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Redaktionsblog: Im Ententeich

Das Behagen an der Unkultur

Von Thierry Chervel
18.01.2010. Henryk Broder ist ein Riese! Ganz allein ist er in der Mehrheit gegenüber all den kleinen Feuilletons. Die tapfere kleinere Minderheit aus Freitag, taz, Zeit, Süddeutsche, FAZ und FAS hat in den letzten Wochen ihren ganzen Mut zusammengenommen, um hinter dem anarchistischen Witz Broders den dunkel schimmernden "Fundamentalismus der Aufklärung" bloßzulegen. In einer ganzen Flut von Artikeln zurren sie ihn fest und pieken ihn, wie das Zwergenvölkchen bei Swift. Broder, schrieb Thomas Assheuer in der Zeit, "gibt sich stets Mühe, lustig zu schreiben, aber er meint es bitterernst". Das ist der Unterschied: Seine Gegner sind nicht mal lustig.
Henryk Broder ist ein Riese! Ganz allein ist er in der Mehrheit gegenüber all den kleinen Feuilletons. Die tapfere kleinere Minderheit aus Freitag, taz, Zeit, Süddeutsche, FAZ und FAS hat in den letzten Wochen ihren ganzen Mut zusammengenommen, um hinter dem anarchistischen Witz Broders den dunkel schimmernden "Fundamentalismus der Aufklärung" bloßzulegen. In einer ganzen Flut von Artikeln zurren sie ihn fest und pieken ihn, wie das Zwergenvölkchen bei Swift. Broder, schrieb Thomas Assheuer in der Zeit, "gibt sich stets Mühe, lustig zu schreiben, aber er meint es bitterernst". Das ist der Unterschied: Seine Gegner sind nicht mal lustig.

Es begann schon mit dem Klimagipfel in Kopenhagen, der die taz über Climategate und "Achse des Blöden" stöhnen ließ. Es kulminierte nach dem Schweizer Minarettverbot (seitdem ist Broder für den Freitag ein Rechtspopulist, mehr hier). Und es ging weiter nach dem Mordanschlag auf Westergaard. Held der Helden ist seit neuestem Claudius Seidl: Er versprach in der FAZ am Sonntag hoch und heilig, sein Leben hinzugeben, falls Henryk B. und seine fundamentalistischen Konsorten den muslimischen Frauen das Recht aufs Kopftuch erfolgreich streitig machen sollten. Zugegeben: Das ist unwahrscheinlich, aber wer weiß - am Ende sind die "Fundamentalisten der Aufklärung" zu Selbstmordattentaten fähig! Für das Recht, kein Kopftuch zu tragen, wollte Seidl sein Leben vorerst nicht in die Waagschale werfen.
 
Damit toppte der FAS-Feuilletonchef den SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye, der auf die Gefahr hin, als unpopulär zu gelten, den Mut aufbrachte, die Mohammed-Karikatur Kurt Westergaards ein für alle mal als nicht verteidigenswert fallen zu lassen. "Wer beleidigt, muss auch zugestehen, dass der Beleidigte beleidigt ist", teilte er an die Adresse Westergaards mit. Nach einer derart überzeugenden Intervention dürfte sich der Personenschutz für Westergaard kaum noch rechtfertigen lassen! Damit bekräftigte Kreye die Position der FAZ, der SZ und all der anderen Zeitungen, die ihre eigenen Leser nur per Hörensagen über die Karikaturen infomierten. Es sind ja immer diejenigen, die die islamistische Gefahr klein reden, die zugleich zu feige sind, die Karikaturen abzudrucken.

