Heute in den Feuilletons

Repressives Korsett

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2008. In der Welt erklärt Anselm Kiefer, wie Stein brennt - bei Adalbert Stifter. In der NZZ zieht Abdelwahab Meddeb aus der Geschichte der christlichen Gewalt Hoffnung für die islamische Kultur. Die SZ schreibt der PDS ins Geschichtsbuch, dass Sozialstaat und Unterdrückung in der DDR ein und dasselbe waren. In der FAZ protestiert Rene Kollo gegen die Bayreuther Kundry: Die trinkt ja den ganzen Gral aus! Die taz schreibt über die mörderische Ökonomie, die die Flick-Sammlung in Berlin erst möglich machte.

Welt, 30.07.2008

Ein faszinierendes Interview über Religion und Kunst führt Klaus Dermutz mit Anselm Kiefer. Da geht's um Mystik, Kiefers Marienerscheinung und brennende Materie. "Stein selbst brennt. Das haben die Romantiker dargestellt: Den Unterschied zwischen belebten und unbelebten Gegenständen lösten die Romantiker auf. Zumindest Adalbert Stifter. Er hat Gegenstände, Bäume, Steine so beschrieben, als wären sie lebendige Dinge. Und menschliche Beziehungen hat er so beschrieben, als ob sie tot wären, als wären sie Stein. Stifter hat den mühelosen Übergang vom Unbelebten zum Belebten beschrieben. Er hat das Belebte zum Unbelebten erklärt, und das Unbelebte zum Belebten. Das ist das Interessante bei Stifter, er ist ja kein Biedermeier-Dichter, wie viele meine. Er geht viel tiefer."

Weitere Artikel: Gisela Kirschstein stellt eine Studie (als pdf) der Statistischen Ämter vor, die belegt, dass sich in Deutschland "klassische Kultureinrichtungen wie Theater und Museen ungebrochener Beliebtheit (erfreuen), während gleichzeitig die neuen Medien genutzt werden". Michael Miersch schreibt zum Achtzigsten des britischen Komikers Chris Howland. Ulli Kulke besucht das Gießener Mathematikum, das sich wachsender Beliebtheit erfreut. Hanns-Georg Rodek schreibt über Festivalpolitik in Italien. Und Berthold Seewald berichtet vom Fund eines Heiligtums aus der Bronzezeit in Sachsen-Anhalt. Besprochen wird Nikolaus Lehnhoffs "blutleere" Inszenierung des "Tannhäuser" in Baden Baden; immerhin die Sänger - vor allem Waltraud Meier, Camilla Nylund und Robert Gambill - fand Georg Rudiger fabelhaft.

Im Forum denkt Richard Herzinger über den Umgang der 68er mit dem Holocaust nach: Sie hielten den Anblick der Bilder von Auschwitz nicht aus und versuchten sich lieber in Revolutionsromantik.

FR, 30.07.2008

In der Auseinandersetzung um die beiden vom Rumänischen Kulturinstitut eingeladenen früheren Securitate-Mitarbeiter schreibt Ernest Wichner, Chef des Berliner Literaturhauses. Er antwortet dem Leiter des Kulturinstituts, Horia Roman Patapievici, der darauf verwiesen hatte, dass die Gesetzeslage heute den Umgang mit einstigen Spitzeln nicht verbiete: "Mögen sie doch ihre Rechte und Freiheiten dort genießen, wo man sie haben will. Man muss sie nicht überall und in allen Institutionen einer Gesellschaft dulden, nur weil es kein Gesetz gibt, das ihren Ausschluss von repräsentativen Veranstaltungen ermöglicht."

In einem kurzen Interview spricht die Nobelpreisträgerin Doris Lessing über ihr neues Buch "Alfred und Emily", das Weltgeschehen und den Feminismus: "Wir haben einige ziemlich furchterregende Exemplare hervorgebracht. Als man den Frauen den Freiraum gab, auf unangenehme Weise kritisch zu sein, haben sie die Gelegenheit sofort beim Schopf ergriffen, und seitdem haben die Männer zu leiden."

