Heute in den Feuilletons

Total gemorphte Person

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2008. Respekt antwortet den Literaturnobelpreisträgern, die Milan Kundera zur Seite eilten: Und was ist mit der historischen Wahrheit?  Die Welt resümiert Forschungen der Filmwissenschaft: Die meisten Dokumentaraufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg sind keine. Außerdem fordert Adam Krzeminski einen deutsch-polnischen Gedenktag. In der NZZ erklärt Manthia Diawara, wie Afrika aus zwei halben ein ganzes Kino machen sollte. Die FR hat aus Mario Vargas-Llosas Freiheitsrede Einsichten über die Finanzkrise gewonnen.

NZZ, 10.11.2008

Manthia Diawara, der Kurator des Festivals African Screens im Berliner Haus der Kulturen der Welt, spricht im Interview mit Dirk Naguschewski über den Stand des afrikanischen Kinos: "Das frankophone Kino ist ein Festivalkino, dem das Publikum fehlt. In Nigeria hat das Video übernommen, aber ihm fehlt das Prestige, das die frankophonen Regisseure genießen. Unser Traum ist es, diese beiden Nicht-Kinos zusammenzubringen. Denn bei keinem von beiden stellt sich die Lust ein, sich in seinem Sessel zurückzulehnen und der Realität zu entfliehen. Die Charaktere aus den frankophonen Filmen wirken oft so distanziert, dass man mit ihnen Mitleid hat und nur ungern mit ihnen zu Mittag essen würde. Die Figuren in den Nollywood-Filmen sind dafür im Wesentlichen Schmierenkomödianten. Und jeder ist auf den anderen neidisch."

In einem zweiten Text resümiert Naguschewski das Kino-Festival: "Die Frauen und die Kunst - sie verkörpern nach wie vor die Utopie eines starken Afrika."

Weiteres: Gottfried Schatz erklärt, in welchem Verhältnis sexuelle Fortpflanzung und geistige Entwicklung stehen und warum das X-Chromosom smart und sexy ist. Sieglinde Geisel meldet, dass im Dokumentationszentrum des Berliner Holocaust-Denkmals nun ein Video-Archiv mit Zeitzeugen-Interviews zur Verfügung steht. Online gemeldet wird der Tod der südafrikanischen Legende Miriam Makeba (hier ihr Pata Pata auf YouTube)

Besprochen werden eine Ausstellung über die Zeit von Echnaton und Nofretete im Genfer Musee d'art et d'histoire, Thomas Hürlimanns Stück "Stichtag" im Luzerner Kulturzentrum Südpol und Konzerte bei den Tagen für Neue Musik Zürich.

Weitere Medien, 10.11.2008

Die tschechische Wochenzeitung Respekt antwortet auf die Literaturnobelpreisträger und anderen hochmögenden Literaten, die Milan Kundera zur Seite eilten und die Recherchen der Zeitschrift zu einer Verratsaffäre aus dem Jahr 1950 attackierten (mehr hier). Tereza Bredeckova fragt: "Sind die so naiv, oder sind wir tatsächlich so beschränkt, kulturlos und außerstande, eine große Persönlichkeit zu respektieren? ... Auch wenn man in Kunderas Büchern Spuren vom Schicksal Dvoraceks findet (er wurde verraten und musste 14 Jahre in einem Straflager schuften), Beweise finden wir dort nicht. Aber es geht nicht um das, was Kundera geschrieben hat, sondern darum, was geschehen ist: um ein Polizeiprotokoll und um das Schicksal Dvoraceks. In einem Land, in dem Hunderttausende unschuldig in Lagern und Gefängnissen endeten, haben wir heute die Pflicht zu ermitteln, wie es dazu kommen konnte."

FR, 10.11.2008

Arno Widmann hat Mario Vargas-Llosas Rede zum Erhalt des Freiheitspreises zugehört, und obwohl der Autor nur über Lateinamerika redete, fielen doch auch Erkenntnisse zur Finanzkrise ab: "Anders als man uns weismachen möchte, ist die Finanzkrise nicht das Produkt entfesselter Märkte, sondern ganz im Gegenteil das Ergebnis außergewöhnlicher Privilegierung ausgesuchter Marktteilnehmer einiger weniger Märkte. Ohne Transparenz und freie Zugänglichkeit können Märkte nicht funktionieren. Nicht die Entfesselung der Märkte hat uns in die Katastrophe geführt, sondern ihre Abschottung, ihre Vermachtung."

Weitere Artikel: Die schwarze Autorin Alice Walker schreibt einen Freudenbrief zur Wahl Obamas. Jamal Tuschik verfolgte die Römerberggespräche zum Thema "Zurück zur Gewalt - Im Dschungel der Bilder" . Und Christian Thomas kommentiert Umfragen zur stoischen Geistesverfassung der Deutschen angesichts der Finanzkrise.

