Heute in den Feuilletons

Revival der Hausfrau?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.11.2008. In der taz freut sich Kishore Mahbubani auf ein Ende der Dominanz des Westens. In der Welt macht Jeffrey Eugenides einen Übersetzungsvorschlag für das Wort "post-racial". Respekt weist nach, dass Milan Kundera entgegen seiner Behauptung die meisten Protagonisten der Verratsaffäre aus dem Jahr 1950 kannte. In der SZ warnt Richard Sennett vor der Herablassung der Soziologen. Die FAZ bringt die Antwort der Mode auf die Krise: Plateausohlen.

TAZ, 11.11.2008

Der singapurische Autor Kishore Mahbubani freut sich im Gespräch mit Sven Hansen auf das Ende der Dominanz des Westens und rät auch den islamischen Ländern, einen nicht westlichen Weg der Moderne zu beschreiten: "Weil es bisher die einzig erfolgreichen Gesellschaften im Westen gab, werden Modernisierung und Verwestlichung gleichgesetzt. Weil islamische Länder Verwestlichung ablehnen, haben sie meist auch die Modernisierung abgelehnt. Aber jetzt sehen sie, dass asiatische Gesellschaften sich modernisieren und zugleich entwestlichen." (Hm, fehlt in dem Gespräch nicht ein zweiter Teil, wo über Mahbubanis Begriff von Demokratie und Menschenrechten gesprochen wird?)

In seiner Besprechung des Jazzfests erklärt Christian Broecking, warum das vor vierzig Jahren gegründete Neben- und Alternativfest "Total Music Meeting" so sympathisch ist: "Backstage in der Berlinischen Galerie erinnert sich der Londoner Saxofonist Evan Parker an sein TMM-Konzert mit Brötzmann vor 40 Jahren im Quasimodo: Bis 6 Uhr morgens habe man gespielt, dann sei man in den Zwiebelfisch gegangen, habe gesoffen und danach habe man zu sechzehnt in einem großen kasernenähnlichen Raum gepennt. Seitdem habe er jedes Mal beim TMM gespielt."

Weitere Artikel im Feuilleton: Stefan Reinecke betrachtete "Bilder der Klassengesellschaft" bei der Duisburger Dokumentarfilmwoche. Christiane Kühl informierte sich beim Festival Internationaler Dramatik in Berlin über den Stand der palästinensischen Theaterkunst. Jan Feddersen schreibt zum Tod von Miriam Makeba.

Weitere Medien, 11.11.2008

Auf den Internetseiten respekt.cz (hier) und salon.eu.sk (hier) weisen Respekt-Chefredakteur Martin M. Simecka und Petr Tresnak dem Schriftsteller Milan Kundera ein schwaches Gedächtnis nach. Kundera hatte in seiner bislang einzigen Aussage zu dem Vorwurf, 1950 den Westagenten Miroslav Dvoracek an die Polizei verraten zu haben, behauptet, die Hauptakteure des Falls überhaupt nicht zu kennen. "Im Fall des Opfers Miroslav Dvoracek ist das zwar wahr, nicht aber im Fall zweier der weiteren Hauptakteure, Iva Militka und Miroslav Dlask (zur Erinnerung: die Frau, bei der der Westagent Dvoracek einen Koffer hinterließ, und ihr späterer Ehemann, der dies Kundera erzählte). Militka (und vor seinem Tod auch Dlask) erinnerten sich gut an Kundera und haben in ihrem Bücherregal sogar ein Buch, das der Schriftsteller ihnen selbst gewidmet hatte. Es handelt sich dabei um Kunderas Erstlingswerk 'Der Mensch: ein weiter Garten', eine Sammlung kommunistischer Poesie aus dem Jahre 1953. Also nur drei Jahre nach der Verhaftung (Dvoraceks) im Prager Studentenwohnheim Kolonka erschienen... 'Mirek und Iva zur Erinnerung (nicht zum Lesen), Milan' steht auf der Aufschlagseite des Buches. (Die Seite mit der handschriftlichen Widmung ist dem Artikel im Faksimile beigefügt.) Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand ein solche persönliche Widmung gegenüber Leuten verfasst, die er nicht kennt. Selbstverständlich ist nicht auszuschließen, dass sich Kundera der damaligen Bekannten nicht erinnert. Dann ist es aber legitim zu fragen, was er noch alles aus seiner Erinnerung verdrängt hat."
Stichwörter: Milan Kundera, Poesie

