Heute in den Feuilletons

Des Pudels Kern ist ein schwarzes Loch

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.02.2008. In der taz erklärt Michael Kumpfmüller, wie langweilig Politik ist. Die FR hätte gegen eine Affäre von SPD und Linkspartei nichts einzuwenden. In der Welt erklärt die Soziologin Nilüfer Göle, wie das Kopftuch zum Vehikel der Emanzipation wird. Die Oscars sorgen alles in allem für gebremste Begeisterung.

Welt, 26.02.2008

Die türkisch-französische Soziologin Nilüfer Göle versteht die Aufhebung des Kopftuchverbots an türkischen Hochschulen zwar als Vehikel der Emanzipation, weil es Frauen, die Kopftuch tragen müssen oder wollen, Zugang zu Bildung ermöglicht, sie sieht aber auch, dass Hoffnungen liberaler Säkularisten in der Türkei enttäuscht wurden. Sie unterstützten die Aufhebung des Kopftuchverbots, aber "jene, die nun ein ganzes Paket von Gesetzen zur Meinungsfreiheit erwartet haben - etwa die Abschaffung des Gesetzes über die 'Beleidigung des Türkentums' - fühlen sich nun getäuscht, weil sich die Verfassungsänderung vorerst auf die Aufhebung des Kopftuchverbots beschränkt."

Im Feuilleton kommentiert Hanns-Georg Rodek die Oscars. Abgedruckt wird auch ein Interview Peter Beddies' mit den ausgezeichneten Coen-Brüdern. In der Leitglosse kommentiert Berthold Seewald spektakuläre archäologische Funde deutscher Forscher in Peru, wo riesige Tempelanlagen freigelegt werden. Eckhard Fuhr zeigt sich beeindruckt von der Bilanz Klaus-Dieter Lehmanns als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Hendrik Werner gratuliert dem Philosophen Odo Marquard zum Achtzigsten. Jörg von Uthmann schreibt zum 200. Geburtstag Honore Daumiers.

Besprochen werden eine Choreografie Martin Schläpfers in Mainz, Torsten Raschs Oper "Rotter" nach Thomas Brasch, inszeniert von Katharina Thalbach in Köln und eine CD des Duos Goldfrapp.

NZZ, 26.02.2008

Henrike Thomsen beschreibt die Zusammenarbeit der Schauspielerin Nina Hoss mit der Regisseurin Barbara Frey. Hoss wird demnächst in Freys Inszenierung des Botho-Strauß-Stücks "Groß und klein" am Deutschen Theater Berlin die Lotte spielen. Besprochen werden eine Werkschau von Matthew Barney in München, ein Konzert des Belcea-Quartetts in Zürich, ein Konzert des Orchesters der Oper Zürich mit Christoph von Dohnanyi, die Ausstellung "New York Modern" im Skyscraper Museum New York und Bücher, darunter der Roman "Madrigal" von H. D. (Hilda Doolittle) und Odo Marquards Sammlung philosophischer Studien "Skepsis in der Moderne" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 26.02.2008

Peter Michalzik wirbt im Feuilleton für eine Affäre zwischen SPD und Linken. "Würde die SPD beginnen, mit Kurt Beck über die Linke als Lebensabschnittspartner nachzudenken, würde auch das deutsche Parteiensystem an Deutlichkeit gewinnen. Die CDU würde lächerlich, wenn sie sich noch weiter als die eigentlich soziale Partei verkaufen wollte, der das Schicksal des kleinen Mannes mehr am Herzen liegt als der Schröder-SPD. So wäre für die SPD die Möglichkeit, auch in der Mitte Stimmen zu gewinnen, nicht verbaut. Und wahrscheinlich ist es doch so, wie es immer ist: Integration würde auch in diesem Fall zeigen, dass der SED-Teufel im Linksgewand viel menschlicher aussieht, als man aus der Ferne dachte."

Weiteres: Hollywood ist nicht mehr so politisch, weil der Wechsel schon sicher ist, schließt Daniel Kothenschulte aus der Oscar-Verleihung. Reinhard Lüke empfiehlt Manon Loizeaus "überzeugende" Darstellung des skrupellosen russischen Politikbetriebs, die heute abend auf Arte läuft. Hans-Jürgen Linke sieht in der neuen Marlboro-Werbung ein deutliches Menetekel für den baldigen Untergang der Raucherwelt.

