Heute in den Feuilletons

Verhängt die Fenster

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2010. In der FAZ sieht Stephen Baker das menschliche Gehirn auf dem Rückzug. Die NZZ fragt, ob Apple das Internet in kleine herstellerabhängige Netze zerschlagen wird. Die Welt trifft die Deutschen in der Kälteregion des Daseins. Die taz erkennt mit Thea von Harbou auf die List der Geschichte. In der FR beklagt Ulrich Beck die McDonaldisierung der Universitäten. Der Tagesspiegel begibt sich auf die Spur des Clans, der Hatun Sürücü ermorden ließ. Und im Perlentaucher unterstützt Herta Müller die Forderung nach dem Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo.

Perlentaucher, 06.02.2010

In einem Brief an das Nobelkomitee, den sie im Perlentaucher veröffentlicht, unterstützt Herta Müller den Vorschlag, Liu Xiaobo mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen: "Liu Xiaobo hat auch meiner Ansicht nach den Friedensnobelpreis verdient, weil er trotz aller Drohungen des Regimes in China und der Gefahr für sein Leben unbeirrt für die Freiheit des einzelnen Menschen eintritt."

Welt, 06.02.2010

Jacques Schuster führt sich nochmal die Sachbuchbestseller der letzten Jahre zu Gemüte - von Hape Kerkeling (hier) über Richard Precht (hier) und Eckhart von Hirschhausen (hier) bis zu Frank Schirrmacher (hier, hier, hier) - und kommt zu wenig erfreulichen Rückschlüssen über die Seelenlage der Deutschen: "Liest man alle Titel hintereinander, weiß man: Die Deutschen sitzen in der Kälteregion des Daseins, frösteln vor der Zukunft, versuchen zähneknirschend glücklich zu sein, leben mit ihren Ängsten auf du und du und irren furchtsam durch die Jahre wie ein im Wald ausgesetztes Kind. Ihre Maßnahmen dagegen heißen Ich-Bezogenheit, Flucht ins Private und der Rat an alle Leidensgenossen: Verhängt die Fenster gegen die dahin rasende Zeit."

Außerdem in der Literarischen Welt: Bernadette Conrad porträtiert die kanadische Autorin Anne Michaels. Besprochen wird der dritte Teil aus J.M. Coetzees Autobiografie, "Sommer des Lebens", Arno Geigers Roman "Alles über Sally" und ein "Atlas der abgelegenen Inseln".

Im Feuilleton findet sich ein Interview mit dem französischen Regisseur Philippe Lioret über seinen Film "Welcome" (mehr hier). Besprochen werden eine "Endstation Sehnsucht" mit Isabelle Huppert in Paris und eine Seurat-Ausstellung in Frankfurt.

NZZ, 06.02.2010

Stefan Betschon lässt anlässlich der iPad-Einführung frühere Vorstellungen von der Zukunft der Computer Revue passieren. Und er stellt fest, dass Apple im Grunde die PC-Revolution wieder rückgängig macht: "Apple hat begonnen, um jene Computer, die wie das iPhone oder das iPad unter dem iPhone-Betriebssystem laufen, eine Mauer aufzubauen. Der Anwender kann die Softwareausstattung dieser Geräte nur noch innerhalb enger Grenzen selber bestimmen, sie gehören ihm nicht mehr ganz, sie sind nicht mehr persönlich. Andere Computerfirmen - Google Microsoft - haben an diesem Modell Gefallen gefunden und beeilen sich, eigene App-Store-Plattformen zu errichten. Inspiriert vielleicht von einer Parole Che Guevaras - 'Schafft zwei, drei, viele Vietnam' -, sind die kalifornischen Altachtundsechziger möglicherweise daran, viele Internets zu schaffen, das World Wide Web in herstellerabhängige, kleine Netzwerke aufzuspalten."

