Heute in den Feuilletons

Wie eine Reinkarnation von Baron Samedi

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2010. Hans-Christoph Buch spricht in der FR ausführlich über die dunkle Geschichte Haitis. Die taz fürchtet ein neues Bündnis zwischen der Türkei und dem Iran. Die FAZ trauert um die Schweizer Armee, die leider pleite ist. In der Welt polemisiert Hamed Abdel-Samad gegen den feuilltonistischen Dschihad von SZ, FAS und vielen anderen Zeitungen gegen Islamkritiker. Ebenso der Perlentaucher.

Welt, 19.01.2010

Im Forum nimmt sich der in München lehrende Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad die Herren Seidl, Steinfeld und Pflitsch zur Brust, die in ihren Zeitungen (FAS, SZ und Tagesspiegel) der Islamkritik einen Maulkorb verpassen wollten: "Besonders Seidls Schlusswort fand ich amüsant. In Anlehnung an ein Zitat von Voltaire schreibt er: "Ich mag Ihr Kopftuch nicht, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sich kleiden dürfen, wie Sie wollen." So resümiert er sein verkürztes Verständnis von Freiheit. Mit seiner eigenen Logik darf man Seidl eigentlich "Kopftuchmärtyrer" nennen. Aber sonst würde er sein Leben ganz sicherlich nicht dafür opfern, damit eine muslimische Frau in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben jenseits der strengen Moralvorstellung der muslimischen Communities führen kann. Er würde niemals über sie in der FAS einen Artikel schreiben, falls sie vom eigenen Bruder im Namen der Ehre ermordet würde, denn diese "orientalischen Verhältnisse" sind seines feuilletonistischen Dschihads nicht würdig."

In der Leitglosse des Feuilletons hat Hendrik Werner seine helle Freude an der saftigen Neuübersetzung von Aristophanes" Lustspiel "Lysistrate" durch den Münchner Altphilologen Niklas Holzberg: "Als zugleich plastische und drastische Zumutung mag diese neue Reclam-Übersetzung (101 S., 3 Euro) für heutige Leser anmuten. Zugleich gefällt sie durch klassische Tugenden: Authentizität und Aletheia, lies: Unverborgenheit. Aristophanes, der laut Übersetzer Holzberg das Wort "Schwanzlutscher" nicht scheute, hätte es gefreut".

Weitere Artikel: Der russische Staat will enteignetes Kirchenvermögen zurückgeben, berichtet Manfred Quiring, auf dass Patriarch Kirill den Russen weiterhin versichert, "die Staatsmacht habe das Beste aus der Situation gemacht, man müsse ihr dankbar sein". Hannes Stein überlegt, warum konservative Kritiker in den USA James Camerons Film "Avatar" als linken Kitsch abfertigen. Hanns-Georg Rodek stellt die Gewinner der Golden Globes vor. Harald Peters gratuliert der Schauspielerin Tippi Hedren zum Achtzigsten.

Besprochen werden der Coen-Film "A Serious Man", Michael Thalheimers Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" und die Aufführung des Pop-Oratoriums "Die 10 Gebote" in der Dortmunder Westfalenhalle.

TAZ, 19.01.2010

Die Türkei, vergrätzt darüber, dass ihr die EU immer wieder die kalte Schulter zeigt, entwickelt nun eine neoosmanische Außenpolitik, schreibt Jürgen Gottschlich: "Die Folgen davon sind bereits unübersehbar. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan nennt nun Mahmut Ahmadinedschad statt des deutschen Bundeskanzlers seinen besten Freund. In der Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm verteidigt er geradezu aggressiv das Recht des Irans, eigene Atomanlagen zu betreiben. Kaum ein arabischer Regierungschef griff Israel wegen des Gazakriegs so massiv an wie der Chef des Nato-Staats Türkei, und kein anderer Nato-Staat pflegt so enge Bindungen an Russland wie die Türkei unter Erdogan. Dafür gibt es zwar auch sachliche Gründe wie die Energieabhängigkeit der Türkei von Russland und Iran, die Debatten in der Türkei zeigen jedoch, dass es um einen klaren Paradigmenwechsel geht."

Weiteres: Julia Grosse schickt einen Brief aus dem verschneiten Großbritannien. Besprochen werden die Ausstellung "Die andere Leipziger Schule - Fotografie in der DDR" in der Kunsthalle Erfurt, Clemens Schönborns Leipziger Inszenierung der "Medea" als Solo für Sophie Rois und Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Dea Lohers neuem Stück "Diebe" am Deutschen Theater Berlin.

Auf den vorderen Seiten gibt es ein Interview mit dem polnischen Historiker Tomasz Szarota über seinen Rückzug aus dem Beraterkreis der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung - leider funktioniert der Link zum Artikel nicht.

Schließlich Tom.