Besprochen werden Amelie Niermeyers "muntere" Inszenierung von Tschechows "Iwanow" am Düsseldorfer Schauspielhaus und Hans Christoph Buchs Roman "Tod in Habana".
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TAZ, 26.02.2008

Michael Kumpfmüllers neuer Roman schildert das Leben eines Innenministers. Jörg Magenau erfährt vom Autor im Interview, dass des Pudels Kern in der Spitzenpolitik in Wahrheit ein Schwarzes Loch ist. "Politiker zu sein ist deshalb so anstrengend, weil in Wahrheit kaum etwas Dramatisches passiert. Es geht nur darum, die Maschinen immer neu zu justieren. Wann hat Schäuble zuletzt etwas tun dürfen? Das war bei der deutschen Einheit. Danach war nicht mehr viel. Auch in den Medien geschieht viel aus Langeweile. Die Diskurse sind so geordnet und reglementiert, dass man mit Tabubrüchen oder Provokationen aufzufallen versucht."

Des weiteren weist Christian Broecking in der Jazzkolumne darauf hin, dass sich Musiker zunehmend von den Plattenfirmen trennen, ihre eigenen Label aufmachen und dann Probleme mit dem Vertrieb haben. In der zweiten taz amüsiert sich Daniel Schreiber mit dem Oscar-Moderator Jon Stewart so sehr, dass er beim dämlichen Starkult Hollywoods auch schon mal ein Auge zudrückt. Auf der Medienseite informiert Steffen Grimberg über die geplante Online-Zusammenarbeit von WDR und WAZ: "Vergangene Woche verabschiedeten die ARD-IntendantInnen ein bislang streng unter Verschluss gehaltenes Eckpunktepapier zum Thema Verlagskooperationen."

Die Besprechungen widmen sich Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" in Venedig ("Das ist - in den besten Momenten im besten Sinn - Pop", jubelt Tobi Müller), Torsten Raschs Oper "Rotter" als "Guido-Knopp-Fernsehen" in Köln aufgeführt von Katharina Thalbach und dem Album "Vampire Weekend" der gleichnamigen Band, die Indierock mit Afropop zusammenbringt.

Und Tom.

SZ, 26.02.2008

Auf der Literaturseite unterhält sich Jörg Magenau mit dem Autor Sherko Fatah über dessen Roman "Das dunkle Schiff", der im kurdischen Nordirak spielt. Dort sieht es ein wenig so aus wie in der DDR. "Man traf die Lastwagen wieder, die Rüstungsgüter, sogar die Häuser ähnelten DDR-Bauten. Später wurde klar, dass die Stasi in den 70er Jahren die Bürokratie im Irak mit aufgebaut hat. Ich habe verrückterweise in Bagdad wiedergefunden, was ich aus der Kindheit in Ost-Berlin kannte. Heute nennt man das Globalisierung."

Von einem "Nominierungsproblem" spricht Susan Vahabzadeh bei den diesjährigen Oscars - drei der fünf Kandidaten für den besten Film waren harte, schwer verdauliche Brocken: "den Glanz der Visionäre des Massengeschmacks hat die Academy in diesem Jahr aufs Spiel gesetzt". Mit ihrem nächsten Film werden die Coen-Brüder den Massengeschmack nur mehr knapp verfehlen, wie aus dem Gespräch mit Marcus Rothe hervorgeht. "'Burn After Reading' handelt von einem Agenten der CIA, von der amerikanische Fitness-Kultur und von Internet-Dating. Brad Pitt spielt einen Fitnesstrainer, Frances McDormand die Club-Managerin und George Clooney einen sexbesessenen Federal Marshal."

Weiteres: Ijoma Mangold besucht den Philosophen Odo Marquard, der heute achtzig Jahre alt wird und in seinem Leben nach dem Tod am liebsten nicht mehr reden möchte. Nach der letzten Jahrespressekonferenz unter Präsident Klaus-Dieter Lehmann gratuliert Jens Bisky ihm und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz dazu, nach der Wende zu einem der mächtigsten kulturpolitischen Akteure der Republik aufgestiegen zu sein.

