Heute in den Feuilletons

>Kultur ist, wenn... <

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2008. Der taz wird lau beim "Baader-Meinhof-Komplex": Ist halt German cinema. In der Welt erklärt der Drehbuchautor der "Operation Walküre", wie es kam, dass Tom Cruise den Stauffenberg spielte. Im Observer sieht Tom Wolfe doch noch Chancen für den Kapitalismus. Die Berliner Zeitung berichtet über einen unter anderem von Imre Kertesz unterzeichneten Offenen Brief, der die Deutsche Welle zur Überprüfung ihrer China-Berichterstattung auffordert.

Berliner Zeitung, 25.09.2008

Sabine Pamperrien berichtet über einen unter anderem von Mario Vargas-Llosa und Imre Kertesz unterzeichneten Offenen Brief, der die Deutsche Welle zur Überprüfung ihrer China-Berichterstattung auffordert - die wegen der extrem regimefreundlichen Haltung einer inzwischen beurlaubten Redakteurin ins Gerede kam: "In dem Brief der Autoren werden die Propaganda-Methoden totalitärer Regime hervor gehoben. Diktatorische Länder wie China wüssten, dass ihre Medien für die eigenen Bürger nicht glaubwürdig sind. Deshalb würden wichtige Informationen via Ausland verbreitet."

Weitere Medien, 25.09.2008

Ist der Bankenkrach der schrille Anfang vom Ende des Kapitalismus? Oder wenigstens das Ende von 40 Millionen Dollar teuren Appartments in New York? "Ich bezweifle das", erklärt der Schriftsteller Tom Wolfe ("Fegefeuer der Eitelkeiten") im Observer. "Ich habe nicht das Gefühl, dass es damit vorbei ist. Ich lese über dieses Gefühl, aber ich treffe niemanden, der dieses Gefühl hat. Ich habe nicht mit Angestellten von Investment Banken gesprochen. Übrigens gibt es nichts zweitklassigeres als Investmentbanken. Jeder schlaue und ehrgeizige junge Mann - vergessen Sie die jungen Frauen, sie spielen hier keine Rolle - will in Hedge Fonds machen. Ich wäre überrascht, wenn das Implodieren der Hedge Fonds sie schlauer machen würde. Welcher aufgeweckte Kerl will eine Führungsposition in einer Firma wie Lehman Brothers, wo man übel gelaunten Angestellten und Direktoren die Hand halten, immer nett sein und die richtigen Kleider tragen muss? Das ist was für wirklich zweitklassige Leute... Nur der Bodensatz arbeitet in diesen Firmen."
Stichwörter: Tom Wolfe

FR, 25.09.2008

Ein Besuch in einem Frauengefängnis hat die kanadische Schriftstellerin Nancy Huston angeregt, über "fiktionale Realität" nachzudenken. Romane seien so wichtig fürs Menschsein, weil sie einfach die besseren Lügen bieten: "Da Terrorismus nicht mehr und nicht weniger ist als das Ergebnis schlimmer Fiktionen, sollten unsere Regierungen, statt Waffen zu produzieren, in den Ländern, in denen er sich eingenistet hat, die Übersetzung, Veröffentlichung und den Vertrieb der Meisterwerke der Weltliteratur begünstigen, unterstützen und fördern. Nichts könnte nützlicher oder wichtiger sein. Je mehr die Menschen sich für realistisch halten, je mehr sie dazu neigen, Romane als überflüssiges, dummes Zeug, als Luxus oder Zeitverschwendung abzutun, desto empfänglicher sind sie für den Urtext - d.h. für Unbeherrschtheit, Gewalt und Kriminalität, für die Unterdrückung von Angehörigen oder von Frauen, von solchen, die sie für schwach halten, oder eines ganzen Volkes."

Weitere Artikel: Nikolaus Merck porträtiert den Schauspieler Roland Kukulies, der bald im "Zauberberg" am Maxim Gorki Theater mitspielt. Christian Thomas war bei einer Debatte im Deutschen Architekturmuseum über den Moscheenbau in Geschichte und Gegenwart.