Aus den Blogs, 19.01.2010

Am 27. Januar wird Apple den hysterisch erwarteten Tablet-PC vorstellen, meldet Adam Ostrow in Mashable: "if anything other than the Apple Tablet (potentially named iSlate) is revealed, it would be a bigger surprise than the Tablet itself."
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Weitere Medien, 19.01.2010

Newsweek bringt ein Dossier zu Googles möglichem Abzug aus China. Fareed Zakaria erklärt die Frechheit, mit der China die Google-Konten ausspähte: "Die bedeutendste Veränderung, die in China gerade stattfindet, ist eine wachsende Geringschätzung seiner Beziehung mit Washington und dem Westen." Google-Chef Eric Schmidt betont im Interview, dass die Gespräche mit der chinesischen Regierung noch laufen.
Stichwörter: China, Eric Schmidt, Washington

NZZ, 19.01.2010

Mona Sarkis berichtet von einem Boom der syrischen Kunstszene und einer neuen Bilderlust in der Gesellschaft: "Alles findet hier hinein: das arabische Schattentheater und die flächige islamische Kunst, die weder Licht noch Schatten kennt. Die kanaanitischen Dämonen, die palmyrenischen Flügelwesen - und der das einstige wie jetzige Syrien prägende Sufismus. Im Unterschied zu anderen muslimischen Ländern verbannte der laizistische Staat diesen mystischen Islam, der auf Kriegsfuss mit dem im Wortlaut des Korans verhafteten Sunnismus steht, nie in den Untergrund. Es sind diese in heftigen Farben ausgeführten Figurationen der heute rund 70-Jährigen (Elias Ziad, Nazir Nabaa) und die ab den 1980er Jahren folgenden, weniger melodramatischen Werke von Eduard Shahda, Asaad Arabi oder Fadi Yazji, die bis dato den Nachwuchs prägen."

Besprochen werden die Verfilmung von Thomas Hürlimanns Roman "Der große Kater", Andras Schiffs Vortrag des "Wohltemperierten Klaviers" in der Tonhalle Zürich (bei dem sich Schiff für Martin Meyer als "Bachs herausragendster Interpret für dessen Klavierwerk" erwies), Alissa Walsers Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" und Carl-Johan Vallgrens Roman "Kunzelmann & Kunzelmann" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Perlentaucher, 19.01.2010

Die Feuilletons haben in den letzten Wochen in einem ganzen Artikelschwarm Islamkritiker - allen voran Henryk Broder und Necla Kelek - angegriffen. Einer der Gründe für die Agressivität ihrer Artikel dürfte das schlechte Gewissen über einen Sündenfalll sein, den Nicht-Abdruck der Mohammed-Karikaturen, meint Thierry Chervel: "Der Karikaturenstreit war eine Zäsur in der Geschichte der Medien. Er war zwar noch von einer Zeitung ausgelöst worden, aber die allermeisten anderen Zeitungen dieser Welt - und auch die allermeisten Fernsehanstalten - nahmen den Impuls nicht mehr auf. Sie zensierten die Zeichnungen mit wenigen Ausnahmen. Sie nannten sie plump (oder 'albern', wie Thomas Steinfeld, mehr hier), um behaupten zu können, dass sich eine Veröffentlichung nicht lohne. Eine Kapitulation."

FR, 19.01.2010

In einem ausführlichen und sehr lesenswerten Interview mit Arno Widmann spricht der Schriftsteller Hans Christoph Buch, den eine kreolische Großmutter mit Haiti verbindet, über den langen Leidensweg des Landes. Zum Beispiel über die Voodoo-Diktatur des Papa Doc: "Die USA besetzten das Land bis 1934. In jenen Jahren besannen sich die haitianischen Intellektuellen auf ihre afrikanischen Wurzeln. Papa Doc war - wenn auch mehr am Rande - einer von ihnen. Damals publizierte er obskure Aufsätze über Voodoo in einer ethnographischen Zeitschrift. Im Wahlkampf in den 50er Jahren trat er dann als Voodoo-Doktor und Voodoo-Priester auf. Mit dicker Hornbrille, schwarzem Hut, schwarzem Anzug und einem Spazierstock. Er wirkte wie eine Reinkarnation von Baron Samedi, Baron Samstag, dem Totengott des Voodoo. Er war selbst der Oberpriester des haitianischen Voodoo. In den Schulen wurde ein Gebet eingeführt, das mit den Worten begann: 'Doc, der Du regierst im Palast, töte alle Deine Feinde.'"

Weiteres: Elke Buhr und Tobi Müller berichten von einer Veranstaltungsreihe in Berlin zum Live-Geschäft in der Musikindustrie. Jürgen Verdofsky schreibt zum Tod des Berliner Dichters Kurt Bartsch. Besprochen wird das Frankfurter Obama-Musical "Hope".