In diesem historischen Versagen einer Öffentlichkeit, die nicht mehr an ihre Fundamente glaubt, mag einer der Gründe für die unerhörte Massivität der Attacken gegen Broder und all die anderen "Fundamentalisten der Aufklärung" liegen. Schuldbewusstsein schweißt zusammen. Der Karikaturenstreit war eine Zäsur in der Geschichte der Medien. Er war zwar noch von einer Zeitung ausgelöst worden, aber die allermeisten anderen Zeitungen dieser Welt - und auch die allermeisten Fernsehanstalten - nahmen den Impuls nicht mehr auf. Sie zensierten die Zeichnungen mit wenigen Ausnahmen. Sie nannten sie plump (oder "albern", wie Thomas Steinfeld, mehr hier), um behaupten zu können, dass sich eine Veröffentlichung nicht lohne. Eine Kapitulation. Die Zeitungsleser informierten sich anderweitig. Eine einfache Google-Suche reichte aus. Seit dem Karikaturenstreit ist das Internet die eigentliche Öffentlichkeit, allen Wehmutsseufzern Habermas' zum Trotz. In den Zeitungen ließ die Affäre einen blinden Fleck. Und der breitet sich aus und pocht und arbeitet wie stets schon das schlechte Gewissen.

Immer saurer wird die Gouvernantenprosa (so Reinhard Mohr bei spiegel.de) unserer Verwalter der demokratischen Öffentlichkeit. Die Feuilletons sind zu Schutz- und Ausweichräumen eines immer mehr zum Pfäffischen tendierenden juste milieu geworden, das sich von den eigenen Traditionen der Kritik und des Witzes längst abgeschnitten hat. Klassisch liberale, aufklärerische Positionen lassen sich in praktisch keinem einzigen Feuilleton der Republik mehr artikulieren. Man erinnert sich an Zeiten, in denen Autoren wie Henryk Broder oder Ulrike Ackermann noch in der taz publizieren konnten, damals stand dort eine Fraktion der Realos gegen eine Fraktion der Fundis. Heute sind die Fundis weich gespült - und warten in sämtlichen Feuilletons auf die Rente. In den von ihnen entworfenen Feindbildern hat der Riese Broder meist zwei Frauen im Schlepptau, Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek.

Mag sein, dass sie das eigentliche Ziel der Feuilletonisten sind und dass man sie nur in männlicher Begleitung attackieren will. Dissidentinnen des Islams gelten ihnen als "rechts", als nützliche Idiotinnen von Populisten und Nazis. Der Ehrentitel der Feministin wird ihnen aberkannt. In einer obszönen Volte zieht die Berliner Professorin Birgit Rommelspacher, Trägerin der Louise-Schroeder-Medaille des Abgeordnetenhauses Berlin, in der taz eine Linie von Necla Kelek und Seyran Ates zu den Nazis. "Der Einsatz für Frauenrechte und der Kampf um Hegemonie sind nicht per se Antagonismen", doziert sie. Unter den Nazis zum Beispiel habe es antisemitische Feministinnen gegeben. Rommelspacher wirft Kelek und Ates vor, die Kultur des Islam für die Unterdrückung von Frauen verantwortlich zu machen, um im gleichen Atemzug zu erklären, dass das Christentum die Frauen doch auch unterdrücke. Ja, was denn nun? Der von Pascal Bruckner diagnostizierte "Rassismus der Antirassisten" offenbart in solchen Argumentation seine dümmste Fratze.

Im Artikelschwall der letzten Wochen haben die Feuilletonisten versucht, zwei Begriffe in Deutschland endgültig durchzusetzen, über deren Herkommen sie nicht informieren: den "Fundamentalismus der Aufklärung" und die "Islamophobie".
 
Natürlich gibt es antiislamische Affekte. Alles was fremd ist und seine Fremdheit in deutlichen Symbolen zeigt, kann auch Ressentiments auf sich ziehen. Der Bart des Sikh, die Schläfenlocken des Juden, das Kopftuch der Muslimin: Hass sucht Rechtfertigung. Der Mörder Marwa El-Sherbinis hatte genug Vorurteile über den Islam parat, um hier seine Argumente zu finden. Allerdings sind solche Zeichen austauschbar. Wäre sein Opfer eine Schwarze gewesen, dann hätte ihm die Hautfarbe als Argument gedient. Selbstverständlich muss man sich dagegen zur Wehr setzen. Der Mord an Marwa El-Sherbini war aber gerade auch den Zeitungen, die sich jetzt so sehr vor einer "Islamophobie" fürchten, zunächst nur eine Kurzmeldung wert, bis Demonstranten in Ägypten eine ausführlichere Berichterstattung erzwangen. Auch Angela Merkel hat nicht reagiert: Sie hätte den Ehemann von Marwa El-Sherbini besuchen müssen, um deutlich zu machen, dass Ausländerhass in Deutschland nicht geduldet wird.

