Heute in den Feuilletons

Gespenstische Regelmäßigkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.02.2009. Welcher unheimliche Täter verfolgt Veit Heinichen mit finsteren anonymen Briefen, ohne DNA-Spuren oder Fingerabdrücke zu hinterlassen? Die Zeitungen rätseln. Wir verlinken auf Heinichens Artikel in Il Piccolo. Die Welt schildert, wie der deutsche Oscar-Preisträger Jochen Alexander Freydank zuvor an sämtlichen deutschen Institutionen scheiterte. Die NZZ macht sich Sorgen um Egon Eiermanns Taschentuchweberei in Blumberg. 

Weitere Medien, 24.02.2009

Der in Triest lebende Krimiautor Veit Heinichen hat die anonyme Denunziationskampagne, deren Opfer er geworden ist und über die heute mehrere Zeitungen berichten, am Samstag in der Triester Lokalzeitung Il Piccolo öffentlich gemacht. Hier der Anfang seines Artikels: "Dies ist keine Erzählung, sondern die wahre Geschichte eines ungeklärten Kriminalfalls. Es ist ein paradoxer Fall, der mich selbst betrifft und aus mir einen unfreiwilligen Hauptdarsteller macht. Es ist eine so lange und unwahrscheinliche Geschichte, dass aus ihr der wohl verrückteste meiner 'triestinischen' Romane wird. Alle Zutaten sind da: der Schatten eines widerlichen Triebtäters, die perfide Denunziation einer Straftat, die ich nie begangen habe, ein geradezu wissenschaftliches Netz anonymer Briefe, eine systematische Kampagne, die darauf abzielt, die Glaubwürdigkeit meiner Person zu zerstören und die polizeiliche Untersuchung gegen den unbekannten und zähen Täter. Fehlt nur ein Detail: die Festnahme des Schuldigen."

Welt, 24.02.2009

Die deutschen Institutionen müssen sich schämen, meint Frank Zander mit Blick auf den einzigen deutschen Oscar-Preisträger. "Denn fünf Mal ist Jochen Alexander Freydank an hiesigen Filmhochschulen abgewiesen worden, zwei Mal in Berlin, drei Mal in Potsdam. Er musste sich mit kleinen Jobs hocharbeiten und schließlich eine eigene Produktionsfirma gründen, um seine Projekte zu fördern. Auch bei 'Spielzeugland' haben fast alle großen Fördertöpfe abgelehnt, drei Jahre hat der Regisseur betteln müssen, um dann fünf Tage lang drehen zu können. Den fertigen Film wiederum haben alle großen deutschen Festivals nicht zeigen wollen, der Erfolg kam erst über das Ausland, wo er insgesamt 18 Preise erntete."

Weitere Artikel: Für Hannes Stein trug die Feier alle Anzeichen einer "Not-Oscar-Verleihungszeremonie", und dann saßen im Publikum auch noch lauter Linksliberale die die "Homo-Ehe für alle" unterstützten! Die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig vermietet ihre Räume für Ausstellungen, berichtet Uta Baier, die das für "ein ganz normales Programm" hält - "nur liegen dieses eine Mal die Geschäftsbeziehungen vollkommen offen". Wolf Lepenies erinnert an den vor 25 Jahre gestorbenen Soziologen Helmut Schelsky.

Besprochen werden eine in Bagdad spielende Inszenierung von Händels Oper "Partenope" im Theater an der Wien, die deutsche Premiere von Enrique Granados' Oper "Goyescas" (wurde 1916 von den Deutschen mit einem Torpedo versenkt, der Dirigent, versteht sich, nicht die Oper), das Auftaktkonzert zur Tour von Mia in Berlin, einige CDs (darunter sämtliche Dresdner Auffnahmen von Fritz Busch) und Matthias Hartmanns letzte Inszenierung als Intendant in Zürich, für die er sich Jon Fosses "Ich bin der Wind" ausgesucht hat ("Für Fosse-Verhältnisse ein echter Action-Blockbuster", versichert Matthias Heine).

