Heute in den Feuilletons

Sanft summende Volksgemeinschaft

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2008. In der SZ fragt der indische Historiker Dipesh Chakrabarty, ob sein Land überhaupt fähig ist zu einer professionellen Sicherheitspolitik. In der taz lässt sich Ilija Trojanow von einem Investmentbanker erzählen, was er zu Geld machte: "Kolossale Berge von Hühnerscheiße". Die FAZ fragt nach den Ursachen für die immer häufigeren Massenunruhen in China. Die Berliner Zeitung ist empört über Volker Schlöndorffs Äußerungen zum DDR-Filmerbe.

SZ, 10.12.2008

Der Historiker Dipesh Chakrabarty (zur Zeit am Wissenschaftskolleg in Berlin) fragt sich, ob in Indien überhaupt eine professionelle Sicherheitspolitik möglich ist und illustriert seine Frage mit dem Versagen der Behörden in Bombay: "Die Ereignisse von Mumbai haben gezeigt, dass es eine funktionierende Küstenwache in indischen Gewässern nicht gab und das, obwohl die Regierung vor Angriffen vom Wasser aus gewarnt worden war. Als im Taj-Mahal-Hotel Feuer ausbrach, traf die Feuerwehr erst nach drei Stunden ein. Die Eingreiftruppe der Polizei musste von Neu-Delhi aus entsandt werden. Die Mobilisierung dauerte neun Stunden, weil viele der Spezialisten für den 'Schutz' von Politikern eingesetzt werden, die Schutz vor allem als Frage des Status begreifen."

Ilja Braun unterhält sich mit dem Urheberrechtsexperten Till Kreutzer über das Urheberrecht in Zeiten des E-Books. Er sieht keinen Sinn in der strafrechtlichen Verfolgung von privater Nutzer von Downloads: "Sie sehen sich nicht als Diebe, Verbrecher und Piraten, sondern als Musik-, Film- oder Literaturliebhaber." Und er zeigt, dass die Kulturindustrien durchaus unterschiedliche Wege haben zu reagieren. Die Musikindustrie ist gnadenlos. Dagegen: "Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), die die Rechtsverfolgung für die Film- und Computerspiele-Industrie unternimmt, geht anders vor. Sie versucht gezielt, 'heavy users' aufzuspüren, wie etwa Release-Groups oder gewerblich agierende Raubkopierer. Privatnutzer werden hingegen eher in Ruhe gelassen. Entsprechend scheint hier der Imageverlust längst nicht so gravierend zu sein wie bei der Musikindustrie."

Weitere Artikel: Stephan Speicher war auf der Berliner Konferenz über "Feindbild Muslim - Feinbild Jude" und kann dem Vergleich zwischen Antisemitismus und "Islamophobie" (die er "Antiislamismus" nennt) einiges abgewinnen. Reinhard J. Brembeck erinnert an Oliver Messiaen, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Jörg Häntzschel schreibt über die schwierige Finanzierungspolitik der amerikanischen Universitäten in Zeiten der Finanzkrise.

Besprochen werden ein Remake des Science-Fiction-Klassikers "Der Tag, an dem die Erde stillstand", eine Ausstellung über Design in den Zeiten des Kalten Krieges in London, Mauro Bigonzettis Caravaggio-Choreografie mit Vladimir Malakhov an der Staatsoper Berlin (die auch Dorion Weickmann nur als "missraten" einstufen mag), die Pariser Ausstellungen zum Thema "Picasso et les maîtres" (mehr hier), Schillers "Don Carlos" in der Regie Anselm Webers in Essen und Bücher, darunter darunter Juri Andruchowytschs Interviewband "Geheimnis - Sieben Tage mit Egon Alt" (mehr hier).

TAZ, 10.12.2008

Auf der Meinungsseite protokolliert Ilija Trojanow die gegenwärtige Gemütsverfassung eines befreundeten Investmentbankers. Der nebenbei auch Abgründiges gesteht: "Ich weiß noch, wie ich im Jahre 2000 einen erfahrenen Kollegen bat, sie mir zu erklären, und er sagte wortwörtlich: 'Nun, wir machen Hühnerscheiße zu Hühnersandwich.? Kolossale Berge von Hühnerscheiße."