Seit wann spricht man eigentlich von "Islamophobie"? Seit wann hat sich der Begriff im Westen durchgesetzt? Gibt es eine allgemeine Tendenz zur Diskriminierung und Dämonisierung des Islams? Sind wir schon so weit, dass wir Polizisten vor Moscheen postieren müssen, um sie zu schützen? Oder ist nicht der früher gebrauchte Begriff der Fremdenfeindlichkeit nach wie vor angemessener, um Phänomene der Diskriminierung und Gewalt zu beschreiben? Die Welle ausländerfeindlicher Gewalt nach dem Mauerfall, gegen die Politik und Medien seinerzeit spät genug aufstanden, hätte sich nicht unter dem Begriff der Islamophobie fassen lassen: Sie richtete sich gegen Vietnamesen ebenso wie gegen Türken. Seitdem verstellt der Begriff der Islamophobie den Blick auf andere Formen der Diskriminierung. Die Muslime - das heißt, die selbsternannten Sprecher der Muslime - schreien halt am lautesten.
 
Sie haben mächtige Lobbys, die anders als die berühmte "Israel-Lobby" kein Raunen in deutschen Redaktionsstuben auslösen: Saudi Arabien, den Iran, die Organisation islamischer Staaten, ja, und eigentlich auch den UN-Menschenrechtsrat, der lange Zeit von islamischen Ländern und ihren Partnern dominiert wurde und der es fertig brachte, eine Antirassismuskonferenz der UN von einem Holocaustleugner eröffnen zu lassen. Im April war's - sein Name ist Mahmud Achmadinedschad.
 
Der von unseren Toleranzpredigern ohne jede Reflexion gehandhabte Begriff der "Islamophobie" ist in erster Linie ein Kampfbegriff der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), die seit dem Karikaturenstreit Monats- und Jahresberichte über islamophobe Vorfälle in der westlichen Welt vorlegt - wohlgemerkt: ausschließlich in der westlichen Welt. Von der Verfolgung der Tschetschenen oder der Uiguren ist im letzten Bericht zum Beispiel mit keinem Wort die Rede, denn Russland und China sind strategische Verbündete der islamischen Staaten bei Abstimmungen in der UNO, wo die islamischen Staaten ihren Krieg der Kulturen mit Vorliebe führen. China und Russland stimmten zusammen mit anderen honorigen Mitgliedern der Vereinten Nationen wie Uganda oder Simbabwe für eine UN-Resolution gegen "Diffamierung von Religionen", die als einzige Religion den Islam explizit erwähnt (mehr hier).
 
Der Begriff der Islamophobie dient den 57 Ländern der Organisation - darunter lupenreine Demokratien wie der Iran, Saudi-Arabien, der Sudan - vor allem dazu, einen Gegenbegriff zum Begriff der Menschenrechte zu entwickeln, dessen Anspruch auf Universalität und zugleich Konzentration auf das Individuum sie zutiefst irritiert. Der Menschenrechtsbegriff der OIC ist dagegen religiös kodiert: Die "Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam" (mehr hier) von 1990 erklärt ausdrücklich die Scharia zu seiner unüberschreitbaren Grundlage. Von den westlichen Ländern wird hierfür Respekt gefordert - die UN, die Durban-Konferenz und ihre Nachfolgekonferenz in Genf und die Resolution gegen die Diffamierung von Religionen gehören zu den Hebeln dieser Machtpolitik der Begriffe.

Der Respekt des Westens soll sich, wie es in den Islamophobie-Berichten heißt, durch einen "verantwortungsvollen Umgang mit der Meinungsfreiheit" artikulieren. Die Demokratien haben längst geliefert: Gunnar Herrmann freut sich zum Beispiel in einem SZ-Artikel über den aktuellen Stand der Karikaturendebatte in Dänemark, dass viele Dänen ihren Respekt für religiöse Gefühle bekennen: "So ein Verhalten wird heute zwar als Selbstzensur bezeichnet, früher aber nannte man es Taktgefühl." Der Verzicht auf den Abdruck der Karikaturen in einem Buch über den Karikaturenstreit, der Verzicht auf Gregor Schneiders schwarzen Würfel vor dem Hamburger Bahnhof in Berlin: All das sind Akte eines "verantwortungsvollen Umgangs mit der Meinungsfreiheit". Und unsere Qualitätsmedien sind heute oft die prominentesten Unterstützer religiöser Vorzensur.

