Heute in den Feuilletons

Das Sprudeln der Hirne sanft lenken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2008. Spiegel Online zitiert ein chinesisches Interview des einst als kritisch geltenden Regisseurs Zhang Yimou, in dem er Befehl, Gehorsam und Schönheit der Masse preist. Der Freitag greift die Debatte über Filmkritik im Netz auf. Die Berliner Zeitung fragt: Wozu Books on Demand, wenn es elektronische Lesegeräte gibt? Die FAZ hat noch einmal gründlich recherchiert und findet ihre Thesen über Glucksmann und Levy und Georgien und Amerika und Israel bestätigt.

Freitag, 22.08.2008

Drei aktuelle, wenn auch etwas unterschiedlich gelagerte Fälle zitiert Viktor Raden als symptomatisch für eine Krise der Filmkritik: Josef Schnelles pauschale Blog-Aburteilung in der Berliner Zeitung (hier der Artikel, hier die Perlentaucher-Replik), Tobias Kniebes sensationalistische Vorablektüre des mutmaßlichen Drehbuchs zu Quentin Tarantinos neuem Film in der SZ und die Constantin-Exklusiv-Einladung zur Vorabaufführung des Baader-Meinhof-Films, die verbunden war mit massiver Strafbewehrung eines vorzeitig geäußerten Worts über das Werk (mehr hier und hier). Raden erkennt da ein klares, sich wiederholendes Muster: "Zeitungen, die im Wettlauf um Nachrichten gegenüber dem Rundfunk und erst recht gegenüber dem Internet den Kürzeren ziehen, erliegen häufiger der Versuchung, selbst News zu produzieren. Auch um den Preis, dass Reflexion und abgewogenes Urteil auf der Strecke bleiben... In keinem der Fälle herrscht eine Spur von souveränem Vertrauen in das eigene Produkt. Vielmehr zeugen News-Wildereien, Knebelungsversuche, verfrühte Euphorie und späte Verweigerung - von Internet-Verdammung ganz zu schweigen - von Hysterie und medialer Krisenstimmung."
Stichwörter: Internet

NZZ, 22.08.2008

In einem letzten Beitrag zu der Serie "Perspektiven auf den radikalen Islamismus" formuliert der Politologe Volker Perthes konkrete Lösungsansätze für den Umgang mit dem Islam und rät dem Westen zu mehr Pragmatismus: "Europa sollte in der arabisch-muslimischen Welt solche Akteure unterstützen, die friedlich für Veränderung in ihren Ländern eintreten. Das heißt auch zu akzeptieren, dass Zivilgesellschaft nicht nur jene umfasst, die einen säkularen Diskurs pflegen, sondern auch konservative islamische Kräfte. Es ist sicher so, dass es ohne die nationalen moderaten Kräfte des politischen Islam keine nachhaltigen politischen Reformen in der arabischen Welt geben wird."

Weitere Artikel: Kerstin Stremmel berichtet von den internationalen Fototagen in Arles, zu denen in diesem Jahr einer der berühmtesten Söhne der Stadt, der Modemacher Christian Lacroix, als Gastkurator eingeladen wurde. Unter der Überschrift "Fata Morgana der Moderne" bespricht Markus Jakob eine Ausstellung zu Bagdads Architektur, die gegenwärtig in Barcelona gezeigt wird. Felix Philipp Ingold erinnert an die Aufsätze des Philosophen Simon Frank, insbesondere an einen Essay mit dem Titel "Der innere Widerspruch des Sowjetsystems".

Auf der Musikseite befasst sich Matthias Daum mit den Besonderheiten der urbanen Hip-Hop-Kultur, in deren Stadtbild er vor allem "glitzernde Unorte" findet. Außerdem stellt Christoph Wagner eine CD von Lukas Ligetis mit Trommel-Mystik vor.

