Heute in den Feuilletons

Eine Frau muss wissen, wo ihr Platz ist

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2009. In der FR geht Franzobel ganz allgemein das Lukullisch-Sexuell-Religiöse ab. Die NZZ hat sich schon mal den Kindler angeguckt, der im September erscheint. Im Tagesspiegel macht Jean Ziegler den Kapitalismus für den Hunger in der Welt verantwortlich. Die FAZ sucht nach der Meinungsfreiheit in Venezuela, findet sie aber nicht. Die Welt bewundert Händel im Kerzenschein. Gawker feiert die Gayest Oscars Ever.

FR, 23.02.2009

Schriftsteller Franzobel vermisst das wahrhaft Orgiastische in unserer Welt, das Lukullisch-Sexuell-Religiöse: "So oder so, unsere Zeit ist ohne Zwänge und daher ohne Orgien, alles ist light und mager, kalorienarm. Heute ist es unvorstellbar, dass man völlert, bis nur noch ein Gänsekiel Abhilfe schafft, heute schlägt man sich nicht mehr die Bäuche mit Fasanen und Kapaunen voll, heute trinkt man Mineralwasser, lutscht Vitamintabletten und löffelt fettfreien Joghurt. Auch in der Oper wird nicht mehr gevöllert, in den Logen kaum noch kopuliert, jetzt steht man in der Pause an für ein Eiaufstrichbrötchen um acht Euro und ein Glas schlechten Sekt, was man nicht genießen kann, weil es bereits zum nächsten Akt läutet. Die einzigen Veranstaltungen, die sich Orgien nennen, finden in vorstädtischen Swingerklubs auf desinfizierten Matratzen und zwischen Möbeln aus Pressspanplatten statt, wo man sich gegenseitig die Körperöffnungen mit Sprühschlagsahne füllt."

Weiteres: In Times mager erklärt Christian Schlüter, warum Heidi Klum nicht Avantgarde, sondern Werbung ist. Von einem gespenstischen Erlebnis der Habsburger-Nostalgie in Frieder Brudas Museum in Baden-Baden berichtet ein fassungsloser Peter Iden. Auf der Medienseite singt Daniel Bouhs dem ZDF-Politmagazin Frontal 21 eine Hymne, morgen tritt es mit Hilke Petersen als neuer Moderatorin an.

Besprochen werden die Bundesrepublik-Revue "Schwarz Gold Rot" im Frankfurter Schauspiel und Martin Nimz' Stück "Ein Mond für die Beladenen" ebenfalls in Frankfurter Schauspiel.

Tagesspiegel, 23.02.2009

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler zeigt im Interview mit dem Finger auf die westlichen Staaten, den Kapitalismus, den Neoliberalismus etc. und macht sie für den Hunger in der Welt verantwortlich. "Jeden Tag sterben hunderttausend Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 963 Millionen Menschen sind permanent schwerstens unterernährt, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. Laut Welternährungsorganisation aber könnte die derzeitige Landwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren, also das Doppelte der Menschheit. Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. Wir brauchen einen neuen planetarischen Gesellschaftsvertrag."

NZZ, 23.02.2009

Online gemeldet werden die Oscar-Gewinner.

Im September gibt es eine vollständig überarbeitete dritte Auflage von Kindlers Literaturlexikon, weiß Roman Bucheli. Ein Heer von 1600 Mitarbeitern war mit der Umarbeitung der Literaturenzyklopädie beschäftigt; deren Umfang wurde von zweiundzwanzig auf achtzehn Bände runtergebrochen: "Da wurde, man kann es sich denken, hart um den knappen Raum gefeilscht. So meinte etwa der für die indische Literatur zuständige Fachberater, dass sein Gebiet allein über zehntausend Seiten beanspruchen müsste. Er erhielt dann dreihundert Seiten und damit immerhin das Dreifache des Umfangs im alten 'Kindler'."

In einem weiteren Artikel resümiert der Politikwissenschaftler Hans Maier den Skandal um die Rehabilitierung des holocaustleugnenden Bischofs Williamson und stellt fest, dass man sich fast freuen müsste über die jüngsten Ereignisse - schließlich haben diese den Prozess der Wiederannäherung des Vatikans an die Pius-Bruderschaft angehalten.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung zu Kunst und Kultur der Gandhara-Zeit in der Kunsthalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, ein Konzert der Berliner Philharmoniker in Zürich und eine Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" am Theater Basel.
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TAZ, 23.02.2009

