Heute in den Feuilletons

Der Rest ist Hummersuppe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2008. In der FAZ entscheidet die Filmkritik: Der "Baader-Meinhof-Komplex" verhält sich zu einem komplexeren Film wie ein Porno zum Liebesfilm. In der SZ zeigen sich die Verleger entsetzt über die Honorarwünsche der Übersetzer. In der Berliner Zeitung rät der Autor und Sozialarbeiter Wilfried N'Sonde Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Anders bleiben. Und immer lächeln. Und alle freuen sich auf das Berliner Literaturfestival.

FR, 24.09.2008

Hans-Magnus Enzensberger und Jorge Semprun haben sich im Frankfurter Instituto Cervantes über Gedächtniskultur unterhalten. Arno Widmann hat zugehört und denkt über die persönliche Gedächtniskultur der beiden nach: Semprun habe sich intensiv mit seinen kommunistischen Irrtümern auseinandergesetzt. "Undenkbar, dass Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel clare et distincte erklären könnte: Ich habe Saddam Hussein für das inkarnierte Böse, für den Satan gehalten. Das war falsch. Es gibt kein Böses. Es gibt also auch keinen Satan, dessen Beseitigung dem Bösen ein Ende machen würde. Das war offensichtlicher Blödsinn. Interessanter als die Erörterung dieser These ist die Frage, wie ich ihr auf den Leim gehen konnte. Was hat mich dazu getrieben, mich so metaphysisch zu engagieren? Enzensberger forscht seinen Irrtümern nicht nach. Er bereitet seine nächsten vor."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte durfte - wie alle Vertreter der Presse - nur einen Trailer des Stauffenberg-Films "Walküre" sehen. Das machte das Gespräch mit Drehbuchautor Christopher McQuarrie etwas mühsam. Der New Yorker Kunstszene wird es künftig schlechter gehen als bisher, schreibt Sebastian Moll, denn durch die Finanzkrise seien wichtige private Fördergelder weggefallen. "Sigrid Löffler wird sich zum Jahresende von der Zeitschrift Literaturen zurückziehen", meldet Ina Hartwig in Times Mager, "das teilt, ohne ein Wort des Dankes, der Friedrich Berlin Verlag mit, wo das Monatsblatt seit knapp zehn Jahren erscheint."

Besprochen werden der Spielzeitauftakt in der Oper Leipzig, "La voix humaine/ Pierrot lunair" nach Francis Poulenc und Arnold Schönberg ("eine zu kleine und unbefriedigende Lösung") sowie ein Konzert in der Alten Oper Frankfurt, wo Stücke des kürzlich verstorbenen Komponisten Mauricio Kagel gespielt wurden.

Berliner Zeitung, 24.09.2008

Anlässlich des beginnenden Literaturfestivals unterhält sich Sabine Vogel mit dem Autor Wilfried N'Sonde, der in der Pariser Banlieue aufwuchs und heute als Sozialarbeiter in Charlottenburg lebt. Jugendlichen rät er: "Aufrecht bleiben, anders bleiben und daraus was machen. Und lächeln. Sich von Vorurteilen befreien: 'Ich bin nicht, was ihr von mir wollt, das ich bin.' Wenn die Leute etwa denken, der Schwarze ist faul, aber hat einen Riesenpenis - das ist nicht mein Problem." Und zum Rassismus sagt er: "Aber das findet man überall, das ist universell. Denken Sie an die Ausschreitungen in Johannesburg vom Sommer."
Stichwörter: Banlieue, Rassismus

Aus den Blogs, 24.09.2008

Neulich verlinkten wir auf einen Vortrag Matthias Küntzels, der auf die Rolle der Nazis für die Entstehung des Antisemitismus in der arabischen Welt hinwies. Götz Nordbruch leugnet diese Beziehungen auf ufuq.de nicht, macht aber auch auf Gegenbewegungen aufmerksam: "Das Interessante ist eben gerade, dass sich neben pro-deutschen Persönlichkeiten wie dem palästinensischen Mufti auch solche Stimmen fanden, die in Zeitschriften, aber auch auf Veranstaltungen und mit klandestinen Aktionen gegen den Nationalsozialismus protestierten."

Via Gawker: Im Ivygate Blog jammern Studenten der besten amerikanischen Universitäten, Berufsanfänger und Big Swinging Dicks über ihre verpatzten Chancen nach dem Börsenkrach. Ein Analyst von Merrill Lynch, der jetzt für die BanK of America arbeiten muss: "I was shocked I would be joining a lower-tier commercial bank. There's a feeling, 'I didn't go through this whole interview process to work at a commercial bank.'" Ein Student: "I applied for jobs at Lehman. I could have been that guy with the Lehman job. It's very frightening."
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Welt, 24.09.2008

Den italienischen Kulturbudgets werden wegen der Überschuldung des Landes Milliarden Euro entzogen. Salvatore Settis vom italienischen Denkmalrat erklärt, warum eine Übergabe von Denkmälern an private Mäzene bei entsprechender steuerlicher Absetzbarkeit wie in den USA nicht möglich sein wird: "Italien kann dieses Modell nicht adaptieren, weil der italienische Fiskus (sei die Regierung links oder rechts) auf keinen einzigen Cent Steuern verzichtet, dies auch nicht kann, weil es so ungeheuer viel Steuerhinterziehung gibt auf dieser unglücklichen Halbinsel."