Besprochen werden Ereignisse des "Jazztival" auf Schloss Elmau und Karin Beiers Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" in Köln.
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Welt, 10.11.2008

Rüdiger Suchsland resümiert ernüchternde Forschungsergebnisse der Filmwissenschaft über die Echtheit häufig gezeigter Dokumentarszenen aus dem Ersten Weltkrieg: "'Reenactment' gab es schon immer. Die heute hochumstrittene Nachstellung historischer Ereignisse mit Spielszenen in vermeintlich 'objektiven' Dokumentarfilmen war in den 20er Jahren ein völlig übliches Stilmittel. Nur etwa 12 Prozent, bestenfalls knapp 20 Prozent des Bildmaterials alter Dokumentarfilme über den Ersten Weltkrieg zeigt tatsächliche Kriegshandlungen, der Rest der zum Teil sehr spektakulären Bilder wurde später nachgestellt oder bei Manövern aufgenommen. Oder es stammte gleich aus Spielfilmen." Seine Erkenntnisse gewann Suchsland aus einem Kolloquium am Deutschen Historischen Msueum, wo nun auch eine Filmreihe zu m Ersten Weltkrieg läuft.

Weitere Artikel: Wolf Lepenies liest mit Zustimmung ein Buch des französischen Politikers Michel Rocard über den traurigen Zustand Europas. Ulf Poschardt hat den schwarzen Künstler Marc Brandenburg getroffen, der noch nicht recht weiß, was er vom Wahlerfolg Obamas halten soll: "Ein Grund seiner Popularität ist, dass er alle Ethnien in seinem Gesicht vereint. Er sieht nicht aus wie ein Schwarzer und nicht wie ein Weißer: wie eine total gemorphte Person aus allen Rassen der Welt." Hendrik Werner stellt Googles Lexikonprojekt Knol vor, das nun auch auf deutsch existiert. Manuel Brug meldet, dass Gerard Mortier wegen mangelnder finanzieller Ausstattung nun doch nicht Intendant der New York City Opera werden will. Peter Zander gratuliert dem Filmkomponisten Ennio Morricone zum Achtzigsten. Stefan Keim begutachtet erste Inszenierungen der Kölner Saison unter Karin Beier. Volker Blech meldet Streitigkeiten an der Staatsoper um die Inszenierung von Peter Ruzickas "Hölderlin"-Oper.

Auf der Forumsseite schlägt Adam Krzeminski einen gemeinsamen deutsch-polnischen Gedenktag vor, an dem die Parlamente beider Länder der gemeinsamen Geschichte gedenken: "Die deutsch-polnische Parlamentariergruppe trifft sich in diesen Tagen in Kreisau, um die gemeinsamen Gedenktage des nächsten Jahres zu konzipieren: den 20. Jahrestag des Sieges der Solidarnosc und der Maueröffnung sowie den 70. Jahrestag des Überfalls auf Polen durch Nazideutschland und die UdSSR. Vielleicht kommt es ja doch noch zu einer feierlichen Sitzung beider Parlamente und einer nachdenklichen gemeinsamen Debatte nicht nur über die nationale Vergangenheit, sondern auch über die europäische Zukunft der deutsch-polnischen Nachbarschaft."

TAZ, 10.11.2008

In der tazzwei schildert Martin Reichert seine Impressionen aus Belgrad, wo gerade eine Modewoche stattfand: "Belgrad rockt, es fiept nicht elektronisch wie Berlin. Man ist hier auch nicht metrosexuell, die Frauen sind keineswegs 'stöckelschuhfaul', und bei den Männern lassen sich Rückschlüsse auf die Ernährungsgewohnheiten ziehen: Aus viel fleischhaltigem Essen wird eben auch: Fleisch. Klotzige Männlichkeit, die zum Beispiel gebietet, dass es Homosexualität nicht zu geben hat. Auf einer Fashion Week! 'In Serbien wird man als Schwuler nicht diskriminiert, man wird umgebracht', sagt Bane. Die 'Bauern' sehen so etwas nicht gern."

Der Kulturteil denkt noch über die Bedeutung von Barack Obamas Wahlsieg nach. Ekkehard Knörer hält fest, dass Obama "gerade als Verkörperung der Überwindbarkeit des real existierenden Rassismus nicht der Beweis für dessen bereits vollendete Überwindung" ist. Sebastian Moll beschreibt die Hoffnung, Obama könnte sich als neuer Roosevelt erweisen.

Besprochen werden die Ausstellung "Malewitsch und die frühe Moderne" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und Hans-Werner Kroesingers Aufführung von Karl Kraus' Stück "Die letzten Tage der Menschheit" am Stuttgarter Schauspiel.

Und Tom.