NZZ, 24.02.2009

Sonja Hildebrand trauert um Egon Eiermanns Taschentuchweberei in Blumberg, die in absehbarer Zeit abgerissen werden soll: "Für die bundesdeutsche Nachkriegsarchitektur ist Blumberg ein kleines Brüssel. 1958 wurde die gläserne Pavillongruppe, die Eiermann und Sep Ruf für die Weltausstellung in Brüssel entworfen hatten, als glanzvoller Wiedereintritt der Bundesrepublik in die internationale Staatengemeinschaft gefeiert. Eine ähnliche Rezeption erfuhr Blumberg schon zu Beginn der fünfziger Jahre: Das formstrenge, Größe mit Eleganz verbindende Fabrikationsgebäude der Taschentuchweberei wurde gleich nach seiner Fertigstellung zu einem Mekka moderner Architektur. ... 'Diese Fabrik gehört ohne Zweifel zum Besten, was Westdeutschland seit dem Kriege an Bauten hervorgebracht hat', hieß es damals in der Architekturzeitschrift Werk."

Besprochen werden ein Konzert des Sinfonieorchesters Sevilla in der Zürcher Tonhalle, Martin Crimps Stück "Auf dem Land" am Theater Basel, Matthias Hartmanns Inszenierung von Jon Fosses "Ich bin der Wind" am Schaupspielhaus Zürich ("Hartmann versteht es zweifellos, Fosses Stücke mit einem edlen Gewand sinnlich zu machen", meint Tobias Hoffmann, der auch einen Vorschlag hat, wie es weitergehen könnte mit Fosse und Hartmann) und Bücher, darunter Guillermo Martinez' Kriminalroman "Der langsame Tod der Luciana B.", Günter Grass' Tagebuchaufzeichnungen "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland" und Daniel Zahnos Roman "Die Geliebte des Gelatiere" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).
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TAZ, 24.02.2009

Der russische Journalist Sergej Solowkin, der nach einem - nie geahndeten - Mordanschlag auf sich selbst nach Deutschland geflohen ist, betont auf der Meinungsseite die Bedeutung der Geschworenen in der russischen Justiz, die auch der Prozess um den Mord an Anna Politkowskaja gezeigt hat: "Wer Monate in Gerichten zubringt, hat wenig Zeit für den eigenen Broterwerb. Zahlreiche Geschworene wurden entlassen, Selbstständige sahen sich durch die Anforderungen in ihrer Existenz gefährdet. Damit nicht genug, im Russland von heute kann eine solche Tätigkeit die eigene Gesundheit gefährden: Man muss mit Anschlägen auf das eigene Leben rechnen, denn um den Schutz von Zeugen, Geschworenen und anderen wichtigen Prozessbeteiligten ist es in meiner Heimat nicht gerade bestens bestellt. Heute sind die Geschworenen deshalb vor allem Seniorinnen, Militärs im Ruhestand oder zornige Arbeitslose. Zugleich ist die Macht der Staatsanwaltschaft übergroß. Wie in den Zeiten der Sowjetunion gibt sie sich, als sei sie selbst Richterin. Insbesondere in der Provinz findet sich kaum ein Richter, der den Schlussfolgerungen der Staatsanwaltschaft widersprechen würde."

Im Feuilleton: Elisabeth Raether porträtiert die unerschrockene Gesine Schwan in ihrem Wahlkampf um das Präsidentenamt: "Sie scheint grundsätzlich davon auszugehen, dass eine gewisse Komplexität das Gespräch belebt." Bert Rebhandl fasst noch einmal die Verleihung der Oscars zusammen, bei der sich Nazi-Dramen und "globalisierte Ästhetik" gegen Hollywoods Spitzenexporte Komödie und Blockbuster durchsetzten. Christian Broecking taucht in die Londoner Jazz-Szene ab.

Besprochen werden eine Ausstellung des Spätwerks von Maria Lassnig im Wiener Museum Moderner Kunst und Peter Kastenmüllers Deutschland-Revue "Schwarz Gold Rot" im Frankfurter Schauspiel.

Und noch Tom.

