Heute in den Feuilletons

Koninklijk

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2009. Die Welt hat nachgerechnet: Den internationalen Museen gehen durch die Lehman-Pleite 39 Millionen Dollar im Jahr verloren. Und Gawker lästert: Yves Saint Laurents Kunstsammlung wurde neulich auf 780 Millionen Dollar geschätzt - und jetzt nur noch auf 380 Millionen. In der FAZ schickt Amir Hassan Cheheltan Neuigkeiten aus dem gläubigen Iran.

FR, 13.01.2009

Ina Hartwig berichtet von einem Interview mit Michelle und Barack Obama, das Le Monde gestern veröffentlicht hat. Geführt hat es die Autorin Mariana Cooks bereits 1996 für ihren Bildband "Couples", doch sei es damals nicht erschienen, weil ihr Verleger es nicht spektakulär genug fand: "Ob Barack zuhört, während Michelle im ersten Teil des Interviews ausführt, wie 'schön' sie ihn von Anfang an gefunden habe, wird nicht ersichtlich. Und umgekehrt wissen wir nicht, ob Michelle dabei sitzt, als Barack erzählt, wie er sie manchmal nachts im Schlaf anschaut und darüber erschauert, ein Wesen zu sehen mit eigenen Gedanken und Erinnerungen, einer eigenen Vorgeschichte und eigenen Träumen, zu denen er keinen Zugang habe: 'Diese Spannung zwischen Vertrautheit und Geheimnis webt etwas Solides zwischen uns', formuliert er."

Weiteres: In Times mager fragt Hans-Jürgen Linke, ob die Pressesprecher der Deutschen Bahn lügen, die behaupten, alles laufe im Zugverkehr nach Plan. Linke stellt auch die Arbeit des Bonner Musikinformationszentrums vor. Heribert Kuhn berichtet von einem kulturwissenschaftlichen Symposium zu Gewalt. Im Interview mit Roland Mischke stellt der Berliner Historiker Rolf Hosfeld klar, dass nie die Chance bestanden hat, aus der DDR könne das bessere Deutschland werden.

Besprochen werden Ricarda Beilharz' Inszenierung der "Räuber" am Staatstheater Wiesbaden, Haydn-Konzerte von Jennifer Larmore und Thomas Hengelbrock in Frankfurt, die Kunstliedpop-CD "The Crying Light" von Antony and The Johnsons, das von Friedrich Pfäfflin herausgegebene Karl-Kraus-Buch "Aus großer Nähe" und Gerhard Henschels Geschichte der Bildzeitung "Die Springer-Bibel" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 13.01.2009

Auf der Seite 3 porträtiert Tobias Müller den neuen Bürgermeister von Rotterdam, den in Marokko geborenen Ahmed Aboutaleb. "Die Fortuynisten hatten in der Rotterdamer Stadtregierung mal die Mehrheit, sie sind immer noch die zweitgrößte Fraktion. Angefangen hat alles 1961 in Bni Sidel, einem Dorf im Rifgebirge. Dort, im von Berbern bewohnten Armenhaus Marokkos, kam Aboutaleb zur Welt, als Sohn eines Imams. Ahmed war 15, als die Familie in die Niederlande zog. Ein beflissener Schüler, der erst im Selbststudium, so heißt es, die Sprache lernte, dann Elektrotechnik, dann Telekommunikation. Er wurde Journalist, Pressesprecher, schließlich Politiker. Die sozialdemokratische 'Partei van de Arbeid' (PvdA) machte ihn zu ihrem 'ausländischen Gesicht'. Im Frühjahr 2004 wird er Sozialdezernent in Amsterdam. Dort lässt er nichts beim Alten. Die Hilfebedürftigen werden nicht länger nur alimentiert, es werden Ansprüche an sie gestellt: In Kinderkrippen oder bei Mittagstischen sollen sie helfen, die Sprache lernen, wer unter 27 Jahre alt ist, bekommt nichts, unangemeldete Hausbesuche bei Sozialhilfeempfängern werden eingeführt, Betrüger fliegen auf, die Stadt spart einiges."