Besprochen werden die Ausstellung "German Angst" im Neuen Berliner Kunstverein ("etwas lächerliche Kollektivneurose und bestens begründetes Unbehagen"), der israelische Film "Lemon Tree" von Eran Riklis, die neue Pixar Produktion "Wall.E" von Andrew Stanton und Uwe Tellkamps DDR-Roman "Der Turm".
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Tagesspiegel, 25.09.2008

Las Vegas, nicht die Wall Street symbolisiert für Rüdiger Schaper den amerikanischen Kapitalismus. Ein verrücktes System, das zusammenbrechen musste. Aber die deutsche "Angstlust", die jetzt wieder Urstände feiert, ist ihm auch nicht sympathisch. "Im Übrigen scheint diese Angst ebenso volatil zu sein wie die Faktoren, die sie auslösen. Erinnert sich noch jemand an den Skandal um die Berliner Bankgesellschaft, ging es da nicht auch um Immobilien und Kredite? Wer weiß noch, wie viele Millionen und Milliarden Euro in den Sand gesetzt wurden? War die Hauptstadt nicht praktisch pleite? Und zahlt Berlin nicht nach wie vor Zinsen, ohne dass noch groß darüber gesprochen würde? Wurden die Verantwortlichen ausreichend zur Rechenschaft gezogen und bestraft?"
Stichwörter: Berlin, Euro, Las Vegas

NZZ, 25.09.2008

Sieglinde Geisel ärgert sich, dass die Renaissance biologisch definierter Geschlechterbilder der Gleichberechtigung schadet. Beispiel der Spiegel, der in seiner neuen Ausgabe nicht davor zurückschrecke, "auf dem Titelbild John Grays alte Geschichte von den Marsmännchen und den Venusmädchen wieder aufleben zu lassen. Man begegnet im Heft den bekannten Argumenten (Männergehirne arbeiten in Systemen, Frauengehirne mit Empathie usw.). Nur gehört jetzt noch ein Bekenntnis dazu: Früher habe sie auch geglaubt, dass man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht werde, beteuert eine Wissenschafterin, aber heute..."

Eine Seite für die RAF: Claudia Schwartz hält Uli Edels "Baader-Meinhof-Komplex" für einen "politisch erstaunlich belanglosen Film" und Joachim Güntner stellt passend zum Thema drei neue RAF-Bücher vor. Außerdem besprochen werden eine Ausstellung im Pariser Musee d'art et d'histoire du Judaisme, die herrenlose Gemälde zeigt, Karl-Heinz Otts Roman "Ob wir wollen oder nicht" sowie zwei neue Krimis aus Italien (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 25.09.2008

"Eine Dokumentation, die einen auf Spielfilm macht", weil alles "irgendwie kalt" bleibt, urteilt Jan Feddersen in tazzwei über Uli Edels "Baader Meinhof Komplex". "It's German cinema, möchte man es abtun, alles soll wahnsinnig relevant aussehen. Aber: Weshalb gibt es kein Kino, das diesen Furor der Siebziger mit Wut und Hass zeigt - und zwar mit Einladung zur Identifikation? Man muss nur mal einem gewöhnlichen Straßengespräch zu den Themen Hartz IV, Armut, Hast, Angst & Einsamkeit zuhören: Das sind doch alles gewöhnliche Deutsche, die so zivil leben wie andere auch, aber am liebsten dreieinhalb Mal am Tag auch alles in die Luft sprengen möchten. Das Baader-Meinhof-Ensslin-Mahler-Epos tut deren Tun als exotisch, bizarr ab."

Auf den Kulturseiten resümiert Ingeborg Szöllösi das 12. Philosophicum in Lech am Arlberg, eine Tagung zum Thema "Geld - Was die Welt im Innersten zusammenhält?", für die sie sich angesichts der Finanzkrise "keinen überzeugenderen Termin hätte aussuchen können". Daniel Schreiber berichtet über den Medienhype, der in den USA um die republikanische Vize-Kandidatin Sarah Palin entbrannt ist. Christian Semler informiert über Pläne, den von der franquistischen Soldateska gemeinsam mit drei weiteren Opfern ermordeten und verscharrten Dramatiker, Poeten und bekennenden Schwulen Federico Garcia Lorca zu exhumieren. Auf den Tagesthemenseite berichtet Frieder Reininghaus, dass sich der unter ominösen Umständen geschasste Intendant der Essener Philharmonie Michael Kaufmann wehren will.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Kinder. Wie die Zeit vergeht" von Thomas Heise, der dritte seiner Familiensaga aus Halle-Neustadt, der neue Animationsfilm aus dem Pixar-Studio "Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf", die DVD von Leo McCareys Melodram "Make Way For Tomorrow" von 1937 und eine Installation von Tilo Schulz mit dem Namen "Stage Diver" in der Wiener Secession.