Auf der Medienseite berichtet Cristina Elia von dem Projekt "Öppen Redaktion", für das das schwedische Nachrichtenmagazin Aktuellt seine Redaktionskonferenzen aufzeichnen und im Internet ausstrahlen lässt: "Auf der Website von 'Aktuellt' sind Filmaufnahmen von Redaktionssitzungen und weiteren internen Diskussionen zwischen den Journalisten abrufbar. So soll dem Publikum ermöglicht werden, das fertige Produkt besser zu verstehen und auch noch mehr schätzen zu lernen. Das geht über eine Reality-Show hinaus: 'Wir wollen dem schwedischen Volk erklären, wie unser Nachrichtenmagazin funktioniert. Bei diesem Projekt geht es um einen Dialog und nicht um irgendeine Form von Voyeurismus', sagt Eva Landahl, die Leiterin der Sendung."

Spiegel Online, 22.08.2008

Zhang Yimou, der einst als regimekritischer Filmemacher galt, schwärmt heute über die Formbarkeit der chinesischen Massen, die er als Regisseur der Olympia-Eröffnung genießen durfte: "Darsteller gehorchen Befehlen, sie können es wie Computer tun. (...) Das ist der chinesische Geist." Das Zitat stammt aus einem chinesischen Interview Zhangs, das der Spiegel-Korrespondent Andreas Lorenz zitiert. Sein Kommentar: "Bei solchen Worten läuft es dem westlichen Beobachter kalt den Rücken hinunter - denn da verknüpft ein weltberühmter Regisseur, einer der führenden Intellektuellen Chinas, Befehl, Gehorsam, Schönheit der Masse und Gleichschaltung mit einem abstrakten chinesischen Geist, mit einem Wesen, an dem hoffentlich nicht die Welt genesen soll."
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Stichwörter: Der Spiegel, Zhang Yimou

Welt, 22.08.2008

Rolf Schneider verfolgte ein auch mit zahlreichen Deutschen besetztes Podium über 1968 in Prag. Manuel Brug kommentiert Nike Wagners anhaltende Proteste gegen die Installation Katharinas als Hügelherrin als aussichtslosen letzten Kampf. Thomas Lindemann berichtet von der "Games Convention" in Leipzig. Der Fotohistoriker Klaus Honnef erinnert an Henri Cartier-Bresson, der in diesem Tagen hundert Jahre alt würde. Manuel Brug schildert späte Rückwirkungen des Salzburg-Musicals "Sound of Music" auf die Stadt. Und Johnny Erling porträtiert den Künstler Mao Tongqiang, der mit Tausenden von echten Hammern und Sicheln die symbolischen Tools des Kommunismus verfremdet. Besprochen wird eine große Turner-Ausstellung in New York.

Berliner Zeitung, 22.08.2008

Jörg Sundermeier kommentiert die Meldung, dass Suhrkamp ältere Bände der edition suhrkamp künftig als "Books on Demand" anbieten wird: "Einen Haken allerdings hat die Sache - angesichts der neu aufkommenden elektronischen Lesegeräte sieht dieser Schritt in die Zukunft schon wie ein Schritt in die Zukunft von gestern aus. Gerade im Wissenschaftsbereich werden die elektronischen Lesegeräte das klassische gedruckte Buch weitgehend verdrängen."

FR, 22.08.2008

Jörg Allmeroth hat sich im chinesischen Staatsfernsehen angesehen, wie dort die olympischen Siege der Nation zelebriert werden: "Olympia bei CCTV ist wie eine endlose Heldengeschichte chinesischer Triumphe - mit patriotisch glühenden Moderatoren, die ins Mikrofon brüllen, wie gut die Athleten 'im Namen der nationalen Ehre' ihre Sache gemacht haben. In einer Abendshow auf CCTV 4 schreiten die Sieger noch einmal wie ein Trupp Soldaten auf die Bühne, frenetisch gefeiert vom fähnchenschwenkenden Publikum. 'China, China, China' gellt von den Rängen, bis der Moderator die Ovationen für seine Interviews unterbrechen muss."

In der Times mager informiert Judith von Sternburg, dass die Briten in einer alle Zeiten und Orte einbeziehenden Umfrage, Enid Blyton zu ihrer allerliebste Schriftstellerin erkoren haben: "William Shakespeare kam auf Rang 5, Geoffrey Chaucer auf Rang 50. Unter den ersten 10 sind 4 Kinderautoren (auch Roald Dahl, J.K. Rowling und Beatrix Potter, die mit dem Häschen im Jäckchen)."

Besprochen werden das R.E.M.-Konzert auf der Loreley, das Album "Superhero Brother" von G. Love & Special Sauce, Jonathan Carrs Biografie des "Wagner-Clans", Wolfgang Hubers Unterweisung "Der christliche Glaube", Uzodinma Iwealas Kindersoldaten-Roman "Du sollst Bestie sein!" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 22.08.2008

Jörg Häntzschel besucht das amerikanische Erfinderlabor "Intellectual Ventures". Gegründet haben es Peter Detkin, Greg Gorder, Edward Jung und Nathan Myhrvold, der davor 14 Jahren lang für Microsoft gearbeitet und dafür "mehrere hundert Millionen Dollar" nach Hause getragen hat: "Myhrvold besitzt selbst 20 Patente, Jung 70, doch hier verstehen sie sich als Moderatoren, die das Sprudeln der Hirne sanft lenken: 'Erfinder haben ständig Ideen, sie können nicht aufhören. Sie sehen ein Atomkraftwerk und erfinden es neu, sie sehen ein Datenzentrum und wissen, wie man es verbessern könnte. Einmal wollten wir über Immunologie diskutieren, doch weil die Eiswürfelmaschine kaputt war, ließen sich die Leute kaum davon abhalten, gleich eine viel bessere zu erfinden. Was wir ihnen bieten, ist ein Rahmen, in dem sie Erfindungen machen können, die wirklich wertvoll sind.'"

Der schwedische Verleger Svante Weyler macht sich Gedanken über das Verhältnis zwischen Hoch- und Trivialliteratur. Dieses Verhältnis, schreibt er, war lange Zeit ein hochproduktives Spannungsverhältnis. Doch jetzt scheint die Trivialliteratur den Sieg davonzutragen: "Keine der größten schwedischen Tageszeitungen hat einen Chefredakteur, der auch Schriftsteller ist, keiner der großen schwedischen Verlage einen Geschäftsführer, der Bücher liest. Aber das ist nicht nur in Schweden so und war früher anders. Früher suchte ein Verleger sich einen Vertriebschef, um einen Verlag zu gründen. Heute sucht der Vertriebschef sich einen Verleger. Ist das Zufall? Nein, das Resultat eines langwierigen Marktkampfes. Und das hat einen entscheidenden Einfluss auf die Art, wie die Ebenen vermischt werden."

Weitere Artikel: Jens Bisky gehen die neuen Bauvorschriften für Berlin Mitte (mehr dazu hier und hier) jetzt doch etwas zu weit: "Selbst dem Liebhaber der alteuropäischen Architektursprache, dem wohl bedrohtesten unter allen Idiomen, kann die Lebensfeindlichkeit des Reglements nicht behagen". Der Romanist Jürgen Trabant besteht auf seinem Recht über den Verfall der deutschen Sprache zu jammern: Zwar habe man es damit oft übertrieben, aber am Ende dienten diese Klagen "doch eindeutig der Ermunterung zur Gegenaktion". Die beliebteste Autorin in Großbritannien ist immer noch Enid Blyton, meldet Gustav Seibt. Suhrkamp druckt einen Teil seiner Backlist nur noch auf Bestellung, also als Book-on-demand, berichtet Lars Weisbrod. Anke Sterneborg fragt, wie viel Film darf man seinen Kindern zumuten? In der Reihe "Was weiß die Wissenschaft vom Ich" will der Münchner Soziologe Armin Nassehi Abstand davon nehmen, "die Unbedingtheit des freien Handelns für realistisch zu halten".

Besprochen werden eine Retrospektive des amerikanischen Dokumentar-Fotografen Leonard Freed im Berliner Postfuhramt, Garth Jennings' Film "Der Sohn von Rambow" und Bücher, darunter Michael D. O'Briens Bestseller "Father Elija" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 22.08.2008

Sonja Eismann porträtiert in einem längeren Artikel das Pop-Projekt Sisters, die "Frauenabteilung des afrodeutschen Politpop-Projekts Brothers Keepers", welches sich mit engagierter Musik dem Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland entgegenstellt. Besprochen werden außerdem die neue CD von Randy Newman und die Ausstellung "Nasen riechen Tulpen - Kunst von besonderen Menschen" im Museum Würth in Künzelsau.