Welt, 13.01.2009

Doch, auch die Kulturwelt ist traurig über die Finanzkrise. Peter Dittmar zählt eine ganze Reihe von Ausstellungen auf, die in Wien, Düsseldorf und London mangels Sponsoren abgesagt oder fast abgesagt werden mussten. Besonders schlimm ist die Pleite der Lehman Bank: "2007 sponserte die Investmentbank mit rund 39 Millionen Dollar (neben dem Städel in Frankfurt) auch das MoMA, das Guggenheim und den Louvre, die Tate Modern, das Victoria & Albert Museum und die Royal Academy in London sowie Kunstmuseen in Chicago, Dallas, Miami, Los Angeles, San Francisco, Philadelphia und Tokio."

Weitere Artikel: Holger Kreitling berichtet über die Verleihung der Golden Globes. Peter Zander versucht zu ermessen, warum Danny Boyles "Slumdog Millionär" der große Gewinner des Spektakels ist. Eckhard Fuhr glossiert neueste Debatten um die genauere Ausgestaltung des Humboldt-Forums in der kommenden Berliner Schloss-Attrappe. Hendrik Werner liest Andreas Schliepers Geschichte der Guillotine "Das aufgeklärte Töten". Volker Tarnow beobachtete die Probenarbeit von Daniel Barenboims West-Eastern-Divan Orchestra, das gerade in Berlin gastiert.

Besprochen werden die Uraufführung einer neuen Oper von Franz Hummel in Linz und eine Ausstellung mit Werken der Sammlung Pierpont Morgan in München.

In einem Essay auf der Meinungsseite kritisiert der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof die staatlichen Stützungsmaßnahmen für private Banken.
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Berliner Zeitung, 13.01.2009

Auf der Medienseite erinnert Sabine Pamperien daran, dass die Deutsche Welle, deren China-Programm letztes Jahr in die Kritik geraten war, auch Probleme mit ihrem arabischen Programm hat. So hatte der Journalist Najem Wali, der früher für die DW gearbeitet hat, bereits 2004 darauf aufmerksam gemacht, dass Übersetzungen häufig manipulativ und sinnverdrehend seien. "Nach dem vergeblichen Versuch, mit dem Intendanten Erik Bettermann über die Kritik zu sprechen, machte der Journalist im August 2004 sein Urteil in einem Spiegel-Artikel öffentlich - worauf die Deutsche Welle sofort die Zusammenarbeit beendete. Einige Urheber zweifelhafter Übersetzungen machten hingegen Karriere. Zwei arbeiten inzwischen bei DW-TV. Und auch im China-Programm wird die vom Intendanten angekündigte Qualitätsoffensive sehr individuell interpretiert: Die Überschrift eines ARD-Beitrags über Kuba wurde von 'Das Ende des kubanischen Traumes' in 'Die leidenschaftlichen Jahre am karibischen Meer' verwandelt".

Aus den Blogs, 13.01.2009

Das ganz ganz große Ding, das über Wohl und Wehe des ganzen Kunstmarkts auf der ganzen Welt entscheiden wird, ist die Versteigerung der Kunstsammlung von Yves Saint-Laurent bei Christie's im Februar, meint Gawker. Die Schätzungen sind allerdings schon von einem Gesamthöchstpreis von 780 Millionen auf 380 Millionen Dollar gesunken. Und: "Die Sammlung ist lächerlich groß mit all ihren Picassos, Matisses, Mondrians, Renaissance-Skulpturen, Prozellan und schicken Möbeln, die man immerhin verheizen könnte, um es wieder warm zu haben."

Ds Kulturblog Umblätterer hat wie jedes Jahr die zehn angeblich besten Feuilletonartikel des letzten Jahres gekürt. Platz 1: Iris Radisch in der Zeit.

Jörg Lau verweist in seinem Blog auf einen Artikel des israelischen Journalisten Ben Dror Yemini, der eine Rangliste der Kriege mit den meisten muslimischen Opfern erstellt hat. Der israelisch-palästinensische Konflikt steht dabei an 15. Stelle. Lau erläutert: "Ben Dror Yemini schreibt, nachdem er diese furchtbaren Zahlen ausgebreitet hat, mit einiger Plausibilität, dass die Muslime und die Araber selber am meisten unter der Fixierung der Weltöffentlichkeit auf den Palästina-Konflikt leiden. Die wahren Ursachen ihres Leidens werden nicht thematisiert."

