Heute in den Feuilletons

Leck-mich-am-Arsch-Tag

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2008. Für die NZZ recherchiert Navid Kermani in Köln-Eigelstein über die Mitte unserer Gesellschaft. Die SZ gedenkt Karajans. Die FAZ an die Adresse der Tibeter: Gewalt ist keine Lösung! "Mann Mann Mann": Die Berliner Zeitung hat einen neuen Online-Auftritt. Die FR stellt fest: Im 17. Jahrhundert war auch in Japan Barock. Die taz ist traurig: Amerikas Westen ist allen Sinns beraubt. Diese Landschaft hat nichts Versöhnliches. Sie verspricht keinen Trost. Sie hat keine Kraft mehr.

Berliner Zeitung, 03.04.2008

Die Berliner Zeitung hat einen neuen Online-Auftritt. Das Feuilleton kommt auf der Homepage gar nicht mehr vor, nur "Berlin Politik Wirtschaft Vermischtes Sport Wissenschaft Märkte". Erst wenn man auf eine Innenseite klickt, findet man einen Link zu den "Artikeln aus der heutigen Zeitung" und stellt erleichtert fest, dass das Feuilleton zumindest im Print noch ein Ressort ist.

In einem Forum wird zu Stasi-Sache diskutiert. Jens sagt:

"Man,man,man...

Und Sonntag lesen sie....
in ihrer überregionalen Berliner Zeitung....
Mein Nachbar hält sich in seiner Wohnung, in zweiter Generation, ein Hund der die Stasizentrale bewacht hat."

Auf der Medienseite erklärt Annika Müller, wie das von Holtzbrinck betriebene Netzwerk StudiVZ erreicht, dass nicht so viele Nutzer die umstrittenen neuen AGB ablehnen. Es ist halt nicht so einfach: "Wer der Datennutzung zu Werbezwecken nicht zustimmt, kommt einfach nicht mehr an seine Daten, hat also nicht einmal mehr die Möglichkeit, das Profil zu löschen oder zu bearbeiten. Erst muss pauschal alles erlaubt werden, dann kann in einem zweiten Schritt das Einverständnis widerrufen werden."

NZZ, 03.04.2008

Navid Kermani beobachtet das bunte Treiben im Kölner Bahnhofsviertel Eigelstein mit seinen Dönerbuden, Telefonläden und Flüchtlingsheimen und kommt zu dem Schluss: "Das sind keine Randgesellschaften. Sie wabern aus von der Mitte der Stadt. Die Ränder sind es, die noch den Anschein einer Homogenität erwecken. Dort ist die Stadt abgegrenzt nach sozialen Unterschieden. In der Mitte ist alles übereinandergestürzt."

Weitere Artikel: Georges Waser unterrichtet über einen Streit um das Busenwunder Katie Price, die bei den Galaxy British Books Awards als Kinderbuchautorin des Jahres nominiert ist, obwohl sie freimütig zugibt, eine Ghostwriterin für ihre Bücher zu beschäftigen.

Besprochen werden die Ausstellung "Dunkelschwestern - Annemarie von Matt, Sonja Sekula" im Aargauer Kunsthaus und Bücher, darunter ein Band mit Schriften Friedrichs des Großen. Auf der Filmseite geht's um Silvio Soldinis Film "Giorni e nuvole" und um Francis Ford Coppolas Mircea-Eliade-Verfilmung "Youth Without Youth".

Zeit, 03.04.2008

Die Zeit widmet einen Schwerpunkt dem schon seit einiger Zeit andauernden Erfolg deutscher Künstler in der Welt. Hanno Rauterberg kann es immer noch nicht ganz fassen: "Nach Auschwitz, nach all den Kriegen, nach einem barbarischen Jahrhundert sollen nun ausgerechnet wir es sein?". Georg Diez besucht den Wuppertaler Werber und Sammler Christian Boros, der demnächst in Berlin seinen Kunstbunker eröffnen wird ("'Kaffee?', fragt Christian Boros. 'Ich mache den besten Cappuccino von ganz Mitte.") Tobias Timm gibt einen Ausblick auf die am Samstag startende Berlinbiennale. Und Wolfgang Joop erklärt, warum die Mode-Welt so erpicht auf Tradition und Kunst ist: "Die kennt ja keine Geschichte, sie verbraucht sich in einer Saison."

Weiteres: Peter Kümmel hat in einem 19-Minuten-Interview-Slot mit Martin Scorsese über seinen Rolling-Stones-Film "Shine a Light" gesprochen. Volker Hagedorn schreibt zum hundertsten Geburtstag Herbert von Karajans. Besprochen werden Hans Neuenfels' "entweihter" "Tannhäuser" in Essen, die Potsdamer Bühnenversion von Salman Rushdies "Satanischen Versen" und Udo Lindenbergs neue Platte "Stark wie zwei".

