Heute in den Feuilletons

Irgendwo in einer fernen Wolke

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2010. Anders als die Kritikophoben gehen die Islamkritiker ein persönliches Risiko ein, meint die NZZ. Nichts ist wohlfeiler als Kritik am Islam, meint dagegen Stefan Weidner im Rheinischen Merkur.  Die FR fühlt sich von der Islamdebatte verstört. Spiegel Online berichtet über die geheimen Verhandlungen zum internationalen Copyright-Abkommen ACTA. In der FAZ sieht der New York Times-Redakteur John Markoff den Ipad auch als ein Statement gegen die sozialen Netze.

NZZ, 02.02.2010

"So heiß die Debatte läuft, so kühl ist der deutsche Gesetzgeber", konstatiert Joachim Güntner zur Islamdebatte, die seiner Meinung nach nicht gut läuft. "Die Gewalt, die Islamkritiker zu erleiden Gefahr laufen, bleibt der springende Punkt bei der Bewertung ihrer Situation. Der Unterschied zwischen - konkret gesprochen - der durch eine Karikatur Mohammeds provozierten Verletzung religiösen Empfindens und der Verletzung, welche die Axt eines Attentäters beim Karikaturisten erzeugen kann, sollte uns bewusst sein."

Andreas Ernst berichtet in einem interessanten Hintergrundtext, dass zwar die politische Versöhnung auf dem Balkan nicht voran kommt, sich kulturell aber durchaus wieder eine Jugosphäre herausbildet: "Die eigentlichen Fremden sind dort nur die Westeuropäer. Schlagersänger aus Bosnien füllen die Hallen von Ljubljana bis Skopje, und dem serbischen Turbofolk entgeht man auch nicht in Zagreb."

Weiteres: Marc Zitzmann rekapituliert den Streit zwischen Claude Lanzmann und dem Autor Yannick Haenel, der ein Buch über den polnischen Untergrundkurier Jan Karski geschrieben hat. Karski spielt auch in Lanzmanns Film "Shoah" eine zentrale Rolle (mehr hier und hier). Leopold Federmair schreibt zum Tod des argentinischen Schriftstellers Tomas Eloy Martinez. Besprochen werden Jeremy Rifkins Beststeller "Die empathische Zivilisation" und Jenny Erpenbecks Miniaturen "Dinge, die verschwinden" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 02.02.2010

Im Kulturteil hätte Micha Brumlik gern mehr Aufklärung über die Haltung der Linkspartei zum politischen Streik. Philipp Gessler sucht in Istanbul herauszufinden, ob die AKP eine religiös-nationalistische Kulturpolitik betreibt. Ralf Leonhard berichtet über die Klage Stefan Petzners, Fraktionschef des Bündnisses Zukunft Österreich, gegen David Schalkos Roman "Weiße Nacht". Und Dietmar Kammerer war bei der Pressekonferenz zur sechzigsten Berlinale. Besprochen wird der erste Band in Katharina Sykoras Reihe "Die Tode der Fotografie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf den vorderen Seiten berichtet Klaus-Helge Donath über die Verhaftung von 400 Menschen, die in Moskau für die Einhaltung des Verfassungsrechts auf Versammlungsfreiheit demonstrierten. Dazu gibt es ein Interview mit der Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina von Memorial, die erklärt: "Ich persönlich will nicht, dass diese Bewegung zu einer Oppositionsbewegung gegen unsere Machthaber wird. Ich sehe in der Opposition keine Kräfte, die ich unterstützen möchte. Diese Aktionen wollen erreichen, dass die heutigen Machthaber die Verfassung schützen. Und wenn die Machthaber das akzeptieren, wird das Land überleben."

Außerdem: Auf der Meinungsseite erklärt Christian Rath, warum das von den EU-Innenministern heimlich verhandelte Swift-Abkommen, das den USA den Zugriff und die Speicherung der Daten europäischer Bankkunden erlauben würde, vom Europäischen Parlament nicht abgesegnet werden sollte. In tazzwei versteht Jan Feddersen eine Linke nicht mehr, die Frauen wie Necla Kelec, Seyran Ates und Ayaan Hirsi Ali zu Rassistinnen abstempelt. Auf der Medienseite fasst Lukas Dubro die Diskussion um den Musikjournalismus in Zeiten des Internets zusammen.

Und Tom.