Andreas Schubert stellt auf Nichterschienen einige Blogs von Exilchinesen und Dissidenten vor: "Menschenrechte? Darauf pfeift die chinesische Regierung und weiß Kritik im eigenen Land zu unterbinden. Im Internet aber drücken Exil-Chinesen unverhohlen ihren Unmut aus."

TAZ, 13.01.2009

Julian Weber war in Dannau an der Ostsee und hat die Dreharbeiten zur Verfilmung von Rocko Schamonis Biografie "Dorfpunk" besichtigt. Es wird für eine Talentshow im Dorfkrug geprobt: "'Ihr wart sicher alle auf dem Konservatorium?', höhnt der schmierige Talentwettbewerbs-Conferencier (dargestellt vom Hamburger Musiker Tex Strzoda). 'Nee, wir sind viel im Wald!', entgegnet der Film-Roddy. Dann schrubben Warhead gar nicht naturschön auf ihren Instrumenten und bringen einen ohrenbetäubenden Krachsong mit einigen Schlenkern gerade noch zu Ende. Das Publikum besteht aus johlenden Bundeswehrrekruten, echten Soldaten übrigens, die aus einer Kaserne im nahe gelegenen Lütjenburg gecastet wurden. Sie mucken gegen die Katzenmusik von Warhead auf. Der Protest der Komparsen ist Regisseur Lars Jessen allerdings noch zu zaghaft. Die Szene muss noch einmal geprobt werden."

Weiteres: Helmut Höge wird das Opfer mehrerer Verbrechen. Andrea Roedig klatscht dem Vatikan Beifall, der die italienischen Gesetze nicht mehr übernehmen will: "denn im Grunde plädiert der Vatikan für eine klare Trennung von Kirche und Staat. Na endlich." Besprochen werden Antonio Negris Chordrama "Schwarm - Empörung und Hoffnung" im Theater Bielefeld und Sylvain Creuzevaults Inszenierung des Müllerschen "Auftrags" am Hamburger Schauspielhaus.

Und Tom.

NZZ, 13.01.2009

Marco Frei berichtet von dem Orchester-Ranking der britischen Zeitschrift Grammophone, das den Münchnern gehörige Kopfschmerzen bereitet: "In dieser Rangliste erreicht das br-Symphonieorchester den sechsten Platz, andere Münchner Orchester sind nicht vertreten. Chefdirigent Jansons kann sich doppelt freuen, das ebenfalls von ihm geleitete Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam kommt auf Rang eins... Man mag über die Orchesterauswahl, die Placierungen und die Zusammenstellung der Jury streiten; dass die Münchner Philharmoniker seit dem Tod von Sergiu Celibidache 1996 in einer Identitätskrise stecken, ist kaum zu leugnen. Die drei Musiker, die den Orchestervorstand bilden, sagen es letztlich selbst: Man habe sich für Thielemann als GMD entschieden, weil er das gleiche Repertoire pflege wie Celibidache, nämlich 'Strauss, Brahms, Bruckner, die Klassik und Beethoven'. Allerdings ruht Thielemanns Repertoire im Wesentlichen auf Bruckner, Wagner, Strauss und Pfitzner."

Dirk Pilz fragt, was von Heiner Müller für das deutsche Theater eigentlich bleibt, denn auch wenn sein achtzigster Geburtstag weidlich begangen wurde, wird er immer weniger gespielt: "Der amerikanische Regisseur Robert Wilson erzählt da, dass die Zuschauer in Amerika über die 'Hamletmaschine', Müllers zentralen Theatertext, immer auch lachen müssen. In dieser bisher unterbelichteten Seite des Dichters Müller, jener entlarvenden Komik, liegt auch seine Bühnenzukunft."