Ab nächste Woche ist der indische Autor Kiran Nagarkar für ein Jahr Gast des DAAD in Berlin, informiert im Literaturteil Susanne Mayer, die ihn noch einmal in Bombay für ein Gespräch treffen durfte. Georg Diez sinniert über Nicholson Bakers heftig diskutiertes Buch "Human Smoke", das den Alliierten die Legitimität des Krieges gegen Nazi-Deutschland abspricht, die Wahrheit des Dichters und die des Historikers.

Auf der im Zuge einer behutsamen Blattreform eingeführten Meinungsseite erklärt Seyran Ates, warum in der Integrationsdebatte viel zu viel differenziert wird.
Anzeige

FR, 03.04.2008

Arno Widmann hat sich im Wiener Museum am Karlsplatz eine sehr interessante Ausstellung über die Anfänge der japanischen Stadt Nagoya angesehen: "Nagoya ist jung. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Regierungssitz der Provinz Owari von Kiyosu in das südlich gelegene Dorf Nagoya verlegt. Es war ein Umzug nicht nur für den Krieger- und Verwaltungsadel, sondern für eine ganze Stadt von etwa 70 000 Menschen mit Wohnhäusern, Geschäften und Handwerkern. Ein Triumph des Willens und ausgeklügeltster, rationalster Logistik. Reinstes Barock."

Harry Nutt berichtet von dem Berliner Blogger-Kongress Re:Publica: "Während Doktorarbeiten über das Selbstverständnis des Journalisten meterlange Regale füllen, scheint das Selbstbild des Bloggers davon beherrscht, einer aufregenden Avantgardebewegung anzugehören."

Desweiteren widmet sich Nutt dem Kultur-Export in die nach Tradition dürstenden arabischen Emirate. In Times Mager macht uns Judith von Sternburg mit den neuesten Büro-Trends aus Kalifornien vertraut: mit topless meetings und meataxo. Besprochen werden Michel Gondrys Filmparodie "Abgedreht", der Debütfilm "Caramel" der libanesischen Regisseurin Nadine Labakis, die "Wozzeck"-Aufführungen in Paris und Brüssel, Jeremy Scahills Buch über die Söldnerfirma "Blackwater", eine Aufsatzsammlung von Richard Rorty und Albert Ostermaiers Romandebüt "Zephyr" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 03.04.2008

Die graphic novel, also der Comic-Roman, wird endlich ernst genommen, stellt Thomas Lindemann erfreut fest und feiert Ho Che Andersons Comic-Biografie "Martin Luther King": "Das Buch ist geradezu ein Lehrbuchbeispiel dafür, was der Comic anderen Medien voraus hat. Schließlich scheint es auf den ersten Blick müßig, sich einem Leben noch einmal zu nähern, über das schon alles gesagt scheint. Doch der gezeichnete Roman hat seine Stärke - er zersplittert sozusagen produktiv... Bei 'Martin Luther King' sind es etwa die Physiognomien, die über verwirrend wenig Konstanz verfügen. Das irritiert, bis man merkt, wie das Gesicht von King sich mit der Psychologie des Kapitels ändert. Ist der Prediger und Sozialrevolutionär in seinem Element, als Redner und Botschafter seiner Idee, ist es feingezeichnet und fast fotografisch. In den privaten Momenten bleibt es eine Silhouette."

Weitere Artikel: Mick Jagger erklärt im Interview - Anlass ist Martin Scorseses Stones-Konzertfilm "Shine a Light": "Ich führe halt eine ganz gewöhnliche Existenz." Ulrich Weinzierl erkennt im Stern-Gespräch von Inge Jens über ihren demenzkranken Mann Walter Jens ein "'document humain' von seltener Radikalität". In der Glosse schüttelt Peter Zander den Kopf über den Bürgermeister einer chilenischen Stadt, der die Dreharbeiten des neuen Bond-Films störte, weil sein Heimatort im Film in Bolivien liegen soll. Joachim Walther kommentiert die Stasi-Fälle der Berliner Zeitung. Vom neuen Braunschweiger Festival "Tanzwelten" berichtet Jochen Schmidt. Für das Magazin hat Antje Joel den Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard getroffen, der sich auf der Dauerflucht vor Islamisten befindet und meint: "Ich komme da nicht mehr raus, so viel ist sicher."

