Heute in den Feuilletons

Rekombination des immer Gleichen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2009. Der Papst war in Jerusalem, Depeche Mode waren in Tel Aviv. Die SZ entschied sich - für Tel Aviv. Die Welt ist fasziniert: In "Riesenbutzbach" wird mit Menschen gehobelt. Die taz schildert vergebliche Vereinigungsbemühungen von Ost- und Westfeministinnen. In der FAZ erzählt Andrzej Stasiuk sein 89. Carta ist überzeugt: Der deutsche Journalismus geht gerade wegen seiner Rettungsringe unter.

Welt, 12.05.2009

Seltsame Dinge hat Ulrich Weinzierl in Christoph Marthalers Wiener Spektakel "Riesenbutzbach" gesehen, in dem der Regisseur mit Bach-Arien gegen den Kapitalismus auf die Barrikaden geht: "Seine Figuren verwandeln sich in Instrumente, auf buchstäbliche und erschreckende Weise: Der eine verwendet den anderen als Hobel, den er zur schleifenden Tonerzeugung über den Tisch hin und her zieht."

Weitere Artikel: Peter Schütt berichtet über eine regelrechte Obamania im Iran, der sich gerade im Präsidentschaftswahlkampf befindet ("Auffällig ist, dass auf den Plakaten beider Kandidaten, von Ahmadinedschad und Moussavi, überall im Lande ein mit Filzstift hinzugeschriebener dritter Namen zu lesen ist: Obama. Auf zahllosen anderen Plakaten und Werbetafeln ist ein anderer Zusatz hinzugefügt, das englische Wort 'Change'"). Eine Künstlergruppe will auf der Website wikipediaart.org das Prinzip der Schwarmintelligenz in Frage stellen, und Wikipedia reagiert wie ein verschnupfter Medienkonzern mit Klagedrohung - dabei sollte das Projekt erstmal in seinen eigenen Artikeln für Akkuratesse sorgen, meint Hendrik Werner in der Leitglosse. Josef Engels begutachtet den soigniert angerauten Gesang einiger hübscher blonder Jazzsängerinnen, die demnächst auf Deutschlandtournee gehen. Peter Beddies porträtiert den Chef des Pixar-Studios John Lasseter, dessen neuester Film "Oben" das Festival von Cannes eröffnet. Gerhard Gnauck berichtet über neue polnische Historienfilme, darunter den Film "Nil" über den polnischen Widerstandshelden Emil August Fieldorf, der Widerstand gegen die Nazis leistete und von den Sowjets nach ausführlicher Folterung hingerichtet wurde.

Besprochen wird Haydns Oper "Orlando Paladino" an der Berliner Staatsoper.

NZZ, 12.05.2009

Dirk Naguschewski hörte den Eröffnungsvortrag Wole Soyinkas zur alljährlich stattfindenden Konferenz der nordamerikanischen African Literature Association (ALA). Soyinka konstatierte einen Kosmopolitismus der afrikanischen Literatur und plädierte dafür, "allgemeine Kategorisierungen wie 'afrikanische Kultur' möglichst hinter sich zu lassen". Aber wie soll man sie dann an Universitäten lehren, fragt sich Naguschewski.

Besprochen werden David Pountneys Inszenierung von Händels Oper "Agrippina" im Zürcher Opernhaus, die Uraufführung von Christoph Marthalers Stück "Riesenbutzbach - eine Dauerkolonie" bei den Wiener Festwochen (Die "Blödeleien" der Aufführung "sind allesamt schmerzhaft zweischneidig. Die Komik macht Ernst: Fertig lustig, auch wenn gelacht werden darf", schreibt nicht unbeeindruckt Barbara Villiger Heilig und Bücher, darunter John Wrays Roman "Retter der Welt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr)

TAZ, 12.05.2009

Simone Schmollack wirft in tazzwei einen Blick zurück auf die Vereinigungsbemühungen von West- und Ostfeministinnen nach der Wende: "Streiten die Frauen mal nicht über den Nachwuchs, zerfetzen sie sich über den Sinn und Unsinn von Quoten, über die Frage, ob Feministinnen Miniröcke tragen dürfen und ob eine Frau ein Lehrer oder eine Lehrerin ist. Fast alle Ostfrauen benutzen damals die männliche Variante, so sind sie es gewohnt. Die Westfrauen sehen darin einen Totalangriff."