Die russische Menschenrechtlerin Svetlana Gannuschkina weist auf einer Tagesthemenseite auf die schreckliche Lage der Frauen in Tschetschenien hin. Immer häufiger werden sie kaltblütig exekutiert, weil sie nicht dem tschetschenischen Verhaltenskodex gehorchen. Gannuschkina zitiert den Präsidenten Kadyrow: "'Eine Frau muss wissen, wo ihr Platz ist. Sie muss uns ihre Liebe schenken. Der Mann ist ihr Eigentümer. Wenn eine Frau bei uns über die Stränge schlägt, wird sie von den Verwandten getötet. So sind unsere Sitten. Dass ein Bruder seine Schwester, ein Mann seine Frau tötet, das kann vorkommen. Als Präsident darf ich es nicht tolerieren, dass sie töten. Dann sollen aber die Frauen auch bitte keine Shorts tragen', sagte er in einem Interview mit der Zeitung Komsomolskaja Prawda."

Weiteres: Thomas Wagner begibt sich auf kulturanthropologische Spurensuche nach dem Karnevalistischen bei Mesopotamiern, Römern und Zulus. In einer Kolumne aus Rio de Janeiro beschreibt Miriam Janke die Stadt so: "Zickig ist sie nicht, die Diva, eher eine unglücklich gealterte Dame, die jetzt einen Buckel bekommen hat." Simone Kaempf bespricht Oliver Bukowskis Stück "Kritische Masse" am Hamburger Schauspielhaus.

Und Tom.

Weitere Medien, 23.02.2009

(Via Achse des Guten) Der Wiener Kurier berichtet über das Swat-Tal in Pakistan, das von den Taliban übernommen wurde: "Die politische Elite des Swat-Tals, einst Hochburg der Volkspartei von Staatspräsident Zardari, ist vertrieben, nachdem die Taliban unliebsame Männer hängten und einer alleinerziehenden Mutter laut Neue Zürcher Zeitung die Kehle durchschnitten, weil sie ihre Kinder als Lehrerin durchzubringen versuchte. Bis zu 500.000 der 1,5 Millionen Einwohner sollen geflüchtet sein. Lehrer und Schuldirektoren werden von den Taliban mit dem Tod bedroht, sollten sie den Unterricht wieder aufnehmen. 40.000 Schülerinnen privater Schulen erhalten keinen Unterricht mehr."

Spiegel Online, 23.02.2009

Bei den Oscars ist eigentlich alles so gelaufen, wie es allseits prognostiziert wurde, nur dass Mickey Rourke nicht als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Großer Sieger ist, wie annonciert, Danny Boyles "Slumdog Millionnaire. "Insgesamt achtmal wurde das Werk des britischen Regisseurs ausgezeichnet", berichtet Spiegel Online. Als bester Schauspieler wurde Sean Penn für seine Rolle als schwuler Politiker in "Milk" ausgezeichnet, und Gawker präsentiert die "Top Ten Moments Of Gayest Oscars Ever".

Welt, 23.02.2009

"Das Konzept ist radikal, die Wirkung bezaubernd", schreibt Wibke Gerling: In Karlsruhe wurde Händels Oper "Radamisto" in der Regie von Sigrid t'Hooft nach alten Skizzen ganz genauso aufgeführt wie zu Zeiten Händels, mit allen Kostümen - und vor allem in Kerzenschein: "Die Steifheit der bemalten Kulissen, die Maskenhaftigkeit der weiß gepuderten, stark mit rot und schwarz geschminkten Gesichter wird durch Hunderte von Kerzen und Öllämpchen in lebendiges, weiches Licht getaucht. Sie hauchen den Farben Leben und Bewegung ein. Die Beleuchtung ist dabei erstaunlich wandelbar: Dunkelgolden und gedämpft glüht die erste Szene, wo der böse armenische Tyrann herrscht, in Schwarz und Gold gekleidet; sonnenhell und luftig schimmert das Licht im nächsten Bild, wenn es zu den sympathischen, in Weiß und Rot gekleideten Thrakern geht. Spiegel und farbige Filter machen die feinen Effekte auch mit Kerzen möglich."