Weiteres: Robert Kaltenbrunner instruiert uns nach entsprechender Lektüre, dass es angesichts der städtischen Agglomerationen wie Shanghai, Lagos oder Johannesburg keinen Sinn mehr macht, von Urbanität zu sprechen - jetzt heißt es "Cityness". In Times mager fürchtet Christian Schlüter um die Anglikanischen Kirche, der eine feindliche Übernahme seitens des Vatikans drohen könnte. Auf der Medienseite nimmt Harry Nutt noch einmal das umstrittene Bild aus dem Bosnienkrieg unter die Lupe, das angeblich ein serbisches Todeslager zeigte.

Besprochen werden das in der L.A. Galerie gezeigte zweistündige Video "Crime and Punishment" des Pekinger Foto- und Videokünstlers Zhao Liang, Konzerte mit Lang Lang und Daniel Barenboim in Salzburg sowie Dieter Paul Rudolphs Krimi "Menschenfreunde" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 30.07.2008

Die Botschaft des Korans ist gewalttätig, die der Evangelien friedlich - aber dennoch haben die Christen Gewalt verübt. Gerade aus dieser Erkenntnis zieht Abdelwahab Meddeb Hoffnung für die Islamischen Länder, denn sie zeige, "dass die Botschaft eines religiösen Urtexts übertreten, ja sogar weitgehend in den Wind geschlagen werden kann. Wenn das Christentum sich nicht an die vom Evangelium gebotene Friedfertigkeit und Duldsamkeit gehalten hat, dann müsste es umgekehrt auch möglich sein, die Tendenz zu Krieg und Gewalt in der koranischen Botschaft zu neutralisieren."

Weiteres: Georges Waser informiert über eine umstrittene Initiative des Royal Opera House in London. Dort wurden die gesamten Eintrittskarten für die bevorstehende "Don Giovanni"-Premiere zu regelrechten Dumping-Preisen an die Leser des Boulevard-Flagschiffs "The Sun" abgegeben. Plus: weitere Opern-Aufführungen werden als «Live»-Übertragung im Kino zu bewundern sein. Marianne Zelger-Vogt hat Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" im Prinzregententheater bei den Münchner Opernfestspielen als "ordinäres, oft witziges, stets aber lebendiges - Kunstwerk" erlebt.

Besprochen werden eine Doppelausstellung in Bregenz und Feldkirch über Mittelalterliche Kirchenschätze, die den Bodenseeraum als blühende Kulturlandschaft porträtiert, und Bücher, darunter Volkmar Siguschs Studie "Geschichte der Sexualwissenschaft", Rudy Wiebes Roman "von dieser erde", eine kritische Gesamtausgabe des Zürcher Gelehrten Jakob Ruf "Leben, Werk und Studien" sowie Hjalmar Hjorth Boyesens Roman "Selbstbestimmung". (Mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages)
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Berliner Zeitung, 30.07.2008

Gemeldet wird, dass die wegen ihrer IM-Tätigekeiten ins Gerede gekommenen leitenden Rdakteure der Berliner Zeitung Thomas Leinkauf und Ingo Preißler ihre Leitungsfunktionen aufgeben, aber als Redakteure im Blatt bleiben:Ein mit externen Persönlichkeiten besetzter Ehreat habe entschieden, "dass eine Weiterbeschäftigung möglich sei, weil beide Journalisten ihre Vergangenheit aufgearbeitet hätten und nun demokratischen Grundsätzen folgen würden."
Stichwörter: Thomas Leinkauf

TAZ, 30.07.2008

Ganz leicht macht es die taz einem heute nicht, aber wenn man weiß, was man suchen soll, dann findet man alles im Netz.

