Heute in den Feuilletons

Kollektive Nachrichtenausbauorganisationen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.07.2008. In ein paar Tagen beginnt Olympia. Wolf Lepenies erinnert in der Welt daran, dass das chinesische Regime immer noch die Intellektuellen schikaniert. In der FAZ greift Necla Kelek sehr scharf eine Initiative von Tariq Ramadan gegen Zwangsheirat an. Im Titel-Magazin fragt Wolfram Schütte, was Martin Walser an Geld so geil findet.  In der taz erzählt der russische Medienmogul Dmitri Lesnewski, wie er die Deutschen mit dem Vierten glücklich machen will.

Welt, 29.07.2008

Ein paar Tage vor den Olympischen Spielen erinnert Wolf Lepenies an die Geschichte der beiden chinesischen Intellektuellen Wang Hui und Huang Ping, denen vor einem Jahr die Chefredaktion der Zeitschrift Dushu, des wichtigsten intellektuellen Organs in China entzogen wurde - obwohl sie sich keineswegs als Dissidenten, sondern als kritische Begleiter des Umbruchs verstehen: "Die kommunistischen Bürokraten hatten lange darauf gewartet, um zwei unbequeme Intellektuelle ihres einflussreichen Sprachrohrs zu berauben. Wang und Huang hatten aber nicht nur in der Partei Feinde. Auch unter den Intellektuellen gab es viele, welche die Marktskepsis und Modernekritik ihrer Kollegen ablehnten. Zu den herausragenden Eigenschaften von Dushu und zum intellektuellen Rang seiner Herausgeber aber gehörte es, auch ihren Kritikern in der eigenen Zeitschrift stets Raum und Stimme zu geben." Lepenies verweist auf einen Artikel von Zhang Yongle in der New Left Review, der die Geschichte von Dushu erzählt.

Weitere Artikel:Michael Pilz kommentiert die Nachricht, dass die Rolling Stones für gerade mal 7,5 Millionen Pfund die Plattenfirma wechselten. Josef Engels erinnert an die Entstehung des Bossa Nova in Brasilien vor fünfzig Jahren. Friedrich Pohl sah die Bayreuther "Meistersinger" in drei Aggregatzuständen: live, auf der Fanmeile und im Internet. Hendrik Werner erklärt dem staunenden Publikum, was Twitter ist, das neue große Ding im Internet. Und Seven Felix Kellerhoff berichtet über eine kleine Anfrage der Linkspartei im Bundestag über die Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland.

Besprochen wird Claus Guths "Don Giovanni"-Inszenierung in Salzburg und eine Ausstellung mit Eva Leitolfs Fotografien von Orten fremdenfeindlicher Gewalt in München.

NZZ, 29.07.2008

Peter Hagmann bespricht den "Don Giovanni" von Claus Guth und Bertrand de Billy bei den Salzburger Festspielen ambivalent: "Hell der Ton, flüssig bis sehr flüssig die Tempi, von eleganter Gespanntheit die Diktion - und in jedem Augenblick ist zu hören, dass dem Dirigenten bewusst ist, was sich während der letzten Jahrzehnte in Sachen Mozart-Interpretation getan hat. Nur: Die Essenz der Veränderung findet sich nicht. Das ist nicht das Problem der Wiener Philharmoniker, die auf höchstem Niveau agieren und wunderbar klingen. Sondern jenes des Dirigenten, der die Musik nicht zum Sprechen bringt."

Im Interview mit Martin Zähringer spricht die Schriftstellerin Oya Baydar über die Lage in der Türkei, wo das Verfassungsgericht gestern die Verhandlungen über ein Verbot der Regierungspartei AKP aufgenommen hat: "Es geht eigentlich um die Machtfrage. Die Armee und die kemalistische Staatsbürokratie hatten und haben immer die Macht in der Türkei. Die Behauptung, dass der Staat in Gefahr ist, reflektiert ihre Angst, die Herrschaft zu verlieren. Früher hat die Armee direkt interveniert, das ist heute nicht mehr opportun. Im Fall AKP hat die Armee das Problem an die Justiz delegiert. Solche Maßnahmen gehen immer noch von einem zutiefst unmündigen Bürger aus. Die AKP ist gewiss nicht frei von Sünden gegen die Demokratie, ihr Sündenregister ist gewaltig, aber wir müssen uns gegen alle Formen von Intervention gegen die Demokratie stellen, egal, woher sie kommen. Deshalb bin ich gegen ein Verbot der AKP."