Besprochen werden Kino-Neuheiten wie Ashutosh Gowarikers Bollywood-Historienfilm "Jodhaa Akbar", Gregory Hoblits Thriller "Untraceable" und Christian Züberts Film "Hardcover" sowie Jochen Fornasiers Studie "Amazonen - Frauen, Kämpferinnen, Städtegründerinnen".

TAZ, 03.04.2008

Auf den Tagesthemenseiten porträtiert Michael Braun den italienischen Kabarettisten und Politaktivisten Beppe Grillo, dessen Blog zu den Top Ten der am meisten besuchten Blogs der Welt gehört und der seit dem "Leck-mich-am-Arsch-Tag" zum Anführer der außerparlamentarischen Opposition avanciert ist. Im Interview erklärt Grillo, was es damit auf sich hatte: "350.000 Bürger haben eine Gesetzesinitiative mit dem Namen 'Sauberes Parlament' unterschrieben. Im Parlament sitzen derzeit 24 Abgeordnete, die rechtskräftig verurteilt worden sind, und 74, gegen die ermittelt wird. Schon vor vier Jahren wollten wir die Namensliste veröffentlichen, aber niemand wollte sie drucken. Daraufhin haben wir haben eine Seite der Zeitung Herald Tribune gekauft und die Liste dort veröffentlicht. Durch das Netz haben wir sie verbreitet."

Im Kulturteil widmet sich Hannes Klug der Landschaft im Westen der USA, in der die großen Mythen Nordamerikas entstanden und die nun in Filmen wie "No Country for Old Men" und "There Will Be Blood" eine Renaissance erfährt. "Der Westen der USA ist im Kino des 21. Jahrhunderts angekommen, und alles, was ihn einmal groß machte, scheint entwertet, allen Sinns beraubt. Die Wüsten des neuen amerikanischen Kinos eignen sich zu vielem, aber bestimmt nicht zur Erfahrung von Transzendenz. Jenseits der Stadt beginnt 'das Hinterland', ein unbestimmtes Gebiet, von dem keiner genau weiß, was dort vor sich geht, im Zweifel ist es ein Massaker. Diese Landschaft hat nichts Versöhnliches. Sie verspricht keinen Trost. Sie hat keine Kraft mehr."

Weiteres: Wolfgang Gast fragt sich, ob die Nacht auf den 3. April 1968, als in Frankfurt Kaufhäuser brannten, die Geburtsstunde der RAF war. Besprochen werden Martin Scorseses Konzertfilm "Shine a Light" über die "Institution" Rolling Stones, Michel Gondrys Komödie "Abgedreht" und Sebastian Nüblings "Macbeth"-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich.

Schließlich Tom.

SZ, 03.04.2008

Zwei Seiten zu Karajan, der am Samstag hundert geworden wäre. Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb erinnert daran, dass Karajan keineswegs so unpolitisch war, wie er immer behauptet hatte: "Wie viele Österreicher und Deutsche war Karajan vom Antisemitismus der Zeit infiziert. Er war anders sozialisiert: Zwischen 1927 und 1928 trug er sich in den Studienbüchern der Uni Wien, aber auch an der Technischen Hochschule immer als 'Arier' oder 'Arisch' ein, was damals nur ganz rechte deutschnationale und offensiv antisemitische Studenten vermerkten."

Außerdem: Joachim Kaiser erinnert sich mit Bewunderung und Vergnügen an den Dirigenten: "Mich hat dieses unmittelbare Feuer, das er verströmte, beeindruckt." Wolfgang Schreiber stellt kurz neue Bücher zu Karajan vor. Fritz Göttler erinnert sich an Henri-Georges Clouzots vergeblichen Versuch, Karajan im Film ein wenig von der Transparenz Picassos abzuringen. Und Reinhard J. Brombeck empfiehlt die Jubiläumsausgabe der EMI: Zwei Megaboxen mit 160 CDs.

Weitere Artikel: Clemens Pornschlegel referiert zustimmend einen Artikel des Juristen Alain Supiot, der in der Revue du M.A.U.S.S. zwei Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs zum Streikrecht auseinandernahm: "Politisch legitimiertes nationales Arbeitsrecht, so Supiot, werde stillschweigend kassiert und auf Kosten der Arbeitnehmer nach unten nivelliert." Gustav Seibt wirft einen amüsierten Blick auf die Verteilungskämpfe der Berliner Unterschichten. Sonja Zekri berichtet über den Streit zwischen Russland und der Ukraine über die von Stalin herbeigeführte Hungerkatastrophe in den dreißiger Jahren. Die Galeristen Iwan Wirth und David Zwirner haben gemeinsam 155 Arbeiten der Krefelder Sammlung Lauffs erworben, der Rest wird wohl bei Sotheby's versteigert, meldet Jennifer Allen. Gerhard Matzig gruselt es vor Philippe Starck, den künftigen "Art Director" der französischen EU-Ratspräsidentschaft.