Welt, 11.11.2008

Wieland Freund unterhält sich mit einem noch völlig euphorisierten Jeffrey Eugenides. Da der Autor von "Middlesex" auch Deutsch kann, macht er gleich einen Übersetzungsvorschlag für das allenthalben kursierende Wort "post-racial": "Ich denke 'post-ethnisch' wäre die beste Übersetzung. 'Post-racial' bedeutet, dass das, was genetisch zutrifft (dass Schwarze und Weiße und Asiaten sich genetisch nur in sehr geringem Maß unterscheiden), jetzt auch politisch der Fall ist. 'Post-racial' beschreibt sowohl eine Gruppe als auch eine Zeit. Was die Gruppe betrifft, bezeichnet der Begriff eine Person, die aufgrund ihrer gemischten Herkunft nicht länger säuberlich in die etablierten ethnischen Kategorien passt. 'Post-racial' beschreibt aber auch eine Zeit wie, glücklicherweise, die Gegenwart, in der die ethnischen Kategorisierungen selbst nicht mehr funktionieren."

Weitere Artikel: Cosima Lutz berichtet, dass die Ufa Cinema den Bestseller "Der Medicus" von Noah Gordon verfilmen will. Manfred Flügge plädiert dafür, einen der zahllosen Thomas-Mann-Preise der Städte mit ü (München, Lübeck, Zürich) in einen Lion-Feuchtwanger-Preis umzubenennen. Michael Pilz scheibt zum Tod von Miriam Makeba. Uta Baier stellt Gregor Schneiders Mönchengladbacher Klaustrophobentunneleingang für das Museum Abteiberg in Mönchengladbach vor. Klaus Geitel würdigt die Arbeit der "Freunde junger Musiker" in Berlin, die schon vielen Instrumentalisten zur Karriere verhalfen. Tilman Krause stellt die Laureaten der Prix Goncourt und Renaudot vor. Besprochen werden Ausstellungen mit Fotos von Jim Dine (mehr hier) und Albert Watson (mehr hier), die Ausstellung "Am Anfang war das Formular" im Frankfurter Postmuseum und und Konzerte des Jazzfests in Berlin, das Josef Engels' ungeteilte Zustimmung fand.
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Tagesspiegel, 11.11.2008

Der 11.11. hat auch seine Vorteile. Der Tagesspiegel bringt einen Stoßseufzer der Erleichterung von Henryk Broder: "Es ist vollbracht! Der 9. November liegt hinter uns. Und nichts ist passiert, an das künftige Generationen sich erinnern müssten."
Stichwörter: 9. November

NZZ, 11.11.2008

Nicht warm geworden ist Peter Hagmann mit Bohuslav Martinus lehrstückhafter Oper "The Greek Passion" nach einem Roman von Nikos Kazantzakis: "Nicht dass einer in den späten fünfziger Jahren so unverhohlen tonal komponiert hat, ist das Skandalon; Martinu war nun einmal ein Komponist, der seinen sehr eigenen Weg gegangen ist. Aber die geradezu plakative Art, in der er die Mittel der Dur-Moll-Tonalität einsetzt, hat schon etwas Fragwürdiges."

Weiteres: Knut Henkel trauert mit Südafrika um die Sängerin und Nationalikone Miriam Makeba. Gemeldet wird, dass Frankreichs bedeutende Literaturpreise in diesem Jahr an Schriftsteller der Diversite gehen: der Prix Goncourt an den aus Afghanistan stammenden Autor Atiq Rahimi, der Prix Renaudot an den Autor Tierno Monenembo aus Guinea.