Weitere Artikel: Friedrich Wilhelm Graf findet in Ulrich Becks Buch "Der eigene Gott" zwar viele kluge Gedanken, sieht die Dynamik antagonistischer Religionskulturen in der "kosmopolitischen Perspektive" des Soziologen jedoch unterschätzt. Paul Jandl berichtet von einer Wiener Studie, die zeigt, dass Kultursubventionen sich doch lohnen.

Besprochen werden das Musikfest Berlin, das eine Reihe von Gastspielen international bekannter Orchester zu bieten hat, und Bücher, darunter Carla Guelfenbeins Roman "Die Frau unseres Lebens", der Kunstband "Bei näherer Betrachtung" von Jean-Christophe Ammann, Jo Lendles Roman "Die Kosmonautin" und eine neue Übersetzung von Colettes "Erwachende Herzen" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 29.07.2008

Klaus Jarchow erinnert in Medienlese daran, wie die Bankhofer-Story zur Story wurde, zunächst durch die Blogs: "So muss man sich die 'Schwarmintelligenz' der Blogosphäre in der Realität vorstellen: Blogs als hochkooperative und kollektive Nachrichtenausbauorganisationen, solange, bis diese sich zur Story verdichtet haben. Die dann allerdings oft hyperverlinkt und auf mehrere Mikromedien verteilt existiert."

Stefan Niggemeier zitiert aus einem Essay des Springer-Manns Christof Keese, der eine eigenwillige Rollenverteilung zwischen Bloggern und Journalisten entwickelt: "Wer Blogger ist und wer Journalist, ergibt sich aus dem Verhalten. Ein freier Blogger sollte 'Journalist' genannt werden, wenn er objektiv, wahr, fair, ausgewogen und korrekt berichtet. Umgekehrt müsste ein meinungsstarker, aber rechercheschwacher Redakteur 'Blogger' heißen, wenn er subjektive Eindrücke ohne Recherche verbreitet."
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Stichwörter: Blogs

Titel-Magazin, 29.07.2008

Wolfram Schütte macht sich Sorgen um Martin Walser, der neulich mit einigen verqueren Äußerungen über die Wirtschaftsmoral der Deutschen hervorgetreten ist: "Hat der späte Walser, also der jetzige, nicht längst als Bestellerautor die Kehre von der literarischen Sentimentalität in die amoralische Aggression genommen, seit er in Wirtschaftsredaktionen einbekannt hat, dass außer der Erotik für ihn nichts so geil ist wie 'das Geld' (& seine spekulative Selbstvermehrung)? Und ist aus seiner literarischen Einfühlung in die 'Chefs' deshalb nicht eine leidvolle Identifikation geworden..."

FR, 29.07.2008

In der Reihe der Rückblicke auf 1968 schreibt heute Aureliana Sorento über das quasi-feudalistische Italien. Große Theoriediskussionen brauchte es hier nicht: "Ohne Zweifel war der größte Sieg des italienischen '68 die Verabschiedung des Arbeiterstatuts im Mai 1970 - infolge der Streiks vom 'heißen Herbst' 1969. In dieser Phase war es Lotta continua gelungen, einige Fiat-Betriebe in Turin wenn auch für kurze Zeit zu besetzen. Die Plätze Italiens wurden von Arbeitern und Studenten in Beschlag genommen. Allerdings folgte das 'Staatsmassaker' auf der Piazza Fontana dem Erfolg auf dem Fuß: Am 12. Dezember 1969 explodierte im Eingang der Mailänder Landwirtschaftsbank eine Bombe, 16 Menschen starben, 80 wurden verletzt. Sie leitete eine Reihe terroristischer Bombenanschläge ein, die vom 12. Dezember 1969 bis zum 24. Dezember 1984 insgesamt 149 Menschen das Leben kosteten. Erst später kamen Beweise ans Licht, dass die Attentate auf das Konto von Neofaschisten gingen. Noch später, dass die Attentäter mit einem militärischen Geheimdienst der USA und mit inoffiziellen Einheiten der italienischen Geheimdienste in Kontakt standen."