Dass er mit den Augen hören konnte, bescheinigt Cord Riechelmann auf den Kulturseiten dem Komponisten Olivier Messiaen in seiner Würdigung zu dessen 100. Geburtstag: "Man hat Messiaen deshalb oft als Synästheten bezeichnet, was, wenn nicht falsch, doch zumindest ungenau ist. Er dachte sich das Verhältnis von Tönen und Farben nicht als ein sichtbares. Messiaen wusste aus seinen Vogelstudien, dass die rhythmisch und melodisch versiertesten Sänger sich in der Regel durch ein sehr schlichtes Federkleid auszeichnen, während die bunt krähenden Hähne von Hühnern und Fasanen nur über ein sehr eingeschränktes Lautrepertoire verfügen. Aber natürlich konnte er trotzdem nicht verhindern, dass seine Farbgedanken in den Händen von Esoterikern und Hippies zum Kitsch verkamen."

Weiteres: Michael Berger erinnert an den 11. Dezember 1904, als in Deutschland erstmals offiziell die Bezeichnung "Konzentrationslager" verwendete wurde: Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow bezeichnete damit die Lager für aufständische Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, die den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts überlebt hatten. Dirk Knipphals denkt anlässlich des neuen KiWi-Katalogs über literarische Fräuleinwunder, hinterlistige Synapsenschaltungen und den neuen drastischen Spitzen-Titel "Bitterfotzen" nach. In tazzwei berichtet Philipp Gessler über die Veranstaltung des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung "Feindbild Muslim - Feindbild Jude", bei der Experten Islamfeindlichkeit und Judenhass verglichen.

Besprochen wird Iain Softleys Verfilmung des ersten Teils von Cornelia Funkes Roman-Trilogie "Tintenherz".

Und Tom.

NZZ, 10.12.2008

Grönland strebt nach Unabhängigkeit. Der dänische Autor Jens Christian Gröndahl beschreibt, warum Elend und Unterdrückung der Inuit den Dänen so herzlich egal waren und sind. "Grönland wurde vergessen. Es war zu groß und zu wild, um in das Selbstverständnis einer sanft summenden Volksgemeinschaft aufgeklärter, emanzipierter Bauern- und Arbeiterkinder aufgenommen zu werden. Verantwortung für andere fühlen wir in unserem Liliput-Paradies nur, weil wir uns zum Verwechseln ähnlich sehen und jeder seinen Verpflichtungen nachkommt, aber leider ist Grönland heute auch wirtschaftlich ein Klotz am Bein. Nicht zuletzt durch die kostenintensiven Plagen, die wir der Inuit-Bevölkerung gebracht haben und die vom Alkoholismus über Arbeitslosigkeit bis zu kultureller Armut reichen. Im Grunde ist es nur noch eine Formsache, dass die riesige Kolonie im Norden den Schritt der völligen Unabhängigkeit tut, denn geistig hat der kleine Kolonialherr selber sie schon längst abgeschrieben."

Günter Seufert berichtet von der Verleihung des türkischen Staatspreises an den 71-jährigen Schriftsteller Yasar Kemal, der vor elf Jahren verkündet hatte: "Dem türkischen Staat verzeihe ich in diesem Leben nicht mehr!" Aber wie Seufert versichert, hat er die Feier genutzt, um den Oberen die Leviten zu lesen.

Besprochen werden die große Ausstellung zu Giovanni Bellini in den Scuderie del Quirinale in Rom, eine Aufführung von Richard Wagners "Götterdämmerung" in der Wiener Staatsoper und Bücher, darunter Xaver Bayers Prosa "Die durchsichtigen Hände", Enzo Traversos Geschichte des europäischen Bürgerkriegs "Im Bann der Gewalt" sowie eine Studie zur "Funktion der Menschenwürde im Verfassungsstaat" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 10.12.2008

Ein "Generalausfall gegen das DDR-Filmerbe"! Anke Wesphal zitiert empört aus einem Interview Volker Schlöndorffs mit der Märkischen Allgemeinen, in dem er über die Defa nur Negatives zu sagen wusste: "Babelsberg! Ich werde oft als Abwickler beschimpft. Dabei habe ich die Grundlagen für heutige Erfolge legen müssen. Den Namen 'Defa' habe ich abgeschafft, die Defa-Filme waren furchtbar. Die liefen damals in Paris, wo ich studierte, nur im Kino der kommunistischen Partei. Wir sind da reingegangen und haben gelacht."