Besprochen werden auch Ismail Kadares Erzählungen "Der Raub des königlichen Schlafes", Carlos Ruiz Zafons Roman "Das Spiel des Engels", Jonathan Carrs Biografie "Der Wagner-Clan", Luiza Tucci Carneiros Studie über Antisemitismus in Südamerika und Christoph Menke anthropologische Untersuchung "Kraft" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 11.11.2008

Johannes Schneider schickt eine Reportage aus dem einstigen Stahlgebiet Dortmund Hörde, in das der Aufschwung mit dem Mammutprojekt Phoenix See gebracht werden soll: "Ein 'Wohn- und Freizeitsee', ausgerechnet auf der Stahlwerksbrache, größer als die Hamburger Binnenalster, mit einem Yachthafen, einer Kulturinsel, an den Ufern 900 'hochwertige' Wohneinheiten."

Weiteres: Rolf Hemke und Joachim Fiebach reisen mit Siebenmeilen-Stiefeln zu den Größen des westafrikanischen Theater von Bamako nach Lome, von Dakar nach Cotonou. Stefan Schickhaus berichtet vom Solti-Wettbewerb in der Alten Oper Frankfurt. In der Times mager registriert Christian Schlüter, dass sich in den USA selbst die Katholiken von McCain abgewandt hatten.

Besprochen werden Friederike Hellers Adaption von Thomas Manns "Doktor Faustus" am Wiener Akademietheater, Bohuslav Martinus "burschikos naive" Oper "Griechische Passion" in Zürich, Martin Schläpfers neuer Ballettabend am Staatstheater Mainz, das Konzert von Deep Purple in der Frankfurter Festhalle und Maria Cecilia Barbettas Roman "Änderungsschneiderei Los Milagros" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 11.11.2008

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett, dem gestern der Gerda-Henkel-Preis verliehen wurde, sprach in seiner Dankesrede darüber, wie man soziologische Literatur schreiben kann. "Alles Schreiben ist ein politischer Vorgang, allein schon in der Art und Weise, wie ein Autor mit seinen Lesern kommuniziert. Ich habe mit Bedauern festgestellt, dass Soziologen, die versuchen, sich an die Allgemeinheit zu wenden, dazu neigen, zusammenzufassen und zu vereinfachen. Mit anderen Worten: Sie sprechen von einem Podest herab, sie sind herablassend. Der Leser wird im Denken des Autors nicht als Partner wahrgenommen. Da las Casas, Montesquieu und Tocqueville behandelten ihre Leser dagegen eher als ihresgleichen. Die Taktik, sich 'von oben herab' an den Leser zu wenden, ist auch Zeichen eines falschen Verständnisses vom Schreiben selbst."

Weiteres: Andrian Kreye grübelt ohne erkennbare Richtung über Finanzkrise, Verhaltensökonomie und Geschlechtsräuber. Stsp. mokiert sich über einen offenbar unverdaulichen Artikel des Präsidenten des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann ebenfalls zur Finanzkrise. Karl Bruckmaier sucht einige Beispiele für echten Pop. Eberhard Straub schreibt zum 100. Geburtstag des Historikers Karl Bosl, Jonathan Fischer zum Tod der südafrikanischen Sängerin Miriam Makeba.

Nachtrag von 14 Uhr:
Und Ulrich Baron gratuliert Carlos Fuentes, der heute achtzig wird, zum Siebzigsten (ehrlich gesagt: wir hätten's auch nicht gemerkt, wenn uns nicht ein Leser darauf aufmerksam gemacht hätte - danke!)

Die Medienseite meldet, dass sich der Zentralrat der Juden beim Presserat über die FAZ beschwert hat. In ihrer Ausgabe vom 8. November stand in einem Bericht über eine umstrittene Äußerung von Christian Wulff der Satz: "In der von Michel Friedman, einem Juden, moderierten Talkshow hatte sich Wulff trotz entsprechender Nachfragen nicht von seiner Wortwahl distanziert."

Besprochen werden die Schau "Unsterblich!" im Berliner Kulturforum, Thomas Freyers neues Stück "Und in den Nächten liegen wir stumm" am Schauspiel Hannover, eine Aufführungn von Isidora Zebeljans Oper "Eine Marathon-Familie" im Wiener Museumsquartier und Bücher, darunter Uwe Dicks eigensinnig-blühende "Sauwaldprosa" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 11.11.2008

Ingeborg Harms geht der Frage nach, welche Auswirkungen die Wirtschaftskrise auf die Mode haben wird und schon hat: "Eskapismus ist die stilvolle Antwort auf ein leeres Konto. Massive Plateausohlen führen von allen Laufstegen durch den Sumpf der Krise in eine idyllischere Welt. Der Schlechtwetter-Ausstatter Burberry Prorsum zeigte unter haustypischen Trenchcoats artige Kleider, gewickelte Hosen und kniebedeckende Röcke, Marni führte zum bunten Landmädchenlook praktische Anoraks ein. Miu Miu lässt sogar zur festlichen Garderobe halbe Schürzen umbinden: ein Revival der Hausfrau?"