Für den Kulturteil besucht Philipp Gessler die Ausstellung "Blut und Geist - Vereinnahmung, Missbrauch, Ausmerzung: Bach, Mendelssohn und ihre Musik im 'Dritten Reich'" in Eisenach. Johann Tischewski erzählt von der Arbeit der Theatergruppe "Tarmac des Auteurs" in Kinshasa. Diedrich Diederichsen findet in seiner Kolumne "Später mehr" den Weg von Rilkes "du" zur Niedlichkeitskultur der nuller Jahre. Besprochen werden Bücher, darunter Didier Goupils Kuba-Roman "Castro ist tot", der dem Maximo Lider laut Knut Henkel aber Unrecht tut.

Tom.
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Aus den Blogs, 12.05.2009

Journalismus und Kultur werden durch das Internet aussterben? Unfug, meint Andreas Göldi in Netzwertig: "Was sich hingegen sehr dramatisch ändert, ist der Weg vom Produzenten zum Konsumenten. Und hier kommen die kommerziellen Interessen ins Spiel, denn das meiste Geld wird in unserer Wirtschaft nicht von den eigentlichen Produzenten verdient, sondern von den Intermediären - all den Zwischenhändlern, Logistikern, Aggregatoren und Einzelhändlern, die ein Produkt zum Abnehmer bringen. Milchbauern sind meistens nicht reich, die Besitzer von Aldi schon. Journalisten sind meistens nicht sehr vermögend, Inhaber von Zeitungsverlagen (bisher) schon."

"Verlage hatten über Dekaden äußerst privilegierte Positionen inne." Darüber sind sie faul, fett und unkritisch geworden, meint Otfried Jarren in Carta. "Auf dem hohen Ross sitzend, zu gerne Kirchen und Politik kritisierend, hat man sich selbst nicht der Debatte gestellt. (...) Es gibt faktisch keinen Bereich mehr in der Gesellschaft, der sich nicht selbst prüft, evaluiert wird oder sich dem Diskurs stellen muss. Die Journalisten aber verweigern jedes Moment an kritischer (Selbst-)Reflexion. Die Reflexionsmängel sind offenkundig."

Im International Center for Photography in New York läuft eine Richard-Avedon-Ausstellung. Der New Yorker zeigt 15 Bilder, dies ist das schönste: Man weiß nicht, wen man mehr bewundern soll, Dovima oder den Hund.

Auf Bildblog erzählt Lukas Heimser, dass das soziale Netzwerk StudiVZ so gut wie nichts dagegen unternimmt, dass Medien Bilder von Mitgliedern des Netzwerkes für ihre Berichterstattung klauen: "Die Pflicht, dagegen zu kämpfen, hätten vor allem die Betreiber der Netzwerke. Man sollte annehmen, dass sie sogar ein Interesse daran hätten, schon aus Verantwortung ihren Nutzern gegenüber." (Kann es sein, dass Holtzbrinck Rechte auf die Fotos geltend macht und sie sich von den Kollegen bezahlen lässt?)

Thomas Knüwer kommentiert in Indiskretion Ehrensache hochfahrende Äußerungen zu Guttenbergs und von der Leyens zur Petition gegegn die Kinderpornosperre: "Solch eine Haltung muss man sich leisten können. Man kann sie sich leisten, so lange die Popularitätskurve nach oben geht. Doch das ändert sich im konkreten Fall derzeit. Denn so mancher Journalist hat die Nase nun voll von der PR-Maschine von der Leyen."