Besprochen werden Inszenierungen von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" durch Stefan Pucher und Dostojewskis "Der Idiot" durch Alvis Hermanis in Zürich, die "Tanzplattform Deutschland" in Hannover, der Auftakt der Karlsruher Händel-Festspiele mit "Giulio Cesare", das neue Album "January" des polnischen Jazzpianisten Marcin Wasilewski und Bücher wie Ulrich Ladurners "ausgewogenes" Porträt Pakistans "Bitte informieren Sie Allah!" und Barbara Sichtermanns Darstellung der "Pubertät" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 26.02.2008

Freudlos ging's zu bei Oscars in diesem Jahr, bedauert Michael Althen: "Die achtzigste Oscar-Verleihung war die uninspirierteste, witzloseste und sprödeste Show seit Jahren. Auch egal, könnte man denken, denn schließlich bleiben ja noch die Zusammenschnitte von großen Momenten der Filmgeschichte oder der Preisverleihung selbst. Aber selbst die wirkten diesmal so, als hätten auch die Cutter gestreikt und ihre Arbeit erst kurz vor Showbeginn aufgenommen." Verena Lueken stellt den Hauptgewinner vor, die Cormac McCarthy-Verfilmung "No Country For Old Men" der Brüder Coen, die am Donnerstag in unsere Kinos kommt: "Zum ersten Mal hat man bei einem Film der Coens den Eindruck, dass es in ihm um etwas anderes geht als das Kino, seine Gesetzmäßigkeiten und seine Definitionsmacht, die Essenz an Erfahrung nämlich, die den Kinobildern einst vorausging. "

Weitere Artikel: In der Glosse beschäftigt sich Richard Kämmerlings mit der "herrlich bekifft klingenden" Ansicht des Ex-Kommunarden Rainer Langhans, dass 68 im Grunde das Internet vorweggenommen hat. Jürgen Kaube muss den Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts Wolfgang Böhmer korrigieren: Es handle sich bei Neugeborenen mitnichten, wie es in Böhmers umstrittener Formulierung zu Spätfolgen des DDR-Abtreibungsrechts hieß, um "werdendes Leben". Eine Bonner Tagung zum Thema "Militärischer Widerstand gegen Hitler im Licht neuer Kontroversen" hat Timo Frasch besucht. Friedrich Christian Schroeder berichtet anlässlich von Raoul Schrotts geografischem Ilias-Revisions-Vorschlag von einem hundert Jahre alten Parallelfall: Ein Gymnasiallehrer sorgte mit der These für Aufsehen, das Rolandslied spiele nicht in Spanien, sondern in Sachsen und Pommern. Andreas Platthaus porträtiert die Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard, Dirk Schümer den in Bari lebenden Staatsanwalt und erfolgreichen Krimiautor Gianrico Carofiglio. Kurz gemeldet wird, dass ein - allerdings offenbar ungewöhnlich begabter - Tätowierer jetzt sein Recht durchgesetzt hat, als Künstler durchzugehen. Henning Ritter erinnert ganzseitig an den vor zweihundert Jahren geborenen Künstler und Karikaturisten Honore Daumier. Edo Reents gratuliert Fats Domino zum Achtzigsten.

Auf der Forschung-und-Lehre-Seite informiert Kilian Trotier über den in stetigem Wachstum begriffenen Nachhilfemarkt. Auf der Medienseite schreibt Thomas Scholz über den erstaunlichen Poker-Boom im deutschen Sportfernsehen.

Besprochen werden das Anne-Frank-Musical in Madrid (angenehm findet Paul Ingendaay das "systematische Ranschmeißen" an das Holocaust-Opfer nicht), die Kölner Uraufführung von Torsten Raschs Brasch-Oper "Rotter", das Debütalbum von Vampire Weekend, weitere CDs von k.d. lang, Get Well Soon und The Most Serene Republic, ein Konzert der Folk-Sängerin Devon Sproule, eine Ausstellung der provokationsfreudigen dänischen Karikaturistengruppe Surrend in Berlin und Roman Simics Erzählungsband "In was wir uns verlieben" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).