Auf der Forschung-und-Lehre-Seite berichtet der Historiker Valentin Groebner von seinem Experiment, einen Monat lang nicht auf E-Mails zu antworten und stattdessen per Auto-Reply um briefliche Zusendung der Mails zu bitten: Die "automatische Antwort war einen Monat lang in Betrieb, vom 1. bis 31. Oktober, und am Ende dieser Frist lagen in meinem elektronischen Briefkasten 478 E-Mails. Davon hatten siebenunddreißig ihre Nachricht ausgedruckt und mir per Post geschickt, und acht hatten angerufen (darunter auch die Redaktion, d. Red.), aber ich fürchte, meine Strichliste ist nicht ganz zuverlässig; auf ihr fehlen die Kollegen, die kurz ins Büro geschaut hatten, nicht ohne leisen Vorwurf: 'Du liest ja keine mails mehr, hast du gerade einen Moment Zeit?'"

Weitere Artikel: Für einigermaßen sensationell hält Jürg Altwegg die postkolonialistische Vergabe der bedeutendsten französischen Literaturpreise an den afghanisch-französischen Schriftsteller Atiq Rahimi (Prix Goncourt) und an den guineastämmigen Autor Tierno Monenembo (Prix Renaudot). In der Glosse gibt sich Jürgen Kaube ganz dem Reiz des Verdachts hin, dass vielleicht wirklich Ralf Stegner - derzeit in Sachen Ypsilanti viel gefragt - der Verräter der Heide Simonis gewesen sein könnte. Männer, die Angst vor den Frauen haben, sieht Kerstin Holm in aktuellen russischen Filmen. Jürgen Dollase wünscht dem französischen Michelin-Drei-Sterne-Koch Olivier Roellinger viel Glück nach seinem freiwilligen Rückzug aus dem Olymp: Roellinger gibt, weil er den Druck nicht mehr erträgt, die Sterne zurück und schließt sein preisgekröntes Restaurant (behält aber ein weniger ambitioniertes Zweit-Restaurant.) Martin Otto schildert umstrittene Versuche, nach dem des Antisemitismus verdächtigen bayerischen Landesbischof Hans Meiser benannte Straßen umzubenennen. Bei der ersten Tagung der neu gegründeten Peter-Hacks-Gesellschaft hat Andre Thiele Löwen neben Lämmern sitzen sehen, will sagen "DDR-Staatsminister a.D. neben Manager, Chefredakteur neben Filmstar, Professor neben Dropout, Dichter neben Comedian". Der Politologe Frank Decker widerspricht Patrick Bahners' Auffassung, dass verdeckte Abstimmungen nicht im Widerspruch zur Demokratie stehen. Mit Grausen wendet sich Jan Brachmann vom Berliner Benefizkonzert zur Erinnerung an die Reichspogromnacht. Dirk Schümer berichtet über das gegen die Camorra gerichtete, von dieser dreisterweise mit versuchter Schutzgelderpressung behelligte Konzert, an dessen Ende die legendäre Sängerin Miriam Makeba an einem Herzinfarkt starb. Den Nachruf auf Makeba hat Dieter Bartetzko verfasst.

Besprochen werden Tilman Knabes Essener "Rheingold"-Inszenierung, das Grips-Theaterstück "Rosa", das Irene Bazinger für "linken Edelkitsch" hält, die Marbacher Ausstellung von Hanns Zischlers Wegbeschreibungen-Kollektion "Fluxus 7: I wouldn't start from here", das neue "The Cure"-Album "4:13 Dream", und Carlos Fuentes' Geschichten- und Gedichtband "Alle glücklichen Familien" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).