Aus den Blogs, 10.12.2008

So illustriert Paul Krugman, frischgebackener Nobelpreisträger, Wirtschaftswissenschaftler und Blogger der New York Times seine Abreise nach Stockholm.

FR, 10.12.2008

Arno Widmann hat keinen Zweifel, dass die Menschenrechte auch die Grundlage der Verfassung muslimischer Länder sein können. Hans-Klaus Jungheinrich stellt zum 100. Geburtstag des Komponisten Olivier Messiaen einige neue Aufnahmen vor. In Times Mager schwört Judith von Sternburg auf die Liebe im Winter.

Besprochen werden Schillers Stück "Die Räuber" an der Berliner Schaubühne und ein Buch über die Spanische Grippe (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 10.12.2008

Johannes Wetzel hofft, dass der Literaturnobelpreis, der heute an Le Clezio verliehen wird, die französischen Kulturschaffenden aus ihrer Depression retten wird. Volker Tarnow gratuliert Messiaen und Carter zum Hundertsten. Kent Nagano schickt eine kleine persönliche Erinnerung an Messiaen

Besprochen werden Scott Derricksons Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand" mit Keanu Reeves und John Cleese und eine "Götterdämmerung" in Wien.

FAZ, 10.12.2008

Mark Siemons fragt nach den Ursachen immer wieder und in letzter Zeit verstärkt auftretender Massenunruhen in China. Als Muster erkennt er eine Wut der Schwachen auf willkürliche Herrschaftsausübung, bisher aber nur auf lokaler Ebene: "Die chinesischen Unruhen sind also durchaus nicht schlichtweg mit Enttäuschung über einen gebrochenen Wohlstandspakt zu erklären. Sie richten sich mit ihren sehr konkreten Anlässen bisher auch nicht gegen die Kommunistische Partei als solche. Aber der elementare Zorn über Ungerechtigkeiten, der sich in ihnen artikuliert, rührt sehr unmittelbar und handfest vom Mangel an Gewaltenteilung her, der in China besteht."

Weitere Artikel: Joseph Hanimann berichtet von einer Konferenz in Avignon, auf der kontrovers über die Zukunft der Subventionskultur diskutiert wurde. Regina Mönch begrüßt das Internetforum der Islamkonferenz im Netz und fragt sich, was wohl draus wird. In der Glosse kommt Gerhard Stadelmaier atemberaubend umwegig dem Faszinosum Helmut Schmidt auf die Spur. Matthias Grünzig beschreibt den Neuen Bitterfelder Weg in Richtung Solarindustrie. Hannes Hintermeier erzählt die Geschichte des zur Versteigerung stehenden Diamanten mit Namen "Blauer Wittelsbacher". Kerstin Holm porträtiert den soeben von einem Goethe-Instituts-Aufenthalt aus Sibirien zurückgekehrten Dichter Hendrik Jackson. In einem etwas ungewöhnlich mitten ins Feuilleton platzierten Aufruf bittet die Historikerin Martina Kessel darum, ihr E-Mails mit Witzen aus der NS-Zeit zu schicken. Die DVD-Seite reitet durch den Wilden Westen und nimmt Filme von John Sturges, Budd Boetticher, Anthony Mann ins Visier.

Besprochen werden Mauro Bigonzettis "Caravaggio"-Ballett an der Berliner Staatsoper, eine Tübinger Aufführung von Bettina Erasmys Stück "Mein Bruder Tom", ein Gemeinschaftskonzert der Cityslang-Künstler Get Well Soon, Herman Düne und Port O'Brien in Köln, eine Christian-Schad-Retrospektive im Wiener Leopold-Museum, eine Berliner "Gisele-Freud"-Ausstellung im Ephraim-Palais, Iain Softleys - arg glatt geratene, findet Tilman Spreckelsen - Cornelia-Funke-Verfilmung "Tintenherz" und Bücher, darunter Marlen Stoessels Humorgeschichte "Lob des Lachens" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).