Weiteres: Aldo Keel berichtet vom Streit um das Erbe des schwedischen Bestsellerautor Stieg Larsson. Peter Hagmann begutachtet die Lage der Schweizer Orchester. Besprochen werden die Ausstellung "Explosions lyriques" im Musee d'art in Sitten und Bücher, darunter Ma Jians Roman "Peking-Koma", Ulrich Halterns Studie "Obamas politischer Körper", Ludwig Fels' Roman "Die Parks von Palilula".

In Literatur und Kunst geben die beiden Literaturwissenschaftler Li Shuangzhi und Michael Ostheimer einen Überblick über die chinesische Lyrik: "In ihrer von niedrigen Buchauflagen und Veröffentlichungen in avantgardistischen Zeitschriften geprägten Nischenexistenz kann die Gegenwartslyrik nahezu beliebig experimentieren und auch Tabuthemen wie Sexualität oder die Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit angehen. Kurz: Im chinesischen Kulturbetrieb genießt die Lyrik momentan den größten Freiraum."
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Berliner Zeitung, 06.02.2010

Der einstige Musikgigant EMI steht kurz vorm Zusammenbruch, berichtet Jens Balzer. Schuld ist auch ein Finanzhai: "Von den vier Milliarden britischer Pfund, die der Investor Guy Hands für das Label bezahlte, lieh er sich drei Milliarden bei der Citigroup und halste den Kredit der EMI als Schulden auf. Anschließend beschimpfte er 'neunzig Prozent' seiner Musiker als unprofitable 'Faulpelze', von denen er sich zu trennen gedenke, strich 2 000 Arbeitsplätze und den verbliebenen Künstlern auch noch den Ausgabenposten für 'Früchte und Blumen' (zu Deutsch: Koks und Nutten). Darauf verließen nicht nur die unrentablen Faulpelze das Label."
Stichwörter: Jens Balzer

Tagesspiegel, 06.02.2010

Der "Ehrenmord" an Hatun Sürücü in Berlin vor fünf Jahren ist der Stadt noch in schmerzlicher Erinnerung. Ferda Ataman begibt sich auf die Spuren des inzwischen in verschiedene Länder verstreuten Clans - und auf die Spur des Bruders, der seine Schwester mit drei Schüssen ins Gesicht hinrichtete: In Haus zwei der Jugendstrafanstalt Plötzensee, dem 'Mörderhaus', wie der Trakt intern genannt wird, macht Ayhan Sürücü neben seiner Tischlerlehre inzwischen Fernabitur. Seit der schmächtige Kreuzberger hier eingeliefert worden ist, scheint er das Ansehen seiner Mithäftlinge zu genießen. 'Je schlimmer deine Tat, desto mehr Respekt bekommst du da drin', sagt ein inzwischen freigelassener Straftäter, der Ayhan persönlich kennt und offenkundig mag. 'Die Leute dort finden seine Tat richtig', sagt er."

FAZ, 06.02.2010

In der "überlebenswichtigen" Debatte über die Frage, wie das Internet unser Denken verändert, bringt die FAZ einen Text des amerikanischen Autors Stephen Baker ("The Numerati"), der das menschliche Gehirn, "unseren Standard aus Fleisch und Blut", auf dem Rückzug sieht gegenüber dem großen elektronischen Gehirn da draußen: "Während unsere Gehirne seit 40 000 Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, also von den Cro-Magnon-Höhlenmalern bis zu Quentin Tarantino evolutionär auf der Stelle getreten sind, entwickelt sich unser externes Gehirn sprunghaft... Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. "

Weitere Artikel: Detlef Borchers meldet, dass der Hamburger Chaos Computer Club einen Datenbrief gefordert hat, in dem Behörden und Unternehmen gegenüber über Kunden und Bürgern erklären sollen, welche Daten sie von ihnen gespeichert haben. Jürgen Dollase hat im Restaurant Dal Pescatore in der Lombardei Tortelli "wie Pasta-Edelsteine" gegessen. Richard Kämmerlings berichtet von der Hamburger Lesenacht "Ham.lit" im Uebel und Gefährlich. Thomas Strobl hat von Malcolm Gladwell eine Brandrede gegen das miserable Führungspersonal gehört. In der Reportage auf der letzten Seite widmet sich Joachim Müller-Jung der Fingerfertigkeit.