Weitere Medien, 02.02.2010

Etwas spät entdecken wir Stefan Weidners Beitrag zur Islam-Debatte - veröffentlicht letzte Woche im Rheinischen Merkur: "Keine der beiden Seiten grenzt sich genügend gegen ihre extremen Ränder ab." Alles in allem fühlt er dann er aber doch mit den Kritikern der Kritiker: "Kritik am Islam - statt etwa an Problemen der eigenen Wirtschaft und Politik - ist die wohlfeilste Form der Kritik, die derzeit auf dem Meinungsmarkt zu haben ist. Wer als Nichtmuslim den Islam angreift, ist ein tapferes Schneiderlein, aber kein Held der Meinungsfreiheit - selbst dann nicht, wenn ihn ein muslimischer Fanatiker im Nachhinein dazu machen wollte."
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Stichwörter: Islam, Meinungsfreiheit

Spiegel Online, 02.02.2010

Frank Patalong fürchtet, dass die deutsche Buchpreisbindung wegen der Ebooks demnächst fallen wird. "Ausgereifte E-Reader wie Amazons Kindle konkurrieren mit immer preiswerteren Geräten, von denen die ersten längst im Discounter-Abverkauf gelandet sind. Wer will, kauft sich seinen E-Book-Reader bei Schlecker statt im Fachhandel."

Konrad Lischka setzt sich in einem sehr informativen Artikel mit den Geheimverhandlungen zum Copyright-Abkommen Acta auseinander. 39 Staaten sind an den Verhandlungen beteiligt, darunter die EU. Wie genau das Internet künftig kontrolliert werden soll, "ist schwer zu sagen, weil solche Details der ACTA-Verhandlungen nicht öffentlich sind. Der kanadische Rechtsprofessor Michael Geist hat in einer aktuellen Analyse aus offiziellen und nicht-öffentlichen Positionspapieren einen ACTA-Katalog mit den zur Debatte stehenden Eingriffen herausgearbeitet." Dazu gehören Haftung Dritter für Internet-Inhalte, Provider-Haftung und Strafen für Kopierschutz-Austrickser, Sperrung des Internets bei Verstößen, Grenzkontrollen, bei denen die Inhalte von Laptops kontrolliert werden können.

Hier ein Video mit Danny O'Brien von der Electronic Frontier Foundations, der genau erklärt, worum es bei Acta geht. Hier fragt der kanadische Musiker und Abgeordnete Charlie Angus seine Regierung, warum sie die Verhandlungen geheim hält. Und hier ein Video von einer von Google veranstalteten Diskussion über Acta, bei der die Fetzen flogen zwischen dem Medienanwalt Steven J. Metalitz und dem Bürgerrechtler Jamie Love.

Aus den Blogs, 02.02.2010

Googles Chrome-Betriebssystem ist zwar für traditionelle Computer gedacht, schreibt MG Siegler in TechCrunch, aber das heißt nicht, dass nicht auch Google über Tablet-PCs nachdenkt, die mit Apple konkurrieren können: "there's a new concept video that has surfaced on a Chromium Project page that very much shows how the two could and should compete head-on in the touch tablet space."



Die Achse des Guten bringt eine ziemlich ausführliche Linkliste zur Islam-Debatte.
Stichwörter: Google

FR, 02.02.2010

Harry Nutt verstören an der Debatte um die Islamkritik "die kämpferischen Versuche, einzelne Sprecher und ihre unterstellte Lagerzugehörigkeit zu delegitimieren". Eher unerfreulich findet Christoph Schröder die Art, wie die Leitungen des Hessischen Literaturforums und des Literaturhauses Frankfurt ausgetauscht wurden. Judith von Sternburg guckt zu, wie das Suhrkamp-Archiv in Marbach ausgepackt wird. In Times Mager denkt Karl Grobe über das "peinlich schillernde Abschiedsgeschenk" nach, das der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko seinen Nachfolgern gemacht hat, als er Stepan Bandera zum Nationalhelden erklärte. Stefan Niggemeier hört bei Bildblog auf, berichtet Marin Majica auf der Medienseite.

Besprochen werden die Ausstellung "Surrealismus und Wahnsinn" der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, drei Ausstellungen im Literaturmuseum Marbach mit "Randerscheinungen", das heißt Zeichnungen, die Dichter nebenbei aufs Papier gekritzelt haben ("Der Schriftsteller krakelt nicht geistreicher als der gelangweilte Angestellte, wenn die Konferenz die 30-Minuten-Schwelle überschreitet", stellt Judith von Sternburg fest) und Calixto Beitos Inszenierung der Ligeti-Oper "Le Grand Macabre" in Freiburg.

Welt, 02.02.2010

Thomas Lindemann stellt das Computerspiel nach Dantes "Inferno" vor und unterhält sich mit dem Schöpfer des Spiels, Jonathan Knight. Michael Pilz kommentiert die 52. Grammy-Verleihung. Manuel Brug glossiert Nachfolgefragen in Salzburg. Elmar Krekeler schreibt eine Hommage auf die Krimis von Stieg Larsson, in denen die altlinken Verschwörungszenarios noch in Ordnung sind. Hanns-Georg Rodek schreibt zum Tod der Schauspiel-Agentin Erna Baumbauer.

Besprochen werden die Ausstellung "Realismus - Das Abenteuer der Wirklichkeit" in Emden, Olga Neuwirths Bratschen-Konzert, uraufgeführt von Antoine Tamestit in Berlin, und eine Ausstellung über Fernsehtürme in Frankfurt.