Facebook hat einige antisemitische Seiten nicht gestrichen, weil es auch "kontroverse Inhalte" nicht sperren will. Nicole Ferraro stellt in Internet Evolution eine Gegenfrage: "That's nice, right? Facebook doesn't discriminate. Except, well, it does, actually. Just recently, Facebook banned photos of breastfeeding mothers from its site, because they're 'indecent'. Facebook has also removed groups that imply or threaten violence, like 'The Isle of Man KKK' group. But Holocaust-denial and anti-Semitism, well, that doesn't seem to cross any lines." Hierzu auch Johnny Häusler im Spreeblick.

FR, 12.05.2009

Jutta Limbach plädiert für Gesine Schwan als Bundespräsidentin. Sie habe sich selbst als Kandidatin aufgedrängt? Ach, "sind hier einige Herren peinlich berührt, weil sich ein offen zur Schau getragener politischer Ehrgeiz für eine Frau nicht schickt? Offenbar haben noch nicht alle Politiker und Journalisten die Lektion verdaut, die uns Angela Merkel mit ihrem zielstrebigen Weg zur Macht erteilt hat." Und dann der Vorwurf, sie biedere sich bei der Linken an. Ziemlich demokratievergessen findet das Limbach. "Offenbar sind die Linken Schmuddelkinder, von denen sich eine Demokratin in der Bundesversammlung nicht wählen lässt. Diesen selbstgerechten Kritkern sei ins Gedächtnis gerufen, dass die Vertreter der Linken in der Bundesversammlung demokratisch legitimiert sind. Ebenso wie die Abgeordneten der anderen Parteien sind die Abgeordneten der Linken Vertreter des ganzen Volkes."

Weitere Artikel: Der taiwanesische Choreograf Lin Hwai-Min, der heute in Wolfsburg einen Preis für sein Lebenswerk erhält, erklärt im Interview, warum er 1988 sein Cloud Gate Dance Theatre auflöste und 1991 neu gründete. Sandra Danicke unterhält sich mit dem Architekten Takaharu Tezuka, dessen Arbeiten gerade in der Ausstellung "Erinnerte Zukunft" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt vorgestellt werden. In Times Mager freut sich Christian Thomas über die "Venus von Schelklingen", eine etwa 35.000 Jahre alte Figur, die in einer Höhle der Schwäbische Alb gefunden wurde.

Besprochen werden das Musiktheaterstück "Conversations a Rechlin" am Grand Theatre de Geneve, die Aufführung von Peter Ruzickas Oper "Celan" in Bremen, Jean-Christophe Maillots Choreografie des "Faust" und der neue Gedichtband von Hans Magnus Enzensberger (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 12.05.2009

Der Papst war in Jerusalem, Depeche Mode waren in Tel Aviv. Raten Sie, wer mehr Begeisterung ausgelöst hat. Alexander Gorkow war dabei: "Man merkt an diesem Abend in Tel Aviv, mit welcher Inbrunst die vielen Fans die sehnsuchtsvoll um Identität, Frieden und Freundschaft kreisenden Refrains der Band quasi entreißen und selbst anstimmen."

Personal Jesus in Tel Aviv:



Gustav Seibt rät Peer Steinbrück, sich im Umgang mit kleiner Ländern nicht Napoleon, sondern Talleyrand zum Vorbild zu nehmen. Ersterer hatte ein große Klappe, ein hochfahrendes Wesen und endete unschön. Letzterer dagegen "wusste, dass in zwischenstaatlichem Verkehr die Fiktion herrschen müsse, alle souveränen Länder seien gleichrangig - ob Frankreich oder Schwarzburg-Rudolstadt. Demütigungen wirken oft übler als materielle Bedrückung. Talleyrand war so beliebt, dass er im Jahr 1814 nach Napoleons Sturz nicht zuletzt mit Hilfe der kleineren deutschen Länder und Österreichs gegen Preußen und Russland einen sensationell milden Frieden für Frankreich aushandeln konnte."

