Museum, das die Bundeswehr in einem gewaltigen, von Daniel Libeskind umgebauten Arsenalgebäude in Dresden plant: "Nicht als Rückblick auf 'schimmernde Wehr' oder die jeweils fortschrittlichste Technik ihrer Zeit, sondern konzentriert auf die Wirkung militärisch organisierter Gewalt gegen Menschen." Sophia Seiderer zeigt sich wenig überzeugt von Chinas Travestiestädten, die bei den Menschen unter anderem auch deshalb durchfallen, weil sie nicht wie traditionell üblich nach Süden gebaut sind. Sascha Lehnartz hat in Paris Emmanuelle Beart in Camus' "Die Gerechten" gesehen. Franziska Felber sorgt sich um das Weiterleben von Heftromanhelden.

Aus den Blogs, 22.03.2010

Die Freischreiber wenden sich gegen die von den Verlagen ersehnten Leistungsschutzrechte: "Für Freischreiber besteht kein Zweifel daran, dass es den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen weniger darum geht, die Grundlagen für Qualitätsjournalismus im Internet zu schaffen, als vielmehr darum, ihre eigene Position zu stärken. Dies aber kann nicht Sinn und Zweck eines Gesetzes sein. Es sind nicht die Verlage, die aus dem derzeitigen Strukturwandel gestärkt hervorgehen müssen, sondern der Journalismus. Welchen Beitrag das Leistungsschutzrecht dazu liefert, ist bisher unklar."
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NZZ, 22.03.2010

Ulrich M. Schmid widmet sich sehr kritisch den Briefwechseln, die Ex-Oligarch Michail Chodokowski in alter Intelligenzija-Tradition aus dem Gefängnis heraus mit den Schriftstellern Boris Strugazki, Boris Akunin (mehr über die Korrespondenz hier) und Ljudmila Ulitzkaja (mehr hier) führte. Schmid sieht Chodorkowski von einem "religiösen Sendungsbewusstsein beseelt" und erklärt dies so: "Chodorkowski möchte das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft auf eine neue Grundlage stellen: Ein geregeltes Zusammenleben kann sich erst einstellen, wenn die Russen den Staat nicht als etwas Fremdes, ihnen Gegenüberstehendes wahrnehmen, sondern als sinnvolle Organisationsform der Gesellschaft selbst. Möglicherweise verleitet gerade die Einsicht in das Utopische dieser Vision Chodorkowski zu einer Heilserzählung, in der er sich selbst zur Christusgestalt eines neuen Reichs stilisiert, das da kommen soll."

Knut Henkel unterhält sich mit dem kubanischen Schriftsteller Leonardo Padura, dessen neuestes Buch "Der Herr, der die Hunde liebte" über den Mord an Trotzki wieder Erwarten erscheinen konnte: "Früher wäre so ein Buch wohl kaum in Kuba erschienen, und ich bin sehr gespannt, wie es in Kuba aufgenommen wird. Generell gibt es jedoch in der kubanischen Presse wenig Platz für eine kritische Auseinandersetzung mit aktueller Literatur. Wir haben eine Presse, die auf die Interessen der Regierung, der Partei reagiert, die in erster Linie propagandistische Aufgaben erfüllt und weniger informative und analytische."

Weiteres: Joachim Güntner resümiert die Leipziger Buchmesse. Peter Hagmann hat beim Lucerne Festival Claudio Abbado und Gustavo Dudamel mit dem Simon-Bolivar-Jugendorchester gehört.

FR, 22.03.2010

"Das Ruhrgebiet ist auf dem Weg zum Kulturhauptslum", schreibt Stephan Keim, der die Situation mit vielen Zahlenbeispielen beschreibt. Und das Hauptproblem benennt: Statt ein neues Konzept zu erstellen, fordert die Politik gedankenfaule Totsparerei. "Nirgendwo gibt es so eine Theaterdichte wie im Ruhrgebiet. Das macht den geistigen Reichtum dieser Region aus, doch natürlich könnte man sich ein regionales Konzept vorstellen, das die Kräfte effektiver bündelt. Das fordern viele, aber es macht keiner. Weil sich niemand zuständig fühlt. Das Land verweist auf die kommunale Selbstverwaltung, die Städte kämpfen ums Überleben und kümmern sich um sich selbst. Also passiert nichts, die Angst lähmt, keiner will einen Fehler machen. Die Situation war seit vielen Jahren absehbar, nun verschärft sie sich immer mehr."

Für Christopher Hitchens gibt es überhaupt keinen Zweifel, dass Papst Benedikt XVI. mitverantwortlich ist für die zahllosen Missbrauchsvorfälle in der Katholischen Kirche. So ermahnte Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, im Mai 2001 die Bischöfe in einem vertraulichen Brief, die Vergewaltigungen nicht öffentlich zu machen. "Eine Untersuchung laufe 'unter strengster Geheimhaltung ... mit absoluter Verschwiegenheit ... und jeder ... ist zur Geheimhaltung verpflichtet ... denn es handelt sich um eine Geheimsache des Heiligen Offiziums ... deren Verrat mit Exkommunikation bestraft wird.' So weit ich weiß, ist bis jetzt niemand für die Vergewaltigung und Folter von Kindern exkommuniziert worden, aber bringt man eine solche Tat zur Anzeige, bekommt man gewaltigen Ärger. Und das ist die Kirche, die uns vor ethischem Relativismus warnt!" (Hier der Originalartikel bei Slate)

Weiteres: Judith von Sternburg lässt Szenen auf der Leipziger Buchmesse Revue passieren. Für Times Mager war Harry Nutt dabei, als Günter Grass im Berliner Ensemble über sich und die Geheimdienste sprach. Besprochen wird die Baseler Uraufführung von Beat Furrers "Wüstenbuch" in der Inszenierung von Christoph Marthaler.