Und Tom.

Welt, 25.09.2008

Im Gespräch mit Hanns-Georg Rodek erklärt Christopher McQuarrie, Drehbuchautor der "Operation Walküre", wie es dazu kam, dass Tom Cruise den Stauffenberg spielt: "Ich hatte mir 'Operation Walküre' immer als kleinen Film vorgestellt, den ich selbst inszeniere, für wenig Geld irgendwo in Osteuropa... Dann gingen wir eines Tages in eine Projektbesprechung zu United Artists, bei der auch Cruise dabei war, aber vor allem als Besitzer des Studios. Sie zog sich hin, über zwei Tage, und irgendwie kam 'Walküre' ins Spiel. Eine Stauffenberg-Biografie mit seinem Porträt auf dem Titel lag auf dem Tisch."

Weitere Artikel: Im Interview mit Hildegard Stausberg kritisiert Henryk M. Broder das Verbot der Demo von rechtsextremen Islamgegnern am Wochenende in Köln als "Kapitulation des Rechtsstaats" und erklärt zugleich, warum ihm so am Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation liegt: "Kultur ist, wenn ich Ihnen den Kopf abhacke und daraus eine Blumenvase mache, Zivilisation hingegen ist, wenn ich dafür ins Gefängnis gehe." Matthias Heine kommentiert den Plan der britischen Regierung, kostenlose Theaterkarten an Jugendliche auszugeben. Michael Pilz liest die Autobiografie des Popstars Bushido. Johannes Wetzel hat in Paris ein Stück von Jacques Attali über die Rolle der Versicherungen im Dritten Reich gesehen. Jacques Naoum liest die Gedichte Osama bin Ladens, die als Buch herauskommen sollen und den Autor somit in eine Traditionslinie mit Dichtern wie Mao, Saddam Hussein oder Karadzic stellen.

Auf der Kinoseite interviewt Rüdiger Sturm den Geräuschemacher Ben Burtt, der für die Lautäußerungen des niedlichen Roboters in "Wall-E" verantwortlich zeichnet. Besprochen wird hier auch der Film "Day Night Day Night".

Auf der Forumsseite legt Georg M. Oswald eine kleine Satire zu den bayerischen Landtagswahlen vor. Auf der Magazinseite startet Ulli Kulke eine Serie zum fünfzigsten Geburtstag der Nasa und interviewt den jetzigen Nasa-Chef Michael D. Griffin.

FAZ, 25.09.2008

Andreas Kilb stellt fest, dass das geplante Einheitsdenkmal vor dem Humboldt-Forum mehr als nur Finanzprobleme hat. Den Zustand Bayerns vor der möglichen Wahlrevolution am Sonntag schildert Hannes Hintermeier. In der Glosse meint Edo Reents, dass die Einigung zwischen Verlagen und Übersetzern an "vereinsmeierischer Prinzipienreiterei" gescheitert ist. "Denkbar unangemessen" findet Andreas Rossmann den Rauswurf Michael Kaufmanns als Intendant der Philharmonie Essen wegen mehrfacher massiver Etatüberschreitung. Jürg Altwegg liest in französischen Zeitschriften Aufsätze zur Geschichte des Judenhasses. Dirk Schümer porträtiert Luca Francescon, den neuen Leiter der Musikbiennale in Venedig. Kerstin Holm hat sich die Ilya-Kabakov-Mammutschau in Moskau angesehen. Auf der Forschung-und-Lehre-Seite beklagt Julia Voss den "Untergang der Wissenschaftsgeschichte in Deutschland". Auf der Kinoseite beschreibt Dietmar Kammerer den Kampf des Filmarchivars Rick Prelinger gegen das bisher gültige Urheberrecht. Paul Ingendaay berichtet vom Filmfestival in San Sebastian.