Besprochen werden eine Aufführung von Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" im Zürcher Opernhaus, Andreas Maiers Roman "Sanssouci", das von Brigitte Kronauer zusammengestellte Ror-Wolf-Lesebuch "Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren", Ghita Gothonis Roman "Die Bezauberin" und ein Fotoband über "Die Ära Stalin" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 13.01.2009

Neueste Nachrichten aus dem Tollhaus namens Islamische Republik Iran liefert der in Teheran lebende Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan - so hatte man sich schon auf den Niedergang der amerikanischen Wirtschaft gefreut. "In denselben Tagen erklärte Staatspräsident Ahmadineschad unter Verweis auf die Auflösungserscheinungen des westlichen Imperiums: 'Amerika erlebt wegen unserer Gebete eine Krise, und die Hegemonie des Unrechts ist im Begriff, zugrunde zu gehen.' Wenige Tage später bezichtigte er die Vereinigten Staaten, gefälschte Dollarnoten in Umlauf gebracht zu haben, um der Finanzkrise zu entgehen."

Weitere Artikel: Verena Lueken hat, vorausblickend auf Barack Obamas Amtsantritt, Langston Hughes' Geschichte "Breakfast in Virginia" aus dem Jahr 1944 noch einmal gelesen und erzählt davon, auch um an die künstlerische Bewegung der Harlem Renaissance zu erinnern. Der große Karnevalist Patrick Bahners berichtet von der Bonner Revue des Pink-Punk-Pantheon. Jürg Altwegg blättert im vielversprechenden neuen Literaturmagazin "Books", aber auch in eingeführten französischen Zeitschriften. In der Glosse erklärt Joachim Müller-Jung, was die Länge des Ringfingers über die Erfolgschancen eines Menschen verrät - und warum. Ausführlich schildert Josef Oehrlein, welch einen Aufwand es darstellte, seinen gestohlenen argentinischen Personalausweis wiederzubeschaffen, den man auch als Ausländer, der im Land lebt, besitzen muss. Paul Ingendaay vermeldet, dass die Digitalisierung auf Kuba verbliebener Nachlassbestände von Ernest Hemingway jetzt so gut wie abgeschlossen ist. Edo Reents nimmt den Tod von William Zantzinger zum Anlass, die Geschichte von Bob Dylans Song "The Lonesome Death of Hattie Carroll" (hier auf Youtube), in dem Zantzinger eine Rolle - als Totschläger - spielt, zu erzählen. Reents schreibt auch zum Tod des "Zeit"-Musikkritikers Konrad Heidkamp, Andreas Kilb meldet den Tod des französischen Kino-Moguls Claude Berri.

Besprochen werden Andre Engels Pariser Inszenierung von Thomas Bernhards "Minetti" mit Michel Piccoli in der Titelrolle, Jasmina Hadziahmetovics Inszenierung von Christian Josts Choroper "Angst" an der Komischen Oper in Berlin, Volker Löschs auf Skandal gebürstete Version des "Hamlet" in Stuttgart, eine CD mit Richard-Strauss-Liedern, gesungen von Renee Fleming und Jon Dunthornes Romandebüt "Ich, Oliver Tate" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 13.01.2009

Im Aufmacher wird ausführlich die Golden Globes-Verleihung kommentiert (hier Fotos vom roten Teppich). Die Kritikerin Martina Knoben liefert außerdem einen kleinen Essay über die immer stärkere Konvergenz von Spiel- und Dokumentarkino, die in Ari Folmans Doku-Zeichentrickfilm "Waltz with Bashir", welcher ebenfalls mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, kulminiert. Sonja Zekri betrachtet das Videoblog von Dmitrij Medwedjew, in dem die User auch kommentieren dürfen. "bud" schreibt zum frühen Tod des Jazzkritikers Konrad Heidkamp. Fritz Göttler schreibt den Nachruf auf den französischen Filmproduzenten und Filmemacher Claude Berri. Egbert Tholl beobachtet einen Auftritt des wie ein Popstar verehrten Geigers David Garrett. Petrea Steinberger hat die neue amerikanische Botschaft im Irak zwar wohl nicht besucht, weiß aber auch so zu berichten, dass es sich um eine "eine abweisende, uneinnehmbare Festung" handelt. Auf der Literaturseite erzählt Thomas Steinfeld unter Bezug auf eine schwedische Neuerscheinung, wie das Deutsche als Leitkultur in Skandinavien im Lauf des 20. Jahrhunderts durch das Englische ersetzt wurde.

Besprochen werden Ereignisse der Berliner Tanztage, ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann mit französischen Werken in München und Heiner Müllers Stück "Der Auftrag" im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses.