Heute in den Feuilletons

Information, Energie und Höchstfrequenz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2008. In der FR zieht Garri Kasparow eine Parallele zwischen Südossetien und dem Sudetenland. Noam Chomsky würdigt stattdessen den russischen Widerstand gegen die USA. In der Welt liest Friedrich Kittler mit Kindle, und das ist gut so. Die NZZ bestaunt hässliche Bilder in Wien. Die FAZ findet die in Venedig präsentierte neueste Architektur verlogen.

FR, 16.09.2008

Die FR lässt Garri Kasparow und Noam Chomsky in der Frage zu Georgien gegeneinander antreten. Kasparow, Führer der oppositionellen Vereinigten Bürgerfront in Russland, ruft ausdrücklich zum "Widerstand" des Westens gegen Putin und seine Machtelite auf. Er sieht in den russischen Aktionen Parallelen zu Hitler, für den die Annexion des Sudetenlandes auch nur der Anfang war: "Sanktionen gegen Russland würden den Westen teuer zu stehen kommen, und Putin setzt darauf, dass der Westen nicht bereit ist, den Preis zu zahlen. Wenn die westlichen Regierungen erst einmal beginnen, die zwielichtigen Machenschaften der russischen oberen Zehntausend unter die Lupe zu nehmen, werden sie auch die international agierenden Riesenkonzerne und die politischen Führer genauer untersuchen, die seit Jahren für Putin und seine Kumpane Geldwäsche in hundertfacher Milliardenhöhe betreiben. Die Auflösung der Beziehungen wird schmerzhaft werden und in einigen europäischen Ländern vielleicht sogar zu Regierungswechseln führen. Zweifelt irgendjemand daran, dass Putin, der gründliche Ex-KGB-Mann, alle kompromittierenden Vorgänge genauestens dokumentiert hat?"

Der amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky sieht dagegen die Verantwortung für den Kaukasus-Konflikt eher bei den USA: "Es wird viel geredet über einen neuen Kalten Krieg, der durch das brutale Vorgehen Russlands in Georgien provoziert worden sei. Die neu stationierten US-Flottenkontingente im Schwarzen Meer sind besorgniserregend - entsprechende Aktionen der Gegenseite im Golf von Mexiko würden wohl kaum toleriert werden -, ebenso wie andere Anzeichen für eine Konfrontation. Anstrengungen der Nato, ihren Wirkungsbereich auf die Ukraine auszudehnen, könnten extrem gefährliche Folgen haben. Die jüngsten Besuche von Vizepräsident Cheney in Georgien und der Ukraine stellen eine rücksichtslose Provokation dar."

Weitere Artikel: In einem Interview spricht Carol Campell, Vorstandsmitglied des Vereins Schwarze Filmschaffende in Deutschland, über die Macht der Bilder in der Darstellung von Menschen mit Migrationshintergrund. Hans-Jürgen Linke sieht nach einem gelungenen Eröffnungs-Requiem mit Vorfreude der neuen Saison der Oper Frankfurt und seinem neuen GMD, Sebastian Weigle, entgegen.

Besprochen werden die originelle Eröffnung der Züricher Spielzeit mit Jan Bosses Inszenierung "z.B. der gestiefelte Kater" und Niklas Heblings Gothic-Projekt "Von denen die überleben" und Lorenzo Fioronis Inszenierung der "Turandot" in der Deutschen Oper Berlin.

Welt, 16.09.2008

Erst heute entdeckt haben wir einen Artikel aus der Welt am Sonntag: Der Medientheoretiker Friedrich Kittler durfte schon mal Amazons in Deutschland noch nicht zu kaufendes Lesegerät Kindle ausprobieren. Kompatibilitätsprobleme mit Linux, ein magerer Zeichensatz, auch das zögerliche, flackernde Umblättern stören ihn. Im Prinzip hat die Angelegenheit für Kittler aber revolutionäres Potenzial: "Kein Regenwald wird mehr gerodet, um Papier zu werden. Keine Offsetmaschine macht Fabrikhallen mehr beben, um Hunderttausende von Zeitungen zu drucken. Massenpresse und Holzpapier, beide um 1850 entwickelt, sind ... die materielle Basis unserer Kultur gewesen; beide sollen sie ins Nichts zergehen. Anstelle von Materie - und das ist gut so - tritt Information, Energie und Höchstfrequenz."

Für das heutige Feuilleton hat der Doyen des deutschen Fernsehjournalismus, Peter Merseburger, das neue Helmut-Schmidt-Buch gelesen und gibt zu, dass Schmidt mit dem Nato-Doppelbeschluss, den Merseburger seinerzeit bestimmt nicht unterstützte, recht hatte. Für die Leitglosse hat Eckhard Fuhr Frank Schirrmachers Artikel über Eichingers RAF-Film gelesen und fragt sich, warum Schirrmacher glaubt, alle RAF-Romantiker sähen aus wie der auf die SPD spezialisierte Politologe Franz Walter (Bild). Mit dem RAF-Film, der heute in München Premiere hat, beschäftigt sich auch Sven Felix Kellerhoff: Er hat ein zum Film gehöriges Buch gelesen, in dem sich Schauspieler des Films mit eklatantem Biedersinn über ihre Rollen äußern.

Besprochen werden die Ausstellung "Der Brief - Ereignis und Objekt" in Frankfurt, eine Ausstellung mit Malerskulpturen in Baden-Baden, und Händl Klaus' Singspiel "Furcht und Zittern", das das Thema der Pädophilie thematisiert und in Essen zur Aufführung gebracht wurde.

Auf der Magazinseite unterhält sich Elisalex Clary mit Johanna von Trapp, der letzten Verbliebenen der in dem Musical "The Sound of Music" porträtierten Trapp-Familie.

TAZ, 16.09.2008

Im Interview mit Alessandro Top spricht Michael Dreyer über die Tücken des Kulturaustauschs mit undemokratischen Regimes und sein eigenes Morgenland Festival in Osnabrück, zu dem die Granden der orientalischen Musik anreisen werden: "In Iran fesselt mich eine konzentrierte, in sich ruhende Schönheit, die viele Musiker und Musikerinnen mitsamt ihrer Musik ausstrahlen. Ein Sänger wie Salar Aghili kann mit seiner Technik und emotionalen Kraft das gesamte Bayrische Rundfunkorchester bezirzen."

Weitere Artikel: Cristina Nord ächzt unter den exklusiven Vorabberichten zu Bernd Eichingers RAF-Film "Der Baader-Meinhof-Komplex", die sehr wichtige Journalisten bereits veröffentlichen dürfen und die sich ihrer Meinung lesen, "als wären sie im Delirium entstanden". Wolfgang Ullrich stellt fest, dass in der Literatur Bezugspunkte immer öfter durch Markenlabels hergestellt werden als durch Ortsnamen. Tobias Rapp schreibt zum Tod des "konservativen Kulturkritikers und Trashkultur-Fanatikers, Zynikers und Idealisten, 'Baywatch'-Experten und Trauerredners" David Foster Wallace, der sich mit seinen 46 Jahren das Leben genommen hat.

Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Ayse Erkmen im Hamburger Bahnhof in Berlin, das Crossover-Projekt "Von denen die überleben" mit Menschen und Tieren im Zürcher Schiffbau.

Auf der Meinungsseite fordert Wilfried Jilge von der EU, der zerstrittenen Ukraine unter die Arme zu greifen: mit Lockerung der Visumspflicht und Hilfen für den Mittelstand.

Und noch Tom.
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NZZ, 16.09.2008

So viele hässliche Bilder in einer einzigen Ausstellung hat Andrea Winklbauer lange nicht mehr gesehen. In der "innovativen" Ausstellung "bad painting" des Wiener Museums für moderne Kunst ist Hässlichkeit jedoch Programm: Die Werke namhafter Künstler wie Magritte, Baselitz oder Kippenberger eint die Rebellion gegen die Dogmen in der Kunst - eine ironische "Gegenkunststrategie", mit der die ausgestellten Künstler die Malerei mit ihren eigenen Mitteln kritisieren.

Weiteres: Oliver Pfohlmann erinnert an Friedrich Torberg, den "Letzten der Wiener Moderne", der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen werden die "lohnende" Neuinszenierung von Donizettis "Lucia di Lammermoor" im Zürcher Opernhaus und Bücher, darunter Gertrud Leuteneggers Roman "Matutin" und Curtis Sittenfelds Laura-Bush-Roman "American Lady" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Stichwörter: Leutenegger, Gertrud

FAZ, 16.09.2008

So wütend, dass er anfängt, deutsche Schlager zu zitieren, ist Dieter Bartetzko beim Gang übers Gelände der Architekturbiennale in Venedig. Geschichtsvergessen, verlogen, das Aufblasen von spießigen WGs auf Weltmaßstab, so ungefähr lauten seine Vorwürfe an die Öko-Ambitionen der vorgestellten Architektur. Spätestens ein Satire-Projekt öffnet einem, wie er feststellt, endgültig die Augen: "Im Hauptpavillon fällt inmitten des langweiligen Gewusels das 'Rotterdamprojekt' auf. Um Investoren und Standortvorteile im internationalen Städtewettbewerb zu sichern, gestattet Rotterdam eine zweite Wolkenkratzerstadt, die auf titanischen Stelzen über die erste gestellt werden wird; unten, liebevoll saniert, die alte vertraute Urbanität, darüber das perfekte computerglänzende 21. Jahrhundert. Dass all dies satirische Fiktion ist, merkt man spät. Wie auch anders, da unser reales Bauen längst dieses Stadium erreicht hat?"

Weitere Artikel: In der Glosse weiß Julia Voss gar nicht, worüber sie mehr staunen soll - darüber, dass die anglikanische Kirche sich bei Charles Darwin entschuldigt oder darüber, dass sie es mit knapp hundertfünfzig Jahren Verspätung tut. Über "sein Washington" schreibt Matthias Rüb. Reinhard Wandtner erklärt uns auf Anregung von Kurt Beck den Wolf. Jürg Altwegg informiert über die nicht abreißenden Proteste gegen die Jeff-Koons-Ausstellung in Versailles. Zum Tod des US-Autors David Foster Wallace schreibt Richard Kämmerlings - Jordan Mejias hat Stimmen aus amerikanischen Nachrufen gesammelt.

Patrick Bahners gratuliert dem vom Krautrockmusiker zum Gastronomiekritiker in FAZ-Diensten umgeschulten Jürgen Dollase zum sechzigsten Geburtstag: hier ein Auftritt von Dollases Band Wallenstein mit ihrem größten Hit "Charline", eine Art popmusikalisches Jägerschnitzel, das im Jahr 1978 Platz 17 der deutschen Charts belegte:



Auf der Forschung-und-Lehre-Seite erklärt der Erziehungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth in einem sehr ausführlichen Gespräch, warum die Schule nicht der Ort sein und auch nicht werden kann, an dem gesellschaftliche Gleichheit produziert wird: "Die Differenz am Ende der Bildung, der Erziehung, die kann kein Mensch abschaffen. Schule ist ein System der Erzeugung von Differenz und nicht von Gleichheit."

Besprochen werden die Uraufführung von Händel Klaus' Singspiel "Furcht und Zittern" bei der Ruhrtriennale, Martin Kusejs Inszenierung von Karl Schönherrs Stück "Weibsteufel" in Wien, ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle mit Messiaen und Bruckner beim Berliner Musikfest, die große Berliner "Tropen"-Ausstellung, das neue Okkervil River-Album "The Stand-Ins" und Hans-Ulrich Treichels Roman "Anatolin" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 16.09.2008

Florian Urban berichtet über (schlechte) Stadtplanungsideen für Mumbai und staunt dabei, wie gut in der indischen Metropole das Nebeneinander von Arm und Reich funktioniert: "Im Neubauviertel Nariman Point etwa, wo Indiens neue Business-Elite in der Bay View Bar des 5-Sterne-Hotels Oberoi bei einem Whisky Sour den Sonnenuntergang über dem Meer genießt, liegt die nächste Barackensiedlung keine 300 Meter entfernt - umgeben von Konsulaten und Luxushochhäusern, in denen eine 100-Quadratmeter-Wohnung bis zu 1,5 Millionen Euro kostet. Und obwohl die meisten Slumbewohner durch Putzen oder Müllsortieren an guten Tagen höchstens drei Euro verdienen, verläuft das alltägliche Nebeneinander weitgehend friedlich: Mumbai gilt als eine der sichersten Riesenstädte weltweit, Überfälle oder Taschendiebstähle sind selten."

Weitere Artikel: Der Linguist Guy Deutscher hält allen derzeitigen Warnern vor der Anglisierung der deutschen Sprache - insbesondere der Romanist Jürgen Trabant wird namentlich genannt - beispielreich entgegen, das an den Veränderungen absolut gar nichts anders ist als es je war, die Sprachkritiker inklusive. Gottfried Knapp beschwert sich in Teil zwei der Bahn-Beschwerdekolumne "Immer Ärger mit der Bahn" wie zu erwarten war über die Bahn. Der Archäologe Dieter Hertel hält die Behauptung des derzeitigen Grabungsleiters Ernst Pernicka, das bronzezeitliche Troja sei eine dicht besiedelte Stadt gewesen, für falsch und erklärt auch warum. Die Listenliebe der Briten glossiert Matthias Lüdecke. Ingo Petz meldet, dass in Weißrussland alle Musiker fortan auf dem Plakat verraten müssen, ob sie bei Konzerten live oder mit Playback spielen. Willi Winkler erinnert zu dessen hundertstem Geburtstag an den Theaterkritiker Friedrich Torberg.

Auf der Medienseite gratuliert der Film- und Fernseh- und auch Tatort-Regisseur Dominik Graf dem bayerischen Tatort-Duo Batic und Leitmayr zum fünfzigsten Fall.

Besprochen werden das Saison-Eröffnungskonzert des Leipziger Gewandhausorchesters unter Riccardo Chailly mit Neuem von Rihm und Altem von Beethoven und Ravel, Martin Kusejs Wiener Inszenierung von Karl Schönherrs Stück "Weibsteufel", die große Gustave-Caillebotte-Schau in Bremen, Niko von Glasows Film "NoBody's Perfect" und Bücher, darunter A. A. Jakobs Bericht über sein streng nach den Regeln der Bibel gelebtes Jahr "Die Bibel & ich" und Rafael Chirbes' Roman "Krematorium" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).