Da sie diese Vorzensur im Fall der Karikaturen selbst ausübten, können die Zeitungen sie nun bei anderen Institutionen kaum mehr glaubhaft kritisieren. Auffällig ist darum, dass viele Fälle solcher Vorzensur, wie etwa der Verzicht des Metropolitan Museums auf historische Mohammed-Abbildungen in der Ausstellung seiner islamischen Sammlung, in vielen Zeitungen allenfalls noch als Kurzmeldung kursieren. Sie sind für diese Medien nicht mehr thematisierbar.
 
Die "Fundamentalisten der Aufklärung" sind darum perfekte Ersatzobjekte für Leitartikler, um sich überhaupt noch in Positur werfen zu können. Die Öffentlichkeit wird dadurch öde, weil die Gegenposition in den meisten dieser Medien gar nicht mehr zugelassen wird. So dankbar man sein muss, dass die Öffentlichkeit nicht mehr der Filter von "Qualitätsmedien" wie den Feuilletons der FAZ und der SZ bedarf: Die Artikel der Thomas Steinfelds, Claudius Seidls, Thomas Assheuers und Andrian Kreyes sind ja doch Chefsache. Sie markieren ein weithin abgestecktes Terrain. Steinfeld münzt es auf die Gegenseite und beschreibt doch sich selbst: "Absolut selbstgerecht schauen die Kulturkämpfer auf sich selbst, und was ihnen entgegentritt, das wird geächtet. Der Debatte tut das nicht gut", schreibt er in der SZ. Als würde nicht er selbst die Debatte organisieren, und als hätten die Keleks und Broders, die in der SZ in kurzer Zeit mehrmals angegriffen wurden, in dieser Zeitung je noch die Chance auf Erwiderung!

Und so kommt es, dass ausgerechnet diejenigen, die permanent die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus fordern, den Witz der Kritik als Hasspredigt verteufeln.
 
Wie mürbe sind eigentlich die Hirne von Intellektuellen, die die Konsequenzen aus einer politischen Setzung wie dem Begriff der "Islamophobie" vorauseilend selbst ziehen: Ausgerechnet der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz sieht in der SZ, die sich zum Zentralorgan der Kritikophobie gemausert hat, eine Parallele zwischen "Islamophobie" und dem Antisemitismus. In einer Antwort auf seinen Kollegen Benz schreibt Julius Schoeps im österreichischen Portal juedische.at (warum eigentlich nicht in der SZ?): "Wo, frage ich mich, sind in diesem Vergleichskonzept die 'parallelen Wahnvorstellungen', gemäß denen Muslime 'aus rituellen Gründen' Kinder töten, Brunnen vergiften, Kulturen und Völker zerstören, den Ärmsten de Welt das letzte Hemd nehmen oder wahlweise blutige Revolutionen anzetteln? Wo ist der muslimische Alfred Dreyfus, dem in Europa öffentlich die Epauletten abgerissen werden? Wer unterstellt (gemäßigten) Muslimen hierzulande den Plan von der großen Weltverschwörung?"

Die Opferkonkurrenz dürfte das treibende Motiv hinter der Konstruktion sein. Sie zielt auf das schlechte Gewissen der einzigen Gesellschaftsform, die den Selbstzweifel instituiert hat: der Demokratien. Man beneidet die Juden um den Holocaust und baut sich selber einen zurecht: Sieht der Gaza-Streifen nicht eins a aus wie das Warschauer Getto? In die gleiche Richtung zielt der postkoloniale Diskurs, der den arabischen und afrikanischen Anteil aus der Geschichte der Sklaverei herauskürzt, um den Demokratien eine weitere Exklusivschuld aufzuhalsen. Was macht es schon, dass in Darfur Nachfahren von Sklavenhändlern, die stolz darauf sind, Nachfahren von Sklavenvölkern zerstückeln und verbrennen? Der Sudan ist ja Mitglied der OIC.
 