Tagesspiegel, 24.02.2009

Der Berliner Rechtsanwalt Peter Raue wendet sich sehr entschieden gegen ein Urteil des Berliner Landgerichts, dass der Klage auf Restitution der Plakatsammlung stattgegeben hat, die von den Nationalsozialisten bei dem jüdischen Eigentümer Hans Sachs beschlagnahmt worden war. Sachs hatte nach dem Krieg 225.000 Mark Entschädigung bekommen und - als Teile der als verschollen geltenden Sammlung wieder auftauchten - mehrfach erklärt, er sei nur daran interessiert, sie einem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Eine Rückgabe hat er nie gefordert, die forderte aber jetzt der Sohn. Sollte dieses Urteil rechtskräftig werden, meint Raue, "wird der Präsident des Landgerichts Berlin eine neue Entschädigungskammer eröffnen müssen, um der Prozessflut Herr zu werden".

FR, 24.02.2009

Beatrix Langner blickt auf die Geschichte des Adelbert-von-Chamisso-Preises und hätte ein paar Vorschläge, wie man der Zweisprachigkeit generell ein wenig auf die Sprünge helfen könnte: "Bilingualismus, soziales Code-Switching, ist für die Mehrzahl der jüngeren Einwanderer heutzutage selbstverständlich. Warum eigentlich nicht für uns Leser? Deutschland ist ein Einwanderungsland. Nicht nur drei Millionen Türken müssen mit ihren deutschen Mitbürgern klarkommen, sondern die auch mit ihnen. Warum also nicht neben Französisch und Englisch auch Italienisch, Türkisch, Arabisch und Griechisch, die Sprachen der größten Minderheiten, als Wahlfächer an deutschen Schulen?"

Weiteres: In Times mager annonciert Harry Nutt, dass nun alle 83 Folgen des Beatclubs auf insgesamt 24 DVDs zu haben sind. Alles Oscar heute auch in der FR, aber auf den vorderen Seiten.

Besprochen werden Aufführungen von Ravels "Spanischer Stunde" und de Fallas' "Das kurze Leben" an der Frankfurter Oper, die Ausstellung "The Porn Identity" in der Kunsthalle Wien, Einakter von Bartok, Müller und Schönberg an der Stuttgarter Oper, Marc Beckers Farce "Meier Müller Schulz oder nie wieder einsam!" am Staatstheater Oldenburg und Stephen Kinzers Buch "Im Dienste des Schahs" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.02.2009

Till Briegleb berichtet im Aufmacher, dass der Leiter der Hamburger Hafencity-Gesellschaft, Jürgen Bruns-Berentelg, versucht, Kritiker des Projektes mundtot zu machen. "Das Fatale an dieser mittlerweile so weit verbreiteten Haltung, ist der Schaden für ein offenes Diskussionsklima, das gerade für Projekte wie die Hafencity von größter Bedeutung wäre. Denn natürlich führen derartige Einschüchterungsmaßnahmen zu Duckmäusertum und Selbstzensur."

Weitere Artikel: Tobias Kniebe resümiert die Oscar-Verleihung. Und Oliver Meiler berichtet über die stolzen indischen Reaktionen auf den Oscar-Regen für Danny Boyles "Slumdog Millionnaire" (der vorher viel kritisiert worden war). Alex Rühle stellt die Website "Academic Earth" vor, die ins Netz gestellte Vorlesungen und Kurse von Universitäten bündelt. Ingo Petz hat das erfolgreiche russische Filmmusical "Stiljagi" des Regisseurs Valerij Todorowski gesehen, das an eine hierzulande so gut wie unbekannte Bewegung grell gekleideter russischer Dandys und Jazzliebhaber nach dem Krieg erinnert. Benedikt Sarreiter spürt neueste Tendenzen elektronischer Popmusik auf, die nicht mehr unbedingt aus den Metropolen kommt - zu den Musikern gehört DJ Diplo mit seinem Sampler "Decent Work For Decent Pay". Tobias Moorstedt denkt über die 96,3 Prozent des E-Mail-Verkehrs nach, die Spam sind. Und Henning Klüver rätselt über den unbekannten Kriminellen, der Veit Heinichen mit anonymen Briefen verfolgt und ihn grauenhafter Straftaten beschuldigt: "Es sind bislang Hunderte von Schreiben, die mit gespenstischer Regelmäßigkeit am Monatsanfang und zur Monatsmitte an Einrichtungen der Stadt, an Buchhandlungen, Vereine, sogar an Schriftstellerfreunde wie den großen alten slowenischen Autor Boris Pahor geschickt werden."