Auf der Medienseite lässt Joachim Gauck im Interview keinen Zweifel daran, dass die Berliner Zeitung - und besonders Erich Böhme - nicht genug getan haben, um die Stasi-Fälle in der Redaktion aufzuklären. "... es gibt schon eine interessante Diskrepanz zwischen dem Aufklärungseifer der Medien, wenn es um die politischen und privaten Verstrickungen von Prominenten geht - und dem sehr beredten Schweigen, wenn es darum ging, im eigenen Hause Klarheit herzustellen." Viola Schenz berichtet über eine neue Runde im Kampf der Verleger gegen die Online-Pläne von ARD und ZDF

Besprochen werden die Ausstellung zu verfolgten Dichtern im Solinger Kunstmuseum Baden (Klaus Podak ist hin und weg!), Nadine Labakis Film "Caramel" (mit "libanesischem Lubitsch-Touch", verspricht Fritz Göttler), Michel Gondrys Komödie "Be Kind Rewind" ("Blockbuster, nackt", behauptet Doris Kuhn; dazu gibt's ein Interview mit Gondry), Christian Züberts Krimikomödie "Hardcover", neue Jazz-CDs, die Ausstellung "Impressionismus - Wie das Licht auf die Leinwand kam" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum und Bücher, darunter Susan Sontags Essayband "Zur gleichen Zeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 03.04.2008

Das hat man bisher nicht gekannt, dass Tibeter gewaltsam Widerstand leisten gegen die chinesischen Unterdrücker. Eine Lösung des Problem, meint Mark Siemons, ist die Gewalt aber nicht: "Es geht bei der Gewalt ja nicht bloß um eine Frage der Strategie, sondern um das Ziel. Der Dalai Lama, dem ein autonomer Status im Sinne Hongkongs vorschwebt, will eine wirkliche Versöhnung zwischen Tibetern und Chinesen erreichen. Denn selbst wenn die jetzige Provinz Tibet unabhängig wäre, würden beide Bevölkerungsgruppen dort und in verschiedenen chinesischen Provinzen weiter zusammenleben (wenn man sich nicht gerade eine 'ethnische Säuberung' zum Ziel nimmt). Es ist das Fatale - und keineswegs Zukunftsweisende - an dem jetzigen Gewaltausbruch und seiner Unterdrückung, dass sie diese Versöhnung noch unwahrscheinlicher gemacht haben."

Weitere Artikel: In der neuen Hirnserie schildert Britta Hölzel die segensreiche Wirkung der Meditation. In der Glosse berichtet Dirk Schümer vom Streit in Italien um eine katholische Kollekte für den Moscheebau der muslimischen Nachbarn. Ein türkisches Model hat öffentlich gefragt "Warum ist die Wählerstimme eines Hirten in den Bergen genauso viel wert wie meine?" - Karen Krüger informiert über einen darauf folgende landesweite Solidarisierung mit den Hirten. Die England-Korrespondentin Gina Thomas stellt "ihr" London vor. Der Historiker Alexander Demandt würdigt seinen verstorbenen Kollegen Karl Christ. Kurz gemeldet wird, dass die Veröffentlichung zweier Grass-Briefe durch die FAZ laut Urteil des Berliner Kammergerichts unzulässig war. Auf der Medienseite geht Reiner Burger der "Legende vom Sachsen-Sumpf" nach - und kritisiert den Journalisten Jürgen Roth, der diesen vermeintlichen Korruptionssumpf angeprangert hat, scharf.

Auf der Kino-Seite erinnert Michael Althen zu ihrem hundertsten Geburtstag an die große Bette Davis. Besprochen werden der offenbar nicht besonders gelungen Film "Maradona - Die Hand Gottes" und zwei Sammelbände, einer über die Nouvelle Vague und einer über das Roadmovie.

Besprochen werden eine Züricher Doppelpremiere mit der "Fledermaus" von Johann Strauss und mit "La Didone" von Francesco Cavalli, die Giovanni Baglione-Ausstellung in Düsseldorf, die Brüsseler Ausstellung "Freud in Marokko", eine Ausstellung zur "Wohnkultur der arabischen Welt" im Vitra Design Museum, ein Hamburger Konzert von "The National Bank", Michel Gondrys Film "Abgedreht" und Bücher, darunter Lars Brandts Debütroman "Gold und Silber" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).