Weitere Artikel: Thomas Lindemann erzählt im Aufmacher, dass die Krise auch an der Videospielindustrie nicht vorübergeht. Uwe Wittstock verfolgte das Kasseler "Komik-Kolloquium" zur Frage "Hat Jesus je gelacht?" Dankwart Guratzsch berichtet, dass Pariser Urbanisten und Regionalpolitiker in ihrem Vorhaben, ein Groß-Paris zu schaffen, in dem die Banlieue eingemeindet ist, auch das Vorbild des Ruhrgebiets studieren. Besprochen werden neue DVDs, darunter eine Box mit sämtlichen 83 Folgen des "Beatclubs".
Stichwörter: Banlieue, Jesus, Licht, Oper

FAZ, 23.02.2009

Auf der Medienseite berichtet Josef Oehrlein, wie Hugo Chavez die venezolanische Presse im Würgegriff hält - sofern sie ihm nicht eh schon total ergeben ist: "Mit dem 'Gesetz über die soziale Verantwortung' hat die Regierung ein Druckmittel in der Hand, um missliebige Journalisten an die strafrechtliche Kandare zu nehmen. Das Gesetz ist besonders tückisch, weil es keine eindeutigen Definitionen der Delikte enthält, wegen deren Journalisten belangt werden können. In den 171 Fällen von Angriffen auf die Meinungsfreiheit in den Medien, die von der Zivilorganisation Espacio Publico (Öffentlicher Raum) im Jahr 2007 in Venezuela registriert wurden, sind bei 42 Vorgängen Journalisten mit juristischen Mitteln verfolgt worden. In dreißig Fällen kam es zu physischen Attacken und Überfällen auf Medienvertreter."

Swantje Karich stand fürs Feuilleton mit "Tausenden" vor dem Pariser Grand Palais Schlange, um die Kunstsammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Berge zu sehen, bevor sie versteigert wird. "Taugt unser Helge als Krisenkaspar?" fragt Oliver Jungen in der Leitglosse. Paul Ingendaay erzählt von einer Schmiergeldaffäre in Spanien, die auch die Familie des einstigen Staatschefs Aznar nicht unberührt lässt, denn der Hauptverdächtige, Francisco Correa, war Gast bei der pompösen Hochzeit von Aznars Tochter Anita. Während die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in den USA sich weiterentwickeln, suchen die Bürgerrechtsorganisationen neue Aufgaben, berichtet Katja Gelinsky. Teresa Grenzmann berichtet über Feierlichkeiten und Veranstaltungen zu Ehren von Michael Ende in Garmisch-Partenkirchen.

Die montäglichen Geburtstagsartikel sind dem japanischen Modeschöpfer Kenzo Takada, dem Architekten Frank Gehry und der Sopranistin Emma Kirkby gewidmet. In der Sonntags-FAZ warf sich Frank Schirrmacher wortreich für den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in die Bresche, dessen Vertrag CDU/CSU nicht verlängern wollen.

Besprochen werden die Aufführung von "Schwarz Gold Rot" am Schauspiel Frankfurt, eine Ausstellung der Arbeiten der Villa-Massimo-Stipendiaten im Berliner Martin-Gropius-Bau und Peter Fox' CD "Stadtaffe".

SZ, 23.02.2009

Im Aufmacher denkt Heribert Prantl über die Enteignung als ultima ratio der aktuellen Krisenpolitik nach. Petra Steinberger schreibt einen Abgesang auf das Auto an und für sich, kommt dann aber zu dem Schluss, dass "das Auto seit seiner Erfindung sämtliche Krisen überlebt hat. Die Menschen haben immer wieder entschieden, noch mehr mit dem Auto zu fahren, unabhängig davon, ob die Politik das unterstützte oder nicht." Andrian Kreye verfolgte die Verleihung der Echos. Georg Diez resümiert die Veranstaltungen des Hauses der Kulturen der Welt zum Epochenjahr 1989. Susan Vahbzadeh schreibt zum siebzigsten Geburtstag von Peter Fonda. Tim B. Müller hat eine Berliner Tagung über akademische Freiheit heute zugehört.

In den "Nachrichten aus dem Netz" verweist Niklas Hofmann auf einen Artikel Henry Blodgets in seinem Blog "Silicon Alley Insider" - Blodget fragt sich, ob die Juristin Christine Varney, die von Barack Obama als Leiterin der Anti-Trust-Abteilung im US-Justizministerium eingesetzt wurde, gegen die Monopole von Google vorgehen wird.

Besprochen werden ein szenischer Abend mit Werken von Bartok, Schönberg und Heiner Müller in Stuttgart, neue DVDs, eine Austellung über die persische Stadt Isfahan um 1600 in London, Biljana Srbljanovics Stück "Barbelo, von Hunden und Kindern" im Schauspiel Essen und Bücher, darunter Essays des Stanforder Anglisten Franco Moretti.

Auf der Medienseite kommt Hans Leyendecker in der Frage des von der CDU möglicherweise bald geschassten ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zu ähnlichen Ergebnissen wie Frank Schirrmacher im Feuilleton-Aufmacher der Sonntags-FAZ: missliche Herrschaft der Parteien über die öffentlich-rechtlichen Anstalten.