Weitere Artikel: Barbara Schweizerhof feiert den neuen Pixar-Film "Wall-E" als Meisterwerk. Hannes Stein erklärt die fundamentale kulturelle Bedeutung des eigenen Hauses für die Amerikaner, die nun so häufig den Besuch des Gerichtsvollziehers zu gewärtigen haben. Manuel Brug zieht eine nicht so zufriedene Bilanz des Berliner Musikfests. Eckhard Fuhr wirft einen blick auf das beginnende Literaturfestival in Berlin. Thomas Lindemann schreibt über eine neue Konjunktur von Horrorvideospielen. Lindemann interviewt auch den Filmexperten Marcus Stiglegger zu diesem Thama. Und Kai-Hinrich Renner resümiert eine Tagung des Zeitungsverlegerverbandes, wo herauskam, dass es den Zeitungen immer besser statt schlechter geht - vorausgesetzt, Kanzlerin Merkel verhindert, dass die Post Gratiszeitungen bringt.

Tagesspiegel, 24.09.2008

In manchen pieksauberen Berliner Pissoirs sind Fliegen auf die Keramik gemalt, um den Männern ein besseres Zielen zu ermöglichen, stellt der bulgarische Autor Georgi Gospodinov in einem kleinen Text für den Tagesspiegel überrascht fest und beeilt sich, den Unterschied zu den Toiletten des Balkans zu erklären: "Erstens, die Fliegen sind mehr als nur eine. Zweitens, sie sind lebendig. Und drittens, sie bleiben nicht an einem Ort. An dieser Stelle unterbrechen wir die Geschichte, weil es den empfindlichen Lesern schlecht wird, die Damen sich übergangen fühlen und die Analogien sich in Allegorien verwandeln. Man kann einfach keine Geschichte mehr erzählen, ohne jemanden zu kränken."

Und Gregor Dotzauer führt in das Berliner Literaturfestival ein, das sich diesmal den afrikanischen Literaturen widmet. Und hier noch ein Gedicht von Susan Kiguli.

TAZ, 24.09.2008

"Seit gestern kann man Michael Moores Film 'Slacker Uprising' frei aus dem Internet herunterladen - vorausgesetzt man verfügt über eine amerikanische oder kanadische IP-Adresse", informiert Robert Misik. Auf der Medienseite schildert Christine Zeiner anlässlich einer Attacke von Rechtspopulist Jörg Haider auf den ORF, wie in Österreich Parteien versuchen, Einfluss auf die Medienberichterstattung zu nehmen.

Besprochen werden Christoph Schlingensiefs Stück "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", eine Ausstellung zu dem 1994 verstorbenen australischen Performancekünstler Leigh Bowery im Kunstverein Hannover und eine Disney-Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München.

Und Tom.

NZZ, 24.09.2008

Georges Waser meldet den Fund mehrerer Tonbänder von Agatha Christie. Außerdem berichtet er von den Sorgen der schottischen Nationalgalerie um bedeutende Leihgaben, darunter zwei Werke von Tizian, die der Besitzer jetzt verkaufen will;

Besprochen werden ein Konzert mit Musik von Georg Friedrich Haas beim Collegium Novum in Zürich, eine Gartenarchitektur-Ausstellung des Liechtenstein-Museums in Wien, die Ausstellung "Wüste der Moderne" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, ein Gastspiel des Lucerne Festival Orchestra in Wien und Bücher, darunter Erik Fosnes Hansens Roman "Das Löwenmädchen" und eine eine gelungene, "kenntnisreiche" Neuübersetzung von Khushwant Singhs Klassiker "Train to Pakistan". (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 24.09.2008

Am vergangenen Wochenende hat die Mitgliederversammlung des Verbands der Übersetzer (VdÜ) den Entwurf von Vergütungsregeln abgelehnt, der von einer Verlegergruppe unter Federführung von Random House mit dem Übersetzerverband ausgehandelt worden war. Verleger und Übersetzer kommentieren das Ergebnis. Antje Kunstmann ist entsetzt: "Ich halte diese Entscheidung für eine echte Kamikaze-Veranstaltung des Übersetzerverbandes. Für einen Verlag wie unseren hätte das Berliner Modell sehr viel höhere Kosten verursacht, die zu zahlen ich bereit war - nicht etwa weil ich der Meinung bin, wir hätten bisher unsere Übersetzerinnen und Übersetzer nicht fair honoriert, sondern weil ich um einer gemeinsamen Lösung willen bereit war, an die Grenze der ökonomischen Finanzierbarkeit eines kleinen Literaturverlages zu gehen."