Pascal Bruckner hatte es schon in seinem Artikel zur Durban-Konferenz (auf Deutsch im Perlentaucher) gesagt: "Der Antirassismus ist in der UNO zur Ideologie der totalitären Bewegungen geworden, die ihn für ihre Zwecke benutzen. Diktaturen oder notorische Halbdiktaturen (Libyen, Pakistan, Iran, Saudi Arabien, Algerien; Kuba, Venezuela und so weiter) bemächtigen sich einer demokratischen Sprache und instrumentalisieren juristische Standards, um sie gegen die Demokratien in Stellung zu bringen und sich selbst niemals in Frage zu stellen."

Der andere Begriff, der sich neben der "Islamophobie" wie ein Pilz in die Hirne der Wohlmeinenden gefressen hat, ist der des "Fundamentalismus der Aufklärung". Er ist jetzt sozusagen offiziell: Gustav Seibt nennt die Logik der Gegner des von ihm gepriesenen Religionsfriedens in der SZ "fundamentalistisch" (mehr hier). Thomas Assheuer findet in der Zeit, dass die Argumente der Säkularisten "eine fundamentalistische Schlagseite" haben, für Steinfeld ist es in der SZ ohnehin sonnenklar: Kelek, Hirsi Ali und Broder sind "unsere Hassprediger". Damit hat er die drei dann endgültig Osama bin Laden und Mullah Omar zur Seite gestellt.

Wer so leichthin mit dieser Vokabel operiert, der sollte sich allerdings erinnern, wem sie zunächst zu Herzen ging: Mohammed Bouyeri rammte sie Theo van Gogh, nachdem er ihm mehrere Schüsse in den Leib gejagt und die Kehle aufgeschlitzt hatte, mit dem Messer in die Brust: "Ich weiß, oh Fundamentalisten des Unglaubens, ihr werdet untergehen." In diesen Worten kulminierte das von Bouyeri derart expedierte Bekennerschreiben. Eine ganze Fraktion westlicher Intellektueller betrachtet dieses Schreiben seither als Einladung zum Dialog der Kulturen.

Die Rede vom Fundamentalismus der Aufklärung (oder wahlweise des Unglaubens oder der Menschenrechte) mag vorher schon hier und dort kursiert haben, nun war sie als Argumentationsfigur geprägt. Sie begegnet dem Leser in dem Buch Ian Burumas über den Mord an van Gogh. Timothy Garton Ash griff sie in einem Essay über das Buch und den Islam in Europa im allgemeinen auf und machte sie zur feststehenden Wendung: Ayaan Hirsi Ali sei eine "etwas schlicht argumentierende Fundamentalistin der Aufklärung", diagnostizierte er in einer fast unbewussten Appropriation des Infamen, und klopfte es dann noch mal fest: Bouyeri habe "nicht völlig falsch" gelegen, "als er als seinen europäischen Hauptfeind den 'Fundamentalismus des Unglaubens'" ausmachte.

Garton Ash hat sich nach einer Diskussion mit Hirsi Ali von dem Begriff distanziert: "Ich möchte betonen, dass ich seitdem den Begriff 'Fundamentalist der Aufklärung' längst aufgegeben habe, denn er führt zu dem Missverständnis, dass eine Symmetrie zum 'islamischen Fundamentalisten' gemeint sein könnte", schreibt er in einer Fußnote in seinem neuesten Buch, wo er seinen Essay aus der New York Review of Books wiederveröffentlicht hat. Aber der Begriff ließ sich nicht wieder zurückholen. Kaum hatte Garton Ash ihn fallen gelassen, eilte John Gray, der andere populäre politische Denker in Großbritannien, herbei, um ihn wieder aufzurichten. "Garton Ash mag zögern, den Begriff des Fundamentalismus der Aufklärung zu verwenden, weil dieser Begriff nahe legt, dass wir in einen unbeherrschbaren Konflikt abdriften. Aber genau diese Gefahr eines Clashs der Fundamentalismen ist real", schrieb er in seiner Kritik des 400-seitigen Buches, in der er ausschließlich auf diese zehnzeilige Anmerkung einging.