Auf der Medienseite berichtet Karen Krüger, dass Euronews jetzt auch auf Türkisch sendet. Aber immer noch ohne Beteiligung von ARD und ZDF, wie Michael Hanfeld ergänzt.

Besprochen werden eine Mapplethorpe-Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf, Händels "Agrippina" in Berlin, Sades neues, "zeitlos schönes" Album "Soldier of Love", Aufnahmen des Pianisten Martin Helmchen und Bücher, darunter der bisher nur auf Englisch erschienene Sammelband "The Biological Evolution of Religious Mind and Behaviour" und Wendy Mass' "Das Leben ist kurz, iss den Nachtisch zuerst" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

Bilder und Zeiten
gibt schon einmal einen Ausblick auf die Berlinale. Michael Althen denkt darüber nach, ob das Kino als Kunstform das Kino als Ort tatsächlich braucht: "wenn man sich aufrichtig prüft, wird man feststellen, dass man oft genug erlebt hat, dass man einen Film im Fernsehen gesehen hat und dessen Wirkung kaum geringer schien. Das war nicht Kino, aber Fernsehen wollte man es auch nicht nennen. Das Bild war kleiner, es sah schlechter aus, aber die Faszination war dieselbe. Ein Film ist ein Film ist ein Film."

Und Hanna Schygulla verwahrt sich im Interview mit Joseph Hanimann gegen die Vorstellung, ihr Lebenswerk könne abgerundet sein: "Abgerundet ist bei mir eher die körperliche Erscheinung. Der Rest entwickelt sich weiter."

In der Frankfurter Anthologie stellt Michael Lentz Günter Bruno Fuchs' Gedicht "Berlin" vor:

"Drei Strophen Sonntagssouvenir:
Der Himmel färbt die Dächer leise,
Die Stadt, ein Würfelbrett und Jagdrevier..."

FR, 06.02.2010

Es ist, wie jeden ersten Samstag im Monat, wieder "Weltinnenpolitik"-Stunde mit Professor Ulrich Beck. Heute geht es um Bildung und Beck wütet heftig: "Die Lebenslüge der Bildungspolitiker aber kommt in der Unverfrorenheit zum Ausdruck, mit der sie ihre Plastiksprache für die Wirklichkeit selbst nehmen. Man sagt 'Bachelor' und setzt die McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang: Fast Food entspricht Fast Education. Modualisierung löst die in Jahrzehnten gewachsenen Fachstandards und Diskursfelder auf. Die chronisch unterbesetzten Sozial- und Geisteswissenschaften können am Ende ihre eigenen fachwissenschaftlichen Abschlüsse nicht mehr anbieten. Der letzte Vertreter seines Faches knipst das Licht aus."

Weiterer Artikel: In ihrer US-Kolumne warnt Marcia Pally ironisch vor der offenen Aufnahme von Schwulen und Lesben in die amerikanischeArmee.

Besprochen werden eine Inszenierung von Händels "Aggripina" an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, von Rene Jacobs dirigiert, von Christian Lacroix eingekleidet, von Vincent Broussard inszeniert (und von Jürgen Otten mit einiger Begeisterung rezensiert), eine Aufführung der Schreker-Oper "Der Schmied von Gent" in Chemnitz, das neue Sade-Album "Soldier of Love" und Bücher, darunter Alissa Walsers Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 06.02.2010