FAZ, 10.11.2008

Auf nur zu vertraute Weise wird in Russland, muss Kerstin Holm gerade erleben, auf die Finanzkrise reagiert: "Russland hat eine heroische Vergangenheit, eine schwierige Gegenwart und eine glänzende Zukunft. Und das bleibt so. Daher bedient die russische Führung sich bei der Krisentherapie ausgiebig im Betäubungsmittelschrank. Die staatlichen Rücklagen, die sich im August auf beinahe sechshundert Milliarden Dollar beliefen, sind wegen Rettungsaktionen für Rubelkurs und Banken auf weniger als fünfhundert Milliarden zusammengeschmolzen, und das grandiose Finanztransfusionsprogramm der Realwirtschaft läuft gerade erst an. Doch fürs Fernsehvolk gibt es weiterhin keine russische Finanzkrise."

Weitere Artikel: Jordan Mejias kommentiert das Scheitern von Gerard Mortiers ehrgeizigem "New York City Opera"-Projekt - Schuld tragen letztlich die Einnahmeverluste durch die Finanzkrise. Oliver Jungen erlebte, wie bei den Römerberggesprächen zum Thema Kunst, Computerspiele und Gewalt Argumente wie Fetzen flogen. In der Glosse warnt Franziska Seng davor, angesichts der "Google Books"-Vereinbarung mit den Verlagen "die Maschine vor der Abendlektüre zu loben". Alexander Cammann hat zugehört, als im brandenburgischen Schloss Neuhardenburg sich der Historiker Fritz Stern und der Literaturwissenschaftler Karlheinz Bohrer über gegenwärtige Dekadenzerscheinungen nicht recht streiten wollten. Irene Bazinger hat die etwas in Vergessenheit geratene Autorin Gerlind Reinshagen getroffen. Felicitas von Lovenberg war dabei, als der Schriftsteller Mario Vargas Llosa in Frankfurt den erstmals vergebenen Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung erhielt. Constanze Krüwell porträtiert Ulrike Lorenz, die ihren Abschied als Direktorin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg nimmt. Wolfgang Sandner berichtet vom Solti-Wettbewerb für Dirigenten, bei dem Shizuo Kuwahara gewann. Hans-Peter Riese gratuliert dem tschechischen Dichter und Diplomaten Jiri Grusa zum Siebzigsten.

Besprochen werden Friederike Hellers Versuch, Thomas Manns "Doktor Faustus" am Wiener Akademietheater unter dem Titel "My love is as a fever" - wie Hubert Spiegel meint: - "wegzuwitzeln", Karin Beiers Inszenierung des "Peer Gynt" mehr nach als von Ibsen in Köln, Martin Schläpfers Ballettabend "XXVIII" in Mainz, eine Ausstellung mit frühen Werken von Lucian Freud in London, und Bücher, darunter Askold Melnyczuks Roman "Das Witwenhaus" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 10.11.2008

Carlos Widmann zeichnet den befremdlichen Kult linker Intellektueller um Che Guevara nach und empfiehlt Gerd Koenens Biografie ("Unter den zwei Dutzend Che-Biografen ragt Koenen als der anspruchsvollste heraus, auch sprachlich.") Georg Diez denkt über den Unterschied im "Hickhack um die multikulturelle Gesellschaft" in Deutschland und Amerika nach. Gerard Mortier geht nicht zur New York City Opera, meldet Jörg Häntzschel. Gustav Seibt hörte im Schloss Neuhardenberg eine Diskussion zwischen Fritz Stern und Karl Heinz Bohrer zum Thema "Kein Wille zur Macht". Niklas Hofmann schickt Nachrichten aus dem Netz - diesmal über Blogger zu Obama. Helmut Mauro schreibt zum Achtzigsten des Komponisten Ennio Morricone, Michael Frank zum Siebzigsten des tschechischen Dichters und Diplomaten Jiri Grusa. Dirk Lüddecke gratuliert dem kanadischen Philosophen Charles Taylor zum Kyoto-Preis.

Die Medienseite widmet sich dem HD-Fernsehen in Frankreich und Deutschland.

Besprochen werden ein Konzert Anne-Sophie Mutters mit den Brahms-Sonaten in München, Tilman Knabes Inszenierung des "Rheingolds" am Aalto-Theater in Essen ("unerhört bilderreich, frech, amüsant, vor allem sozialpolitisch", schwärmt Wolfgang Schreiber), Karin Beiers Inszenierung des "Peer Gynt" in Köln ("Seit Marthaler hat wohl keiner so ergreifend und komisch zart vom Alter und vom Stillstand der Zeit erzählt wie Karin Beier", lobt Christine Dössel), einige DVDs und Bücher, darunter Kai Weyands Roman "Schiefer eröffnet spanisch" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).