Wohlwollend nimmt Hans-Jürgen Linke Claus Guths "Don Giovanni" in Salzburg auf, besonders gefallen haben ihm Christopher Maltmann in der Titelrolle und Erwin Schrott als etwas prolliger Leporello: "Der Adel, den Don Giovanni im Titel führt, ist nur einer der Haltung. Es gibt kein Schloss in dieser Wildnis, die er nicht mehr verlassen wird, und beim finalen Gastmahl werden nur Konserven und eine Dose Bier auf einem weiß gedeckten Baumstumpf serviert. Es gibt keinen Überfluss und kein Happy End."

Weiteres: Sylvia Staude schreibt in Times Mager zum Tod des Computerwissenschaftlers Randy Pausch. In seiner Analyse des Prinzips Leo Kirch ist sich Tilmann Gangloff auf der Medienseite sicher, dass der geplatzte Milliarden-Deal mit der DFL für den 81-jährigen, Diabetes-kranken Medienmogul nur ein kleiner Rückschlag sein wird.

Besprochen werden Baden-Badens "musikalisch glänzende" Gegen-Wagner-Inszenierung "Tannhäuser", ein Konzert des Clemencic Consort beim Rheingau Musik Festival und die Geschichte der Sklaverei "Schwarzes Amerika" (siehe auch unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 29.07.2008

In tazzwei erzählt Steffen Grimberg, wie der Putin-kritische russische Medienmogul Dmitri Lesnewski den deutschen Spielfilmsender Das Vierte umkrempeln will. "Bis 2009 soll der Kanal, der seit Lesnewskis Ankunft in München tapfer Marktanteile knapp über der 1-Prozent-Marke verzeichnet, eine 'neue Identität' bekommen. Und den Ökonomen, die ihm gesagt haben, ein Sender sei wie ein Mensch, habe er geantwortet: 'Genau, und dieser Mensch bin ich - ein glücklicher Mensch', erzählt Lesnewski: 'Da haben sie alle die Augen verdreht. Die Leute wollen leider nicht glücklich sein', sagt Lesnewski und lacht."

Weitere Artikel: Der Gründer des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, soll endlich ein Denkmal bekommen - weil sich die Bayerische Landesregierung nicht dafür interessiert, springt jetzt der Münchner Stadtrat ein, berichtet Rudolf Stumberger im Kulturteil. Helmut Höge denkt über die Kindsmörderin nach: "'Der eigentliche Wille zur Macht ist das Baby!' Was wollten uns Gilles Deleuze und Felix Guattari damit sagen?" Auf der Medienseite zeichnet Klaus Raab Spekulationen um die Mecom-Gruppe - der auch die Berliner Zeitung gehört - nach. Und Sven Hansen berichtet über einen Journalisten aus Sri Lanka, der seit Monaten im Gefängnis sitzt, ohne das offiziell Anklage erhoben worden wäre.

Besprochen werden Michail Ryklins Buch "Kommunismus als Religion", eine Ausstellung zur Kleiderkultur Marokkos in der Pariser Fondation Pierre Berge und der Bayreuther "Parsifal" ("Die erwartete Erlösung, wovon auch immer, ist von der Bühne nicht zu haben", notiert zufrieden Joachim Lange).

Und Tom.

FAZ, 29.07.2008

Sehr scharf wendet sich Necla Kelek gegen eine von Tariq Ramadan durch eine Broschüre unterstützte und in Kreuzberg vorgestellte Initiative gegen Zwangsheirat ("Hand in Hand gegen Zwangsheirat", Website von Tariq Ramadan). Kelek verdächtigt die Initiative, die Mädchen "muslimisch beraten" zu wollen, "damit sie nicht mehr zu staatlichen Beratungsstellen oder in Frauenhäuser flüchten". Und weiter: "Ramadan und seine Schüler versuchen, die Grundrechte und Werte der europäischen Zivilgesellschaft umzudeuten. Sie sprechen dem Einzelnen das Selbstbestimmungsrecht ab, definieren den Menschen als Sozialwesen und nicht als Individuum, befürworten das System der 'Schamgesellschaft' mit einem fatalen Ehrbegriff. Nirgendwo in dem Büchlein wird dem Einzelnen das Recht eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob er überhaupt heiraten will."