Der Übersetzer und Interimsvorsitzende des VdÜ, Hinrich Schmidt-Henkel, wirbt für Verständnis: "Die Kolleginnen und Kollegen, die gegen diese Regelung waren, hatten handfeste inhaltliche Gründe: Die Dreifachbenachteiligung der Taschenbuchübersetzer (geringere Beteiligungsprozente von geringeren Ladenpreisen, bei ohnehin geringerem Seitenhonorar). Zu niedrige Nebenrechtsbeteiligung. Und, nachteilig für den 'anspruchsvollen' Literatursektor, für den etwas höhere Honorare bei deutlich höherem Aufwand gezahlt werden: Nur ein halbes Beteiligungsprozent und dies erst ab 5.000 Exemplaren, eine in diesem Sektor nicht häufig erreichte Auflagenhöhe." (Mehr zum Thema hier und hier.)

Weitere Artikel: New Yorks "Zweites Goldenes Zeitalter" ist nach dem Bankenkrach beendet, glaubt Jörg Häntzschel. Der Intendant der Essener Philharmonie, Michael Kaufmann, wurde fristlos entlassen, weil er seinen Etat um insgesamt 1,5 Millionen Euro überzogen hat, berichtet Dirk Graalmann. Joachim Kaiser schreibt in seinem sechsten Geburtstagsartikel über Mozart.

Besprochen werden zwei große Vincent-van-Gogh-Schauen in der Wiener Albertina und im New Yorker Museum of Modern Art, einige CDs, David Mamets Film "Redbelt", die Ausstellung "Stadt ohne Juden" im Jüdischen Museum München, eine norwegische Filmkomödie über "Die Kunst des negativen Denkens", Aufführungen von Viscontis "Fall der Götter" am Düsseldorfer Schauspielhaus und Wagners "Parsifal" am Kölner Schauspiel, Schönbergs "Pierrot" in der Inszenierung von Peter Konwitschny in Leipzig und der Tagungsband "In Ketten tanzen. Übersetzen als interpretierende Kunst" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 24.09.2008

Recht hart geht Michael Althen mit der Eichinger-Edel-Produktion "Der Baader-Meinhof-Komplex" ins Gericht: "Der Film nennt eine Mörderbande eine Mörderbande - und verschweigt nicht, dass es zwei, drei Gründe gab, die sie auf den falschen Weg führten. Aber das ändert nichts daran, dass es sich beim 'Baader Meinhof Komplex' um einen Polit-Porno handelt. Er besteht nur aus Höhepunkten - der Rest ist Hummersuppe."

Einen offenkundig sehr viel gelungeneren Terrorismus-Film stellt Paul Ingendaay vor: "Tiro en la cabeza" (Kopfschuss) des Katalanen Jaime Rosales. Der Film ist fast durchweg stumm, weil er die Geschichte eines Eta-Mords nur aus der Entfernung durchs Teleobjektiv zeigt.

Weitere Artikel: Jürg Altwegg bereitet uns auf das in Form einer Korrespondenz gemeinsam verfasste, in zwei Wochen in Frankreich erscheinende Buch "Volksfeinde" des "unvorstellbaren Dreamteams der Saison" Michel Houellebecq und Bernard-Henri Levy vor. In der Glosse schildert Jordan Mejias, wie an der Metropolitan Opera Modeschau und Musik zusammengehen. Joachim Müller-Jung porträtiert die mit dem MacArthur Genius Award (und damit 500.000 Dollar) bedachte Evolutionsforscherin Kirsten Bomblies, Anne-Dore Krohn die ghanaische Autorin Amma Darko, die jetzt auf dem Literaturfestival in Berlin zu erleben ist. Axel Michaels hat den ersten frei gewählte Premierminister Nepals Pushpa Kamal Dahal bei seinem Deutschland-Besuch erlebt. Auf der Medienseite kann Heike Hupertz gar nicht recht fassen, dass im ZDF jetzt eine Serie von Neuverfilmungen des halb vergessenen einstigen Bestsellerautors Johannes Mario Simmel startet.

Besprochen werden Anselm Webers Essener Inszenierung einer überarbeiteten Version von John M. Synges Stück "Held der westlichen Welt", ein Stevie-Wonder-Konzert in Köln, die Ausstellung "In der Wüste der Moderne" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die Ausstellung "Spuren des Geistigen" im Münchner Haus der Kunst, die Ausstellung "W.G. Seebald - Zerstreute Reminszenzen" im Literaturhaus Stuttgart und Bücher, darunter Ingrid Vendrell Ferrans Studie über "Die Emotionen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).