Auf der Medienseite wird gemeldet, dass zwei weitere amerikanische Zeitungskonzerne, darunter das Mutterhaus des renommierten Philadelphia Inquirer, Gläubigerschutz angemeldet haben. Hierzu auch die New York Times.

Besprochen werden Händels "Radamisto" in historischer Bühnenfassung in Karlsruhe, eine große Giorgio de Chirico-Ausstellung in Paris, Jon Fosses Stück "Ich bin der Wind" in Zürich und Bücher, darunter eine Studie über "Van Goghs Ohr" und die Frage, ob er es wirklich selbst abgeschnitten hat.

FAZ, 24.02.2009

Dirk Schümer beschreibt, wie der in Triest lebende Krimiautor Veit Heinichen, Opfer eines Denunzianten wurde, der ihn mit raffinierten anonymen Briefen als Päderasten anschwärzt - haltlose Vorwürfe. "Der 'Schatten' begann bald, sogar im Namen Heinichens Briefe und Leserbriefe zu schreiben, hinterließ in seiner Korrespondenz - vierzig Briefversionen wurden bislang beschlagnahmt - jedoch niemals einen Fingerabdruck oder auch nur eine DNA-Spur. Bis heute stehen die Fahnder angesichts der Professionalität des anonymen Autors, der ein literarisches Italienisch schreibt und über alle Details von Heinichens Romanen auf dem Laufenden ist, vor einem Rätsel."

Weitere Artikel: Martin Kämpchen kommentiert den Oscar-Regen für Danny Boyles Film "Slumdog Millionnaire" aus indischer Sicht und hofft, dass "diese befremdende Fröhlichkeit der Armut" in Indien, die Boyle nicht leugne, nun nicht ausgebeutet oder romantisiert wird. Michael Althen lässt die Oscar-Verleihung insgesamt Revue passieren. Jordan Mejias besucht die von den Architekten Diller Scofidio + Renfro (dysfunktionale Architektenwebsite in Flashtechnologie) und F.X. Fowle (dysfunktionale Architektenwebsite in Flashtechnologie) neu zugerichtete Alice Tully Hall im New Yorker Lincoln Center. Jörn Jacob Rohwer hat eines der letzten Gespräche mit dem im Alter von 105 Jahren verstorbenen Autor Edward Upward geführt, der sich an einige Freunde und Kollegen wie Isherwood, Spender und Auden erinnert: "Zweifellos überragte Auden uns alle als Dichter; am Ende jedoch war er ein verkommener Opportunist."

Auf der Medienseite beschreibt Gina Thomas, wie die britische "Big Brother"-Entdeckung Jade Goody ihr Krebsleiden im letzten Stadium vor der britischen Öffentlichkeit inszeniert. Auf der letzten Seite beschreibt Jürg Altwegg das Treiben im Pariser Grand Palais vor der Versteigerung der Sammlung von Yves Saint Laurent. Und Güner Y. Balci setzt sich kritisch mit dem Wirken der gut besuchten salafistischen Al-Nur-Moschee in Neukölln auseinander.

Besprochen werden Violinkozerte des wiederzuentdeckenden Komponisten Nikolai Roslawetz, auf CD eingespielt von Alina Ibragimowa, ein Frankfurter Konzert von Paolo Conte, besprochen vom Schriftsteller Andreas Maier ("Der Meister schätzt sein gesamtes Werk und verwaltet es stets mit gerechter Hand. Er war sichtlich verschnupft, hustete bisweilen, und überhaupt hatte er diesmal etwas leicht Abgerissenes, auch sein dunkler Anzug"), Jon Fosses Stück "Ich bin der Wind" in der Regie von Matthias Hartmann in Zürich und zwei Opern-Doppelpremieren in Heidelberg und Frankfurt.