Zum Berlinale-Jubiläum hat sich Ekkehard Knörer einmal den ersten Wettbewerbsjahrgang 1951 angesehen. Und stößt auf die vielleicht unvermeidlichste Figur der älteren deutschen Filmgeschichte: "Thea von Harbou. Was wäre die deutsche Filmgeschichte ohne sie! Autorin der Filme Fritz Langs in den Zwanzigerjahren. 1929 bereits schickte Lang nach Harbous Vorlage in seinem letzten Stummfilm 'Die Frau im Mond' einen ersten Reisetrupp - in der Tat: mit Frau! - auf den Mond. Ein paar Jahre später war von Harbou dann freudig übergelaufen zu den Nazis, dabei produktiv wie zuvor. Und, schwupps, schon ist sie im ersten Berlinale-Jahr mit der Erzschnulze 'Dr. Holl' wieder da. Da passt es bestens, dass auch die diesjährige Jubiläums-Berlinale um eine Hommage nicht herumkommt. Live übertragen auf einer Leinwand am Brandenburger Tor gibt es 'Metropolis', endlich wiederhergestellt, nach dem Drehbuch von Thea von Harbou. Das ist die List der Geschichte."

Weitere Artikel: Eva-Christina Meier unterhält sich mit Gustavo Buntinx, Betreiber des "Micromuseo" in Lima, über das Phänomen der peruanischen Postmoderne. Den philippinischen Regisseur Brillante Mendoza, dem das Berliner Arsenal eine Werkschau widmet, porträtiert Tilman Baumgärtel. Anja Maier besucht im Hospiz den Journalisten Hans Pfitzinger, der mit Zorn und Eifer, Hass und Liebe in seinem taz-Blog das Treiben der Zeitung verfolgte und seit der Diagnose, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein, über sein Sterben bloggt. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne erklärt Wolfgang Gast, wie man Stasi-Aufarbeitung sinnvoll betreibt.

Besprochen werden Uli Edels Bushido-Film "Zeiten ändern dich" und Bücher, darunter J.M. Coetzees romanhafte Autobiografie "Sommer des Lebens" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 06.02.2010

Im Untertitel steht zwar "Der Schleier bleibt", aber anders als bei muslimischen Frauen plädiert Andreas Zielcke beim Bankgeheimnis gegen den Schleier: "Mit der Etablierung rechtsstaatlicher Grundsätze hat sich auch das Verhältnis des Kontoinhabers zum Staat gewandelt. Augenzwinkerndes Zusammenwirken des Steuerstaates mit Steuerhinterziehern, wie es autokratische Fürsten noch tun konnten, kommt nicht mehr in Frage."

Weitere Artikel: Über die Restaurierung und Komplettierung von Fritz Langs jahrzehntelang nur unvollständig überliefertem Klassiker "Metropolis" schreiben, eher theoretisch-filmhistorisch, Fritz Göttler und, eher empirisch, Susan Vahabzadeh. Jonathan Fischer stellt den gerade durch Deutschland tourenden Soul-Musiker Lee Fields und die Szene des Chitlin' Circuit vor, der er entstammt. Axel Timo Purr trifft den ägyptischen Erfolgsautor Alaa al-Aswan in Kairo. Tobias Heil informiert über die Klage von Jörg Haiders "Lebensmenschen" Stefan Petzner gegen David Schalkos Roman "Weiße Nacht", in dem Petzner sich - sehr zu recht wohl - wiedererkannte. Christine Dössel porträtiert die Schauspielerin Hildegard Schmahl zu deren siebzigstem Geburtstag. Und Gottfried Knapp gratuliert dem Land-Art-Künstler Hannsjörg Voth, der ebenfalls seinen Siebzigsten feiert.

Antje Wewer porträtiert in der SZ am Wochenende die britische Schauspielerin Emily Blunt. Vorabgedruckt wird ein Auszug aus Nicholson Bakers neuem Roman "Der Anthologist". Hans-Jürgen Jakobs unterhält sich mit Hubert Burda über "Dynastien".

Besprochen werden eine von Rene Jacobs dirgierte, von Christian Lacroix eingekleidete Aufführung der Händel-Oper "Agrippina" an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (Wolfgang Schreiber ist ganz und gar begeistert), und Bücher, darunter postume Ausgabe von Helmut Eisendles Giftpflanzen-Glossar "Tod & Flora" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).