Besprochen werden ein Konzert der Charlatans in Köln, die Ausstellung "Himmlisch - Herrlich - Höfisch" (Website), die die Sammlung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz rekonstruiert, die Ausstellungen "Ruiner - Fascination of Fantasi" und "Ruin - Vision" in den dänischen Städten Koldinghus und Vejle, Andrew Stantons Pixar-Trickfilm "Wall-E", und Bücher, darunter Hans-Ulrich Möhrings Romanessay "Vom Schweigen meines Übersetzers" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 25.09.2008

Klassische Musik wird immer häufiger und mit großem Erfolg im Kino, im Internet oder auf öffentlichen Plätzen wie dem Bonner Marktplatz gespielt, stellt Mounia Meiborg fest. "Im angelsächsischen Raum ist man noch einen Schritt weiter als hierzulande. Am Londoner Royal Opera House sind seit dieser Spielzeit Live-Übertragung von Premieren nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Die New Yorker Metropolitan Opera sendet per Satellitenradio rund um die Uhr epochale Aufnahmen aus den Vierzigern und aktuelle Produktionen. Und eine einzige im Kino übertragene Aufführung der Met erreicht mehr Zuschauer als dieselbe Inszenierung in der gesamten Spielzeit. Damit ist die Oper endgültig auf der Leinwand und im Bereich des Populären angekommen. Das ist gut so. Die Marktforschung der Met besagt, dass es für fünfzig Prozent der Kinogänger das erste Opernerlebnis war. Und dass das Publikum wieder kommt - ins Kino oder gleich ins Opernhaus."

Weitere Artikel: Andreas Zielcke findet die "Rettungstotalvollmacht" (Paragraf 8), mit der US-Finanzminister Henry Paulson sich ausstatten lassen will, undemokratisch (mehr dazu in Jason Linkins Blog in der Huffington Post). Der französische Rapper Hame, den Nicolas Sarkozy wegen Verleumdung der französischen Polizei hatte gerichtlich verfolgen lassen, wurde freigesprochen, meldet Johannes Wilms. Rainer Gansera resümiert das 56. Filmfestival in San Sebastian. Frank Arnold erfährt beim Filmfestival Oldenburg, was der "Woodstock"-Regisseur Michael Wadleigh in den letzten Jahrzehnten so gemacht hat. Catrin Lorch schreibt über die 7. Biennale in Shanghai.

Besprochen werden der Film "Der Baader Meinhof Komplex", der neue Pixar-Trickfilm "Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf", eine Aufführung von Händels "Ariodante" im Theater an der Wien und Bücher, darunter Alexander von Schönburgs "Alles, was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber nie zu fragen wagten" und Henryk M. Broders Buch "Kritik der reinen Toleranz" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 25.09.2008

Jens Jessen, Evelyn Finger und Thomas Assheuer verkünden das Ende des Kapitalismus amerikanischer Prägung. Diedrich Diederichsen schreibt eine kleine Geschichte der Wall Street im Film und der Literatur. Katja Nicodemus versucht im Gespräch, die Coen-Brüder auf eine konkrete These zu ihren Filmen festzunageln. Gert Kähler beschreibt das finanzielle Debakel der Elbharmonie. Hanno Rauterberg schreibt zum 500. Geburtstag des Architekten Andrea Palladio, Claus Spahn zum Tod des Komponisten Mauricio Kagels.

Besprochen werden eine CD mit Strawinsky-Symphonien, eingespielt von den Berliner Philharmonikern, die phantastische Aufführung von Stockhausens "Gruppen" beim Berliner Musikfest, Christoph Schlingensiefs "Kirche der Angst" und der Film "Wall-E".

Für den Literaturteil trifft Adam Soboczynski den amerikanischen Schriftsteller Donald Windham. Im Wirtschaftsteil analysieren Heike Buchter und Mark Schieritz Chancen und Risiken des amerikanischen Bailout-Plans. Und Frank Sieren erklärt, wie die amerikanische Finanzkrise China als neue Geldmacht etabliert.