Brigitte Werneburg hat die Untersuchung zum Flick-Konzern gelesen, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Streit um die Berliner Sammlung Flick beim Münchner Institut für Zeitgeschichte in Auftrag gegeben hat. Für Werneburg tritt hier eine mörderische Ökonomie zutage: "Der nun vier Jahre nach Ankündigung beim Münchner Oldenbourg Verlag erschienene, 1.000 Seiten starke Forschungsband 'Der Flick-Konzern im Dritten Reich' lässt keine Unklarheiten darüber, wie Friedrich Flick sich nicht nur der Gelegenheiten zu bedienen suchte, die ihm das nationalsozialistische Regime für die Expansion seines Konzerns bot. Unzweideutig ist hier nachzulesen, wie er diese Gelegenheiten als ihr Vordenker mitgestaltete. Etwa als er im Juli 1938 seinen Rechtsanwalt Hugo Dietrich einen Gesetzentwurf zur Arisierung jüdischen Vermögens ausformulieren ließ, der die bisherige Handhabung verschärfte und dem die Nazis mit der am 3. Dezember 1938 erlassenen Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens entsprachen."

Weiteres: Barbara Schweizerhof erklärt, was es wirklich bedeutet, wenn ein Blockbuster wie der neue Batman-Film in den ersten Tage alle Einspielrekorde bricht: "Ein Film wie 'Dark Knight' belegt gleich mehrere Säle eines Multiplexes und macht so jede Konkurrenz klein." Besprochen wird die Ausstellung "Spurensuche" mit Arbeiten der Fotografin Eva Leitolf. Auf der Medienseite berichtet Karin Deckenbach von den schweren Einbrüchen im amerikanischen Zeitungsmarkt.

In der tazzwei erklärt Schauspieler Max Tidof im Gespräch mit Dörte Schütze, warum er in Karlsruhe gegen das Rauchverbot geklagt hat: "es gibt viele Nichtraucher, die gerne Rauch sehen, das hat eben etwas sehr Ästhetisches. Es ist eine Kulturform. Eine Bar ohne Aschenbecher und ohne mondäne Damen, die an ihren Zigaretten ziehen - das ist furchtbar."

Und Tom.

SZ, 30.07.2008

Über eine bedrohliche Spitze gegen die liberale Idee sowohl im neoliberalen Diskurs als auch in Parteien wie der PDS denkt Gustav Seibt nach. Der Linkspartei schreibt er ins Geschichtsbuch, "dass die vergleichsweise komfortablen Grundsicherungen in der DDR die Folge einer unausgesprochenen Abmachung zwischen der Staatsführung und der Arbeiterklasse nach dem 17. Juni 1953 waren: Die Führung achtete fortan peinlich darauf, die Massen nicht mehr materiell zu überfordern, und gewann im Gegenzug eine politische Ruhe, die durch Mauer und Überwachung bald noch ein repressives Korsett erhielt."

Der Architekturhistoriker Aram Mattioli greift den Satz von Jacques Herzog auf, dass auch in Diktaturen gute Architektur entstehe und bestätigt ihn am Beispiel des italienischen Faschismus in einer Weise, die Herzog vielleicht auch wieder nicht recht wäre: "Mussolinis Italien war nach dem Ersten Weltkrieg die erste Diktatur in Europa, die die Architektur im großen Stil instrumentalisierte und zur permanenten Selbstdarstellung nutzte. Tatsächlich ließ das Regime in allen Teilen des Landes bis in die Dörfer Monumente der Macht errichten. Dies war Teil einer ausgeklügelten Visualisierungsstrategie, die seither typisch ist für Machtausübung in modernen Diktaturen. Nirgendwo in Europa konnten Architekten zur selben Zeit so groß, so ästhetisch radikal, so schnell, mit so viel Geld und so frei von bürokratischen Fesseln bauen wie hier."