Weitere Artikel: Jüb. meldet die Preisträger des Heidelberger Stückemarkts. Doris Kuhn überlegt, was die Teenager-Idole Zac Efron und Robert Pattinson "voll süß" macht. Eugen Brysch von der Deutschen Hospiz Stiftung rät, sich bei Abfassung einer Patientenverfügung gut beraten zu lassen und sie dann schriftlich abzufassen. Auf der Medienseite berichtet Wolfgang Luef über eine Diskussion um eine geplante Änderung der Nutzungs- und Vervielfältigungsrechte von Wikipedia-Artikeln.

Besprochen werden die Ausstellung ""Die Sterne lügen nicht. Astronomie und Astrologie im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit" in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Simeon Blaesis Inszenierung der ersten Szene von Schnitzlers "Reigen" in Second Life (mehr hier), die Uraufführung von Christoph Marthalers Stück "Riesenbutzbach" bei den Wiener Festwochen (mehr dazu bei der Nachtkritik) und Bücher, darunter Nazim Hikmets Gedichte in "Die Namen der Sehnsucht" (hier vier Beispiele, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 12.05.2009

Gewohnt nonchalant zählt der polnische Autor Andrzej Stasiuk die Veränderungen auf, die der Fall des Ostblocks in sein Leben gebracht hat: "Ja, die Berliner Mauer ist gefallen, die Solidarnosc hat die Sowjets ausgetrickst, und das alles nur, damit ich nach Tirana reisen kann, so oft es mir gefällt. Ich verdiene Euro in Berlin, indem ich das dortige literarische Publikum unterhalte, und gebe sie in Montenegro für Vranac oder in Moldawien für Dionis-Wein aus. Das ist mein Beitrag zur Vereinigung des Kontinents, das ist meine geheime Mission, die die meisten diplomatischen Geheimmissionen meines Landes an Bedeutung übertrifft."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland berichtet von einer Diskussion bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen, in denen über die Gegenwart und Zukunft von Copyright und Urheberrecht nachgedacht wurde. In der Glosse schreibt Lorenz Jäger zum Tod von Venetia Phair, die, als sie elf Jahre alt war, einem Planeten (bzw. nachmaligen Zwergplaneten) den Namen "Pluto" gab. Im "Glossar der Krise" schreibt Mark Siemons über die "Gier". Jan Volker Röhnert schreibt zum wahrscheinlichen Tod des Dichters Craig Arnold, dessen auch in seinem Weblog "Volcano Pilgrim - Five Months as a Travelling Poet" dokumentierte Liebe zu Vulkanen ihm nun wohl zum Verhängnis wurde.

Auf der Medienseite lässt sich die FAZ von der Sankt-Gallener Medienprofessorin Miriam Meckel ihre Unverzichtbarkeit bestätigen. Denn laut Professorin bringen nur die alten Medien das "Neue" in die Welt (das vom Netz dann unter Umgehung der Urheberrechte recycelt wird): "Ein Großteil der Inhalte, die in Weblogs und auf Social Networking Sites präsentiert und diskutiert werden, stammen aus der Recherche und Publikation der traditionellen Medien. Ohne deren Angebote wären viele Weblogs inhaltlich eine wüste Ödnis. Das schmälert nicht ihre Leistung." Michael Hanfeld meldet, dass die im Iran inhaftierte US-Journalistin Roxana Saberi nun auf Bewährung frei gekommen ist. Und Jürg Altwegg berichtet unter der Überschrift "Genozid an der Kultur" über den Streit über die Loi Hadopi in Frankreich.

Besprochen werden die Wiener Uraufführung von Christoph Marthalers neuer Inszenierung "Riesenbutzbach", ein Konzert des Country-Sängers Ben Kweller in Heidelberg, ein Konzert der Band Green Day in Köln, die Platte "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld" der Band Kreisky, der Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" und Mohammed Hanifs Roman "Eine Kiste explodierender Mangos" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).