Berliner Zeitung, 02.02.2010

Recht missgelaunt kommentiert Peter Uehling die Darbietungen des Berliner Ultraschall-Festivals: "Neu im Club der Publikumskomponisten ist die Österreicherin Olga Neuwirth, die bislang eine originell aufdringliche und struppige Tonsprache pflegte. In ihrem Bratschenkonzert 'Remnants of Songs... an Amphigory' gehen die Verfremdungstechniken reibungslos in eine wienerische Reminiszenz-Musik ein. Das soll vermutlich ironisch sein, aber den Geschmack verderben die gefälligen Brechungen nicht; man kann sich das auch schön-hören, zumal der abschließende Walzer-Exorzismus weit hinter Ravels 'La Valse' zurückbleibt."

FAZ, 02.02.2010

Der New-York-Times-Redakteur John Markoff sieht, wie sich nach der Vorstellung von Apples Ipad zwei Wetten auf die Zukunft des Computers recht markant gegenüberstehen: "Während sich Google und Apple zunehmend in direkte Konkurrenten verwandeln, übersehen viele Beobachter, dass Jobs ein eingefleischter Skeptiker bezüglich der doppelten Marotte des Silicon Valley geblieben ist: der Rechnerwolke und Web-2.0-Diensten wie Facebook. Für die meisten im Silicon Valley sind preiswerte tragbare Computer wie Netbooks und eine bevorstehende Flut von Tablet-Computern lediglich Fenster in eine ferngesteuerte Computerwelt von Großrechnern, die irgendwo in einer fernen Wolke operieren." Jobs' Version laufe, so Markoff, eher darauf hinaus, dass wir in einer Welt leben werden, in der die Computer in mobilen Geräten aller Art eher unsichtbar sind.

Weitere Artikel: Stefanie Peter hat die polnische Autorin Dorota Maslowska getroffen, die in ihrer Heimat ein Star ist und gerade ein Jahr lang mit einem Stipendium in Berlin gelebt hat. Für keine so gute Idee hält Andreas Rossmann die Idee des Bonner Oberbürgermeisters, das Amt des Kulturdezernenten abzuschaffen und Kultur, a la Wowereit, zur Chefsache zu machen. Dirk Schümer berichtet, dass sich David Schalko, dessen Roman "Weiße Nacht" wenig verklausuliert vom Verhältnis Stefan Petzners zu Jörg Haider erzählt, nun mit einem Verbotsantrag Petzners konfrontiert sieht. Josef Oehrlein schreibt zum Todes des argentinischen Romanciers Tomas Eloy Martinez. Auf der Medienseite sieht Michael Hanfeld die Pläne der Dumont-Gruppe zur Bildung einer gemeinsamen "Redaktionskommune" für vier Zeitungen des Hauses (darunter die FR und die Berliner Zeitung) in freundlichem Licht.

Besprochen werden die Uraufführung von Thomas Freyers soziologisch unterfüttertem Stück "Im Rücken die Stadt" am Berliner Maxim-Gorki-Thater, zwei Opern-Inszenierungen an kleineren Häusern (nämlich die "Meistersinger" in Kiel und Strauss' "Arabella" in Lübeck), ein Konzert der Band Air (Website) in Köln, die Tino-Sehgal-"Ausstellung" im New Yorker Guggenheim-Museum, Volker Koepps neuer Film "Berlin-Stettin" (mehr), eine Ausstellung mit Werken des Fotografen Boris Becker in Köln und Bücher, darunter eine neue Übersetzung von Honore de Balzacs Klassiker "Modeste Mignon" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 02.02.2010

Desiree Waibel resümiert eine Schweizer Fernsehdiskussion zum Thema "Deutsche in der Schweiz: qualifiziert, integriert, unerwünscht?" Jens-Christian Rabe und Helmut Mauro verfolgten die Grammys-Verleihung. Der Japan-Experte Gebhart Hielscher kommentiert das Erscheinen des ersten Bandes eines großen deutsch-japanischen Wörterbuchs als Meilenstein in der Beziehung der beiden Länder. Hans-Peter Kunisch schreibt zum Tod des argentinischen Autors Tomas Eloy Martinez.

Besprochen werden Donizettis "Don Pasquale" an Berlins Komischer Oper, die große Ausstellung des Skulpteurs Jean-Antoine Houdon in Frankfurt, eine Ausstellung mit Skizzen des Malers Carl Blechen aus Italien in Berlin, Cellosonaten mit Sol Gabetta und Mihaela Ursuleasa in München, der Episodenfilm "New York, I love you", Alvis Hermanis Dramatisierung von Jaroslaw Iwaskiewicz' Novelle "Die Fräulein von Wilko" in Modena und Bücher, darunter der Band "Leidenschaften - 99 Autorinnen der Weltliteratur" (mehr hier).

Auf der Medienseite berichtet Frank Nienhuysen, dass die Webseite der regimekritischen Zeitung Nowaja Gaseta in Moskau von Hackern angegriffen wurde (auch heute morgen kommt man nicht auf die Seite).