Auf der Medienseite berichtet Klaus Raab über zwei neue Stasi-Fälle in der Berliner Zeitung.

Und Tom.

FAZ, 22.08.2008

Der in Teheran lebende iranische Autor Amir Hassan Cheheltan schildert, wie die US-Paranoia bei den offiziellen Vertretern des Iran langsam dramatische Formen annimmt: "Vor rund zwei Monaten verkündete der iranische Staatspräsident Ahmadineschad nach der Rückkehr von seiner Irak-Reise: 'Im Irak beabsichtigten die Amerikaner, mich zu entführen und in die Vereinigten Staaten zu transportieren, um für meine Freilassung von der Islamischen Republik Lösegeld zu fordern'... Nur wenige Tage nach der Affäre um die vermeintliche Entführung Ahmadineschads im Irak berichtete dessen Berater von einem geplanten Attentat auf seinen Dienstherrn am Rande des FAO-Gipfels in Rom. Der iranische Botschafter in Italien erklärte außerdem, dieser Plan hätte mit Hilfe verstärkter Strahlung eines Röntgengeräts durchgeführt werden sollen, das am Aufenthaltsort des Staatspräsidenten installiert war. "

Weitere Artikel: Lorenz Jäger kartet mit einer kleinen französischen Presseschau nach in Sachen Georgien und Israel bzw. Glucksmann und Levy (deren Aufruf beim Perlentaucher) - und stellt unter anderem fest, dass auch das Blog "Achse des Guten" in einem Gastbeitrag eingesteht, dass die georgische Armee "amerikanisch und israelisch gesponsert" ist. (Der in "Achse des Guten" sehr aktive, auch in Jägers Artikel erwähnte Henryk M. Broder wurde gestern von Patrick Bahners attackiert.) Julia Voss und Niklas Maak unterhalten sich mit Michael Eissenhauer, dem zukünftigen Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. Hans Magnus Enzensberger glossiert die wundersame Nummernvermehrung durch steuerbehördliche Innovationsschübe. Von der Leipziger Games Convention berichtet Thomas Scholz. Der Fotograf Michael Ruetz erinnert an Henri Cartier-Bresson, der heute seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Catherine Grim stellt eine neue Studie zur demografischen Zukunftsfähigkeit verschiedener europäischer Regionen vor - gut sieht es aus für Island und die Schweiz, in Deutschland besteht eigentlich nur in Oberbayern Grund zu Optimismus. In den Olympia-Notizen von Yu Hua geht es heute um das Glück, das sich für viele Chinesen schon bei bloßer Nähe zu den Wettkämpfen einstellt. Joachim Müller Jung erklärt, dass die Elster als "zoologisches Kognitionswunder" gelten darf, weil sie sich, obgleich "hirnlos", im Spiegel erkennt. Timo John hat die katholische Kirche St. Augustinus in Heilbronn nach ihrem Umbau besucht. Kerstin Holm meldet den Rücktritt des Direktors des Moskauer Sacharow-Museums Juri Samodurow.

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld die Hintergründe eines Prozesses, den Ulrich Wickert gegen den RTL-Fensterprogramm-Gestalter Alexander Kluge anstrengt - weil dieser und nicht Wickert mit seinen Programmen den Zuschlag erhielt. Hanfeld schlägt sich mit Verve auf Wickerts Seite: "Der David, als den Kluge sich gern ausgibt, ist er schon längst nicht mehr. Er ist der heimliche Tycoon der deutschen Medienbranche, an seinem Aufstieg kann man ablesen, wie man in diesem Land ein kleiner Rupert Murdoch wird: Man braucht ein fein gesponnenes politisches Netzwerk und Gesetze, die einem in die Hände spielen, gewissermaßen einen gesetzlichen Auftrag zum Geldverdienen."

Besprochen werden die Ausstellung "Black is Beautiful" in Amsterdam, Christophe Honores Film "Chanson der Liebe" und Bücher, darunter Barbara Frischmuths Roman "Vergiss Ägypten" und Winfried Speitkamps kleine Geschichte des Trinkgelds "Der Rest ist für Sie!" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).