TAZ, 22.03.2010

Dirk Knipphals, Doris Akrap und Andreas Fanizadeh schicken Short Cuts von der Buchmesse. Stefan Alberti berichtet über Günter Grass, der in Berlin seine Stasi-Akte vorstellte. Besprochen werden die Martin-Walde-Ausstellung im MARTa Herford und Olivier Kas Comic "Warum ich Pater Pierre getötet habe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
Stichwörter: Berlin, Günter Grass, Stasi

FAZ, 22.03.2010

In seinem Hirtenbrief zum Kindesmissbrauch hat Benedikt XVI. keine Silbe über den Zölibat verloren, sondern die zunehmende "Säkularisierung" der Geistlichkeit kritisiert. Christian Geyer fragt zurück: "Ist es nicht umgekehrt die Struktur der säkularen Öffentlichkeit, die zu einer Ächtung der Pädophilie geführt hat, bis auch die Kirche nicht anders konnte, als sich dem lange tabuisierten Thema zu stellen?"

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings lässt die Höhepunkte der zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse Revue passieren und stellt fest: "die Lage ist wesentlich besser als die Stimmung". Höchst befriedigt resümiert Oliver Jungen die lit.cologne als "das sympathischste Lesefest weit und breit". Dieter Bartetzko fürchtet in der Glosse, dass das Kolosseum in Rom mit Werbeplakaten verhängt und so zur "dicksten Litfasssäule der Welt" wird, um die überfällige Restaurierung des Bauwerks zu finanzieren. Außerdem war er auf der von allerlei Musikprominenz bespielten Feier zum achtzigsten Geburtstag des Konzertveranstalters Fritz Rau in Frankfurts Alter Oper. Jordan Mejias blättert in amerikanischen Zeitschriften. Gemeldet wird, dass Peter Stein seine Mammutinszenierung von Dostojewskis "Dämonen" im Juli in New York aufführen wird. Online liefert Wolfgang Sandner einen ersten Nachruf auf den langjährigen Leiter der Bayreuther Festspiele Wolfgang Wagner, der am Wochenende verstorben ist.

Gratulationen gehen in dieser Woche an die amerikanische Richterin Sandra Day O'Connor (80), den Schweizer Aktionskünstler Daniel Spoerri (80), die italienische Sängerin Mina (70) und den spanischen Komponisten Cristobal Halffter (80).

Besprochen werden ein Konzert von Woody Allens New Orleans Jazz Band im Münchner Gasteig, ein Chopin-Konzert mit dem Pianisten Krystian Zimerman in Baden-Baden, eine Ausstellung der "Schätze des Aga Khan Museum" im Berliner Gropius-Bau, Sibylle Bergs "rabenschwarzes" Angestelltendrama "Hauptsache Arbeit" in einer Inszenierung von Hasko Weber am Stuttgarter Staatstheater und Bücher, darunter Annika Reichs Thirty-Something-Roman "Durch den Wind" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).

SZ, 22.03.2010

Der Begriff der Menschenrechte verblasst - und so kam es, dass sich der Begriff der "Nachhaltigkeit" als Kleingeld der internationalen Verständigung an seine Stelle setzte, klagt der Philosoph Wolfram Eilenberger im Feuilletonaufmacher: "Ein Begriff, dessen normativen Druck Diktatoren von Ölstaaten ebenso entschieden bejahen können wie vom Untergang bedrohte Inselregenten, rohstoffreiche Ärmstnationen wie demografisch explodierende Milliardendemokratien."

Weitere Artikel: Tom Tykwer denkt in einem interessanten kleinen Essay über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Erzählstrukturen von Filmen nach und konstatiert eine "Art Überfütterung an Bildinformation pro Objekt, die den Rezipienten zwar satt, aber eben auch passiver werden lässt". Christopher Schmidt wandelt für eine launige Reportage mit Lutz Seiler über die Leipziger Buchmesse. Gemeldet wird, dass der spanische Diktator Franco frühzeitig über den Holocaust informiert war, wie ein Aktenfund zeigt. Ralf Wiegand berichtet, dass sich die Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie verzögern könnte. Julia Amalia Heyer resümiert eine Münchner Tagung zum Begriff der Weltrisikogemeinschaft. In den "Nachrichten aus dem Netz" schildert Johannes Boie einen Streit zwischen dem Unterhaltungskonzern Viacom und Google. Vicaom verklagt Google, weil auf Youtube ohne Erlaubnis Material des Senders kursiert und zitiert aus E-Mails von Youtube-Mitarbeitern. Nun schlug Google in seinem offiziellen Blog zurück und behauptete, dass Viacom-Mitarbeiter den Videokanal heimlich mit Viacom-Material füllten. Manfred Schwarz berichtet von der Lit.Cologne. Fritz Göttler gratuliert dem Komponisten Stephen Sondheim zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Neupräsentation der Sammlung im Augustinermuseum in Freiburg, neue DVDs und die Uraufführung von Sibylle Bergs "Hauptsache Arbeit!" in Stuttgart.

Auf Seite 3 rächt sich Christian Zaschke, der kein Interview mit Eckart von Hirschhausen bekommen hat, mit dem Zitat der allerdings drastischen Bedingungen, die ihm die Managerin Hirschhausens für ein Interview auferlegen wollte: "Eckart von Hirschhausen bzw. das Management haben das Recht, Einwände zu äußern und eine Textänderung zu bewirken, wenn die Person 'Eckart von Hirschhausen' nicht korrekt dargestellt wurde."

Nur online bisher ein mit dpa-Material erstellter Nachruf auf Wolfgang Wagner.