Auf der Medienseite verfolgt Daniel Bouhs Start der dritten Welle des Deutschlandradios, die offenbar die Hörer der Zukunft finden soll: "Im Kölner Funkhaus sprechen sie gar von einer 'Suchmaschine für das Radio von morgen'. "

Berliner Zeitung, 19.01.2010

Die SZ hat ein App fürs Iphone entwickelt und bei der Gelegenheit eine eigenwillige Auffassung von freier Berichterstattung entwickelt, berichten Katrin Blum und Marin Majica: "Offenbar hat die SZ Blogger dafür bezahlt, dass sie sich in Foren und Blogs ausschließlich lobend über das Programm äußern."
Stichwörter: Blogs, Iphone

SZ, 19.01.2010

Johan Schloemann liest "Die empathische Zivilisation", das neue Buch von Jeremy Rifkin, der es anders als unsere Unkenrufer schafft, eine optimistische Vision zu neuen Technologien zu entwickeln. Die Geschichte der Medien sei eine Geschichte immer weiter gefasster Empathie, und das gelte auch fürs Netz, resümiert Schloemann: "Rousseau, Roman und Romantik, freie Marktwirtschaft, Entdeckung von Kindheit und Jugend, Gruppentherapie und Friedensbewegung. Nur durch die höhere Komplexität der Gesellschaften habe auch das Mitgefühl, wiewohl naturgegeben, überhaupt wachsen können."

Architekturkritiker Ira Mazzoni kämpft gegen die Welle von Schloss- und sonstigen Attrappen in unseren Innenstädten an: "Das Geschichtliche ist heute außer Kraft gesetzt, allenfalls als Alibi wird es noch bemüht."

Weitere Artikel: Andrian Kreye kommentiert die Katastrophe von Haiti. Fritz Göttler gratuliert Tippi Hedren zum Achtzigsten. Alexander Kissler berichtet vom Auftritt des Papstes in der Synagoge von Rom. Franziska Augstein gratuliert dem Regisseur Bernhard Sinkel zum 70. Geburtstag. Helmut Böttiger schreibt zum Tod des Berliner Schriftstellers Kurt Bartsch.

Besprochen werdem "Dantons Tod" in der Regie von Laurent Chetouane in Köln, Choreografien der Tanztruppe "Dorky Park" an der Berliner Schaubühne und Bücher, darunter Ivan Nagels Essay "Gemälde und Drama - Giotto, Masaccio, Leonardo".

Auf der Medienseite berichtet Johannes Boie über die Klage deutscher Zeitungsverleger gegen den Konzern Google, dem vorgeworfen wird, seine Suchergebnisse nicht neutral zu gewichten. Thomas Schuler nimmt die von Stiftungen finanzierten amerikanischen Internetmedien wie das Magazin ProPublica unter die Lupe und fragt nach der Unabhängigkeit ihrer Berichterstattung.

FAZ, 19.01.2010

Jetzt geht es wirklich zuende mit der Schweiz - da sind Ouagadougou-Vergleiche nichts dagegen. Es ist nämlich, wie Jürg Altwegg berichtet, nach Swissair und Bankgeheimnis auch noch das Nationalheiligtum Armee am Boden: "Am Wochenende hat der eidgenössische Armee-Chef Andre Blattmann 250 hohe Offiziere zum Jahresrapport in der Innerschweiz zusammengezogen. Er zeichnete ein dramatisches Bild der desolaten Lage: 'Wir haben in den vergangenen Jahren viele Rüstungsbeschaffungen bewilligt und bestellt. Jetzt trifft die Ware ein, doch wir können sie nicht bezahlen.' Die Schweizer Armee ist zahlungsunfähig. Mehr als jeden Feind fürchten ihre Strategen den Gerichtsvollzieher."

Auf der Medienseite kommentiert Jordan Mejias die Online-Bezahlpläne der New York Times: "Die Signalwirkung für andere Blätter ist nicht zu überschätzen. Denn gerade in ihrer beständig expandierenden Internetversion ist die Times nicht irgendeine Zeitung. Sie ist auf dem besten Weg, sich von Amerikas newspaper of record zur globalen Nachrichtenchronik auszudehnen. Als bedeutendstes englischsprachiges Nachrichtenportal wäre sie zugleich die weltweit bedeutendste Informationsquelle. Von zwanzig Millionen Lesern oder unique readers ist die Rede."

Weitere Artikel: In der ersten Glosse erklärt Jürgen Kaube, wie dumm die "nachvollziehbare Umverteilungspolitik" der FDP im Zusammenhang des Wohlfahrtsstaats ist. In der zweiten Glosse erklärt Gerhard Stadelmaier, wie die Verwechslung von Theater und Leben in Frankfurt soeben beinahe zu Alkoholleichen auf der Bühne geführt hätte. Günter Kowa gibt historische Hintergrundinformationen zum Einzug der Leopoldina in das historische Logenhaus "Zu den drei Degen" in Halle.

Besprochen werden die Aufführung von Mark Andres Musiktheaterstück "22,13" im Berliner Radialsystem, Sebastian Nüblings "Endstation Sehnsucht"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, die Ausstellung "Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland" im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, die Ausstellung mit Fotografien der Sammlung Schirmer in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Bücher, darunter drei Bände mit posthum gesammelten Texten der langjährigen Kuratorin am Wiener Freud-Museum Lydia Marinelli (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).