Der große Alfred Grosser verteidigt Gesine Schwan gegen den Verdacht, sie könnte auch nur im entferntesten mit der Ideologie der PDS kokettieren: "Sie hat nie, wie Egon Bahr, von einer 'sogenannten Europäischen Gemeinschaft' gesprochen, nie gesagt, dass der Freiheitsanspruch nur Teil eines zu überwindenden 'Glaubenskriegs' sei und dass 'die sterile Wiederholung eines Anspruchs auf deutsches Selbstbestimmungsrecht' niemandem helfe - so Bahr in seinem Traktat 'Zum europäischen Frieden', 1988."

Weitere Artikel: In der Leitglosse konstatiert Kerstin Holm eine gewisse Ratlosigkeit der Russen über die Frage, wie künftig mit den Überresten (neunzig Prozent scheinen verwest) von Lenins Mumie zu verfahren sei (wir plädieren für eine würdige Bestattung nach orthodoxem Ritus!) Christian Wildhagen schreibt zum Tod des Dirigenten Horst Stein. Andreas Rossmann meldet, dass die Sammlung "Kunst aus Nordrhein-Westfalen" vorerst nicht aus der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster bei Aachen abgezogen wird. Für die Forschung-und-Lehre-Seite verfolgte Markus Krajewski eine Tagung über Historische Epistemologie in Berlin. Auf der letzten Seite erzählt Dirk Schümer, wie sich Mailand auf die Expo 2015 vorbereitet. Und Gerhard Rohde porträtiert den gefeierten Regisseur des gefeierten "Parsifal" in Bayreuth, Stefan Herheim (während die gefeierte Inszenierung Christoph Schlingensiefs viel zu früh abgesetzt und nicht mal filmisch dokumentiert wurde, wie Eleonore Büning neulich in der FAZ am Sonntag anmerkte).

Besprochen werden ein "Don Giovanni" in der Regie von Claus Guth (aber ohne Anna Netrebko) in Salzburg, eine auf CD festgehaltene Komposition von Hans-Joachim Hespos für das "Triadische Ballett" Oskar Schlemmers, die Wiederaufnahme von Katharina Wagners "Meistersinger"-Inszenierung in Bayreuth und eine Ausstellung der Künstlerin Martha Rosler in Frankfurt.

Auf der Computer-Seite stellt Marco Dettweiler die neue Suchmaschine Cuil vor - noch ein Konkurrent für Google.

SZ, 29.07.2008

Thomas Steinfeld meditiert über die Öffnung des Bayreuther Raums ins virtuell Unendliche durch die Einrichtung eine Fanmeile für den Parsifal. Gerhard Matzig inspiziert das von Matthias Sauerbruch entworfene neue Gebäude für die Sammlung Brandhorst und erinnert an den Streit um den Bau, der nun endlich abgeschlossen scheint ("Hier geht es nicht um ein Gebäude, das im Konsens erbaut wurde. Stattdessen wurde es fast wie unter Qualen geboren.") Susan Vahabzadeh kommentiert die Kassenerfolge des neuen "Batman"-Films. Harald Eggebrecht schreibt zum Tod des Dirigenten Horst Stein. Fritz Göttler gratuliert dem Psychoanalytiker Tilmann Moser zum Siebzigsten. Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh unterhalten sich mit Frederic Beigbeder, dessen Roman "39,90" gerade verfilmt wird.

Auf der Medienseite untersucht Thomas Schuler die Interessenkonflikte Michael Bloombergs, der zugleich ein reicher Mann, ein Medienunternehmer und Bürgermeister von New York ist. Und Hans Leyendecker erzählt, wie die Bild-Zeitung einmal sogar Barack Obama reinlegte.

Besprochen werden die Wiederaufnahme von Katharina Wagners Bayreuther "Meistersinger"-Inszenierung, Claus Guths Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" in Salzburg, Konzerte Leonard Cohens und Paul Simons in Lörrach, der "Jedermann" in Salzburg und Bücher, darunter Arno Orzesseks neuer Roman "Drei Schritte von der Herrlichkeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).