Weitere Artikel: Christine Dössel liest eine Studie des Statistischen Bundesamtes über das Kulturverhalten der Deutschen. Klaus Brill meldet, dass der umstrittene Entwurf für eine neue Nationalbibliothek in Prag nun doch nicht verwirklicht wird. Alexander Menden berichtet, dass eine britische Kinokette die Reaktionen ihrer Zuschauer jetzt ständig per Kamera überwacht und die Videos auch aufbewahrt. In der Serie "Wetterbericht" legt der Umweltjournalist Fred Pearce dar, dass der Nahostkonflikt vor allem ein Konflikt um Wasser sei. Auf der Medienseite berichtet Caspar Busse über das Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz gegen die GEZ, die einen Anwalt zwingen wollte, für seinen beruflich genutzten Computer Gebühren zu entrichten.

Besprochen werden die Verfilmung von Frederic Beigbeders Roman "39,90" (mehr hier) und Klee-Ausstellungen in Wien, in Bern und in Basel.

FAZ, 30.07.2008

Der Tenor Rene Kollo stört sich ganz entschieden an zwei Details in Stefan Herheims "Parsifal"-inszenierung, nämlich dass Amfortas als Christus auftritt und dass Kundry den ganzen - aber auch wirklich den ganzen - Gral austrinkt: "Die Menschheit geht also am Egoismus von Kundry und Amfortas, aber genau besehen doch wohl am Egoismus des Regisseurs zugrunde."

Weitere Artikel: Karen Krüger erforscht im Aufmacher die Botschaft der Bomben von Istanbul und vermutet militär- oder geheimdienstnahe Kreise hinter den Anschlägen. Der Epilepsieforscher Christian E. Elger erklärt in der Reihe "Über die Benutzung des Kopfes", welche Aufschlüsse seine Disziplin für die Erforschung des Gedächtnisses gibt. Gemeldet wird, dass zwei deutsche Beiträge um den Goldenen Löwen in Venedig konkurrieren werden, "Jerichow" von Christian Petzold und "Une nuit de chien" von Werner Schroeter. Gerhard Stadelmaier schreibt in der Leitglosse über einen Passagier, der auf einem Flughafen mit einer kalten Zigarre im Mund für Aufsehen und Verwirrung sorgte. Jürg Altwegg lotet weiter die Untiefen der französischen Antisemitismusdebatte um den Karikaturisten Sine aus und verweist auf einen Beitrag von Alexandre Adler im Figaro als Beispiel für besonders absurde Unterstellungen. Kilian Trotier verfolgte eine Tagung über den Historiker Hans Rosenberg in Düsseldorf. Stephan Sahm wirft einen Blick in Zeitschriften mit bioethischen Themen. Reinhard Olt informierte sich auf einer Tagung in Pecs über die missliche Lage der ungarischen Minderheit in Rumänien und kommt auch auf mangelnde Intervention von Seiten internationaler Organisationen zu sprechen.

Auf der Medienseite wird gemeldet, dass ein Anwalt laut einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtes Koblenz für seinen beruflich genutzten Computer keine GEZ-Gebühren entrichten muss. Auf der letzten Seite berichtet Ingeborg Harms, dass sich die Käufer in den USA und sonstwo das Juli-Heft der italienischen Vogue aus den Händen reißen, in der ausschließlich schwarze Models Mode zeigen (Bilder) - das Heft will sich gegen Rassismus in der Modeindustrie wenden. Helmut Mayer porträtiert den Genetiker Svante Pääbo, einen der Mitentwickler der Paläogenetik, mit deren Hilfe man etwa Mumien oder Knochenfunde untersucht. Und Joseph Croitoru berichtet, dass Littells "Wohlgesinnte" in Israel auf höfliches Interesse stoßen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit amerikanischer Porträtkunst des 19. Jahrhunderts in Hamburg, eine Werkschau des Gauguin-Schülers Pekka Halonen in Helsinki, Marthalers "Tristan"-Inszenierung als Wiederaufnahme in Bayreuth und der zweite Teil der "Narnia"-Verfilmung.