Genau jene Intellektuellen, die an diesem Begriff festhalten, scheinen also überzeugt zu sein, dass wir uns in einem "Kampf der Kulturen" befinden - sonst hätte ja die Konstruktion einer Symmetrie der Begriffe gar keinen Sinn. Zumindest unsere kurz denkenden Leitartikler verwickeln sich hier aber in einen Widerspruch, denn sie hören ja andererseits nicht auf, die Gefahr, die vom Islamismus ausgeht, kleinzureden. Oder glauben sie, dass "unsere Hassprediger" Kelek und Broder für den 11. September verantwortlich sind?

Fundamentalismus ist per se irrational, so etwas wie einen "Fundamentalismus der Aufklärung" kann es also eigentlich gar nicht geben. Was Steinfeld, Assheuer und Kreye den Aufklärern Hirsi Ali, Kelek oder Broder vorwerfen, ist eigentlich, dass sie so etwas wie einen "Fundamentalismus des Unglaubens" predigten - ganz wie auch Bouyeri es meinte. Sie behaupten, Hirsi Ali verlangte von den Muslimen, dass sie ihrem Glauben abschwören, wenn sie im Westen leben wollen. Thomas Assheuer biegt es sich in der Zeit so hin, bis es passt: Nach Argumentation der "leidgeprüften Hirsi Ali" müsse "die Religion, die keine ist, aufgeklärt und, so darf man ergänzen, zum Verschwinden gebracht werden" oder "Weil der Islam für Hirsi Ali das 'ganz Andere' der säkularen Vernunft ist, darf es nur ein Entweder oder geben: Die Muslime müssten eine 'Wahl treffen zwischen den Werten der Länder, in die sie gekommen sind, und den Werten der Länder, die sie verlassen haben'. Muslime, heißt dies, müssen ihrer Religion abschwören." Es ist Unterstellung. Hirsi Ali verlangt nur von den Muslimen, wie von allen Gläubigen, jene Toleranz, die auch ihnen erwiesen wird. Ein "Abschwören" verlangt sie nirgends.

Aufklärung setzt ja überhaupt erst den Rahmen, der eine Koexistenz von Religionen möglich macht. Der von Gustav Seibt besungene Religionsfriede war zunächst ein Frieden gegen die Religionen - gegen ihren entfesselten Totalitätsanspruch -, bevor er zum Frieden mit den Religionen wurde. Wahr wird Religion allerdings im Religionsfrieden noch nicht, weil hier der einzelne Gläubige immer noch unter Kuratell seiner Priester steht. Wahr wird sie erst im persönlichen Bekenntnis, also dann, wenn ein Gläubiger auch die Freiheit hat, sich von seiner Religion zu lösen, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen. Also in einer aufgeklärten, säkularisierten Gesellschaft, die den Totalitätsanspruch der Religionen in Schach hält.

Die heikle Relativität der Religionen erreicht Aufklärung, weil sie selber darauf verzichtet, letzte Wahrheiten auszusprechen - und das ist der wahre Grund, warum sie nicht fundamentalistisch sein kann. Fundamentalistisch wäre Aufklärung allenfalls, wenn sie ihren Relativismus absolut setzte, also in einem Denken des "anything goes" und "nothing matters".

Thomas Steinfeld liefert in seinem Artikel ein krasses Beispiel für eine derartige Selbstabdankung der demokratischen Öffentlichkeit. Kelek und Broder wirft er vor, mit den westlichen Werten so kämpferisch umzugehen wie der radikale Islam mit seinen heiligen Schriften (soso: Wann haben sie denn zuletzt zum Mord aufgerufen?) Wer an die Werte der Aufklärung glaubt, so der Dialektiker, verhält sich schon "wie der, den man sich zum Feind erkoren hat". Schon klar: Der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung glaubt jedenfalls nicht dran.

Totaler Relativismus: So gesehen wären also Autoren wie Thomas Steinfeld, der den Begriff der westlichen Werte nur in Anführungszeichen anfasst, oder Andrian Kreye, der die Aufklärung als judäo-christliche Folklore abtut, die eigentlichen Fundamentalisten der Aufklärung. Aber man scheut dann wieder vor dem Begriff zurück. Zu unfest ist ihr Diskurs, innerlich zu morsch.

Thierry Chervel


twitter.com/chervel

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